DER NACHTMAHR

„Was willst du von mir?“

Der Nachtmahr ~ D 2015
Directed By: Achim Bornhak

Eine Pille zuviel, und er ist da: Für Schülerin Tina (Carolyn Genzkow), Tochter aus wohlhabendem Hause, die ihr Heil bei auschweifenden Techno-Partys sucht und zumindest für den vergänglichen Rausch einer Nacht manchmal auch findet, manifestiert er sich als wulstiges, kleines, klapperndes Männchen mit Schlitzaugen und großem Appetit und Seelenverwandter, den es nach anfänglichen Angst- und Ekelgefühlen zu beschützen gilt wie einen aus der Art geschlagenen, kleinen Bruder. Oder ist das alles bloß eine letzte, drogeninduzierte Phantasie im Augenblick des Todes?

Ein bisschen rätselhaft, ein bisschen schön, ein bisschen fies und trotz offensichtlicher Vorbilder sehr ambitioniert: Das Beste an Achim Bornhaks Film, der das Kampfpseudonym AKIZ pflegt, ist, dass selbiger sein Projekt diverser Widerstände zum Trotz durchgeboxt und realisiert hat. Das Resultat ist, wie jedes mehr oder weniger maligne Kunstwerk, streitbar, und auch das ist gut so. „Der Nachtmahr“ ist ja zuallererst einmal entstanden aus einer bizarren Plastik des Künstlers, die quasi ganz am Anfang stand, noch bevor überhaupt die Idee erwuchs, ihn zur Titelfigur eines Spielfilms und einer entsprechend ausformulierten Geschichte zu machen. Der Rest kam dann peu à peu und mündete in der nun ansichtigen Form.
Ich sollte den Film eigentlich in Bälde nochmal schauen, weil ich bei der Erstbetrachtung, wie eigentlich immer vermehrter in solchen Fällen, unwillkürlich vor allem nach möglichen Vorbildern Ausschau hielt: Am Naheliegendsten ist da sicherlich Johann Heinrich Füsslis berühmtes, gleichnamiges schwarzromantisches und mehrfach variiertes Gemälde, dass einen kleinen Alb zeigt, der sich an den schrecklichen Visionen einer schlafenden Dame weidet. Zumindest eine geringfügige Familienähnlichkeit ist AKIZ‘ Nachtmahr nicht abzusprechen, obschon Haare, Ohren und Augen doch ziemlich different ausfallen. Doch auch manche Filme und / oder Texte um hässliche, kleine, (un-)geliebte Krüppelmonster, allen voran „E.T.: The Extraterrestrial“ und „Basket Case“ oder auch Doris Lessings – wundersamerweise noch immer nicht filmadaptierten – Roman „The Fifth Child“, zitiert AKIZ mehr oder weniger offensichtlich, nicht zu vergessen alles Mögliche von Cronenberg und Lynch sowie Hans Weingartners „Das weiße Rauschen“, in dem es ebenfalls um drogeninduzierte Psychosen geht. Eine ganze Latte an Reminiszenzen also, die leider einmal mehr offenbar macht, dass vollkommene Originalität im Genrekino trotz aller möglicher Bemühungen de facto nicht mehr möglich ist. Und dennoch berührt und fasziniert die Geschichte um die gründlich missverstandene Tina, ein vergessenes Kind der zum Sterben liegen gelassenen Oberflächlichkeit ihrer Generation, und ihren kleinen Zwillingsalb, wenngleich man gezwungen ist, sich mit dem Gedanken zu arrangieren, dass ein hübsches, junges Mädchen Wilson Gonzalez Ochsenknecht anhimmelt. Im Gegenzug gibt es dann wiederum Kim Gordon von Sonic Youth als Englischlehrerin. Vielleicht ein treffendes Symbol für die sich notwendigerweise stets einstellende Balance der Dinge.

7/10

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