RUNDSKOP

Zitat entfällt.

Rundskop (Bullhead) ~ BE/NL 2011
Directed By: Michaël R. Roskam

Jacky Vanmarsenille (Matthias Schoenaerts) arbeitet auf dem alten Familienhof als Rinderbauer auf der flämischen Seite Belgiens. Dabei ist er mit der inoffiziellen, eher unschönen Seite seines Berufs bestens vertraut: Das Vieh wird nämlich mit allerlei Hormonpräparaten und anderen Aufbaumitteln gespritzt, um ordentliche Verkaufserlöse zu erzählen. Da die entsprechenden Medikamente auf illegalem Wege ins Land gebracht und verkauft werden, hat sich um den dazugehörigen Industriezweig bereits eine kleine, mafiös strukturierte Organisation gebildet, die just einen ihnen hinterher schnüffelnden Polizisten liquidiert hat. Jackys Kindheitsfreund Diederik (Jeroen Perceval) arbeitet zudem als Informant für eine diesbezüglich ermittelnde Sonderabteilung der Behörden. Dass Jacky zu aggressiven Ausbrüchen neigt, hat einen konkreten Grund: Seit einem schrecklichen Ereignis in Kindertagen nimmt er selbst Hormone und Steroide zu sich, um seine Männlichkeit „instand“ zu halten. Als er sich seiner Jugendliebe Lucia (Jeanne Dandoy) anzunähern versucht, zieht sich zugleich die kriminelle Schlinge um seinen Hals immer enger zu…

Roskams karg erzähltes Langfilmdebüt oszilliert auf merkwürdig fruchtbarem Wege zwischen Heimat- und Gangsterfilm, indem er seine narrativen Zelte in einem im internationalen Kino weithin unbeackerten Feld aufschlägt – dem der Hormonmafia nämlich. Dass er zudem den Weg in die belgische Provinz wählt, wo die Landwirte sich ihrer ganz spezifischen Methoden bedienen, um sich über Wasser zu halten, fährt „Rundskop“ noch weitere Bonuspunkte ein. Matthias Schoenaerts als Titelcharakter ist dabei eine extrem ambivalent gezeichnete Figur. In Rückblenden erfährt der Zuschauer, wie er dieser klobige, schweigsame und zugleich angsteinflößende Hüne geworden ist, den er heuer darstellt: Nachdem er als Kind (Robin Valvekens) seinem heimlichen Schwarm Lucia (Jeanne Remy) nachstellte, der Tochter des Steroid-Lieferanten (Renaud Rutten) seines Vaters (Kris Cuppens), zertrümmerte ihm Lucias gestörter Bruder Bruno (David Murgia) die Hoden. In der Folge gewöhnten ihn seine Eltern bereits früh an die ihm später zum Tagesgeschäft gewordenen Hormon-Aufbaustoffe, die ihm zwar seine massive Statur und sein aggressives Wesen bescherten, seine Potenz jedoch nicht zu retten vermochten. Jacky muss mitansehen, wie sein Bruder (Kristof Renson) eine Familie gründet und glücklich wird, während ihm nichts geblieben ist. Sein Schicksal hütet Jacky wie ein Geheimnis: Während seine Freunde sich nächtens im Lütticher Rotlichtmilieu bei den Strichmädchen amüsieren, kann Jacky nurmehr Sehnsucht und Einsamkeit pflegen. Natürlich hinterlassen die inflationär konsumierten Chemikalien irgendwann auch ihr psychisches Echo: Jacky wagt die Rolle rückwärts und beschließt, wieder dort anzuknüpfen, wo sein Leben vor zwanzig Jahren zum Teil in der Stase verblieb. Dass dieser Weg in die Vergangenheit, schon angesichts der sonstigen Situation um ihn herum, niemals wird gangbar sein können, kann Jacky für sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr realisieren.
Schoenaerts insbesondere für einen aufstrebenden Darsteller überaus dankbar angelegter, innerlich wie physisch gewaltiger Part folgt natürlich einer ganzen Legion figuraler Ahnherren, wobei ich mich am Ehesten an den entfesselten Prügelkämpfer „Temmink“ aus den benachbarten Niederlanden, an Scorseses „Taxi Driver“ Travis Bickle und an Ferraras „Bad Lieutenant“ erinnert fühlte; allesamt nicht greifbare, seelisch schwerstinfizierte Menschenmonster vor tragischen Hintergründen, die ihren Weg mal weniger, mal mehr erfolgreich zu bestreiten haben und dabei nie die Selbsttreue einbüßen.
„Rundskop“ ist zudem ein weiteres, schwer beeindruckendes Beispiel dafür, dass und wie sehr mit dem Kino unserer Nachbarn zu rechnen ist. Klasse.

8/10

 

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