TATORT: ES LEBE DER TOD

„Lassen Sie mich Ihnen helfen.“

Tatort: Es lebe der Tod ~ D 2016
Directed By: Sebastian Marka

Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) vom LKA Wiesbaden steht vor der Aufgabe, einen Serienmörder zu fangen, der bereits fünf Opfer auf dem Kerbholz hat. Dabei setzte der Täter seine Auserwählten stets zunächst unter starke Seditativa, bevor er sie ihnen in der warmen Badewanne die Pulsadern durchschnitt. Um den Killer hellhörig zu machen, inszeniert das LKA unter einigem Medienecho einen scheinbaren sechsten Mord. Tatsächlich schließt Murot bald Bekanntschaft mit dem Wahnsinnigen, der prompt dingfest gemacht werden kann und sich als treusorgender Familienvater Arthur Steinmetz (Jens Harzer) entpuppt. Im Verör stellt sich nach und nach heraus, dass der an einem Hirntumor leidende Steinmetz, der selbst nur noch kurze Zeit zu leben hat, seine Opfer nach einem bestimmten Schema ausgesucht hat: Bei ihnen allen handelte es sich um lebensunzufriedene, depressive, vielleicht ohnehin todessehnsüchtige Menschen, denen sich Steinmetz quasi als „unfreiwilliger Sterbehelfer“ zur Seite gestellt wähnt. Murot weiß noch nicht, dass er selbst, der seit seiner Kindheit mit dem Suizid des Vaters (Thomas Bartling) zu kämpfen hat und seitdem mit der Einsamkeit kämpft, zum großen Clou von Steinmetz‘ sorgsam ausgearbeitetem Konstrukt ausersehen ist. Ein unschuldig gefangen gehaltenes Mädchen (Ceci Chuh), die Tochter von Murots Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp), soll garantieren, dass der Ermittler in die Falle geht…

Ich bin sonst überhaupt kein großer „Tatort“-Gucker und schon gar kein Vollständigkeits-Pedant, sieht man von wenigen Ausnahmen wie den Schimanski- und Markowitz-Reihen ab oder von besonderen Regiearbeiten wie etwa von Dominik Graf. „Es Lebe der Tod“ habe ich mir aufgrund der Tatsache angeschaut, dass der Freund eines guten Freundes, Erol Yesilkaya, das Script dazu verfasst hat und das im Vorhinein lancierte Kritikecho sich ziemlich hervorragend ausnahm. Ich würde das Ganze allerdings etwas gedämpfter einordnen wollen. „Es lebe der Tod“ legt nämlich relativ eindeutige Inspirationsquellen vor, die, darin liegt wohl teilweise sein Verkaufsgeschick, dem „gemeinen, sonntagabendlichen  TV-Krimi-Betrachter“ nicht unbedingt geläufig oder präsent sein dürften. Yesilkayas Geschichte rekurriert stark auf US-Serienkillerfilme, die Täter mit extrem radikalisierter, moralischer Agenda zentrieren. Spätestens seit „Se7en“ zeigt sich jener Topos quasi popkulturell kanonisiert und in vielfacher Ausprägung sowie oftmals in Verbindung mit starker Effektarbeit regelmäßig bemüht. Auch die langlebige „Saw“-Reihe, die ja von ihrer Grundidee des „barmherzigen Gewaltverbrechers“ rasch hinüberkippte in reinstes Splatterspektakel, zehrte gewaltig von jener an sich grandiosen Idee. „Se7en“ präsentierte ja dereinst einen von Kevin Spacey mit ikonographischer Diabolik interpretierten, namenlosen Todesengel, der seine Taten als eiskalt durchkalkulierte Bestrafungsmaßnahmen für die sieben Todsünden durchführte, um damit die Verkommenheit, Dekadenz und Schlechtigkeit der modernen Gesellschaft aufzuzeigen. Von Anfang an zielte sein Plan darauf ab, seinen Jäger zum finalen Hauptgegenstand seines Konstrukts zu küren, um damit am Ende gleichfalls seine Thesen nebst der Berechenbarkeit der menschlichen Seele zu beweisen sowie sich selbst der göttlichen Gerechtigkeit anheim zu stellen. „John Doe“, wie ihn die überforderte Justiz damals nannte, gewann am Ende. „Es lebe der Tod“ stellt in vielerlei Hinsicht eine Variation jenes Topos vor. Das Kalkül des Täters, seine Selbstelitierung zum Richter über humane Schwächen, die Entlarvung des ihn verfolgenden Polizisten als schwächstes, weil durchschaubarstes Glied in seiner kriminell brillant ausgearbeiteten Kausalitätskette; all das ist am Ende seiner sicherlich vorhandenen, narrativen Geschlossenheit und seiner stilsicheren Inszenierung, die sogar die eigentlich für das Kino prädestinierte 2,35:1-Kadrage nutzt zum Trotz doch bloß ordentliches, aber schlussendlich innovationsmüdes Fernsehen. Wäre der Mut dagewesen, Murot am Ende den Heldentod sterben zu lassen; ihm seine Erlösung vorzuenthalten, das wäre mutig gewesen und hätte eine Teilnation am Sonntag höchst missmutig ins Bett und damit in die nächste Werkwoche entsendet. So aber sind wir dann, im Gegensatz zu David Fincher vor gut zwanzig Jahren, doch mal wieder auf der sicheren, auf der braven Seite gelandet.

6/10

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