THE DETECTIVE

„What does ‚Rainbow‘ stand for?“

The Detective (Der Detektiv) ~ USA 1968
Directed By: Gordon Douglas

Der New Yorker Detective Joe Leland (Frank Sinatra) ist ein Polizist nach Maß: Durchweg ehrlich, kultiviert und beseelt von einem geradezu ehernen Berufsethos ist sein Job alles, was er hat. Zumal er sich just von seiner großen Liebe Karen (Lee Remick) hat scheiden lassen müssen, da diese unter einer allzu gravierenden Borderline-Störung leidet, die sie zur pausenlosen Promiskuität zwingt. Nun hat Leland erstmal einen Fall zu klären, bei dem es um die brutale Ermordung des homosexuellen Sohns (James Inman) eines stadtbekannten Firmenbosses geht. Ein Verdächtiger – der flüchtige Untermieter (Tony Musante) des Toten – ist schnell zu Hand, ebenso wie dessen Schuldgeständnis nebst anschließender Hinrichtung. Für Leland bedeutet das die Beförderung zum Lieutenant, als ein weiterer Fall, der augenscheinliche Selbstmord eines Wirtschaftsprüfers (William Windom), nicht nur unheilvolle Immobilienklüngel zu Tage fördert, sondern auch noch Verbindungen zu dem vormaligen Schwulenmord aufweist…

Ol‘ Blue Eyes in einem letzten, verzweifelten Gegenentwurf zu seinen Cop-Genossen der nachfolgenden Dekade, von Harry Callahan über Popeye Doyle bis hin zu Frank Serpico. Sie alle könnten sich in professioneller Hinsicht eine dicke Scheibe abschneiden von Joe Lelands Persona. Diese ist nämlich die eines Vorzeige-Großstadtpolizisten; von einem, der gepflegten Konservativismus mit liberalem Gedankengut kombiniert und vielleicht ebensogut Sozialarbeiter geworden wäre. Für Leland ist Justizia tatsächlich noch blind, unabhängig von Hautfarbe, sexueller Ausrichtung und gesellschaftlichem Status. Das Department geht ihm über alles, die Todesstrafe mag er nicht besonders, aber sie ist eben gesetzlich vorgeschrieben (eine bittere, private Lektion wird ihn später nochmal darüber nachdenken lassen), von bewusstseinserweiternden Drogen, Hipstertum und Psychiatern hält er derweil überhaupt nichts. Was Joe Leland jedoch wirklich anspitzt, ist die grassierende Korruption in den heiligen Hallen der Sozietät, vom Rathaus über den Klerus bis hin zur Hochfinanz. Hier würde er gern mal gehörig durchkehren und dafür sorgen, dass die Slums dichtgemacht werden zugunsten von ordentlichen Schulen und Krankenhäusern. Damit ist Joe Leland ein absoluter Loner, der am Ende frustriert den Dienst quittieren wird, weil er nicht länger Zahnrädchen eines von grundauf verlogenen und fehlgeleiteten Systems sein will. Dennoch ist er kein Verlierer. Seine schwachen, bestechlichen Kollegen bewundern ihn ob seiner Standfestigkeit, bei schönen Frauen hat er einen Stein im Brett. Für Callahan und Doyle dürfte er einerseits zu wenig fanatisch und andererseits nicht resignativ oder auch frustriert genug sein, für Serpico indes eine Art irrealer bis phantastischer Erlöserfigur. Lumets und Wambaughs spätere, messerscharfe Systemvivisektionen wird man hier jedenfalls noch vergeblich suchen.
Man lehnt sich jedoch nicht zuweit aus dem Fenster, wenn man Gordon Douglas‘ auf einer Romanvorlage von Roderick Thorp (deren Protagonist auch in ihrer literarischen Fortsetung, die später als „Die Hard“ adaptiert wurde, antritt) basierendes Werk als in seiner Ganzheit von einem geradezu beispiellosen Humanismus zumindest im ernsten Polizeifilm dieser Jahre beseelt findet (sicherlich auch ein Zugeständnis an die Errungenschaften von Bürgerrechts- und Friedensbewegung); zum einen präserviert es die grundgute Naivität des uniformierten Heroen, zum anderen besitzt es hinreichend Mut, an ehernen Institutionen zu rütteln. Obgleich „The Detective“ sich nie außerhalb der Grenzen schnörkelloser Trivialkunst bewegt. Aber gerade auf diesem Terrain liegt ja das wahre Potenzial zu aufrichtiger Subversion.

8/10

TONI ERDMANN

„Vergessen Sie nicht den Humor.“

Toni Erdmann ~ D/AT/RO 2016
Directed By: Maren Ade

Für den kauzigen, alternden Lebemann Winfried Conradi (Peter Simonischek) ist die bedingungslose Hingabe seiner Tochter Ines (Sandra Hüller) an Karriere und Kapitalismus absolut unnachvollziehbar. Um Ines ein paar überfällige Lebenslektionen zu erteilen, macht sich Winfried zu einem unangekündigten Besuch bei ihr in Bukarest auf, wo sie als Unternehmensberaterin quasi mit dafür zuständig ist, die globale Zweiklassengesellschaft noch weiter auseinanderzukeilen. Ines‘ Gefühlskälte und Verbissenheit im Berufsalltag entsetzen Winfried nur noch mehr. So verwandelt er sich, anstatt wie angekündigt zurück nach Hause zu fliegen, zum Entsetzen Ines‘ in den bizarren Kunstmenschen Toni Erdmann. In dieser Rolle schafft Winfried es endlich, Ines zum Überdenken gewisser Dinge anzuregen.

Maren Ades allerorten überschwänglich gefeierter Film ist sicherlich aller Ehren und auch sehenswert, das Initialerlebnis, das viele in ihm sehen wollen, blieb mir aber verschlossen. „Toni Erdmann“ ist nicht der erste Film, der bittere Kapitalismuskritik übt, Hochfinanz und Karrierismus kritisch beäugt und leishumorig entsprechende Lebensweisheiten formuliert. Und er wird auch nicht der Letzte sein. Dennoch sind ein paar Dinge bemerkenswert an ihm. Da wäre zunächst die recht exorbitante Spielzeit, die weder auf- noch sonstwie ins Gewicht fällt. Ade nimmt sich für ihre Szenen schlicht wesentlich mehr Zeit als üblich, scheut keine Details, wo andere schneiden und passt die Erzählzeit beinahe unmerklich der erzählten an. Das Rahmenszenario um das scheinprosperierende Bukarest, in dem schicke Malls, Bürohäuser und Hotels aus dem Erdboden schießen, derweil der nach wie vor arme Großteil der Bevölkerung bestenfalls staunend, aber unbeteiligt danebensteht, ist wunderbar gewählt. Die Titelfigur Toni Erdmann derweil ist eine kaum verklausulierte Hommage an Andy Kaufmans legendäres Bühnen-Alter-Ego Tony Clifton, der es dem ungewöhnlichen Komiker seinerzeit ermöglichte, seine Persönlichkeit radikal zu ändern und sich vor aller Welt und mittels geringfügiger Verkleidung zum extrovertierten Idioten zu machen. Wenn Winfried Conradi seine falschen Zähne ein- und die Stuwelperücke aufsetzt, gestattet auch er sich durch einen selbstversicherten Identitätswechsel gewissermaßen Auftritte, die er ohne jene Utensilien so vermutlich niemals gezeigt hätte. Dass er seine Performance-Kunst nutzt, um seine Tochter aus der Sackgasse zu holen, in der sie sich gerade verfährt, ist am Ende natürlich eher Zweck denn Nebeneffekt. In Michael Endes „Die Unendliche Geschichte“ spielt ein spezielles Mantra eine eminente Rolle, an das ich während der Betrachtung von „Toni Erdmann“ häufig denken musste: ‚Tu‘, was du willst.‘ heißt es da, und damit ist keinesfalls der Aufruf zu unreflektiertem Vandalismus gemeint. Wie Endes Protagonist Bastian Balthasar Bux muss vielmehr auch Ines Conradi erst begreifen, was sie wirklich will im und vom Leben. Dass es nicht das sein kann, was sie sich im Namen von Zahlen und Kalkulationen momentan abverlangt, das lernt sie von Toni Erdmann. Ihr Befreiungsschlag ist dann auch ein hübsch radikaler, oder zumindest mutet er für eine Sekunde so an.
Mein persönliches Problem mit „Toni Erdmann“ ist eher das, dass mir Menschen wie Ines Conradi ohnehin suspekt sind und sie mir in etwa so nahe sind, wie das andere Ende der Galaxie. Insofern falle ich, obschon ich den Film als Gesamtkunstwerk durchaus respektiere, aus dem heraus, was man Zielgruppe nennt. Junge Frauen Mitte 20 allerdings, die akut vorhaben, ihre Seele dem big business zu verschreiben, sollten ihn im Rahmen ihrer akademischen Ausbildung mindestens einmal zwangsvorgeführt bekommen.

7/10