MILES AHEAD

„Convince me.“

Miles Ahead ~ USA 2015
Directed By: Don Cheadle

New York, 1979. Gesundheitlich stark angeschlagen, nahezu völlig ausgebrannt und noch immer unter der Trennung von seiner Ex-Frau Frances (Emayatzy Corinealdi) leidend vegetiert der legendäre Jazz-Trompeter Miles Davis (Don Cheadle) in seinem Haus in der Upper West Side dahin; nahezu völlig zurückgezogen von der Außenwelt, Tantiemen von seiner Hausplattenfirma Columbia und Vorschüsse auf neues Material kassierend, das sich aber nicht recht zuwege bringen lassen mag. Sein täglicher Kokain- und Alkoholbedarf erreicht beträchtliche Höhen, als der freie Journalist Dave Braden (Ewan McGregor) sich aufmacht, Davis‘ Elfenbeinturm zu knacken. Durch Bradens nicht uneigennützige, aber doch freundlich intendierte Einmischung in des Genies Privatleben gelangt ein von Davis sorgsam verwahrtes session tape mit neuen Aufnahmen in die Hände des schmierigen Agenten Hamilton (Michael Stuhlbarg), der damit die Karriere seines jungen, heroinsüchtigen Schützlings Junior (Lakeith Lee Stansfield) pushen möchte. Braden und Davis haben alle Hände voll zu tun, das Tape zurückzubekommen.

Don Cheadles ehrgeiziges Projekt über den bis dato wahrscheinlich größten Jazz-Trompeter überhaupt konnte nur durch jahrelange Vorbereitung und teilweise Crowdfunding-Finanzierung entstehen. Auch die Beteiligung McGregors als neben Cheadle einzigem wirklich prominenten Star floss etwas Patte in die Budgetkasse. Dabei ist „Miles Ahead“ kein Musiker-Biopic im klassischen Sinne oder nach etablierter Form. Für seinen Abriss über die Legende wählte Cheadle vielmehr eine völlig fiktive Geschichte nebst einer fiktiven zweiten Hauptfigur in Person des ebenso aufdringlichen wie ehrgeizigen, britischstämmigen und weißen Journalisten als idealisiertem Konterpart des zu diesem Zeitpunkt längst gottgewordenen Genies. Eine etwas alberne – vom Script allerdings genau als solche verstandene – Episode über ein als klassischer MacGuffin eingesetztes Band mit „geheimen“ Aufnahmen, das in unberechtigte Hände fällt und zurückerobert werden will, dient dabei als Aufhänger für ein betont subjektiv gefärbtes Porträt Davis‘, das sich ans Ende einer seiner schwierigsten, persönlichen Phasen stellt. Nach einer letzten Live-Performance im September 1975 verschwand er für annähernd sechs Jahre vollständig von der öffentlichen Bühne; seine permanenten Auftritte, der zunehmend extremer und anstrengender werdende Freistil seines Sounds und die körperlichen Folgen des Ganzen forderten ihren Tribut. Schwere Suff- und Drogenexzesse folgten, die bereits darvon hindeuteten, dass Davis in Kürze nur noch im Jazzhimmel würde aufspielen können. 1979 jedoch trat er er dank der reaktivierten Beziehung zu der Aktrice Cicely Tyson aus seiner Höhle zurück ans Tageslicht und schaffte immerhin noch weitere zwölf Jahre. Im Film ist der von Cheadle ziemlich leidenschaftlich interpretierte Davis ein formvollendeter Misanthrop und Polytoxikomane, der über all seinen Selbstekel hinaus immerhin den Zynismus noch nicht eingebüßt hat. McGregors Figur zerrt ihn zumindest in Teilen aus der selbstgewählten Lethargie, obschon der gesamte Nebenplot wie erwähnt etwas flachsig daherkommt. Das schadet „Miles Ahead“ aber, wenn überhaupt nur wenig. Man wird dafür mit geraum viel entlohnt, mit einem Gespür für die zugrunde liegende Zeit, mit traumhafter Musik, einem grandiosen Hauptdarsteller und zugleich Regisseur, von dem hoffentlich künftig noch ähnlich Schönes zu sehen sein wird.

8/10

THE LITTLE MERMAID

„Just look at her! On legs! On human legs!“

The Little Mermaid (Arielle, die Meerjungfrau) ~ USA 1989
Directed By: Ron Clements/John Musker

Arielle, Meerjungfrau und jüngste Tochter des Ozeankönigs Triton, ist fasziniert von der Kultur und Lebensart der Oberflächenbewohner. Eines Tages rettet sie dem menschlichen Prinzen Eric nach dem Kentern seines Schiffes das Leben und verliebt sich in ihn. Von nun an ist ihr sehnlichster Wunsch der, selbst ein Mensch zu werden, um Eric nahe sein zu können – ganz zum Unwillen des ob soviel Unvernunft erbosten Triton. Vermeintliche Unterstützung findet Arielle bei der bösen Meerhexe Ursula, mit der sie einen faustischen Pakt eingeht: Sie bekommt um den Preis ihrer glockenhellen Stimme ein Paar Beine und erhält drei Tage Zeit, dem Prinzen eine aufrichtige Liebesbekundung in Form eines Kusses zu entlocken. Gelingt ihr dies nicht, darf Ursula über Arielles Seele verfügen. Mit der Unterstützung ihrer Freunde, Krabbe Sebastian und Fisch Fabius, setzt Arielle alles daran, Eric für sich zu gewinnen. Doch Ursula spielt ein doppeltes Spiel…

„The Little Mermaid“ wird stets als Lieblingsexempel von Disney-Hassern herangezogen, wenn es darum geht, den respektlosen Kulturimperialismus des Studios zu schmähen. Natürlich basiert der Film auf Hans Christian Andersens traurigem Märchen von der Nixe, die ihre unstandesgemäße, „nicht artgerechte“ Liebe an einen Menschen verschwendet, der keine Augen für sie hat, dies am Ende mit dem Tode bezahlen muss und hernach als Luftgeist in den Äther eingeht. Solcherlei bleierne Morbidität darf es in einem kinderkompatiblen Zeichentrickfilm der Disney-Studios freilich nicht geben. Arielle hat also keine romantische Konkurrenz, das vom Prinzen idealisierte „Traummädchen“ ist sie selbst. Ihr Vater Triton ist nach dem Eingeständnis seines väterlichen Versagens bereit, sich an Arielles Statt für Ursula zu opfern, doch es kommt natürlich alles zu einem guten Ende, nachdem der noch viel monströser werdenden Meerhexe durch die Zusammenarbeit von Mensch und Meermensch und nach einer gewaltigen Schlacht endgültig der Garaus gemacht werden kann. Der Weg für Arielle und Eric ist frei. Man kann soviel nur mutmaßen, aber es ist durchaus möglich, dass diese Verformungen seiner aus stark persönlichen Motiven verfassten Geschichte Andersen sich im Grabe umdrehen ließen. Die kunstvolle Tragödie gerät zum bunten Zeichentrickschmus und verrät sich dabei gewissermaßen gleich selbst. Eine solch solipsistische Sichtweise aber wird „The Little Mermaid“ nicht gerecht, denn er steht für sich als kleines Kunstwerk einer ganz anderen Provenienz als seine Inspiration. Natürlich gibt es immensen Aufwand, Kitsch und Musik und vor allem viel Spaß nebst kindgerechtem Humor. Krabbe Sebastian etwa ist eine der tollsten Figuren des gesamten Disney-Universums, ob sie nun im Original von Samuel E. Wright oder kongenial auf deutsch von Joachim Kemmer besprochen und besungen wird, der sadistische, tötungsgeile Maître d‘ Louis ein Musterexempel zeichentrickischer Ausgelassenheit und die ebenso divaeske wie gemeine Ursula eine grandiose, maritime Nemesis. Die Liebesgeschichte zwischen Nixe und Mensch ist wunderhübsch romantisch erzählt und die Musiknummern gehören durch die Bank zum Besten, was es in einem Disney-Trickfilm je zu hören gab. Was, bitte, kann man da noch mehr verlangen?

10/10

THE SWORD IN THE STONE

„I’m not a squirrel! I’m a boy!“

The Sword In The Stone (Merlin und Mim) ~ USA 1963
Directed By: Wolfgang Reitherman

Im frühen Mittelalter: Während der englische Thron seit dem Tode Uther Pendragons unbesetzt steht, wächst der Waisenjunge Arthur, genannt „Floh“, bei dem Adligen Sir Ector und dessen Sohn Kay auf. Eines Tages lernt Arthur dann den Zauberer Merlin und dessen sprechenden Kauz Archimedes kennen. Fortan übernimmt Merlin die Erziehung des Jungen, dessen größter Traum es ist, Schildknappe zu werden und der von Haus aus klein gehalten wird. Der zeitreisende Merlin jedoch weiß bereits längst um die legendäre Zukunft seines Eleven, auf den bereits das im Stein steckende Schwert König Uthers wartet.

Einer meiner Lieblings-Zeichentrickfilme von Disney, den ich mir, nicht zuletzt, da das Free-TV ihn zeigen durfte, in früheren Jahren so oft angesehen habe, dass er mir zu den Ohren rauskam. Was mich anbelangt, so stimmt nach meinem Dafürhalten ergo so ziemlich alles an „The Sword In The Stone“: Das mediävistisch-historische Sujet rund um die Artussage finde ich prinzipiell interessant und diese wird von Disney vorbildlich assimiliert. Es gibt ein paar reizende Songs (vor allem „That’s What Makes The World Go Round“) und der Film erspart sich größenteils die Sentimentalitäten anderer Vertreter seiner häuslichen Zunft. Stattdessen setzt „The Sword In The Stone“ hier und da sogar auf den Slapstick der Cartoon-Konkurrenz, etwa, wenn er einen Wile E. Coyote nicht unähnlichen, ausgehungerten Wolf bemüht, der wegen seiner Tölpelhaftigkeit permanent in irgendwelche Fettnäpfchen tritt. Eigentlich ist bis auf eine kleine, tragisch endende Liebesgeschichte zwischen dem in ein Eichhörnchen verwandelten Floh und einem „echten“ Eichhorn-Mädchen so gar nichts vorhanden, was die Mundwinkel je gen Süden sinken lassen müsste. Das ist freilich kein Qualitätsmerkmal, tut aber auch mal gut. Weil ein veritabler Bösewicht in Arthurs Jugendjahren noch fehlt (Morgana le Fay und Mordred kamen ja erst später), erfanden die Mickymäuse noch die lustige Hexe Madame Mim (die allerdings weit weniger diabolisch und bedrohlich wirkt als andere berühmte Disney villains), die sich mit Merlin ein Verwandlungsduell um das Leben des kleinen Arthur liefert, das am Ende der Cleverere für sich entscheidet. Die Bilder strotzen nur so vor urkomischem Einfallsreichtum, wunderhübsch gemalten Hintergründen und Animationen und die deutsche Synchronfassung mit den beiden Hansen Nielsen und Hessling ist eine der schönsten und lustigsten des Studios.

9/10

DON’T BREATHE

„Get out of my house.“

Don’t Breathe ~ USA 2016
Directed By: Fede Alvarez

Rocky (Jane Levy), Alex (Dylan Minnette) und Money (Daniel Zovatto) sind drei in Detroit lebende Kids, die sich ihren Weg aus der Spröderie des grauen Alltags mit Kleindiebstählen und Trickbetrügereien bahnen wollen. Durch den Job seines Dads hat Alex Zugang zu den Informationen einer Sicherheitsfirma. Er ermittelt die Adresse eines in einem ansonsten gänzlich verlassenen Vorort lebenden Golfkriegs-Veteranen (Stephen Lang), der seine Tochter bei einem Unfall verloren hat und in seinem Haus offenbar die Versicherungssumme für ihren Tod hortet. Gemeinsam bricht das Trio bei dem älteren Herrn ein, der sich zudem als blind herausstellt. Nachdem Herr und Hund betäubt sind, scheint die Sache schon zu einem profitablen Ende zu kommen, doch der Hausbesitzer erwacht sehr viel früher als erhofft. Nun müssen die Einbrecher nicht zur Kenntnis nehmen, dass der Ex-Soldat trotz seiner Behinderung noch brandgefährlich ist, sondern zudem, dass ihm sein trauriges Schicksal das Hirn verdreht hat…

„Don’t Breathe“ lief recht gut im Kino und hat bei einem relativ kleinen Budget ordentlich Umsatz gemacht. Dabei bietet Fede Alvarez‘ Zweiter letzten Endes bloß Solides. Die oftmals exerzierte Prämisse des „Home Invasion“-Konzepts findet sich darin quasi um 180 Grad gedreht, ähnlich wie in Marcus Dunstans „The Collector“. Hier sind, anders als üblich, die Einbrecher die Gelackmeierten, denn sie legen sich – ohne es im Vorhinein zu ahnen – mit einem Psychopathen an, der sich nicht nur gegen sie zu verteidigen, sondern zudem noch ein paar sprichwörtliche eigene Leichen im Keller hat und daher jedwede Aufmerksamkeit von außerhalb vermeiden möchte. Das bedeutet für die drei eher sanftkriminellen Kids [das Mädchen stammt – natürlich – aus prekären Verhältnissen und will ihrer kleinen Schwester (Emma Bercovici) mit dem ergaunerten Erlös ein besseres Leben an der kalifornischen Küste ermöglichen] zugleich, dass sie unerwünschte Zeugen einer sehr fiel finstereren Sache sind und daher flugs aus dem Weg müssen. Es geht also bald um nichts Geringeres denn ums nackte Überleben, und dass Stephen Lang ziemlich gut darin ist selbiges gegen allerlei Widerstände zu verteidigen, weiß man schon seit „Band Of The Hand“. So weit, so ordentlich. Nun ist Alvarez ein Nachwuchsregisseur der 184. Generation und zielt auf ein vornehmlich dem Alter seiner ProtagonistInnen entsprechendes Publikum ab, dass vielleicht noch auf keinen allzu ausgeweiteten filmischen Background zurückgreifen kann. Jüngere Mitmenschen dürften allenthalben also ihren Spaß haben an dem Katz-und-Maus-Spiel zwischen jenem überaus zähen, blinden Hundsfott und seinen potenziellen Opfern. Der etwas (genre-)affinere und erfahrenere Zuschauer allerdings wird an dem mäßig spannenden, versatzstückhaft gefertigten „Don’t Breathe“ wenig Überraschendes oder gar Aufregendes finden und sich nach der halbwegs passabel vertriebenen Zeit, die er dem Film verdankt, relativ rasch wesentlicheren Dingen zuwenden.

6/10

MULHOLLAND DR.

„No hay banda!“

Mulholland Dr. (Mulholland Drive – Straße der Finsternis) ~ USA/F 2001
Directed By: David Lynch

Das junge Provinzblümchen Betty (Naomi Watts) kommt nach Los Angeles, um als Schauspielerin in der Filmbranche Fuß zu fassen. Das entsprechende Karrieresprungbrett stellt ihre bereits im Business tätige Tante Ruth (Maya Bond), deren schickes Appartment sie in deren Abwesenheit auch nutzen darf. Doch schon bei ihrer Ankunft in selbigem findet Betty die unter Generalamnesie leidende „Rita“ (Laura Ellen Harring), die eine Handtasche voll mit Geld und einem seltsamen, blauen Schlüssel mit sich trägt. Betty und Rita machen sich daran, die im Trüben schlummernde Vergangenheit Ritas zu erhellen. Die Spur führt zum Mulholland Drive und einem dort geschehenen, mysteriösen Unfall…

Fear and Loathing in L.A.: Ursprünglich konzipiert und gefertigt als knapp eineinhalbstündiger Pilotfilm zu einem TV-Serial, sah Lynch sich gezwungen, seine finstere Hollywood-Satire „Mulholland Dr.“ nach deren Ablehnung durch ABC für das Kino aufzubereiten, indem er eine Stunde an Mehrmaterial nachfilmte und sich die notwendigen Kosten dafür bei dem Franzosen Studio Canal ertrommelte. Im Gegensatz zu den meisten seiner Langfilme (mit Aunahme von „Eraserhead“ und „Twin Peaks: Fire Walk With Me“) verzichtete Lynch hier folglich auf die Nutzung des Breitwandformats. Anders als der deutlich schwerer zu entschlüsselnde „Lost Highway“ lässt sich „Mulholland Dr.“ wenn schon nicht umstandslos analysieren, so zumindest interpretieren. Es handelt sich, auf den Punkt gebracht, um die in die Katastrophe mündende Geschichte der letzten Lebenstage der erfolglosen Hollywood-Kleindarstellerin Diane Selwyn (Watts), deren Freundin und Lebensgefährtin Camilla Rhodes (Harring) „entdeckt“ wird, zum Starlet aufsteigt und sowohl Diane als auch ihre Liebesbeziehung verrät, indem sie mit dem hippen Regisseur Adam Kesher (Justin Theroux) anbändelt. Diane erträgt diese zweifache Schmach nicht, engagiert aus Rache einen Auftragskiller (Mark Pellegrino) für Camilla und zerbricht danach aus Unbehagen über ihren eifersüchtigen, fatalen Aktionismus. Schließlich flüchtet sich ihr schlechtes Gewissen in wahnhafte Träumereien über eine in ihrem Sinne „gekittete“ Geschichte mitsamt Rollentausch und Objektverlagerungen, die wiederum zu vollendetem Wahnsinn und Suizid führen. Alles Umliegende lässt sich als finaler Bewusstseinsstrom Dianes deuten, kurz, bevor ihr die selbstverabreichte Kugel endgültig das Hirn zerfetzt. Doch auch diese finale Flucht des Unterbewussten in jene heimeligeren Sphären verläuft nicht komplikationslos: Der omnipräsente, blaue Schlüssel ist zugleich der symbolische Schlüssel zur unumgänglichen Wahrheit der realis. Andere Figuren wie ein angsterfüllter Träumer (Patrick Fischler), ein mafiöses Bruderpaar (Angelo Badalamenti, Dan Hedaya), ein mysteriöser Filmproduzent (Michael J. Anderson), ein nicht minder mysteriöser Cowboy (Monty Montgomery) und ein noch mysteriöserer Hinterhofpenner (ebenso markant wie später als böser Nonnendämon in „The Conjuring 2“: Bonnie Aarons) tragen wenig zum Kern des Ganzen bei, sind eher irrlichternde Nebenelemente, die wahlweise zur Verwirrung und zur Auflockerung beitragen oder eben schlicht (für den Kinofilm möglicherweise redundante?) Relikte des ursprünglichen Pilotfilms, deren Bedeutung sich möglicherweise im Zuge der eben nie realisierten Serie erweitert und/oder manifestiert hätte.
Oftmals gestaltet sich „Mulholland Dr.“ dabei urkomisch, etwa in den Gangsterkapriolen (wenn Badalamenti als einsilbiger Mafiosobruder den für ihn ungenießbaren Espresso ausrotzt, dann ist das einfach nur zum Schreien) oder in der Porträtierung des sich tierisch wichtig nehmenden Regisseurs Kesher, dessen Gernegroßtum ganz schnell endet, wenn er was auf die Fresse bekommt. Aber auch das ist ja typisch Lynch; die ironische Brechung, die insgeheime Versicherung, seinen Mystery-Schnack bloß nicht allzu ernst zu nehmen.

8/10

THE STRAIGHT STORY

„What do you need that grabber for, Alvin?“ – „Grabbin‘.“

The Straight Story ~ USA 1999
Directed By: David Lynch

Als der in Iowa lebende Senior Alvin Straight (Richard Farnsworth) erfährt, dass sein Bruder Lyle (Harry Dean Stanton) einen Schlaganfall erlitten hat, entschließt er sich, ihn im Nachbarstaat Wisconsin zu besuchen um einen seit zehn Jahren schwelenden Streit endlich beizulegen. Da Alvin wegen seiner kaputten Hüfte schlecht zu Fuß ist und keinen Führerschein hat, wählt er den Rasenmäher samt Anhänger als Transportmittel und tritt eine mehrwöchige Reise an, bei der die Langsamkeit und die Besinnlichkeit Trumpf sind.

Der Titel des neben „The Elephant Man“ bis heute linearsten aller Langfilme David Lynchs lässt sich gleich in zweifacher Weise auffassen und verstehen: Vor allem natürlich als biographische Momentaufnahme des gleichnamigen Protagonisten; wiederum jedoch auch als künstlerisches Statement eines eher weniger für seine ökonomische Narration bekannten Filmemachers, der hier  eine – nur exzeptionell der verschlungenen Irrpfade seines üblichen Schaffens müde – ganz allgemein, insbesondere jedoch für seine Verhältnisse buchstäblich „geradlinige Geschichte“ erzählt, so horizontal voraus wie die vielen Landstraßen, an deren rechten Rändern Alvin Straight mit seinem just gebraucht erworbenen John-Deere-Rasenmäher (der erste Reiseversuch mit dessen bejahrtem Vorgänger scheitert bereits nach den ersten Kilometern wegen technischer Altersschwäche) im Schritttempo entlangtuckert. Alvin Straights Reise führt ihn dabei freilich nicht nur zu seinem eigentlich über alles geliebten Bruder Lyle, sie verläuft zugleich auch introspektiv – der Grund, warum der alte Mann überhaupt jenes ungewöhnliche Fortbewegungsmittel gewählt hat, mit dem er für ein paar hundert Kilometer mehrere Wochen benötigt. Wer dieser Alvin Straight eigentlich ist, erfahren wir durch seine Gespräche mit zumeist jüngeren Menschen, denen er auf seinem Trip begegnet – mit einer schwangeren Ausreißerin (Anastasia Webb), einigen Teilnehmern einer Radrennfahrertruppe, einer aufgelösten Dame (Barbara Robertson), die einen Hirsch angefahren hat, einem freundlichen, hilfsbereiten Ehepaar (Sally Wingert, James Cada), zwei etwas beschränkten Mechaniker-Brüdern (Kevin P. Farley, John Farley), einem freundlichen Priester (John Lordan) und vor allem mit einem etwa gleichaltrigen Senioren (Wiley Harker), der wie Alvin ein Veteran des Zweiten Weltkriegs in Europa ist und das Schreckliche nie wirklich verarbeitet hat: ihr aufrichtiges Gespräch am Tresen einer Kleinstadtkneipe ist vielleicht die wichtigste Schlüsselsequenz des Films. Doch „The Straight Story“ ist noch sehr viel mehr; ein ultimatives road movie und eine Americana wie „Wild At Heart“, nur eben ganz anders und so ironiebefreit, wie es eben nur geht, ein formal absolut geschlossenes, makelloses Stück Film mit höchst ungewohnten Klängen von Angelo Badalamenti, eine Fanfare auf würdevolles Altern, eine große Liebeserklärung an den famosen Richard Farnsworth, großer Stuntman und zum Lebensherbst hin noch exzellenter Schauspieler; dazu herzenswarm und herzensgut. Bis auf wenige Leitmotive alles andere als traditionell lynchesk und dabei doch ein Meisterwerk.

10/10

Jahresrückblick der Hardheads

Es ist wieder soweit: Der geschätzte Filmfreund und Musiker Alex Klotz hat ein paar Gleichgesinnte, darunter gewohnheitsmäßig auch meine Wenigkeit, gebeten, ihre Lieblingsfilmbetrachtungen des Jahres einzureichen, um selbige dann wie üblich listenreich auf der wackeren Seite hard sensations zu veröffentlichen.
Im Vergleich zu den bisweilen exotischen/innovativen Aufzählungen der KollegInnen Silvia, Nadja, Michael, Sebastian und Alex liest sich meine Liste zwar eher kanonisch bis (bescheiden) konventionell, aber beständige Qualität fräst sich bekanntlich ihre Pfade und Nischen. Und die gehen bei mir mittlerweile ziemlich tief hinein ins Filmherz.

Well then…

LOST HIGHWAY

„We’ve met before, haven’t we?“

Lost Highway ~ USA/F 1997
Directed By: David Lynch

Die Welt des Jazz-Saxophonisten Fred Madison (Bill Pullman) gerät in zunehmende Unordnung. Jeden Morgen findet er eine Videocassette auf seiner Treppe, die zunehmen intime Aufnahmen seiner Wohnung zeigt. Seine Frau Renee (Patricia Arquette) ist ihm dabei ebensowenig entlastende Hilfe wie zwei zur Hilfe gerufene Polizisten. Auf einer Party begegnet Fred einem blassen Mann (Robert Blake), der ihm zusätzliche Rätsel aufgibt. Eine letztes Videotape zeigt Fred schließlich bei der bestialischen Ermordung Renees. Der seine Unschuld Beteuernde wird verhaftet und zum Tode verurteilt. Eines Nachts verwandelt sich Fred nach heftigen Migräne-Attacken in seiner Zelle in einen Anderen. Da gegen den jungen KFZ-Mechaniker Pete Dayton (Balthazar Getty), der da jetzt in Freds Zelle hockt, nichts vorliegt, wird dieser entlassen. Auf der Arbeit buckelt Pete vor allem für seinen Hauptkunden, den ihm gewaltigen Respekt einflößenden Gangsterboss Mr. Eddy (Robert Loggia). Als dieser eines Tages eines Tages seine Freundin Alice (Patricia Arquette) mitbringt, eine blonde Schönheit, beginnt Pete eine wilde Affäre mit ihr. Die Angst vor Mr. Eddy wird bald so groß, dass Pete und Alice beschließen, durchzubrennen und zuvor einen weiteren Liebhaber von Alice, den Playboy Andy (Michael Massee) zu berauben. Erneut beginnt die Realität für Pete/Fred zu bröckeln…

Dissoziation, Dekonstruktion, Labyrinth. Mit „Lost Highway“ legte David Lynch vor zwanzig Jahren den ersten Film einer zunehmend verqueren Spielfilmtrilogie, die mit dem Realität, oder, besser gesagt, der subjektiven Wahrnehmung ihrerselbst, radikal Schlitten fährt und die damit eine Klammer schließt zum Langfilmdebüt des Regisseurs, „Eraserhead“.
Nicht zuletzt von Lynch selbst kam ein ums andere Mal der Hinweis, jedweder Versuch schlüssiger Interpretation sei hier zwecklos; es ginge ihm auch gar nicht um so etwas wie ein konsequentes Narrativ, sondern um die Schaffung reinster Assoziativität beim Publikum, kurzum: „Lost Highway“ und seine Nachfolger wollen nicht „verstanden“, sondern schlicht „gesehen“, bzw. „erfahren“ sein. Man kann „Lost Highway“ insofern auch als Provokation begreifen, als qua typisch lynchesken Mittelfinger in Richtung etablierter Erzählstrukturen, wobei dieser freundliche Mann tatsächlich niemals einen Mittelfinger erheben, geschweige denn ein Vier-Buchstaben-Wort gebrauchen würde. Dafür hat er ja auch seine Filme, die sein der Sonnenseite abgekehrtes Innenleben in Bilder fassen. Die Dramaturgie von „Lost Highway“ als elliptisch zu bezeichnen, wäre stark untertrieben. Zu Beginn erhält man die beunruhigende Einführung in ein fremdelndes Eheverhältnis, das nochmals auf den Kopf gestellt wird, weil da plötzlich deprivatisierende Videocassetten auftauchen. Deren Inhalt gestaltet sich zunehmend bedrohlich, bis er sich schließlich in einem blutigen Exzess entlädt. Doch damit nicht genug, verwandelt sich der mutmaßliche Täter in eine komplett andere Version, schlüpft vielleicht in eine ganz andere Individualität, weg vom exzessiven free jazz hin zur geradlinigeren Rockmusik sozusagen. Doch die beiden Leben sind, aller differenten Anlagen zum Trotze, untrennbar miteinander verbunden und parallelisiert; durch dieselbe femme fatale, von der wir nicht recht wissen, ob sie ein Zwilling ist, durch denselben Bösewicht und vor allem durch denselben, fahlgesichtigen „Mystery Man“, der alles Mögliche kann und weiß und als einziger hier den völligen Durchblick hat.
Raum und Zeit verlieren da längst zunehmend an Bedeutung, ein Stelzenhaus inmitten der Wüste explodiert rückwärts und der gesamte Film endet mit seinem Anfang: Fred Madison klingelt bei sich selbst und gibt sich den „entscheidenden“ Hinweis per Gegensprechanlage: „Dick Laurent is dead“. Konsequenterweise müsste man „Lost Highway“ jetzt wieder von vorn beginnen, denn ebenso wie Fred und Pete schickt David Lynch damit auch sein Publikum in eine endlose Zeitschleife. Oder ging es vielleicht doch um eine Art faustischen Pakt, dazu ersonnen, sämtliche Störfaktoren aus einer kriselnden Beziehung zu entfernen? Aber wie erwähnt sind solcherlei Gedankenspiele ohnehin müßig. Rauschzustände, auch filmische, bedürfen nicht a priori allzu intensiver Aufklärung. Sie verweigern sich ihr gar manchmal geradezu.

9/10

WILD AT HEART

„We got some dancin‘ to do.“

Wild At Heart ~ USA 1990
Directed By: David Lynch

Leben und Lieben könnten schön sein für Sailor Ripley (Nicolas Cage) und Lula Fortune (Laura Dern) – wäre da nicht Lulas böse, intrigante Mama Marietta (Diane Ladd) und ihre beständige Angst davor, dass Sailor einst mitbekam, wie sie gemeinsam mit dem Gangster Marcellos Santos (J.E. Freeman) ihre Gatten in Brand gesteckt hat. Nun sind Sailor und Lula auf der Flucht nach Kalifornien, ein paar gefährliche Auftragsmörder auf den Fersen.

Seinem damaligen Kunstideal, die amerikanische Kitschkultur zu redefinieren und ihr dann den Spiegel der eigenen Monstrosität vor Augen zu halten, kam David Lynch nie näher. Basierend auf einem für sein Vorhaben wie geschaffenen Roman von Barry Gifford ließ Lynch in sein exaltiertes Werk um ein nicht eben bildungsnahes, dafür aber umso emotionskräftigeres Liebespaar wider alle Schranken Sex, jeweils eine Menge Kettenrauchertum, Elviskult, irre Verbrecher und vor allem eine Menge „Wizard Of Oz“ einfließen. Seine beiden Protagonisten Sailor und Lula oszillieren dabei wild umher zwischen belustigender Einfalt, klebrigen Liebesbekenntnissen, erschreckender Gewaltbereitschaft und beneidenswert ekstatischem Sex. Ähnlich wie „Blue Velvet“ legt Lynch den Rahmen der Geschichte als Reise in ein finstereres Herz Amerikas an. Die konstitutionelle Vorgabe des road movie erlaubt ihm hier zudem, den gesamten Film als pathologische Americana zu gestalten, als verzerrtes Porträt einer Nation, aus deren bei aller inneren Verseuchung unerschütterlichem Selbstverständnis sich gleichermaßen Ekel und Faszination beziehen lassen. Dass Lynch es dabei nie wirklich ernst meint, zeigt seine konsequente Ironisierung der herben Gewaltspitzen: Nachdem Sailor gleich am Anfang einem von Marietta gezielt eingesetzten agent provocateur (Calvin Lockhart) das Gehirn aus dem Schädel geprügelt hat, steckt er sich erstmal eine postorgiasmische Zigarette an; zwei mit der Schrotflinte bearbeitete Bankangestellte krabbeln auf dem Boden herum, um die abgeschossene Hand eines der beiden zu suchen, mit der sich unterdessen ein fröhlich schwanzwedelnder Hund um die Ecke verdrückt. Am Ende kassiert dann auch der bis dahin zumeist in cooler Passivität verharrende Sailor endlich seine Tracht Prügel von ein paar wortkargen Straßenschlägern, die ihm die finale Erleuchtung beschert, kredenzt durch den längst überfälligen Auftritt einer guten Hexe (Sheryl Lee): „Don’t turn away from love, Sailor.“ Zeit für ein extrem überzuckertes happy end, das „Wild At Heart“ sich da schon längst verdient hat. Und umgekehrt.

10/10

BLUE VELVET

„Let’s fuck! I’ll fuck anything that moves!“

Blue Velvet ~ USA 1986
Directed By: David Lynch

Nach einem Schlaganfall seines Vaters (Jack Harvey) kommt Student Jeffrey Beaumont (Kyle MacLachlan) in sein beschauliches Heimatstädtchen, um kurzfristig den familiären Eisenwahrenladen zu führen. Auf dem Rückweg von einem Krankenhausbesuch findet er in der Mittagssonne ein abgeschnittenes, menschliches Ohr auf einer Wiese. Gemeinsam mit Sandy (Laura Dern), der Tochter des Polizeiinspektors Williams (George Dickerson), spielt Jeffrey Amateurdetektiv und will der Sache auf den Grund gehen. Dabei stößt er auf die verstörte Nachtclub-Sängerin Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) und findet heraus, dass der geisteskranke Gangster Frank Booth (Dennis Hopper) ihren kleinen Sohn hat entführen lassen und sie nun damit erpresst. Bald wird es brenzlig für den naiven Jeffrey…

Hätte Jeffrey Beaumont doch bloß auf seine wohlmeinende Tante Barbara (Frances Bay) gehört und niemals die Lincoln Street überquert – er, das brave Rotkäppchen, wäre dem bösen Wolf Frank wahrscheinlich niemals begegnet…
Nach „Dune“ nahm sich David Lynch also dieser Kleinstadtmär an, in der er die Bubblegum-Sorglosigkeit amerikanischer WASP-Teenager mit der Bösartigkeit und dem Anarchismus psychotischer Krimineller konterkariert. Speziell aus diesen zwei so diametralen Gegensatzpolen – naive Unschuld und vollendete Perversion – bezieht „Blue Velvet“ seine innere Spannung. Dadurch, dass Lynch sein Publikum förmlich zwingt, das Geschehen durch die Augen seines Protagonisten Jeffrey Beaumont zu betrachten, entwickelt sich das, was jener erlebt, zu einem umso monströseren Unerklärlichen. Das ist ja Lynchs großes und vielzitiertes Thema; hinter dem kleinbürgerlichen Spießermief amerikanischer Heileweltler, die glauben, ihre gepflegten Rosenstöcke schirmten sie ab vor der allgemeinen Schlechtigkeit der Außenkosmos, seelische Abgründe zu vivisezieren und dem staunenden Zuschauer geschmackssicher anzurichten. Jeffrey Beaumont weiß nicht viel vom Leben, er ist ein braver Milchbart, der sein Mädchen Freitagabends zu Fritten und Hamburgern ausführen  und pünktlich wieder nach Hause bringen sollte. Stattdessen steht er bald nackt vor einer der Vernunft entglittenen Mutter mit einem Messer in der Hand, mit der er bald schlafen wird und die masochistische – vielleicht selbstzerstörerische? – Tendenzen aufweist. Er wird einen unentwegt fluchenden Mann kennenlernen, der sich allenthalben mit Lachgas berauscht und phasenweise als rasender Irrer entpuppt und einen anderen, der sich schminkt und aus unerfindlichen Gründen mit Seniorinnen umgibt. Sein Heineken kann Jeffrey da getrost vergessen. Mehrmals wird er stattdessen in den auditiven Genuss kommen von Roy Orbisons „In Dreams“ und natürlich von Bobby Vintons „Blue Velvet“. Die brave Sandy kann ihm nicht helfen. Sie erzählt ihm was von Rotkehlchen und wie sie der Welt ihre Schlechtigkeit austreiben könnten. Der kathartische Effekt für den zunehmend desorientierten Jungen kann am infernalischen Ende nur dergestalt erfolgen, dass auch Jeffrey einmal einen Schädel per Schusswaffe seiner Gehirnmasse entledigt. Vermutlich die beste Radikalkur, um doch noch einen halbwegs gelungenen Eintritt in die Erwachsenenwelt zu gewährleisten. Dass dieser wahrscheinlich gelingt, signalisiert Lynch ganz am Schluss nochmal vor überschwänglicher Idylle. Selbst das Rotkehlchen macht seine Aufwartung. Doch irgendwo auf der Welt gibt es noch andere Frank Booths, dessen ist sich nunmehr selbst Jeffrey bewusst.

9/10