LOST HIGHWAY

„We’ve met before, haven’t we?“

Lost Highway ~ USA/F 1997
Directed By: David Lynch

Die Welt des Jazz-Saxophonisten Fred Madison (Bill Pullman) gerät in zunehmende Unordnung. Jeden Morgen findet er eine Videocassette auf seiner Treppe, die zunehmen intime Aufnahmen seiner Wohnung zeigt. Seine Frau Renee (Patricia Arquette) ist ihm dabei ebensowenig entlastende Hilfe wie zwei zur Hilfe gerufene Polizisten. Auf einer Party begegnet Fred einem blassen Mann (Robert Blake), der ihm zusätzliche Rätsel aufgibt. Eine letztes Videotape zeigt Fred schließlich bei der bestialischen Ermordung Renees. Der seine Unschuld Beteuernde wird verhaftet und zum Tode verurteilt. Eines Nachts verwandelt sich Fred nach heftigen Migräne-Attacken in seiner Zelle in einen Anderen. Da gegen den jungen KFZ-Mechaniker Pete Dayton (Balthazar Getty), der da jetzt in Freds Zelle hockt, nichts vorliegt, wird dieser entlassen. Auf der Arbeit buckelt Pete vor allem für seinen Hauptkunden, den ihm gewaltigen Respekt einflößenden Gangsterboss Mr. Eddy (Robert Loggia). Als dieser eines Tages eines Tages seine Freundin Alice (Patricia Arquette) mitbringt, eine blonde Schönheit, beginnt Pete eine wilde Affäre mit ihr. Die Angst vor Mr. Eddy wird bald so groß, dass Pete und Alice beschließen, durchzubrennen und zuvor einen weiteren Liebhaber von Alice, den Playboy Andy (Michael Massee) zu berauben. Erneut beginnt die Realität für Pete/Fred zu bröckeln…

Dissoziation, Dekonstruktion, Labyrinth. Mit „Lost Highway“ legte David Lynch vor zwanzig Jahren den ersten Film einer zunehmend verqueren Spielfilmtrilogie, die mit dem Realität, oder, besser gesagt, der subjektiven Wahrnehmung ihrerselbst, radikal Schlitten fährt und die damit eine Klammer schließt zum Langfilmdebüt des Regisseurs, „Eraserhead“.
Nicht zuletzt von Lynch selbst kam ein ums andere Mal der Hinweis, jedweder Versuch schlüssiger Interpretation sei hier zwecklos; es ginge ihm auch gar nicht um so etwas wie ein konsequentes Narrativ, sondern um die Schaffung reinster Assoziativität beim Publikum, kurzum: „Lost Highway“ und seine Nachfolger wollen nicht „verstanden“, sondern schlicht „gesehen“, bzw. „erfahren“ sein. Man kann „Lost Highway“ insofern auch als Provokation begreifen, als qua typisch lynchesken Mittelfinger in Richtung etablierter Erzählstrukturen, wobei dieser freundliche Mann tatsächlich niemals einen Mittelfinger erheben, geschweige denn ein Vier-Buchstaben-Wort gebrauchen würde. Dafür hat er ja auch seine Filme, die sein der Sonnenseite abgekehrtes Innenleben in Bilder fassen. Die Dramaturgie von „Lost Highway“ als elliptisch zu bezeichnen, wäre stark untertrieben. Zu Beginn erhält man die beunruhigende Einführung in ein fremdelndes Eheverhältnis, das nochmals auf den Kopf gestellt wird, weil da plötzlich deprivatisierende Videocassetten auftauchen. Deren Inhalt gestaltet sich zunehmend bedrohlich, bis er sich schließlich in einem blutigen Exzess entlädt. Doch damit nicht genug, verwandelt sich der mutmaßliche Täter in eine komplett andere Version, schlüpft vielleicht in eine ganz andere Individualität, weg vom exzessiven free jazz hin zur geradlinigeren Rockmusik sozusagen. Doch die beiden Leben sind, aller differenten Anlagen zum Trotze, untrennbar miteinander verbunden und parallelisiert; durch dieselbe femme fatale, von der wir nicht recht wissen, ob sie ein Zwilling ist, durch denselben Bösewicht und vor allem durch denselben, fahlgesichtigen „Mystery Man“, der alles Mögliche kann und weiß und als einziger hier den völligen Durchblick hat.
Raum und Zeit verlieren da längst zunehmend an Bedeutung, ein Stelzenhaus inmitten der Wüste explodiert rückwärts und der gesamte Film endet mit seinem Anfang: Fred Madison klingelt bei sich selbst und gibt sich den „entscheidenden“ Hinweis per Gegensprechanlage: „Dick Laurent is dead“. Konsequenterweise müsste man „Lost Highway“ jetzt wieder von vorn beginnen, denn ebenso wie Fred und Pete schickt David Lynch damit auch sein Publikum in eine endlose Zeitschleife. Oder ging es vielleicht doch um eine Art faustischen Pakt, dazu ersonnen, sämtliche Störfaktoren aus einer kriselnden Beziehung zu entfernen? Aber wie erwähnt sind solcherlei Gedankenspiele ohnehin müßig. Rauschzustände, auch filmische, bedürfen nicht a priori allzu intensiver Aufklärung. Sie verweigern sich ihr gar manchmal geradezu.

9/10

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3 Gedanken zu “LOST HIGHWAY

  1. “Lost Highway” und seine Nachfolger wollen nicht “verstanden”, sondern schlicht “gesehen”, bzw. “erfahren” sein (…) – Danke für diesen wichtigen Hinweis, bin ich doch schon mehr als einmal daran gescheitert dem Film (wie auch dem späteren MULHOLLAND DRIVE) auf die Schliche kommen zu wollen. Einmal werde ich es noch wagen…

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