RINGU

Zitat entfällt.

Ringu (Ring – Das Original) ~ J 1998
Directed By: Hideo Nakata

Tomoko (Yūko Takeuchi), die Nichte der Journalistin Reiko Asakawa (Nanako Matsushima), stirbt eines mysteriösen Todes. Reiko findet heraus, dass Tomokos Ableben in direktem Zusammenhang steht mit einer Geschichte, der sie ohnehin auf der Spur ist: Offenbar kursiert unter den Teenagern eine Videocassette mit obskurem Inhalt, deren Betrachtung stets ein Anruf folgt, bei dem dem oder den vormaligem/n Zuschauer/n mitgeteilt wird, dass er in sieben Tagen sterben müsse. Reikos alsbald von Erfolg gekrönte Investigation führt bald dazu, dass auch sie das Band zu Gesicht bekommt, mit demselbem Effekt wie gehabt. Ihr Ex-Mann Ryūji (Hiroyuki Sanada), zugleich Vater des gemeinsamen Sohnes Yoichi (Rikiya Ôtaka), unterstützt sie bei den weiterführenden Ermittlungen, die sie in die Provinz und auf die Spur des Mediums Sadako Yamamura führen, dessen unruhiger, von Rache getriebener Geist offenbar hinter der ganzen Ereigniskette steckt. Als auch Yoichi das Band sieht, wird es brenzlig, doch Reiko findet eine Methode, den Fluch abzuwenden.

Wer mich und/oder meine Betrachtungspräferenzen kennt, der weiß es längst: Mit diversen Filmen aus dem Fernöstlichen habe ich meine ganz individuelle, hochspezifische Not, was ich ernsthaft bedauerlich finde, da ebenjene Inkompatibilität mich immer wieder von wahrscheinlich ganz famosen Kabinettstückchen fernhält und mir somit Einblicke verwehrt bleiben, die weniger gehemmten Zeitgenossen mitunter höchste Juchzer entlocken. Auch „Ringu“ habe ich bis vor Kurzem noch stetig und tapfer vor mir hergeschoben. Das US-Remake von Gore Verbinski habe ich mir einmal, als es gerade aktuell war, angeschaut und fand es schon damals wenig beeindruckend, was dem Drang danach, das Original nachzuschieben, nicht eben zuträglich war.
Kann (oder mag) man im Falle „Ringu“ von so etwas wie einem Hype sprechen? Aber ja! Die Tatsache, dass es mehrere internationale Variationen nebst Fortsetzungen, hauseigene Ableger, eine TV-Serie und Ähnliches gibt, sprechen sehr wohl dafür.
Das latente Problem der uneinlösbaren Vorschusslorbeeren gesellte sich ergo ergänzend hinzu und jetzt stehe ich immer noch vergleichsweise ratlos da. Bestimmt, Natakas Film hat seine Momente, etwa wenn Reiko und Ryūji per Schiff zur Insel Ōshima reisen und dort Sadako und ihrem einstigen Schicksal nachspüren. Von der kontemplativen, und doch allgegenwärtigen Intensität, die speziell diesen Teil des Films bestimmt, hätte ich mir mehr gewünscht. Wie mir auch die ja wesentlichen Schocker-Augenblicke, in denen Sadako dann endlich aus dem Fernseher kriecht, vergleichsweise unspektakulär erschienen.
Bekanntlich ist es mit der Evokation wahren Grauens wie bei jener etlicher anderer Emotionen auch: Es gibt einen gewissen Hauptnenner, von dem sich jedoch nicht jeder zwangsläufig mitnehmen lassen möchte, kann oder muss. Die Geschichte eines verfluchten VHS-Bandes, so doppelbödig und im Grunde witzig die Idee auch sein mag, kam mir damals ebenso albern vor wir heute. Zu brav ist mir das Ganze außerdem. Und wo bereits das Basale fehlt, gibt es eben wenig Chancen für Fruchtbarkeit. Ich respektiere „Ringu“ und seinen vermutlich unanfechtbaren Status als kanonisches Hauptwerk des Genre, finde selbst zu ihm jedoch nur wenig Zugang – und umgekehrt.
Und genug gerechtfertigt.

5/10

SAINT ANGE

Zitat entfällt.

Saint Ange (Haus der Stimmen) ~ F 2004
Directed By: Pascal Laugier

Die französischen Alpen, 1958: Saint Ange, ein Heim für Kriegswaisen, soll nach vielen Jahren geschlossen werden. Die hochschwangere Anna Jurin (Virginie Ledoyen), die sich mit ihrem Zustand nicht arrangieren mag und das Kind lieber nicht bekäme, flüchtet sich als Arbeitskraft in das weit abgelegene Gebäude. Einzig die Hausmutter Ilinca (Dorina Lazar) und die etwas „merkwürdige“ Insassin Judith (Lou Doillon) befinden sich nun außer Anna noch in dem Komplex. Seltsame Träume und Visionen sowie Geschichten von „unheimlichen Kindern“, die noch irgendwo im Hause leben sollen, machen der infolge ihrer ungewollten Schwangerschaft ohnehin gequälten Anna zu schaffen. Der Schlüssel zum Geheimnis liegt offenbar im Waschraum…

Laugiers Erstling nimmt sich ziemlich kryptisch aus in zunehmendem Verlauf und „Auflösung“, die für mein Dafürhalten etwas zu mysteriös und interpretationsbedürftig daherkommt. Vermutlich ist es hier jedoch mit einer Betrachtung ohnehin nicht getan, begibt man sich auf die Spur der ultimativen Wahrheit um Anna Jurins Schicksal.
Genrefilme um betagte Waisenheime und/oder gespenstische Kinder hatten zur Entstehungszeit von „Saint Ange“ ja gewissermaßen Hochsaison und fairerweise muss man konstatieren, dass Laugier der Subgattung durchaus gerecht wird betreffs der Schaffung einer unheimlichen bis desolaten Atmosphäre. Das figurale Hauptgewicht liegt bei der von Virginie Ledoyen sensibel interpretierten Protagonistin, die offenbar ein schweres Schicksal hinter sich hat, das bis auf die Sichtbarkeit körperlicher Narben (Narben von Peitschenhieben, Spuren ausgedrückter Zigaretten und ihre offensichtlich von einer Vergewaltigung herrührende Schwangerschaft) keiner weiteren Indizien entbehrt. Auch das sich in den Untergewölben des Hauses abspielende Finale bereitete mir geflissentliches Kopfzerbrechen: Vermutlich mit den Nazis in Zusammenhang stehende Experimente an Kinder oder auch Euthanasie könnte hier einst stattgefunden haben – nur sind deren noch an Leben befindliche Relikte nun tatsächlich existent, bloße Ausgeburten von Annas gebeutelter Phantasie oder gar Gespenster, die keine Ruhe finden? Zumindest der von einer möglichen Erlösung erzählende Epilog engt die Lesmöglichkeiten ein wenig ein, wenn auch die enigmatische Rätselhaftigkeit des Ganzen nie wirklich vollständig aufgelöst wird.

7/10

WICHITA

„I don’t want to get involved.“

Wichita ~ USA 1955
Directed By: Jacques Tourneur

Der vormalige Büffeljäger Wyatt Earp (Joel McCrea) kommt 1874 nach Wichita, um von der allgemeinen Hysterie um die just im Aufstreben begriffene Stadt zu profitieren: Er will ein Geschäft aufmachen, bloß was für eines weiß er noch nicht. Als die Stadtoberen seiner Schieß- und Streitschlichtungskünste gewahr werden, versucht man ihn zum Marshall zu machen, doch Earp lehnt ab. Die Sache ändert sich, als eine große Gruppe Cowboys, mit der Earp zuvor in der Prärie bereits unangenehme Erfahrungen machen musste, die Stadt entert, sich sinnlos besäuft und randaliert, wobei unfällig ein kleiner Junge zu Tode kommt. Earp heftet sich den Stern an, holt seine Brüder Morgan (Peter Graves) und Jim (John Smith) zur Hilfe und räumt in Wichita auf.

Dieser annähernd perfekt gepacete Western von einem noch immer auf der Höhe seiner Kunst befindlichen Jacques Tourneur nimmt es mit der eigenen Authentizität zwar nicht allzu genau, bereichert den Filmmythos Wyatt Earp dafür jedoch um einen Beitrag, der den wesentlich berühmteren von Ford, Sturges und später Cosmatos und Kasdan zumindest im Hinblick auf deren reine Genreanbindung in Nichts nachsteht. Joel McCrea ist ein toller, obschon vielleicht deutlich zu alter Wyatt Earp, der ihn unterstützende Bat Masterson (Keith Larsen) bereits als junger Mann ein aufrechter Journalist mit flinken Händen, die Liste der Bösewichte mit Robert Wilke, Lloyd Bridges, Edgar Buchanan und natürlich Jack Elam angemessen illuster. Tourneur, der bereits unmittelbar zuvor mit McCrea an „Stranger On A Horseback“ gearbeitet hatte, respektive sein dp Harold Lipstein machen hier erstmals Gebrauch vom Scope-Format und erweisen sich sogleich als virtuose Handhaber desselben. Auch tut es dem Film sehr wohl, dass er derart knackig, kurz und überaus konzentriert geraten ist; so bleibt „Wichita“ nämlich frei von jedwedem Ballast und jedweder Redundanz und geht so professionell und ansprechend zu Werke, wie einst wohl sein Held, siebzig Jahre zuvor.

8/10

PONY SOLDIER

„Stop it! I listened long enough! Pony soldier tells truth!“

Pony Soldier (Der rote Reiter) ~ USA 1952
Directed By: Joseph M. Newman

Westkanada, 1876: Nachdem ein paar streitsüchtige Cree-Indianer unter dem Renegaten Konah (Cameron Mitchell) die Grenze übertreten, eine weiße Siedlerfamilie überfallen und deren Tochter (Penny Edwards) und Scout (Robert Horton) als Geiseln genommen haben, nimmt sich der noch recht unerfahrene Mountie Duncan MacDonald (Tyrone Power) der Sache an. Gemeinsam mit dem bauernschlauen Halb-Blackfoot Natyo Smith (Thomas Gomez) reitet MacDonald ins Dorf der Cree und gewinnt unter zähen Verhandlungen nicht nur das Vertrauen des Häuptlings Standing Bear (Stuart Randall), sondern gleich noch einen Adoptivsohn (Anthony Numkena).

Ein harmloser, aber schön bunter Abenteuerwestern, in dem Fox-Star Tyrone Power abermals als wackerer Recke zu glänzen wusste. Regisseur Newman sorgte sich indes mehr um eine spannendeund amüsante Dramaturgie denn um eine ernsthaft humanistische Bestandsaufnahme der Beziehung zwischen Rot und Weiß. Zwar sickert immer mal wieder durch, dass die Cree ja schon irgendwie auch im Recht sind, wenn sie sich darüber monieren, dass sie urplötzlich Staatsgrenzen daran hindern sollen, dort zu leben und zu jagen, wie sie möchten; wenn der aufrechte Mountie dann allerdings von der „großen Mutter Königin“ zu erzählen beginnt, deren Gesetze, Anordnungen und Wünsche doch bitteschön alle zu respektieren hätten, auch (und besonders) die Indianer, dann verblassen die positiven Ansätze auch wieder ziemlich schnell. Erwähnenswert wären noch Thomas Gomez, als gemütlich-ängstlicher, aber keinesfalls schwerfälliger Mestize, der wohl die darstellerische Löwenleistung des Films erbringt und natürlich der tolle Trick, mit dem MacDonald den Häuptling endgültig „überzeugt“, sich seinen Überredungskünsten zu fügen: Gerade als es einmal kritisch wird, erscheint am Horizont die Fata Morgana eines Flussdampfers, die den Cree natürlich mächtig Schiss macht. Hier wird dann einmal mehr“zivilisatorische Überlegenheit“, wie in etwas angejährten Hollywood-Abenteuern eben üblich, zum Meister Breithans verklärt.

7/10

THE GREEK TYCOON

„Let’s go and make love!“

The Greek Tycoon (Der große Tycoon) ~ USA 1978
Directed By: J. Lee Thompson

Der griechische Großreeder und Multimillionär Theo Tomasis (Anthony Quinn) lebt ein Leben in Saus und Braus, mit Wein, Weib, Gesang und Sirtaki. Seine Gattin Simi (Camilla Sparv), die ihn über alles liebt, leidet im Stillen, sein Sohn Nico (Edward Albert) ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, in die übergroßen Fußstapfen des mächtigen Vaters zu treten und seinem heimlichen Hass auf die Eskapaden des Moguls. Als Tomasis die Amerikanerin Liz (Jacqueline Bisset) kennenlernt, die mit dem Politiker und künftigen US-Präsidenten James Cassidy (James Franciscus) liiert ist, ist es einmal mehr um ihn geschehen. Der Weg wird frei, als Cassidy einem Attentat zum Opfer fällt. Derweil muss sich Tomasis wegen einer Korruptionsaffäre mit der amerikanischen Kartellaufsicht herumschlagen.

Das ist schon toll: Nico Mastorakis, der sich neben Morton Fine die Story mit“ausgedacht“ hat, berichtete auf Anfrage, „The Greek Tycoon“ sei gar kein inoffizielles Biopic über Aristoteles Onassis und Jackie Kennedy, sondern eine Bestandsaufnahme der Lebensweise sämtlicher griechischer Tycoons. Ein Blinder mit Krückstock könnte Mastorakis diesbezüglich Lügen strafen; zwar findet sich die Geschichte um Onassis und die Kennedy-Witwe in die damalige Gegenwart transponiert, zwar gibt es keine Christina Tomasis, die das väterliche Imperium dereinst erben wird, zwar sind einige Ereignisse wie der Absturz des Sohnes und der Selbstmord der vormaligen Ehefrau nicht in der authentischen Reihenfolge angeordnet und andere Fügungen aufgeweicht respektive leicht abgeändert, das alles ändert aber nichts an dem Status des Ganzen als recht prallem roman à clef: Onassis‘ Langzeitaffäre Maria Callas wird zu einer Schauspielerin namens Sophia Matalas (Marilù Tolo) umfunktioniert, statt in Dallas wird der fiktive Präsident Cassidy (!) am Strand seines Wochenendhaus erschossen. Anthony Quinn, seit „Zorba The Greek“ ohnehin die Weltprojektion des typisch griechischen Lebemannes in der Hauptrolle hätte niemals von wem anderen substituiert werden können, so sehr ist ihm die Rolle auf den Leib geschrieben. Der Camp-Faktor ist hoch und der Film in seiner aufreizend boulevard-artigen Gesamtheit im Nachhinein ein unbedingtes Vorbild für die diversen amerikanischen Familienserien der kommenden Dekade von „Dallas“ über „Dynasty“ bis hin zu „Falcon Crest“. Wer wie ich für diese ein Herz hat und protzige alte Herren, die meinen, sie thronten wie Zeus persönlich über dem  Dache der Welt und könnten Blitze verschießen, wie es ihnen beliebt, auch nur ansatzweise sympathisch findet, der wird sich in dieser herrlichen Mär vom guten alten J. Lee sehr fix zu Hause finden, auch wenn „The Greek Tycoon“ ansonsten keineswegs das ist, was man reinen Gewissens als „guten“ Film bezeichen würde.

7/10