UNTIL THE LIGHT TAKES US

„People like to dress up.“

Until The Light Takes Us ~ USA 2008
Directed By: Aaron Aites/Audrey Ewell

Inspiriert durch meinen Freund Oliver, der vor ein paar Wochen über diese Dokumentation in seinem Blog geschrieben und mir zudem später beim gemeinsamen Besuch eines KISS-Konzerts von einem kleinen Vice-Film über den vormaligen Gorgoroth-Sänger Gaahl berichtet hat, nutzte ich ein paar buchstäblich kranke Tage daheim und fern der Arbeit, um mich mit dem interessanten Phänomen „norwegischer Black Metal“ auseinanderzusetzen. Zwar bin ich seit jeher selbst ein Freund von Musik der härteren Gangart, in die Untiefen der martialischen Auftritte, des lustvollen Spiels mit satanistischer und/oder paganistischer Symbolik, der bösen Plattencover, der kunstvoll, oftmals bis zur Unkenntlichkeit verschnörkelten Bandlogos und der gutturalen oder brutal kreischenden Gesänge habe ich im Laufe der Jahre bestenfalls mal den kleinen Zeh gehalten und dann meist auch schnell wieder herausgezogen. Die Gründe liegen wohl im persönlichen Umfeld. Weder habe ich mich je aktiv in der Fantasy-/Rollenspielerszene bewegt, also unter Leuten, die ja häufig eine grundsätzliche Affinität zu solcherlei Musik aufwiesen, noch sonst langhaarige Freunde in Kutte und Leder gehabt. Tatsächlich musste ich mein eigenes, kleines Hardrock-/Heavy-Faible stets gegen Britpop, Alternative, Düsterrock oder Punk und Hardcore „verteidigen“ bzw. meinen Musikgeschmack mehr oder weniger gezwungenermaßen entsprechend assimilieren. Sprich: die Faszination für die Äußerlichkeiten war im Prinzip latent vorhanden, fand sich jedoch nie kultiviert. Dass in Norwegen zu Beginn der Neunziger ein paar Spinner unterwegs waren, die Kirchen angezündet haben und auch, dass Leute zu Tode gekommen sind, habe ich damals wohl mitbekommen und eher kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen, das war’s dann aber auch diesbezüglich. Selbstgewählte Bezeichnungen wie „Dead“, „Euronymous“, „Faust“ und „Count Grishnackh“ hätten mir bis vor Kurzem nichts gesagt, ebensowenig wie die subkulturelle Eigenart des „corpsepainting“. Auch die Band „Mayhem“ kannte ich bloß vom Hörensagen. Der unterhaltsame Film „Metal: A Headbanger’s Journey“ behandelt das Ganze lediglich als kurze Fußnote.
Heute ist von der einstigen Kontroversität kaum mehr etwas übrig. Black Metal gilt als herausragender, norwegischer Kulturexport, die damaligen Protagonisten sind weitgehend ihrem albernen Habitus entwachsen, tot, oder haben ihre verdienten Strafen abgesessen. Das damalige Milieu jedoch bleibt ein ungebrochenes Faszinosum, dem der vorliegende Film oder auch die ergänzend genossene Dokumentation „Once Upon A Time In Norway“ sich weniger analytisch denn rein zu Aufarbeitungszwecken nähern. Halbwegs funktionale Erklärungsversuche, was die Leute dereinst hat ticken lassen wie sie eben tickten, bleiben vornehmlich dem Rezipienten und seiner interpretatorischen Perspektive überlassen. Was ist passiert? Im Grunde sind fünf traurige „Höhepunkte“ zu verzeichnen: Zunächst der Selbstmord des schwedischstämmigen Sängers der Band Mayhem, Per Yngve Ohlin alias „Dead“, der sich 1991 mit 22 Jahren mit einer Schrotflinte in den Kopf schoss. Anstatt unmittelbar die Behörden zu verständigen, nutzte Bandkollege und Gitarrist Øystein Aarseth alias „Euronmyous“ als erste Person am Tatort die „Gunst der Stunde“, Fotos von seinem toten Freund zu machen und – angeblich – Schädelsplitter einzusammeln, die er später an „Eingeweihte“ zu verteilen pflegte. 1992 tötete der damals achtzehnjährige Bård Guldvik Eithun alias „Faust“, Drummer der Band „Emperor“, mit 37 Messerstichen und diversen Tritten gegen den Kopf einen homosexuellen Mann namens Magne Andreassen, der ihm zuvor eindeutige Avancen gemacht haben soll. Nach einem Jahr in Freiheit wurde Eithun zu einer vierzehnjährigen Haftstrafe verurteilt, von der er rund neun Jahre absaß. 1993 wurde Øystein Aarseth von seinem vormaligen Freund und Bandkollegen Varg Vikernes alias „Count Grishnackh“, der sich zuvor öffentlich für einige der Kirchenbrände verantwortlich äußerte, ermordet. Aarseth hatte Vikernes mehrfach angedroht, dass er sterben müsse und so entschloss dieser sich, seinem vorherigen „Mitstreiter“ zuvor zu kommen, indem er ihm 23 Messerstiche versetzte. Sein Freund Snorre Ruch alias „Blackthorn“ begleitete ihn während der Tat. Zudem fand man später bei Vikernes diverse Sprengstoffe und Munition, die er wohl für einen Anschlag auf eine linke Jugendkommune gehortet hatte. 1994 wurde Vikernes zur nationalen Höchsstrafe, 21 Jahren Freiheitsentzug, verurteilt. Zwölf davon verbrachte er im Gefängnis, der Rest wurde ihm erlassen. Ruch musste wegen Mittäterschaft für acht Jahre in den Bau.
Vor allem Vikernes, der mittlerweile in Frankreich lebt, erweist sich noch immer als nachlesbar höchst unleidlicher Zeitgenosse. Er verfolgt ständig variierende, verschwurbelte Ideologien zwischen „Odinismus“, Antisemitismus und -christianismus, einem „wiedererwachenden“ Europa, Kultifizierung prähistorischer Lebensart, nationalsozialistischem Gedankengut und eugenischen Phantastereien. Auch gedankliche Affinitäten zum Massenmörder Anders Breivik standen zeitweilig im Raum.
Obschon „Until The Light Takes Us“ all diesen Ereignissen Platz einräumt, kreist er vornehmlich um Gylve Fenris Nagell alias „Fenriz“, Mastermind von „Darkthrone“, und dessen Lebensalltag. Wenngleich der emsig porträtierte Nagell ebenfalls gewisse Eigenartigkeiten an den Tag legt und Zwischenmenschlichkeiten eher abgeneigt scheint, so hinterlässt er doch zumindest den Eindruck vergleichsweiser Bodenständigkeit. Vikernes wirkt da deutlich beunruhigender: Als nichtmal unsympathischer, freundlich lächelnder und bereitwillig Auskunft gebender Interviewpartner tritt er zutage, als einer, dem man aufbrausendes Gebahren kaum unterstellen würde. Umso erschreckender, welch krude Gedankengänge und Schlussfolgerungen sich hinter solch unscheinbarer Stirn verbergen mögen.

8/10

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