DIE WEIBCHEN

„Ihr werdet schon sehen…“

Die Weibchen ~ BRD/I/F 1970
Directed By: Zbyněk Brynych

Eve (Usch Glas) bekommt eine sechswöchige Erholungskur verabreicht – in Bad Marein, das bis auf wenige Ausnahmen völlig bevölkert scheint von weiblichen Bewohnern und Kurgästen. Ferner gibt sich die Damengemeinde mit ihren vielfach exaltierten bis exzentrischen Vertreterinnen, allen voran die Kurchefin Dr. Barbara (Gisela Fischer) durchweg eigenartig. Zufällig durchreisende Männer verschwinden urplötzlich und bald erfährt Eve auch, warum: Nach einem kurzen koitalen Intermezzo werden sie ermordet. Der dauerbesoffene Kommissar (Hans Korte) ist Eve keine Hilfe und auch der lebenslustige Aussteiger Johnny (Alain Nouri), der Eve ganz gut gefallen könnte, hält ihre Beobachtungen für überspannte Phantastereien. Von der malignen Passivität der Herren abgestoßen, fügt Eve sich in den allgemeinen, Femininkonsens von Bad Marein…

Der dritte von drei deutschsprachigen Kinofilmen des Exil-Tschechen Zbyněk Brynych ist wie seine beiden Vorgänger ein deliranter Traum überspannt-anarchischen Filmemachens wider die Konventionen. „Die Weibchen“ als böse Feminismus-Satire zu bezeichnen, trifft zwar zu, den Nagel jedoch nur bedingt auf den Kopf. In allererster Linie ist er ein grandioses Lehrstück darüber, was dereinst im (deutschen) Kino möglich war, welch überbordende Blüten die Kreativität eines (mittlerweile zumindest von Teilen der Filmwissenschaft) anerkannten Künstlers wie Brynych zu treiben befugt war, ohne von gar zu wohlmeinenden Interferenzlern zurückgestutzt zu werden. Die Kamera von Charly Steigenberger, dem der deutsche Film ohnehin viel Großartiges verdankt, nimmt sich passend zum Inhalt angemessen entfesselt aus: Eine Fischaugen-Perspektive als Rahmengestaltung, Traumlogik und Barbarei. Dass „Die Weibchen“ als Aufnahme levin’scher, soziale Albtraumphantasien seinen Platz eigentlich auch in jeder ernstzunehmenden Genre-Kanonisierung seinen festen Platz einnehmen müsste, wird spätestens dann zur akuten Gewissheit, wenn man einen aktuellen Film wie „Get Out“ betrachtet, der sich zumindest thematisch in ganz ähnlichen Kreisen bewegt, wenngleich unter umgekehrten Vorzeichen.
Man sollte sich von Manfred Purzers phantastischem „Entwurf“ einer kannibalischen Emanzengemeinde in der Tarnung eines spießigen Kurbades ferner nicht etwa dazu hinreißen lassen, den „Weibchen“ reaktionäre Tendenzen zu unterstellen, im Gegenteil. Der Film geht trotz diverser augenzwinkernder Momente wie der öffentlichen BH-Verbrennung, vielmehr so weit, dem selbstsicheren Patriarchat seine verdiente Abenddämmerung zu prophezeien: Das Zeitalter testosterongesteuerter Arroganz und Selbstsicherheit nährt sich seinem schwarzwitwigen Ende. Typen wie das von George Ardisson, Kurt Zips und Klaus Dahlen vorgestellte Trio von Wochenend-Playboys jedenfalls sind gesellschaftsintern gerade so obsolet, wie ihr Fleisch noch halbwegs schmackhaft und bissfest ist. Die Amazonen übernehmen. Was sollen sie auch sonst tun? Dass nebenbei Filme wie „Die Weibchen“ (und zuletzt natürlich auch „Blutiger Freitag“) mittlerweile in solch vorbildlichen Editionen von hiesigen Labeln wie Bildstörung und Subkultur zu haben sind, schafft Raum für neue Hoffnung und verweist all die langweiligen Streaming-Dienste so sehr auf die Plätze, dass es eine Art hat. Vielen Dank dafür. Mit Sahnehäubchen.

9/10

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