CORLEONE

Zitat entfällt.

Corleone (Der Aufstieg des Paten) ~ I 1978
Directed By: Pasquale Squitieri

Armut und Hungerleid gehören für die beiden sizilianischen Freunde Vito Gargano (Giuliano Gemma) und Michele Labruzoo (Michele Placido) in den zwanziger Jahren zum Inselalltag. Ihre gewählten Wege aus der Misere trennen sie jedoch voneinander – während Michele sich zum Kommunismus bekennt und die Landarbeiter gegen die Feudalherren aufwiegelt, macht sich Vito zum Untergebenen des Mafia-Dons Provenzano (Francisco Rabal). Zu seinen ersten Aufgaben gehört es, den unbequemen Michele aus dem Weg zu räumen. Dessen Geliebte Rosa (Claudia Cardinale) erfährt die Wahrheit nicht und wird stattdessen Vitos Frau. Dieser arbeitet sich unbarmherzig hinauf in der Hierarchie der Cosa Nostra, bis er Jahrzehnte später, nunmehr selbst zum Don aufgestiegen und der blutigen Vergangenheit überdrüssig, bereits erste legale Geschäfte tätigen kann. Da kommt ihm das Gesetz in die Quere.

Mittels diverser Zeitsprünge breitet Squitieri einen komplexen Erzählteppich vor dem Zuschauer aus, über dessen umfassende Vereinnahmung der rezeptorischen Aufmerksamkeit er jedoch jenes Herz vermissen lässt, dass der schöne „I Guappi“ noch im Überfluss zu bieten hatte. Mit „Corleone“ bemüht sich der Regisseur vielmehr, ein möglichst realitätsnahes Porträt der sizilianischen Zustände von vor ein paar Jahrzehnten zu liefern, lässt dabei strikte Professionalität und Nüchternheit walten und steht somit in der direkten Genealogie des dezidiert analytischen Mafiafilms, wie man ihn vor allem von Francesco Rosi kennt. Gegenüber dem – ich möchte es einmal „aktionistisches“ Gangsterkino nennen – beinhaltet diese Variante den Vorbehalt, selbst unfreiwilligen Heroisierungen der Protagonisten gezielt vorzubeugen. Dem analytischen, darüberhinaus zumeist stark linksgeprägten Mafiafilm geht es stattdessen primär darum, die Strukturen offenzulegen, mittels derer es dem organisierten Verbrechen gelang, sich in Italien als nahezu gleichwertige Staatsgewalt zu etablieren. Vor allem die sizilianische Cosa Nostra und ihre Ableger, die ihre Wurzeln im feudalistisch geprägten System der Großgrundbesitzer des frühen 19. Jahrhunderts haben, bieten ihm seine thematische Basis. Auch „Corleone“ fußt in diesem Milieu. Der Name der Kleinstadt Corleone ist dabei gewissermaßen programmatisch: Globale Berühmtheit erlangte er durch Mario Puzos Roman und dessen Adaption durch Coppolas gleichnamigen Film „The Godfather“, in dem der Protagonist Vito Andolini nach seiner Emigration in die Staaten den Nachnamen seines Herkunftsortes annimmt. Nicht zuletzt aufgrund dessen stellen sich unweigerliche Assoziationen zwischen der Gemeinde und der Cosa Nostra ein. Anders als Puzos exilierter Don verweilt Vito Gargano jedoch in der alten Heimat und entwickelt sich hier zum Strippenzieher krimineller Geschicke. Der biographische Abriss nimmt sich dabei gewohnheitsmäßig aus; der Aufstieg zum Mann an der Spitze ist geprägt von Verrat, Lügen, Gewalt und Übervorteilung. Auch die zwangsweise Handlung, sich des vormaligen Patriarchen zu entledigen, um dessen Platz einzunehmen, gehört unbedingt dazu. Sein spezifiziertes Auftreten verdankt „Corleone“ somit weniger seiner unweigerlich tradierten Erzählung, denn der erstklassigen Interpretation der Hauptfigur durch Giuliano Gemma, den man selten bei einer derart ernsten, konzentrierten Charakterisierung zusehen konnte. Auch das Altern seiner Figur, deren Schicksal ja immerhin über eine Zeitspanne von gut drei Dekaden ausgebreitet wird, meistert Gemma in seltener Güte. „Corleone“ darf ergo vor allem als Geschenk eines Regisseurs an seinen Hauptdarsteller gewertet werden.

8/10

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