ELLE

Zitat entfällt.

Elle ~ F/BE/D 2016
Directed By: Paul Verhoeven

Michèle Leblanc (Isabelle Huppert) ist um die 50, Managerin bei einem kleinen Computerspieleentwickler in Paris und scheint, abgesehen von einigen privaten Makeln, weitgehend zufrieden zu sein mit ihrem Leben. Als sie eines Tages in ihrer Wohnung von einem maskierten Mann überfallen und vergewaltigt wird, legt sie das Ereignis fast beiläufig ad acta. Zwar unternimmt sie ein paar prophylaktische Maßnahmen für den eventuellen Wiederholungsfall, belässt es ansonsten jedoch bei einem Bericht des Einbruchs gegenüber ihren engsten Freunden. Michèle möchte vor allem mediale Aufmerksamkeit vermeiden, die ihr bereits dadurch droht, dass ihr Vater, der vor Jahren einen religiös motivierten Massenmord begangen hat, aktuell ein neues Gnadengesuch einreicht. Auch sonst befasst sich Michèle unweigerlich mehr mit den kleinen Unannehmlichkeiten, die sie umgeben: Ihr Ex-Mann (Charles Berling) nimmt sich eine wesentlich jüngere Freundin (Virginie Efira), der gemeinsame Sohn (Jonas Bloquet) bekommt sein Leben nicht auf die Kette und schlittert stattdessen geradewegs in eine unmögliche Beziehung, was in ähnlicher Form auch für Michèles Mutter (Judith Magre) gilt. Der Einbrecher lässt Michèle derweil nicht in Ruhe; stattdessen entdeckt sie seine Identität, fühlt sich dadurch angeregt und betreibt fortan ein einvernehmliches Spiel mit ihm.

Wenn ich so nachschaue, für welche Preise Verhoevens jüngster Film im Rennen war und welche davon er abgeräumen konnte, denke ich etwas wehmütig an die Zeiten zurück, als er als europäisches enfant terrible in Hollywood wütete, dort mit den Konventionen spielte, sie auf den Kopf stellte und von Preisverleihern jedweder Couleur allerhöchstens mit der Kneifzange angefasst worden wäre. Diese Ära scheint mit „Elle“ nun endgültig und unwiderruflich beendet zu sein; Verhoevens dritter Film nach seiner Rückkehr in die alte Welt („Steekspel“ habe ich noch immer nicht gesehen) zeigt einen gesetzten, erwachsenen – böse Zungen würden sagen: domestizierten – Filmemacher, der stark auf die 80 zugeht und sich den einstmals betont exponierten Umgang mit Schamhaaren und Innereien nunmehr altersgemäß verkneift. Stattdessen liefert er eine, seinem nach wie vor makellosem Können entsprechend virtuos inszenierte, verschmitzte Dijan-Adaption, die als Porträt einer im besten Sinne „modernen“, selbstbewussten Frau in der Mitte ihres Lebens porträtiert. Michèle Leblanc, von einer Isabelle Huppert gespielt, die (ohne, dass man es ihr ansähe) tatsächlich rund 15 Jahre älter ist als ihre Figur, wird so ziemlich mit allem konfrontiert, was eine böse midlife crisis so begünstigen könnte: Vergangenheit und Gegenwart prügeln gleichermaßen stakkatoartig auf sie ein; ausnahmslos jeder Mensch aus ihrem beruflichen und privaten Umfeld trägt mittelschwere bis gewaltige Persönlichkeits-/und/oder Beziehungsprobleme vor sich her, vom nerdigen Software-Entwickler aus ihrer Firma über die Familienmitglieder bis hin zu ihrem Nachbarn Patrick, der sich sexuelle Befriedigung nur dadurch verschaffen kann, dass er Frauen „mit Gewalt nimmt“. Da sich Michèle glücklicherweise auch von Patrick angezogen fühlt, steht einem entsprechenden „Arrangement“ nach dessen Enttarnung nichts mehr im Wege, von der objektiven Außenwahrnehmung desselben abgesehen, wie sich gegen Ende zeigen soll. Michèle steht inmitten all dieser inneren und äußeren Konfliktsituation so lässig wie ein Fels in der Brandung, sie lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen und kommentiert die Geburt ihres „Enkels“, eines im wahrsten Sinne offensichtlichen Kuckuckseis mit aller gebotenen, urfranzösischen Lakonie. Ebenjene Lakonie ist wohl überhaupt die größte Stärke dieses Alterswerks eines Regisseurs, der eine Menge an tollwüstem Zeug gefilmt hat und es ganz zu Recht nicht mehr für notwendig befindet, sich oder gar sein Publikum unnötigen Aufregungen auszusetzen. Immerhin – ein ausgesprochener Moralapostel wird Verhoeven in diesem Leben wohl nicht mehr.

8/10

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