DIE WANNSEEKONFERENZ / CONSPIRACY

„Wo gehobelt wird, fallen Späne.“ / „Politics is a nasty game.“

Die Wannseekonferenz ~ BRD 1984
Directed By: Heinz Schirk
Conspiracy (Die Wannseekonferenz) ~ UK/USA 2001
Directed By: Frank Pierson

Entgegen meiner üblichen Gewohnheiten der Filmtagebuchpflege gibt es hier ausnahmsweise einmal eine Gegenüberstellung, da eine solche sich nicht nur des identischen historischen Sujets der beiden betrachteten Filme, sondern auch ihrer evidenten Gemeinsamkeiten und Differenzen wegen mehr als anbietet.

Am winterlichen Vormittag des 20. Januar 1942 empfängt SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich (Dietrich Mattausch/Kenneth Brannagh), von Reichsmarschall Hermann Göring bereits ein halbes Jahr zuvor mit dem Anliegen der „Endlösung der Judenfrage“ betraut, fünfzehn hochrangige Sekretäre und Beamte aus dem Dunstkreis von Regierung, Polizei und Militär zu einer streng geheimen Konferenz in einer Villa am Berliner Wannsee. Heydrich trifft vor Ort als Letzter ein und schreitet zur Darreichung von Häppchen und Alkoholika unmittelbar zur Tagesordnung, sein derzeitiges Hauptaufgabengebiet betreffend. Es soll darum gehen, den von dem ebenfalls anwesenden Obersturmbannführer Adolf Eichmann (Georg Bröckmann/Stanley Tucci) minutiös ausgearbeiteten Plan zur totalen Vernichtung zunächst der europäischen Juden den Beisitzern nicht nur vorzustellen, sondern sich, gegebenfalls auch unter Befleißigung notwendiger Druckmittel, deren Kenntnis und Einverständnis hinsichtlich jener Planung einzuholen. Während die Einsatzgruppen der SS in den eroberten Gebieten im Osten bereits den hundertausendfachen Massenmord praktizieren, sollen die Konzentrationslager in Deutschland und dessen Anrainergebieten, allen voran Auschwitz-Birkenau, mit der Installation hochproduktiver Gaskammern und Verbrennungsöfen dafür sorgen, auch die noch in West-, Süd- und Mitteleuropa beheimateten jüdischen Familien möglichst rasch zu dezimieren. Zudem werden das Deportationssystem („Evakuierung“, wie Heydrich die geplante Verschleppung nennt) und die dazu gehörige Infrastruktur erörtert. Auch darum, ob „Halb-“ oder „Vierteljuden“ möglicherweise ein Überlebensanrecht hätten, geht es in der Sitzung, ebenso um mögliche Ausrottungsalternativen wie Zwangssterilisation. Nach knapp neunzig Minuten ist die Konferenz beendet. Sämtliche Anwesende stimmen Heydrichs und Eichmanns Eröffnungen zu.

Von der Wannseekonferenz, der ersten von insgesamt drei Sitzungen des Jahres 1942, die sich mit der systematischen Judenvernichtung befassten und die jeweils unter dem Siegel „Geheime Reichssache“ abgehalten wurden, blieb lediglich eine einzige Protokollabschrift erhalten und zwar jene, die sich im Besitz des Unterstaatssekretärs Martin Luther befand. Nachdem dieser an einem Putschversuch gegen Ribbentrop beteiligt gewesen war und inhaftiert wurde, lagerte man die in seinem Büro befindlichen Akten aus – darunter versehentlich auch die Protokollkopie, deren Echtheitsgrad Holocaustleugner bis heute nur allzu gern anzweifeln und als Argumentationsgrundlage heranziehen.
Diese die ungeheuerliche Systematik des Genozids ins Spiel bringende Konferenz wurde also im Abstand von 17 Jahren zweimal zum Sujet eines Fernsehfilms gemacht – 1984 von Heinz Schirk im Rahmen eines deutschen Fernsehspiels vom Bayrischen Rundfunk und 2001 als wesentlich stilisierterer und gewiss auch teurerer TV-Film von HBO.
Um es gleich vorwegzunehmen, ist Schirks Version der Ereignisse die etwas gelungenere, was nicht zuletzt auf die naturgemäß authentischere Verwendung von Sprache und Habitus zurückzuführen ist. Schon die Filmgeschichte lehrt uns unmissverständlich, dass die wirklichkeitsgetreuesten Nazis oder zumindest das, was man sich als Spätgeborener landläufig darunter vorstellt, stets von deutschen Darstellern interpretiert wurden und werden. Zudem steht Schirk ein famoses Ensemble zur Seite – neben dem seine Herrenmenschenautorität so bedrohlich wie unübertrieben ausspielenden Mattausch als Heydrich und Böckmann als eher duckmäuserigen Bürokraten Eichmann bietet er die ansonsten eher fröhlich stimmenden Gesichter von Jochen Busse, Robert Atzorn oder Harald Dietl auf, ebenso wie die eher als Synchronsprecher bekannten Friedrich Georg Beckhaus, Reinhard Glemnitz, Franz Rudnick und Hans-Werner Bussinger. Dieses Ensemble eignet sich, wie sich zeigt, bestens um die „Banalität des Bösen“ zu illustrieren. Gesetzte Herren um die 40 bis 50 in brauner Uniform und grauem Zwirn, gut gelaunt und durstig, dabei kriecherische Diktatsfunktionäre und ideologisch pervertiert bis unter die Hutkrempe, sitzen sie beisammen, machen flaue Herrenwitze, lachen und reiben ihre Hierarchiegeweihe aneinander, während sie wie beiläufig den Planmord an Millionen von Menschen organisieren.
Frank Piersons Herangehensweise ist erwartungsgemäß eine andere. In blaugrauen, monochromen Tönen steht „seine“ Wannseevilla in dichtem Schnee und lassen die – natürlich nicht minder qualifizierten – Darsteller, allen voran Tucci und Brannagh, keinen Zweifel daran, dass die von ihnen interpretierten Männer mehr Monster denn Menschen waren, eiskalte, machtbesessene Monster, deren Aufgabe während der Konferenz weniger Präsentation und Überzeugungsarbeit denn bloße Einschüchterung sind: wer nicht mitspielt, wird rasch und sauber abserviert. Daran lässt inbesondere Brannaghs Heydrich, ein Nazi, wie Hollywood ihn sich auszumalen pflegt, geschniegelt und diabolisch bis ins Mark (und damit doch sehr anders als sein weitaus weniger theatralischer Vorgänger Dietrich Mattausch), keinen Zweifel.
Was das Potenzial ihrer erschreckenden Konsequenz anbelangt, nehmen sich beide Filme wenig. Sie beide sind, infolge ihres Topos gewissermaßen ohnehin dazu verpflichtet, immens konzentriert in punkto Raum- und Zeitgestaltung, haben in diesem Zusammenhang etwas von verfilmtem Theater, verzichten auf Konservenmusik und sind doch sehr unterschiedlich gestaltet. Und hätte man bei Piersons Version nicht stetig das sich unwillkürlich hinterrücks anschleichende Gefühl, Zeuge einer Versammlung von Bond-Bösewichten zu sein, könnte man diese sogar fast so schätzen wie die von Schirk. Ihren unbestreitbaren didaktischen Wert haben sie jedenfalls beide.

8/10 // 7/10

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