WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN

„I am the context.“

We Need To Talk About Kevin ~ Großbritannien/USA 2011
Directed By: Lynne Ramsay

Der Teenager und Schüler Kevin Khatchadourian (Ezra Miller) landet im Gefängnis, nachdem er seinen Vater Franklin (John C. Reilly), seine jüngere Schwester Celia (Ashley Gerasimovich) und, im Zuge einer sorgfältig vorausgeplanten Aktion, diverse Mitschüler ermordet hat. Kevins Mutter Eva (Tilda Swinton), die von den meisten ihrer Mitbürger wie eine Aussätzige behandelt, bespuckt und tyrannisiert wird, nachdem sie mithilfe eines Anwalts ein offenbar günstiges Gerichtsurteil für Kevin erstritten hat, lässt die gesamte Biographie ihres Sohnes Revue passieren.

Die britische Autorin Lionel Shriver schreibt vornehmlich Romane zu ebenso bewegenden wie unangenehmen Themen, denen sie häufig mit einer Mischung aus schwarzem Humor und einer analog dazu eher finsteren sozialen Prognostizierung begegnet. Ihr 2005 erschienener Roman „We Need To Talk About Kevin“ wurde wie im Hinblick auf ihren kreativen Ausstoß üblich recht kontrovers aufgenommen und besprochen. Das Interesse an einer Filmadaption entbrannte quasi mit dem Veröffentlichungstag, wobei das folgende, unübersichtliche Hinundher die Produktion stark verzögerte.
„We Need To Talk About Kevin“ macht es weder sich noch seinen Protagonisten leicht; weniger als die psychologische Anamnese eines jugendlichen Massenmörders handelt es sich um die Charakterisierung seiner Mutter, einer Frau, die die Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen und persönlichen Lebenserwartungen bereits mit der Geburt ihres Sohnes auf das Bitterste zu spüren bekommt. Es ist gut, dass sich die Geschichte nicht um den analytischen Blickwinkel oder gar um Antworten schert; sie observiert lediglich, wenngleich aus sehr zuspitzter Perspektive. Eva, eine weltoffene, libertine Frau, kann keine mütterliche Liebe für ihr Kind aufbringen, vielmehr symbolisiert es für sie den Beginn einer immensen Verantwortlichkeit, die sie in Ketten zu legen droht. Plötzlich ist da Familie, da sind Verbindlichkeiten, Dinge, die so gar nicht zu dem passen wollen, was sie unter „Freiheit“ versteht. Dass Kevin sich nebenbei schon früh zu einem wahren Wechselbalg entwickelt, das tatsächlich so etwas wie einen Hang zum Bösen kultiviert, könnte eine zusätzliche Verschärfung der Situation sein oder eine emotionale Reaktion des sensiblen Kindes auf die heimliche Ablehnung der Mutter. Auch hier verzichtet der Film stolz erhobenen Hauptes auf Paraphrasierung und Formelhaftigkeit, die sich doch so sehr anböten. Wo Kevin bei seiner Mutter vornehmlich Kälte erfährt, lässt er sie seinen ewig leuchtenden Protest spüren: er ist ein Schreibaby, weigert sich später vorsätzlich, trocken zu werden, macht Dinge kaputt, die seine Mutter liebt und wickelt den naiven Vater um den kleinen Finger. Später kommt es zu offenen Aggressionen und Verletzungen; als Kevins Schwesterchen Celia, nebenbei ein bezauberndes, kleines Mädchen und von allen (außer Kevin) geherztes „Wunschkind“, ein Auge verliert, weiß Eva instinktiv, dass es sich dabei nicht, wie allgemein angenommen, um einen Unfall gehandelt haben kann. Noch mehr als die Unfähigkeit, zärtliche Nähe zu Kevin aufzubauen, zermürben Eva jedoch die eben damit einhergehenden Schuldgefühle. Umso tapferer erträgt sie die sich nach Kevins furchtbarem Mordzug einstellenden Konsequenzen, die sie wie eine natürliche Strafe für alle früheren Versäumnisse annimmt – so es sich denn überhaupt um solche handelt. Am Ende haben diese beiden, sich seit jeher hassenden Menschen nurmehr einander: der Junge, der viele Menschen umgebracht hat und seine Mutter, die sich die Schuld dafür gibt. Zum ersten Mal glimmt so etwas wie Verständnis zwischen ihnen auf. Der Weg dorthin ist gepflastert mit Blut.

8/10

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