SWEET VIRGINIA

„Do I need to tell you what’s gonna happen if I don’t get the money?“

Sweet Virginia ~  CA/USA 2017
Directed By: Jamie M. Dagg

Der frühere Rodeo-Champ Sam Rossi (Jon Bernthal) hat sich nach einer bewegten Vergangenheit in Alaska niedergelassen und dort ein Motel mit dem wehmütigen Namen „Sweet Virginia“ eröffnet. Die ganzen Sympathien des stillen, zurückhaltenden Mannes gelten der bei ihm jobbenden Schülerin Maggie (Odessa Young) und der verheirateten Lila (Imogen Poots), mit der Sam eine heimliche Affäre pflegt. Als der etwas aufdringliche Motelgast Elwood (Christopher Abbott) sich als Auftragsmörder erweist, der zunehmend nervös auf seine Bezahlung wartet, begeben sich die Dinge Richtung Eskalation…

Etwas sarkastischer, etwas weniger melancholisch vielleicht und dies hier wäre ein typischer Coen-Film geworden, wie sie ihn vor zwanzig, dreißig Jahren hätten inszenieren mögen. Dagg lässt sich für ein Minimum an Plot ein gerütteltes Maß an kontemplativer Zeit und erwartet von seinem Publikum, dass es sich in den von ihm so gemächlich vorangetriebenen, personellen und lokalen Mikrokosmos fallen lässt.
Das Kleinstädtchen, in dem sich „Sweet Virginia“ entblättert, liegt nicht nur regional betrachtet ziemlich weitab vom Schuss; es scheint durch die umliegenden Berge symbolisch getrennt vom Rest des Landes. Ein Gewaltakt zu Beginn des Films, dem drei Männer in einem Diner zum Opfer fallen, wird fortan wuchtig als „Massaker“ bezeichnet – so etwas erlebt man hier nicht alle Tage. Fraglos wird sich bald erweisen, dass zwei trauernde Witwen (Poots, Rosemarie DeWitt) mit dem Dreifachmord unmittel- und mittelbar in Verbindung stehen; eine von ihnen ist gar die Auftraggeberin des Killers mit der viel zu kurzen Zundschnür. Interessant wird es, wenn ebenjener und der stille, zum morgendlichen Aufwachen erstmal ein Graspfeifchen rauchende Held sich kennenlernen und sich ein merkwürdiges, symbiotisches Verhältnis zwischen ihnen entspinnt. Projektionsflächen eröffnen sich, Reziprozitäten, die sich in jeweils krisengeschüttelten Biographien widerspiegeln. Wo der eine versucht, seiner Vergangenheit zu entfliehen, ist der andere nicht in der Lage, gänzlich mit ihr abzuschließen. Es braucht ihrer beider Konfrontation, um sich wechselseitige Erlösung zu verschaffen. Den Weg dorthin bereitet Dagg allerdings als recht spröde Chronik, deren Explosivität bis zur finalen Entladung ganz tief unten vor sich hin brodelt.
Jon Bernthal gefällt mir mit jedem Mal, da ich ihn sehe, etwas besser. Mit seinem kantigen Charakterkopf und der Boxernase scheint er für gebrochene Heldenfiguren geradezu prädestiniert, was ja nunmehr auch großflächig erkannt und genutzt wird. Wie seine traurigen Augen unter den von Vollbart und Krauskopf zugewuchertem Gesicht nur ganz selten mal hervorblitzen, das ist nichts Geringeres denn minimalistische Schauspielkunst auf dem Höhepunkt.

8/10

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BRAWL IN CELL BLOCK 99

„Prison will give me plenty ‚o time on guys that I don’t like.“

Brawl In Cell Block 99 ~ USA 2017
Directed By: S. Craig Zahler

Um die Ehe mit seiner frustrierten Gattin Lauren (Jennifer Carpenter) zu retten, lässt sich der faustmächtige Bradley Thomas (Vince Vaughn) auf die Lohnliste des Dealers Gil (Marc Blucas) setzen. Das Arrangement geht eine zeitlang gut, bis eine Transaktion zwischen Gil und dem undurchsichtigen Eleazar (Dion Mucciacito) im Hafen gründlich schief läuft und Thomas in der Folge einwandert. Im Knast wird er flugs erpresst – von Eleazar, der die schwangere Lauren entführt hat und droht, sie zu töten, wenn Thomas nicht dafür sorgt, in das Hochsicherheitsgefängnis Redleaf verlegt zu werden, um dort einen Insassen namens Christopher Bridge zu ermorden. Dafür muss Thomas wiederum zunächst in das Kellergeschoss von Redleaf, Cell Block 99, gelangen. Über Umwege dort angelangt, stellt Thomas fest, dass man ihn schwer gelinkt hat.

Nach dem Kannibalenwestern „Bone Tomahawk“ erweist sich S. Craig Zahler neuerlich als das, was ich gern als „Referentialregisseur“ bezeichnen möchte und setzt sich damit endgültig in direkte Genealogie zum Schaffen eines Quentin Tarantino. Die (Re-)Aktivierung arrivierter Altstars, die Bedienung klassischer Genresujets und die unablässige Liebäugelei mit Grindhouse und Exploitation sprechen Bände.
Freilich gibt es jedoch auch eindeutige Differenzen, respektive Eigenheiten, die Zahler in diversen Nuancen vom großen Vorbild abheben. Zunächst ist er sehr viel mehr Freund von visueller Kommunikation denn von unablässig stattfindendem Dialog, was seine rein filmische Sprache um Einiges bestimmender erscheinen lässt. Dann erweist sich Zahler als sehr viel aufrichtiger, was seinen Einsatz von visuellen Bräsigkeiten anbelangt – für den Mainstream, mit dem Tarantino insgeheim ja spätestens seit seinem zweiten Film liebäugelt, sind Zahlers Filme schlicht zu deftig und zu underground-affin. Damit ist er jedoch gewissermaßen auch ehrlicher zu seinen kreativen Wurzeln, die nicht nur im amerikanischen Drive-In-Kino liegen, sondern auch bei den europäischen Exporteuren der Spätsiebziger und Frühachtziger, die die Grenzen zwischen körperlicher Auflösung und Grand Guignol in blutigem Schmodder zerfließen ließen. „Brawl In Cell Block 99“ wird nur selten hart, aber wenn, dann richtig und ohne Kompromissbereitschaften.
Die Idee, den staturisch ja überaus beeindruckenden Vince Vaughn in die Ahnenreihe der neuen Selbstjustiz-Superhelden zu setzen, die durch fast nichts aufzuhalten sind und ihre Gegner ebenso fachgerecht wie mit stoischer Miene in überwältigender Zahl ins Jenseits schicken, erweist sich bereits in den ersten Minuten des Films als zwingend. Man ist, spätestens, wenn er seine Wut über ihren Betrug am Auto seiner Frau auslässt, gar geneigt, zu fragen, warum Vaughn überhaupt so lange im Comedy-Fach verweilte, wo doch eine ähnlich sublime Aggressivität in ihm zu schlummern scheint wie in seiner Filmfigur.
Einen Originalitätspreis wird man „Brawl In Cell Block 99“ nun nicht zugestehen können, dafür assimiliert er sich dann doch zu sehr und zu willfährig an gängige Strukturen und Schemata. Aber er ist ein knackiges, vitales Stück Kino, das fesselt und Spaß macht, wenn man sich zumindest eine kleine Affinität zu stürmisch aufbrausenden Gewaltfantasien mit gepflegtem Horrortouch bewahrt hat.

8/10

THE CRUCIFIXION

„Remember: You’re weak because you have no faith!“

The Cucifixion ~ USA/UK/RO 2017
Directed By Xavier Gens

Die Jungjournalistin Nicole Rawlins (Sophie Cookson), die einst ihre Mutter durch eine schwere Krankheit verloren und daran bis heute zu knabbern hat, überredet ihren Onkel und Chefredakteur (Jeff Rawle), sie für eine spektakuläre Story nach Rumänien zu schicken. Dort soll der Provinzgeistliche Dimitru (Catalin Babliuc) einen Exorzismus an der Nonne Adelina (Ada Lupu) durchgeführt haben, woraufhin diese verstarb. Dimitru ist nun des Mordes angeklagt, bleibt jedoch felsenfest bei seiner Version der Geschichte, derzufolge der Dämon Schwester Adelina auf dem Gewissen hat. Nach einigen höchst seltsamen Vorgängen muss die Erzatheistin Nicole schon bald ihre Ansichten zur Spiritualität überdenken und findet in dem jungen Vater Anton (Cornelio Ulici) einen treuen Freund für ihre folgende Mission.

Dafür, dass Xavier Gens ein solch spärlicher Regiearbeiter ist, lässt seine Zielsicherheit im Hinblick auf die Auswahl der zu bearbeitenden Stoffe doch geflissentlich zu wünschen übrig. Mit Ausnahme seiner denkwürdige Hillbilly-Blutoper „Frontière(s)“ blieb und bleibt da vergleichsweise wenig im Filmgedächtnis haften; ein Schicksal, das auch dem zumindest inhaltlich furchtbar unoriginellen „The Crucifixion“ bald ereilen wird. Die Story heftet sich, natürlich unter Berufung auf einen authentischen Fall, der sich 2005 im ruralen Rumänien ereignet hat und bei dem ein Priester und vier Nonnen, die eine junge Schwester trotz fachärztlicher Schizophrenie-Diagnose einer Teufelaustreibung unterzogen hatten, wegen Mordes angeklagt und verurteilt wurden. Eine spätere Untersuchung ergab, dass das Opfer nicht infolge der indizierten, körperlichen Misshandlungen durch die Geistlichen, sondern durch eine Überdosis Adrenalin im sie abtransportierenden Krankenwagen verstorben war. Erst durch die nachträgliche Beschäftigung mit dem Thema habe ich erfahen, dass sich der rumänische Filmemacher Cristian Mungiu bereits vor einigen Jahren jener Ereignisse in Spielfilmform angenommen hat – schätzungsweise um Einiges seriöser und sehenswerter, was ich in Bälde überprüfen werde.
Dass das relativ eingeschränkte Exorzismus-Subgenre im Horrorfach noch immer um neue Beiträge ergänzt wird, sollte eigentlich bereits als immanente Warnung hinreichen; in diesem Falle lockte mich jedoch der Name des Regisseurs in zugegeben etwas blauäugiger Erwartung etwas besserer Lieferung. Immerhin lässt sich Gens zugeben, dass seine sehr traditionspflegende Inszenierung noch das mit einigem Abstand Beste an „The Crucifixion“ ist. Bildfluss und Montage bleiben fließend und dabei angemessen zurückhaltend, auf wilde Found-footage-Orgien verzichtet Gens dankenswerterweise komplett, wenn ihn auch drei, vier jump scares haben schwach werden lassen. Aber okay. Ich musste bei den Besuchen der Heldin in der rumänischen Provinz zudem häufig an den zauberhaften „Howling II“ denken, in dem bereits die sich doch stark hintergebirgig ausnehmende Landbevölkerung mit ihren überalterten Folkloreritualen wesentlich furchteinflößender ausnimmt als der übernatürliche content des Ganzen. So gibt es auch in „The Crucifixion“ ein volkstümliches Maskenfest, das in seiner diffusen Unheimeligkeit um Einiges gruseliger daherkommt als das effektlastige Finale mit seiner ziemlich stupiden Befürwortung christlicher Treue und Glaubensstärke. Überhaupt mag ich es nicht leiden, wenn fiktive Stoffe versuchen, ihre Protagonisten und somit gewissermaßen auch ihre Rezipientenschaft zielgerichtet zu oktroyieren. Dass „The Crucifixion“ jedoch just in diese Kerbe schlägt, kostet ihn – bedauerlicherweise – eine Masse an Sympathiepunkten.

5/10