THE PUNISHER: SEASON 1

„Welcome home, Frank.“

The Punisher: Season 1 ~ USA 2017
Directed By: Tom Shankland/Andy Goddard/Antonio Campos/Kevin Hooks/Marc Jobst/Jim O’Hanlon/Kari Skogland/Stephen Surjik/Dearbhla Walsh/Jeremy Webb/Jet Wilkinson

Nachdem Frank Castle (Jon Bernthal) die mutmaßlich letzten der an der Ermordung seiner Familie beteiligten Gangster erledigt hat, fristet er erin tristes, einsames Leben als Bauarbeiter „Peter Castiglione“. Es dauert jedoch nicht lang, bis er neuerlich in Reichweite des organisierten Verbrechens gerät und das zu tun gezwungen ist, was er am Besten beherrscht. Durch seine Aktion wird der im Untergrund lebende Hacker David Lieberman (Ebon Moss-Bachrach) auf ihn aufmerksam und Frank damit mit ganz neuen, unbekannten Fakten über den gewaltsamen Tod seiner Lieben aufgeklärt: Offenbar ist er während seiner Zeit als US-Marine bei einem verdeckten Einsatz in Kandahar Zeuge höchst illegaler Militäroperationen geworden und sollte als unliebsamer Mitwisser beseitigt werden. Doch nicht nur sein bald von Franks Überleben in Kenntnis gesetzter, früherer Vorgesetzter Rawlins (Paul Schulze) wird zu einem Problem, auch die umtriebige Militärpolizistin Madani (Amber Rose Revah) und ein durchgedrehter Veteran (Daniel Webber) machen dem Punisher zu schaffen. Zeit, das Totenkopf-Symbol zu reaktivieren…

Den Punisher, eine von Marvels beliebtesten Figuren, zum Hauptcharakter einer eigenen Serie zu machen, erweist sich rückblickend als mäßig dankbarer und sehr viel mehr rein kommerziellen Erwägungen geschuldeter Einfall. Das sich ferner als problematisch herausstellende Formgerüst der sich auf dreizehn Episoden kaprizierenden MCU-Serien versagt hier zudem noch mehr als ohnehin schon. Dennoch lässt sich mit „The Punisher“ insgesamt wieder ein wenn auch kleiner Aufschwung im Vergleich zu den jüngsten, entsprechenden Formaten verzeichnen.
Die eine große Schwäche des Netflix-Projekts, und diesbezüglich haben alle drei Kinofilme die Nase eindeutig vorn, liegt darin, Frank Castle ein psychologisch facettenreiches Fundament zu verschaffen. Das jedoch hatte der Autor Garth Ennis im Zuge seiner kürzeren und längeren „Punisher“-Strecken bereits allumfassend besorgt: Bei ihm zeigte sich, dass Castle ein prinzipiell grundgestörter Mensch war, der nicht erst durch die Ermordung seiner Frau und der beiden Kinder zum Killer wurde, sondern der sich bereits im Kriegskontext, einer Situation also, die Massenmord gewissermaßen legitimiert, als viehischer Schlächter erwiesen hatte und für den das heimatliche Verlusterlebnis lediglich eine finale Sollbruchstelle darstellte, um seinen beispiellosen Vigilantenkrieg zu entfesseln. Das organisierte Verbrechen hat Frank Castle erst gar nicht zu suchen, um mit ihm auf Konfrontationskurs zu gehen; das besorgt er nunmehr seit langem selbst. Des Punishers langfristiges Ziel besteht nicht in privater Rache, sondern in nichts weniger als darin, das Verbrechen auf globaler Ebene auszurotten; eine Mission, die gezwungenermaßen mit Bergen von Leichen einhergeht. Der Serien-Punisher pflegt ein solches Denken nicht – oder zumindest noch nicht, wie die eine oder andere Ableitung es nahelegt. Hierin sind die Motive für Frank Castles mörderischen Aktionismus (ähnlich wie in Jonathan Hensleighs 04er-Adaption) noch rein persönlicher Natur. Hinter der tödlichen Eiseskälte verbirgt sich noch immer ein menschliches, verletzliches Wesen, das Nähe begreift, zulässt und einstigen Emotionen und Intimitäten zumindest noch in Geist und Herzen nachhängt. Mit Ausnahme einer grandiosen Schlüsselsequenz in der dritten Episode, die während des Afghanistan-Einsatzes den schlummernden Psychopathen hinter der Fassade des Familienvaters zeigt und weiteren, kleineren hints, die das zunehmende Übergewicht einer längst latent vorhandenen PTBS (ohnehin ein zentrales Thema der Reihe) pronocieren, lässt hier noch vergleichsweise wenig auf die wortkarge Killermaschine schließen, zu der der Comic-Punisher (und übrigens auch der bei Goldblatt und Alexander) längst geworden ist.
Die Subplots um Agent Madani, Franks einbeinigen Mitveteranen Curtis Hoyle (Jason R. Moore), Franks merkwürdige Annäherung an Liebermans permanent von ihm überwachte Familie und vor allem jener um den verwirrten Bombenleger Lewis Walcott verlangsamen indes das pacing beträchtlich, rauben ihm einen Großteil seiner Konzentration und Wirkmacht. Ganze Episoden bleiben blass bis fad, während andere zum Besten zählen, was das Netflix-MCU bis dato überhaupt zu bieten hat. Erst gegen Ende, wenn sich die schwelenden Konfrontationen endlich entladen, Frank sich „seinen“ neuen Jigsaw (Ben Barnes) kreiert, der ihm dann wohl in Season 2 das Leben schwermachen dürfte und der Punisher endlich zu sich und seiner ursprünglichen Mythologisierung findet, entwickelt das Format eine Sogkraft, die man sich in dieser Intensität schon sehr viel früher gewünscht hätte. Glücklicherweise nehmen die entsprechenden Höhepunkte in der etwas distanzierten Erinnerung die überwältigende Majorität ein und lassen „The Punisher“ schlussendlich und unter dem Strich als überzeugend dastehen. Dennoch bleibt die Serie in der Summe recht weit unter ihren Möglichkeiten, die sich eben nur in Form einzelner gesetzter Spitzen äußern. Etwas schade ist das schon.

7/10

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