SILENCE

„Go on, pray. But pray with your eyes open.“

Silence ~ USA/UK/I/J/TW/MEX 2016
Directed By: Martin Scorsese

Um den Verbleib des Missionars Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) zu klären, reisen die zwei jungen, portugiesischen Jesuiten-Pater Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garupe (Adam Driver) im Jahre 1638 nach Japan. Vor Ort erweist sich die Situation für Christen und einheimische Konvertiten als höchst brisant: Eine hiesige Inquisitionsabteilung betreibt eine gnadenlose Verfolgung der abendländischen Religionsstifter und der regionalen Christen und macht sich dafür Folter und Hinrichtungen zunutze. Das langfristige Ziel, die Wiederausrottung des Christentums in Japan, versucht der mächtige Inquisitor Inoue (Issei Ogata) durch die sukzessive Bekehrung der europäischen Missionare. Nach einer längeren Reise zwischen Versteck und Flucht gerät Rodrigues schließlich in die Hände Inoues, der ihn mit allerlei Zermürbungstaktiken zur Abkehr von seinem Glauben treiben will. Garupe stirbt derweil bei einem Versuch, das Ertränken japanischer Christen zu verhindern. Die Gerüchte um Ferreiras Apostasie erweisen sich indes als höchst zutreffend. Schließlich schwört auch Rodrigues nach immer harscher werdenden Folterungen öffentlich dem Christentum ab und ist fortan gezwungen, als Japaner und unter japanischem Namen zu leben.

Der Wunsch nach einer eigenen Filmadaption des Roman „Chinmoku“ von Endō Shūsaku trieb Scorsese bereits lange Jahre um, bevor er das Projekt nach einigen Fehlstarts endlich realisieren konnte. Scorsese, für den Wohl und Wehe des Christentums, des Glaubens und des Katholizismus stets ein künstlerisches Zentralmotiv bildete, konnte sich damit nach langer Zeit einen kreativen Traum erfüllen, dessen ehrgeizige Entschlossenheit im Rücken stets spürbar bleibt. Der Topos von der unerbittlichen Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts, die vor allem aus außenpolitischen Gründen zunehmend radikal praktiziert wurde, erweist sich mit Betrachtung des Films denn auch tatsächlich als fruchtbarer Stoff für ein reiches Kinodrama. Wo frühere historische culture clash epics wie „Shogun“ oder „Tai-Pan“ versuchten, ein wechselseitiges Verständnis der globalkulturellen Antipoden zumindest im Keim zu evozieren, bemüht sich Scorsese um ein sehr viel realistischeres, gänzlich entromantisiertes Zeitporträt. Von Anfang an stehen die nach Japan entsandten, europäischen Glaubensstifter hier auf verlorenen Posten; nach einer vorausgehenden, anfänglichen Öffnung gegenüber dem westlichen Einfluss hatte Japan unter dem Feudalherrscher Tokugawa Ieyasu gegen sämtliche Missionierungsversuche vor allem seitens der Spanier und Portugiesen dichtgemacht und sorgte nun mithilfe inquisitorischer Organisation für eine großflächige Re-Konvertierung der Einheimischen, sowie, im besten Falle, die Apostasie der westlichen Immigranten. Diese wurde durch psychischen wie physischen Druck und Folter erreicht: Zum Zeichen ihres ernstgemeinten Glaubensverzichts hatten die abtrünnig gewordenen Christen auf ein Kruzifix zu treten oder ein Bildnis der Jungfrau Maria zu bespucken. Mit der späteren Einbürgerung und Assimilation der Abendländer erfolgte ein weiteres Signal des Triumphs der japanischen Unbeugsamkeit wider die missionarischen Bestrebungen der katholischen Kirche.
Gleichermaßen Leitmotiv wie interessante Figur in „Silence“ ist die des Japaners Kichijiro (Yôsuke Kubozuka), der vortreflich die Zerrissenheit zwischen den diametralen Oktroyanten Kirche und Feudalsystem personifiziert. Zunächst bekehrt, schwörte Kichijiro dem Christentum als einziges Mitglied seiner Familie wieder ab (die anderen wurden hingerichtet) und führt nun ein Leben als entwurzelter Entehrter, vom Paulus zum Saulus. Immer wieder begegnet Rodrigues Kichijiro, der ihn mal verrät und ihn mal um Absolution anfleht, je nach gegenwärtiger Lage. Bis zu seinem Ende wird er heimlich ein Kreuz bei sich tragen. Im Charakter Kichijiros findet sich ein waches Bild für die damalige Ausbreitung des Christentums: Einem exotischen Virus gleich sorgte es einst für Chaos und Identitätsverlust. Ob dies eines der von „Silence“ intendierten Postulate ist, weiß ich nicht recht. Empfangen habe ich die Botschaft so oder so.

8/10

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