BRIMSTONE

„I am as God. He is as I am.“

Brimstone ~ USA/UK/NL/BE/F/S/D 2016
Directed By: Martin Koolhoven

Für die stumme Farmerfrau Liz (Dakota Fanning) kehrt ein längst begraben geglaubter Albtraum zurück, als ein neuer Prediger (Guy Pearce) in ihrem Heimatstädtchen auftaucht. Bei dem Fremden handelt es sich um Liz‘ Vater, einen wahnsinnigen Perversen und religiösen Fanatiker, vor dem sie seit ihrer Jugend auf der Flucht ist und der sie immer wieder aufspürt, um ihr das Leben aufs Neue zur Hölle zu machen.

Martin Koolhovens infernalische Passionsgeschichte um eine junge Frau, die den langen, unverwüstlich scheinenden Klauen ihres teuflischen Vaters allen Versuchen zum Trotze nicht entkommen kann, ist gewiss kein eitles Zuckerschlecken für den Rezipienten. Vielmehr findet sich dieser als hilfloser Zeuge eines streng in vier Akte unterteilten, rund zweieinhalbstündigen Höllenritts, der uns die Biographie einer Heldin darlegt, wie sie trauriger und erschütternder kaum sein könnte. Von frühester Kindheit an ist Liz, die eigentlich Joanna heißt und die Tochter niederländischer Emigranten ist, daran gewöhnt, dass ihre Mutter (Carice van Houten) unter den unerträglichen Züchtigungen und Erniedrigungen ihres erzpuritanischen Vaters zu leiden hat. Als ihre Mutter sich ihren „ehelichen Pflichten“ mehr und mehr entzieht und Joanna mit dreizehn Jahren das Pubrtätsalter erreicht, schickt sich der Prediger an, sich die eigene Tochter sexuell gefügig zu machen und später zu ehelichen. Joanna kann jedoch nach einer ersten Vergewaltigung fliehen und landet völlig erschöpft in der Prärie bei einer reisenden Chinesenfamilie, die sie in der nächsten Stadt an einen Bordellbetreiber (Paul Anderson) verschachert, unter dessen „Fittichen“ das Mädchen die nächsten Jahre verbringt. Doch der Prediger macht sie schließlich ausfindig und mithilfe ihrer schwesterlichen Freundin und Leidensgenossin Elizabeth (Carla Juri) kann Joanna dem Wahnsinnigen abermals entkommen. Joanna nimmt die Identität der getöteten Elizabeth an und heiratet, so, wie ihre Freundin es ursprünglich heimlich geplant hatte, den entfernt lebenden, verwitweten Farmer Eli (William Houston). Doch auch hierher folgt der Prediger ihr nach einiger Zeit, wobei die sich nun Liz nennende Joanna heuer nicht mehr allein um ihr eigenes  Leben fürchten muss, sondern auch um das ihrer kleinen Tochter Sam (Ivy George).
Gegenwart, Vergangenheit, Vorvergangenheit und Gegenwart: Koolhovens Erzählweise seines mit den abgründigen Schrecknissen der menschlichen Seele arbeitenden Dramas ist nicht nur inhaltlich von komplexer Morbidität. Vielmehr nutzt er das traditionelle Format des Westerngenres, um sein stark von Laughtons „Night Of The Hunter“, Campions „The Piano“ und einigen anderen Werken um Leidenswege und -geschichten zwischen zertrümmerter Unschuld, Angst, Flucht, Emanzipation und Blutrache beeinflusstes, kraftvolles Horrormärchen um Bigotterie und multiple Höllenkreise zu lancieren. Die immer wieder an Bruegel und Bosch erinnernden, krassen Naturalismus nicht scheuenden Bilder sind bestimmt nicht für jeden; Koolhovens derbe Visionen von einem toten Baby mit zertrümmertem Schädel über einen Stall voller abgeschlachteter Schafe, strangulierte Menschen, Misshandlung, Pädophilie, Feuer und Verdammnis machen es einem nicht eben leicht, die finstere Schönheit von „Brimstone“ einzuzingeln und herauszufiltern. Und dennoch ist er genau das: ein ebenso gewaltiges wie gewalttätiges Beispiel großer unbequemer Kinokunst, ein apokalyptisches Menetekel, dessen Wirkmacht einen auch nach Tagen noch verfolgt und nicht aus dem Griff entlässt.

9/10

3 Gedanken zu “BRIMSTONE

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