THE MEG

„The cage won’t break.“

The Meg ~ USA/CH 2018
Directed By: Jon Turteltaub

Der lebenslustige Milliardär Jack Morris (Rainn Wilson) finanziert ein maritimes Forschungsprojekt im Südchinesischen Meer, das von dem Wissenschaftler Dr. Zhang (Winston Chao) und dessen Tochter Suyin (Bingbing Li) geleitet wird. Offenbar befindet sich unter einer Schicht aus Schwefelwasserstoff am Meeresboden in der Tiefsee ein unangetastetes, autarkes Ökosystem, in dem verschiedenste Organismen seit Jahrmillionen überlerben konnten. Nachdem ein Forschungs-U-Boot dorthin vordringt, gerät es sogleich in die Bredouille: Ein riesiger Megalodon, ein längst ausgestorben geglaubter Urzeit-Hai, attackiert und beschädigt das Schiff. Für die Rettungsaktion wird der vor einigen Jahren geschasste Profi Jonas Taylor (Jason Statham) hinzugezogen, der mit dem Megalodon – oder kurz Meg – zu allseitigem Unglauben bereits persönliche Erfahrungen gemacht hat. Es gelingt Taylor, fast alle Verunglückten zu retten, doch durch die hierfür notwendige Lücke in der Schutzschicht entkommt auch der Meg. Es gilt nun, das Monster unschädlich zu machen, bevor es allzu großen Schaden anrichten kann.

Der mit den Jahren wieder etwas aus dem kritischen Fokus geratene Scientologe Jon Turteltaub genoss noch nie das ausgesprochene Renommee, für ein Kino der wie auch immer gehobenen Ansprüche zu stehen. Als zwischenzeitliches Lieblingskind von Disney fertigte er in den 90er und 00er Jahren diverse familienfreundliche Fantasy-Filme, die mal mehr, mal weniger tendenziös auch seine persönlichen Überzeugungen trtansportierten, insbesondere den recht unleidlichen Geistesblitz-Trash „Phenomenon“ mit John Travolta. „The Meg“ war für mich ausschließlich deshalb von Interesse, weil er den Mut dazu aufbrachte, abseits von den für meinen Geschmack allzu abenzeuerlichen Syfy- und Asylum-Ergüssen endlich einmal wieder einen gefräßigen Riesenhai durch ein höher budgetiertes Leinwandspektakel schwimmen zu lassen. Was die Schauwerte und eine ganze Reihe hübscher, kleiner Ideen anbelangt, so lohnt der Film tatsächlich den Kinobesuch nebst 3D-Brille – vorausgesetzt zumindest, man mag monströse, fressgierige Meeresbewohner, und ist auch sonst bereit, sämtliche das anghängende Libretto flankierenden Prämissen zu akzeptieren. Ein kindliches Gemüt schadet gewiss ebensowenig. Als Acht- oder Neunjähriger hätte ich „The Meg“ ganz bestimmt innigst geliebt, so langte es immerhin zu einigen Schmunzeleien. Dem Film und seinem Script zugute halten kann man in jedem Fall, dass er seine Gratwanderung aus halbwegs ernstzunehmendem Monsterabenteuer und offenkundigem Tongue-in-cheek-Humor durchaus passabel meistert. Im Finale, in dem der Megalodon sich durch die Strandurlauber von Sanya Bay pflügt, kredenzt Turteltaub dann tatsächlich noch einige visuelle und komische Höhepunkte, die das vergleichsweise gemächliche pacing der ersten zwei Drittel wieder halbwegs wettmachen und, abgesehen natürlich von dem sehr jugendfreien Timbre der Gemengelage, in ihren besseren Momenten an das kunterbunte „Piranha“-Remake von Alexandre Aja und dessen Nachfolger erinnern.
Letztlich haben die vielen Jahre, in denen diese sehr freie Adaption der bislang nicht weniger als sieben Teile umfassenden Romanreihe von Steve Alten in der development hell schlummerte und in denen ich innig auf die Realisation des Projekts wartete, meine Erwartungen wohl zu gleichen Teilen hyperenthusiastisch und mürbe werden lassen. Der ultimative Monsterhai-Film abseits der „Jaws“-Tetralogie, den ich mir insgeheim erhoffte, das war mir irgendwann klar, würde ich mit „The Meg“ einmal mehr nicht zu sehen bekommen. Dass zumindest meine mittlerweile sehr gedämpfte Antizipation ihre Bestätigung fand, geht infolge dessen in Ordnung.

6/10

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THE BARRENS

„I’m so proud of you.“

The Barrens (Jersey Devil) ~ USA 2012
Directed By: Darren Lynn Bousman

Familienvater Richard Vineyard (Stephen Moyer) plant einen Campingausflug mit Frau Cynthia (Mia Kirshner), der siebzehnjährigen Tochter Sadie (Allie MacDonald) und Söhnchen Danny (Peter DaCunha) in die Barrens, ein gewaltiges Waldgebiet in New Jersey. Dort, so will es eine alte Legende, treibt schon seit Jahrhunderten der „Jersey Devil“ sein Unwesen – ein geflügelter Höllendämon mit gewaltigem Appetit. Vor Ort will Richard vor allem die Asche seines Vaters verstreuen, der die Gegend stets geliebt hat. Vom Beginn ihres Kurztrips an beginnt der eigentlich so ausgeglichene Richard, sich merkwürdig zu verhalten. Er explodiert aus nichtigen Anlässen, bekommt Fieber, scheint ernstlich krank zu werden. Zudem besteht er darauf, weitab von den übrigen Wochenendausflüglern zu campieren. Von diesen verschwindet bald einer mitten in der Nacht. Cynthia und Sadie kommt ein grauenvoller Verdacht…

Unerwartet qualitätsbewusstes und – dies sei bitte positiv aufgefasst – unangehmes Genrestück, das es versteht, seine diffus-ungemütliche Atmosphäre sukzessiv zu forcieren. Hat man sich einmal mit der (aus rein rationaler Perspektive zugegebenermaßen recht strapaziös hergeleiteteten) Prämisse abgefunden, dass die Ehefrau nicht sehr viel früher etwas gegen die irrationalen Verhaltensweisen ihres immer fahler werden Gatten unternimmt, läuft die Sache. Stephen Moyer, dessen Rolle als langsam durchdrehender Familienvater natürlich eine eindeutige Hommage an Jack Torrance in „The Shining“ darstellt, liefert eine wahrlich bravouröse Vorstellung ab, wenn er sich vom freundlich-biederen Vorstadt-Bourgeois ganz allmählich in einen schwitzenden, torkelnden und zähnefletschenden Berserker verwandelt, der sich im festen Glauben befindet, seine Familie vor dem Jersey Devil (der ihm dem Vernehmen nach bereits in Kindheitstagen begegnet ist) beschützen zu müssen. Parallel dazu schürt Bousman noch die Frage nach Richards tatsächlicher Schuld: Im Prolog wird bereits ein junges Pärchen (Shawn Ashmore, Athena Karkanis) von etwas Unbekanntem attackiert, das die hiesigen Ranger später als Bär zu identifizieren glauben. Zumindest kann Richard Vineyard also nicht das einzige Biest sein, das in den Barrens sein Unwesen treibt. Und würde er, bei aller Raserei, überhaupt so weit gehen, seine mutmaßlichen Opfer zu zerfleischen, respektive auszuweiden? Zwischenzeitlich erscheinen mehrere Lösungen probat, es könnte auch der spät ins Bild gerückte Puma sein, der hier etwas zuviel vom Guten nascht. Doch erst die letzten paar Einstellungen (sowie eine Post-Credit-Sequence, um die man bei der Betrachtung wissen sollte) geben dann endgültig Aufschluss über das wahrhaftig erfolgte, monströse Geschehen und halten sogar Potenzial für eine mögliche Fortsetzung bereit, die es leider bis dato nicht gibt. Ich täte mich ja freuen, wenn sich dies nochmal ändert.

7/10

PYEWACKET

„I can’t believe you want to kill your own mother.“

Pyewacket ~ CAN 2017
Directed By: Adam MacDonald

Für die pubertierende Teenagerin Leah Reyes (Nicole Muñoz) sind Schwarze Magie, gothic looks und Black Metal hauptsächliche Interessengebiete. Ihre depressive Mutter (Laurie Holden) kommt nicht über den Tod ihres Gatten und Leahs Vater hinweg, weshalb sie ihre Tochter nötigt, mit ihr in ein weit abgelegenes Haus in der Provinz umzusiedeln. Für Leah bedeutet das mittelfristig einen Schulwechsel und somit den Verlust ihrer Freunde. Nach einem heftigen Streit beschwört das Mädchen mithilfe eines ihrer Bücher einen Dämon, den Pyewacket, und beauftragt ihn, die Mutter zu töten. Es dauert nicht lang, bis Leah die überhastete Aktion bereut, doch der Pyewacket hat viele gemeine Tricks auf Lager.

Psychologisch konnotierte Horrorfilme über Teenager in der Identitätskrise gewinnen in jüngerer Zeit wieder besonders regen Zulauf. Der kanadische Schauspieler und Regisseur Adam MacDonald nimmt sich in seinem zweiten Kinostück nach dem an die Nieren gehenden „Backcountry“ genau dieses Themenkomplexes an und bringt ein Vexierspiel über das Verhängnis eskalierender Generationskonflikte sowie ein sich in ihrer Emotionalität verlierendes Mädchen, das eine verhängnisvolle, affektgesteuerte Entscheidung trifft und daran zerbricht. Ein veritabler Horrorfilm scheint mir „Pyewacket“ dabei allerdings bloß im übertragenen Sinne zu sein – MacDonalds Script ist so geschickt aufgebaut, dass bis zum Ende hin berechtigte Zweifel daran bestehen können (und vermutlich auch sollen), dass es den Pyewacket wirklich gibt. Schlüssiger erscheint mir da die alternative Option: Ihre psychische Zwangslage lässt Leah schizophren und jenen vermeintlichen Dämon zum Stellvertreter ihrer eigenen Aggressionen werden. Wir erfahren, dass Leah und ihr Vater eine besonders enge Beziehung zueinander hatten. Möglicherweise bildete die Mutter schon damals einen eifersuchtsbedingten Störfaktor für das Mädchen. Jetzt, da die männliche Ankerperson verlustig ist, bleibt nurmehr eine einzige, große Reibungsfläche zwischen den beiden Frauen, die sich immer wieder durch latenten Hass und böse Worte entlädt. Nun reicht allein der bloße, einmal formulierte und veräußerte Wunsch Leahs nach dem Tod der Mutter, um ihr auch noch das letzte Stück vorhandener Balance zu entreißen. Ohnehin spielt es am Ende eine untergeordnete Rolle, ob das Mädchen zur psychotischen Gewalttäterin wurde oder ein obskurer Dämon – Leah wird es so oder so auszubaden haben.
MacDonald vermag die nach seinem Erstling hoch gesteckten Erwartungen einzulösen. Auch sein Zweitwerk besticht durch inszenatorische Sorgfalt, aufrichtige Empathie für die Motivlagen seiner Figuren und eine großartige Schauspielführung. Tatsächlich könnte man nach meiner Wahrnehmung lediglich die etwas stereotyp gezeichnete Charakterisierung der Protagonistin und ihren Hang zu allerlei „verderblicher“ Subkultur in kritischeren Augenschein nehmen, aber das  ist letztlich Makulatur.
Schöner Film.

8/10

SCARLET STREET

„I never knew paint could grow.“

Scarlet Street (Straße der Versuchung) ~ USA 1945
Directed By: Fritz Lang

Für den treuherzigen, kleinen New Yorker Kassierer Christopher Cross (Edward G. Robinson) könnte das Leben rosiger sein: Seine garstige Frau Adele (Rosalind Ivan) hat ihn völlig unter der Knute und seine Gemälde, die er als Ausgleichshobby im stillen Kämmerlein malt, versteht niemand, dem er sie zeigt. Als er eines Nachts per Zufall die wesentlich jüngere Kitty (Joan Bennett) kennenlernt, ist es um Christopher geschehen. Hals über Kopf verliebt er sich in die Unbekannte, ohne zu wissen, was für ein verderbter Mensch sie wirklich ist: Kitty lebt von Tag zu Tag, ist dem losen Herumtreiber Johnny Prince (Dan Duryea) gewissermaßen hörig und beginnt auf dessen Geheiß, Christopher gnadenlos auszunehmen. Dieser weiß sich derweil nicht anders zu helfen, als Gattin und Boss (Russell Hicks) zu bestehlen. Als Prince versucht, Christophers Bilder abzustoßen, schlagen sie in der Kunstkennerszene ein wie eine Bombe. Allerdings gibt Kitty sich als Urheberin aus…

Als Komplementärstück zu dem kurz zuvor entstandenen „The Woman In The Window“ inszenierte Fritz Lang dieses Remake des französischen Dramas „La Chienne“ von Jean Renoir. Teile von Stab und Besetzung, darunter seine drei Stars Edward G. Robinson, Joan Bennett und Dan Duryea nahm Lang der Einfachheit halber gleich mit von der RKO zur Universal und besetzte sie alle in nahezu analogen Rollen: Robinson ist abermals als eigentlich liebenswerter, moralisch strauchelnder Herr in mittleren Jahren zu sehen, dem die von ihm begehrte Joan Bennett das Leben verkompliziert. Duryea schließlich kommt wiederum als öliger Hundsfott daher, dessen Aktionismen das unweigerliche große Verderben heraufbeschwören. Auch „Scarlett Street“ lässt sich relativ umweglos dem klassischen film noir zurechnen, wenngleich Polizisten, Gangster oder Detektive völlig absent sind. Die Geschichte repräsentiert sehr viel mehr das klassische Literaturmotiv des lächerlichen, alten Mannes, der über Lust und Verliebtheit, Gefühle, die ihm jahrzehntelang, wenn nicht gar zeitlebens fremd waren, jedwede Vernunft sausen und sich infolge dessen benutzen und instrumentalisieren lässt. Als er dann erkennt, wie ihm mitgespielt wurde, wird er zum affektbedingten Gewaltverbrecher und zerbricht schließlich an seiner Schuld. Eigentlich eine tieftraurige Moralreflexion, denn Helden kennt „Scarlet Street“ nicht. Man könnte beinahe behaupten, dass Cross in einer von grundauf lebensfeindlichen Umwelt, repräsentiert durch die ewig zwielichtige Großstadt und ihre Auswüchse, zu leben hat. Seine Gattin, eine schreckliche, alte Chimäre, ist die Boshaftigkeit in Person. Immerhin hat Cross später im Film die Chance, sie wieder mit ihrem vormaligen, totgeglaubten, in Wahrheit jedoch untergetauchten, ersten Mann (Charles Kemper) zusammenzuführen – der einzige Moment des Films, der für den Protagonisten einen wirklichen Triumph bereithält. Doch selbst Adele kann dem verruchten Pärchen Kitty/Johnny in punkto Verworfenheit nicht das Wasser reichen. Dass Johnny Kittys Zuhälter ist, formuliert der Film zumindest implizit. Wenn sie ihm dumm kommt, setzt es prompt ein paar Ohrfeigen, was sie dennoch nicht veranlasst, ihn deswegen geringer zu schätzen; eher im Gegenteil. Dass ausgerechnet dieses seltsam sadomasochistisch veranlagte Konglomerat den armen Christopher in die Finger bekommt, schmerzt den Betrachter gleich doppelt. Und obwohl dessen doppelte Rache zum Ende hin zumindest kurzzeitige Befriedigung verschafft, hätte man ihm den Verstand und die Geduld gewünscht, auf legale Weise zu seinem Recht zu kommen, was ja beinahe problemlos möglich gewesen wäre. So kann und darf der Film, gebunden an seine moralischen Statuten, Cross keinen seligen Abschluss verschaffen, vielmehr muss er im ganz privaten Höllenfeuer schmoren.

9/10

THE DEVIL’S ADVOCATE

„I’m a humanist. Maybe the last humanist.“

The Devil’s Advocate (Im Auftrag des Teufels) ~ USA/D 1997
Directed By: Taylor Hackford

Mit der Moral hält der in Florida tätige Anwalt Kevin Lomax (Keanu Reeves) es nicht allzu genau, was dazu führt, dass er auch schonmal einen eindeutig schuldigen Schweinehund wie den des sexuellen Missbrauchs angeklagten Lehrer Gettys (Chris Bauer) erfolgreich raushaut. Besonders verlockend erscheint Lomax da das Angebot einer großen New Yorker Kanzlei, das ihn zunächst als Berater für die Geschworenenauswahl engagiert. John Milton (Al Pacino), der Kopf des Justiz-Konsortiums, ist von Lomax begeistert und offeriert ihm eine Festeinstellung nebst schickem Appartment und anderen exklusiven Zuwendungen. Lomax‘ zunächst noch von all dem Luxus begeisterte Gattin Mary Ann (Charlize Theron) entwickelt bald eine Depression und hat unangenehme Visionen von dämonischen Kreaturen, derweil Lomax sich in die Verteidigung des wegen Doppelmordes angeklagten Immobilien-Milliardärs Cullen (Craig T. Nelson) stürzt. Mary Ann landet schließlich in der Psychiatrie, nachdem sie sich von Milton vergewaltigt wähnt, und nimmt sich dort das Leben. Als Lomax herausfindet, dass Milton nicht nur sein leiblicher Vater ist, sondern zudem noch Satan persönlich, sieht er nurmehr einen Ausweg, dessen weitere Pläne zu durchkreuzen.

Auch „The Devil’s Advocate“ ist eine jener schicken Studioproduktionen, die kurz vom Jahrtausendwechsel mit apokalyptischem Teufels- und Höllenpalaver hausieren gingen, wo sonst als am Schauplatz New York, der im Fallen begriffenen Hure Babylon. Den Leibhaftigen zu spielen gilt nebenbei seit jeher als besondere Krönung einer veritablen Schauspieler-Karriere; Emil Jannings, Gustaf Gründgens, Walter Huston, Donald Pleasance, Ralph Richardson, Bill Cosby, Jack Nicholson, Robert De Niro, Max von Sydow, Viggo Mortensen und so fort – eine überaus illustre Tradition, von der es ohnehin nur eine Frage war, bis sie auch Pacino einmal angetragen werden würde. Hackfords Werk offerierte ihm schließlich die überfällige Chance und Pacino erweist sich erwartungsgemäß als das mit gewaltigem Abstand leuchtendste Fanal dieses ansonsten doch sehr geistesschlichten und wohl eher unbewusst campigen Films, der mit ein paar leidlich aufregenden Morphing-Effekten Dämonenfratzen aus hübschen Damengesichtern macht und dessen mentaler Überbau sich so erzbieder und bibelfest gibt, dass es in den Weichteilen schmerzt. Man verzeihe mir, aber für mich ist Pacino als John Milton (nebenbei ein überaus mäßig einfallsreiches Alias) als kleingewachsener Antichrist weniger aparter Verführer oder mephistophelischer Lenker des ultimativ Bösen, denn ein durchaus nettes und charmantes Arschloch, dessen eingeborener Sohn und materieller Nutznießer ich sehr gern wäre – aber mich erhört ja sowieso niemand. Keanu Reeves weiß mit derlei auf dem Silbertablett angebotenen Privilegien natürlich nichts anzufangen, der arme Tropf. Spielt stattdessen noch den Märtyrer und tut als wäre er der Rächer aller Enterbten.
Doch Script und Film sind übergebührlich gut zu ihm und uns – am Ende, kurz, bevor rechtzeitig zum feurigen Abstand die Stones (wer sonst?) eingespielt werden, erweist sich alles bloß als eine immens realistische Vision im Zuge eines Toilettengangs vom Anfang des Films, als Lomax gerade den wohl widerwärtigsten Kinderschänder verteidigt, den das Kino der neunziger Jahre aufzutischen im Stande war. Es kommt, wie es schon von Anfang an hätte kommen müssen (um uns „The Devil’s Advocate“ zu ersparen); Lomax überlegt es sich anders und legt das Mandat im Zeichen des guten Geschmacks nieder, was ihm eine erkenntnisreiche Zukunft wie die zuvor ausführlich ausgebreitete ersparen wird. Oder auch nicht, denn der Todsünden gibt es noch sechs weitere neben der Gier.
Doch im Ernst: „The Devil’s Advocate“ ist wegen seiner amtlichen formalen Handwerksqualität sowie wegen Pacinos diebisch überzogenen Spiels grundsätzlich anschaubar. Nur irgendwie ernstnehmen sollte man diesen ausgemachten Unfug in keiner Weise.

5/10

THE FLIM-FLAM MAN

„You’d be amazed at the hundreds of satisfied students I’ve matriculated over the last 50 years!“

The Flim-Flam Man (Der tolle Mr. Flim-Flam) ~ USA 1967
Directed By: Irvin Kershner

Der desertierte und auf der Flucht vor der M.P. befindliche Private Curley (Michael Sarazzin) trifft zufällig auf den alternden Trickbetrüger Mordecai Jones (George C. Scott), im Süden des Landes auch als „Flim-Flam Man“ berüchtigt. Jones ernennt Curley kurzerhand zu seinem Partner und versichert dem immer wieder an den üblen Neppereien des Alten zweifelnden, jungen Mann, dass die Leute der heutigen Wohlstandsgesellschaft es in ihrer Gier und Verblendung gar nicht besser verdient haben, als öfter mal eine harte Lebenslektion zu lernen. Eine zeitlang schlagen sich die beiden gemeinsam durch allerlei waghalsige Abenteuer, stets auf der Flucht vor der Polizei, doch als Curley sich in die hübsche Farmerstochter Bonnie Lee (Sue Lyon) verliebt, ist er entschlossen, sich zu stellen.

Down by law: Was ein wenig an dieser durchaus hübschen Gaunerkomödie und Vater-Sohn-Allegorie stört, ist ihre Unentschlossenheit, einen klaren Weg einzuschlagen. Nicht, dass ich prinzipiell etwas gegen Filme hätte, die sich eindeutiger Richtungen bewusst enthalten, im Gegenteil. Nur ist dann gleichfalls eine entsprechend herausgestellte Haltung wünschenswert. „The Flim-Flam Man“, der eigentlich vorzüglich in der historischen Rahmen der Depressionszeit gepasst hätte (nichtsdestotrotz aber in der Gegenwart angesiedelt ist), liefert ein Porträt der Südstaaten ohne wirklich in medias res zu gehen. Er macht einen erklärten Gauner zum Protagonisten, verschließt sich jedoch moralischer Zweideutigkeit. Er baut einerseits auf die Leichtigkeit und den Chaosslapstick der Disney-Komödien von Robert Stevenson, findet aber dann doch nicht recht den Mut, sich konsequent auf ebendieses atmosphärische Federpolster zu verlassen. Als störend erweist sich in diesem Zusammenhang vor allem die Zerrissenheit des ausgehöhlt wirkenden Charakters von Sarazzin, der hier sein Filmdebüt gibt und der eigentlich einer luziden Psychologisierung entbehrt. Die Agenda von Mordecai Jones, den George C. Scott unter einigem Makeup gewohnt bravourös durch die Geschichte trägt, ist zwar komplex, aber unkompliziert: Der Mann hat die Gesellschaft offenbar hinreichend kennengelernt und verweigert sich seither bewusst jedweder Adaption. Curley indes ist mehr der rebel without a cause, der darüberhinaus auch gar kein rebel sein will. Sämtliche Versuche von Jones, den jungen Mann davon zu überzeugen, dass Freiheit, und sei sie selbstgemacht und umstandshalber sogar forciert, das höchste individuelle Gut ist, scheitern schlussendlich, so dass das happy end eigentlich gar keines ist. Der Flim-Flam Man, ein sanftkrimineller hobo, der der Naseweisheit der Justiz stets einen Schritt voraus ist, erweist sich als aus der Zeit gefallener, sozialer Dinosaurier, als aussterbende Art, die keinen reellen Erben mehr findet. Eine ziemlich traurige, reaktionäre Haltung, die Mordecai Jones, im Gegensatz zu einem veritablen Nachfolger, so nicht verdient.

6/10

LOMMBOCK

„Wir können auch ganz anders!“

Lommbock ~ D 2017
Directed By: Christian Zübert

Stefan (Lucas Gregorowicz), der, unterdessen doch noch Anwalt geworden, im internationalen Jetset verkehrt und kurz vor seiner Hochzeit mit der hübschen Yasemin (Melanie Winiger) in Dubai steht, muss zurück nach Würzburg, um seine Geburtsurkunde zu beschaffen. Sein alter Kumpel Kai (Moritz Bleibtreu) hat sich über die Jahre nur wenig verändert. Er hat aus der alten Pizzeria „Lammbock“ einen Asia-Imbiss namens „Lommbock“ gemacht, kifft noch immer wie ein Schlot, verheimlicht dies jedoch mehr oder weniger erfolgreich vor Gattin Sabine (Mavie Hörbiger) und Stiefsohn Jonathan (Louis Hoffmann). Ein schwadengeschwängerter Abend und eine unbedachte Aktion am Flughafen sorgen schließlich dafür, dass Stefan erstmal zwangsentgiften muss, bevor die Hochzeit stattfinden kann. Außerdem wollen noch Jonathans Probleme mit einer Gruppe arabischer Grasdealer geklärt und der dauerbedröhnte Frank (Wotan Wilke Möhring) aus der geschlossenen Psychiatrie befreit werden. Alles Ereignisse, die Stefan abermals über seinen Stand im Leben sinnieren lassen.

Mit „Lommbock“ gelang Christian Zübert und seiner bewährten Truppe das Kunststück, einen dem mittlerweile sechzehn Jahre alten Original ebenbürtigen Nachfolger hinterherzuschicken. Formaltechnisch sichtlich aufwändiger und edler (Scope statt Letterbox) konnte die Produktion offenbar auf ein höheres Budget zurückgreifen.
Den Hauptcharakteren Stefan und Kai wird zugestanden, dass sie glaubwürdig gealtert sind und sich ihrer jeweiligen. vormaligen Typologie gemäß (weiter-)entwickelt haben. Die – natürlich allesamt im Zusammenhang mit THC-Ge- und/oder Missbrauch stehenden – wiederum in episodischer Kapiteleinteilung vorgelegten Anekdötchen sind witzig, aber nicht albern, sieht man von der etwas übers Ziel hinaus schießenden Kiste mit der urplötzlichen Fähigkeit der Bedröhnten ab, in Fremdsprachen zu parlieren. Das fand ich dann doch eher mäßig komisch. Für Elmar Wepper gab’s leider nur einen kleinen, dafür umso lustigeren Cameo-Auftritt, Marie Zielcke fehlt leider und Alexandra Neldels Part wurde, ebenso wie der von Möhring, deutlich mehr Entfaltungsplatz eingeräumt. Ziemlich witzig noch Dar Salim als asozialer Gangstarapper Drei Jahre Bau, der eine astreine Parodie des entsprechenden szenischen Unwesens zum Besten gibt.
Wirklich positiv ist noch anzumerken, dass Stefans Lebensbilanzierung unerwartet ausfällt. Obwohl er sich alle Mühe gibt, sich Yasemin (und vor allem ihrer stinkreichen Familie) zu Gefallen zu verdrehen und anzupassen, hängt er, kaum ein paar tausend Kilometer von ihr entfernt, prompt wieder im alten Fahrwasser; kifft, geht fremd und stellt überhaupt allerlei illegalen Murks an. Vor der goldenen Erkenntnis, dass es mehr gibt als finanzielle Breitbeinigkeit, materielle Sicherheit und die oberflächlichen Verlockungen des Establishment, und sei es nur der beste Freund an der Seite und ein gepflegter Joint zum rechten Zeitpunkt, scheut sich „Lommbock“ jedenfalls nicht, nachdem sein Vorgänger genau dies dereinst befürchten ließ.

7/10