END OF THE LINE

„There are still so many souls to save…“

End Of The Line ~ CAN 2007
Directed By: Maurice Deveraux

Die als Pflegerin einer psychiatrischen Klinik in Montreal beschäftigte Karen (Ilona Elkin) hat zuweilen merkwürdige Albträume und Visionen, die sie nicht recht zu interpretieren weiß. Als sich eine ihrer Patientinnen vor die U-Bahn wirft, nimmt Karen das umso schwerer mit. Die abendliche Heimfahrt von der Arbeit entwickelt sich schließlich zum apokalyptischen Albtraum: Die zuvor medial bereits omnipräsente Doomsday- Sekte „The Voice Of Eternal Hope“ wähnt die folgende Nacht im Zeichen des Jüngsten Gerichts; die Tore der Hölle würden sich öffnen und Dämonen die bis dato nicht erlöste Menschheit dahinmetzeln. Die vor bislang anonym gebliebenen Mitgliedern strotzende Vereinigung ruft daher zum großen Präventivschlag aus: Einem Staatsstreich gleich werden die Fernseh- und Rundfunkstationen lahmgelegt und alle, die sich nicht zur Sekte bekennt, öffentlich brutal von den Indoktrinierten ermordet. Karen und ein paar weitere U-Bahn-Insassen fliehen durch die unterirdischen Tunnel vor den wahnsinnigen Kultisten. Doch scheint sich außer diesen noch etwas Geheimnisvolles zu regen…

U-Bahn-Horrorfilme bilden spätestens seit Gary Shermans „Death Line“ ein kleines Traditionssegment, das sich zwischenzeitlich immer mal wieder reaktiviert findet. Maurice Deveraux‘ dritter und bislang letzter Film (in immerhin 15 Jahren) verbindet den Schauplatz mit dem nicht minder frequentiert bedienten Sekten-Horror und lässt die Protagonistin als Mitglied einer kleinen Gruppe von Schicksalsgenossen durch das nächtliche Tunnelsystem von Montreal flüchten. „End Of The Line“ hat wohl einige Fürsprecher in der besonders dedizierten Genre-Gemeinde, was völlig in Ordnung ist. Ich selbst befinde ihn bis auf seinen Status als unabhängig entstandene Produktion sowie ein paar graphische Deftigkeiten jedoch für kaum weiter erwähnenswert. Um sich ein erhobeneres Siegertreppchen zu sichern, fällt er mir dann zumindest phasenweise doch allzu laienhaft und stillos aus. Etwas wirklich Innovatives hält Deveraux nicht bereit, weder inhaltlich noch formal. Die apologetischer ausfallenden Besprechungen des Films erwähnen fast durchweg die Aktivierung von Urängsten, die mit dem vorab sorgfältig geplanten Amoklauf der Sektierer einhergehen – mir fällt es ehrlich gesagt nicht minder schwer, mir vorzustellen, beim mittäglichen Spaziergang im Wald von einem Werdachs angefallen zu fallen. Es bedarf von Rezipientenseite also einer gerüttelten Menge an treudoofer Humbugfantasie, um sich von randalierenden Horrormönchen ins Bockshorn jagen zu lassen, wenn es ansonsten an einer ganzen Menge mangelt, das das entsprechende Szenario wirklich angsteinflößend macht.
„End Of The Line“ ist als grundsätzlich gewiss ehrgeiziger, kleiner Genrebeitrag durchaus jeder Widmung wert, da verstehe man mich nicht miss. Es ist gut, dass es Filme wie ihn gibt und dass sie als Folge daraus entstehen, dass sich auch „kleine“ Filmschaffende nicht scheuen, ihre Visionen umzusetzen und sie in die Welt zu entlassen. Allein diese Tatsache sollte jedoch nicht zu gutwilliger Augenwischerei diesbezüglich avancieren, dass jeder zweite, neue Indie-Horror a priori als Geniestreich eines potenziellen neuen Supertalents abgefeiert wird. Einen derart illuster schimmernden Karfunkel haben wir hier nämlich ganz gewiss nicht.

5/10

JUGGERNAUT

„Specks in the universe, Captain. Launch your lifeboats.“

Juggernaut (18 Stunden bis zur Ewigkeit) ~ UK 1974
Directed By: Richard Lester

Ein gewiefter Erpresser unbekannter Identität platziert sieben Bomben an Bord des englischen Kreuzfahrtschiffs „SS Britannic“, bevor dieses sich auf eine Atlantiküberquerung begibt. Um seiner Forderung von einer halben Million Pfund Gewicht zu verleihen, zündet der sich selbst „Juggernaut“ nennende Bombenleger aus der Ferne ein paar kleinere Sprengladungen an Bord. Zudem hat er die explosive Fracht mit allerlei Finten und Irreführern gespickt, so dass selbst der eilends zum Schiff geflogene, überaus erfahrene und ehrgeizige Entschärfungsexperte Anthony Fallon (Richard Harris) und seine Crew ihre liebe Not mit Juggernauts Bomben haben.

Einen ebenso spannenden wie klugen Katastrophenfilm zutiefst britischer Prägung setzte Richard Lester der sich auftürmenden Welle der weitaus großkotzigeren US-Pendants entgegen. Wie man es gewohnterweise von ihm kennt, ironisierte Lester zugleich das just florierende Genre und schuf dennoch einen waschechten, exzellent inszenierten Gattungsbeitrag mit allen bekannten Attributen. Ein gewisses Novum im Vergleich zu den vornehmlich von Irwin Allen produzierten und/oder inszenierten Hollywood-Filmen bildete die Tatsache, dass diesmal nicht die Unberechenbarkeit der Natur oder menschliches Versagen als Ursache für die drohende Unbill herzuhalten hatten, sondern ein einzelner, älterer, frustrierter Täter, der sich gegen Ende als ein mit seiner kargen Rente unzufriedener, pensionierter Kollege und Mentor (Freddie Jones) Fallons herausstellt. Auch dieser Faktor, die gewissermaßene Reduktion des Unvorstellbaren auf ein höchst irdisches und reales Element, stellte eine gewisse, für Lester gewiss unabdingbare Erdung des ansonsten ein ums andere Mal ans Phantastische grenzenden Sujets dar. Die Ausweitung auf mehrere figurale Handlungsträger, darunter Fallon und sein Team, den Kapitän (Omar Sharif) der Britannic und seine frustrierte Geliebte (Shirley Knight) oder den an Land ermittelnden Superintendent (Anthony Hopkins), dessen Frau (Caroline Mortimer) und Kinder (Adam Bridge, Rebecca Bridge) sich auf dem Schiff befinden, sind wiederum typisch für das regelmäßig über stolze Ensembles verfügende Katastrophenkino dieser Zeit, ebenso wie einen in einer bestimmten Beziehung nahezu übermenschlichen Helden (im Fallons Falle sind das seine Intelligenz und sein unschlagbares Entschärfungsgeschick), dessen offene Rechnung mit dem potenziellen Massenmörder sich schließlich noch eine höchst persönliche Note ergänzt findet.
„Juggernaut“ hat jedenfalls alles, was ein Film seiner Provenienz braucht – und vielleicht sogar noch ein klein wenig mehr davon.

8/10