THE STRANGE AFFAIR OF UNCLE HARRY

„People who love dogs shouldn’t own them. They don’t live long enough.“

The Strange Affair Of Uncle Harry (Onkel Harrys seltsame Affäre) ~ USA 1945
Directed By: Robert Siodmak

Harry Melville Quincey (George Sanders) lebt als Textildesigner und ewiger Junggeselle mit seinen beiden Schwestern Lettie (Geraldine Fitzgerald) und Hester (Moyna McGill) in einer Kleinstadt in Massachusetts. Während Hester bereits Witwe ist, hat die jüngere Lettie nie geheiratet und ergeht sich in Hypochondrien, die vor allem Harry eng an sie binden. Als eines Tages Harrys Kollegin Deborah (Ella Raines) aus New York anreist, verlieben sich die beiden Hals über Kopf ineinander. Mittelfristig soll geheiratet werden und Lettie und Hester sich eine neue Wohnstatt suchen. Während Hester von Harrys Glück begeistert ist, beginnt Lettie jedoch, scharf gegen die Beziehung zu intrigieren. Als Deborah und Harry beschließen, gemeinsam nach New York zu gehen, setzt Lettie eine Abfolge höchst dramatischer Ereignisse in Gang…

Die schöne, jüngere Schwester als abgrundtief böses Weib – Femmes fatales wie Lettie Quincey waren im film noir der vierziger Jahre keine Seltenheit. Nur allzu häufig hatten sich brave bis biedere Herren mittlerer Jahrgänge ihrer gewaltsam und endgültig zu entledigen, um, wenn schon nicht das zumeist ohnehin bereits zerstörte private Glück, so vielleicht doch ein Stück Seelenfrieden zurück zu gewinnen. In dieser dritten Gemeinschaftsarbeit von Robert Siodmak und der schönen Ella Raines handelte es sich allerdings nicht wie im Quasi-„Vorgänger“ „The Suspect“ um eine unentwegt keifende Ehefrau oder wie in „Double Indemnity“ um eine niederträchtige Strippenzieherin, sondern um eine äußerlich ausnehmend attraktive, psychisch extrem gestörte Schwester mit gepflegter Borderline-Persönlichkeit und offenkundig inzestuösen Bedürfnissen. Lettie Quincey ist nicht bereit, „ihren“ Harry mit einer anderen Frau zu teilen, missgönnt ihm daher eine eigenständige Zukunft und durchkreuzt sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Der so ruhige und beliebte Junggeselle vergisst sich daraufhin, nimmt einen eher impulsiv durchgeführten Giftanschlag vor, der jedoch versehentlich die falsche Schwester ereilt. Für den Mord wird die ohnehin in der Stadt wenig gelittene Lettie verantwortlich gemacht und zum Tode verurteilt. Der sich vor schlechtem Gewissen verzehrende Harry versucht sie in letzter Sekunde durch ein Geständnis zu retten, doch niemand mag ihm, der treuen Seele, seine Ausführungen glauben.
Noch vor dem Gang zum Galgen verhöhnt Lettie den armen Harry und erfreut sich diebisch an dessen bevorstehenden, inneren Höllenqualen. Wäre „The Strange Affair Of Uncle Harry“ an dieser Stelle zu Ende, er hätte gewiss als einer der schwärzesten Beiträge zur Schwarzen Serie Legendenstatus erklommen. Ähnlich wie sich bereits kurz zuvor in Langs „The Woman In The Window“ am Ende alles als ein Traum Edward G. Robinsons entpuppt, erweist sich sich die gesamte Narration des vorliegenden Films in der Folge von Harrys Entschluss, Lettie zu vergiften, als irrealis und bloßes Gedankenspiel. Die verloren geglaubte Deborah kehrt doch noch zu Harry zurück, der jetzt, da er sich endlich Letties pathologische Durchtriebenheit einzustehen bereit ist, mit Deborah fortgehen kann. Die Moral war gerettet, dem production code Genüge getan und das Publikum konnte ohne flaues Gefühl im Magen das Kino verlassen. Auch grobe Sinnverfälschung ist häufig ein Spiegel ihrer Zeit.

8/10

2 Gedanken zu “THE STRANGE AFFAIR OF UNCLE HARRY

  1. Ich hab den Film vor einer Ewigkeit einmal gesehen und war überzeugt davon, dass der blöde Schluss ausschließlich dem production code zu verdanken war, und dass das vor der „Auflösung“ der eigentliche Schluss ist, den Siodmak gedreht hätte, wenn man ihn gelassen hätte. Ich hatte sogar die Idee, dass Siodmak den Bruch absichtlich besonders ungeschmeidig inszeniert hatte, damit das auch jeder merkt. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt nach einer Neusichtung nach 30 Jahren (oder so) immer noch so sehen würde, aber ich will es jedenfalls mal in den Raum stellen.

    Zum Thema des reuigen gutbürgerlichen Mörders, der gesteht, aber keiner glaubt ihm, finde ich auch Georges Lautners DER SIEBTE GESCHWORENE überaus gelungen.

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  2. „Ich hab den Film vor einer Ewigkeit einmal gesehen und war überzeugt davon, dass der blöde Schluss ausschließlich dem production code zu verdanken war, und dass das vor der „Auflösung“ der eigentliche Schluss ist, den Siodmak gedreht hätte, wenn man ihn gelassen hätte. Ich hatte sogar die Idee, dass Siodmak den Bruch absichtlich besonders ungeschmeidig inszeniert hatte, damit das auch jeder merkt. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt nach einer Neusichtung nach 30 Jahren (oder so) immer noch so sehen würde, aber ich will es jedenfalls mal in den Raum stellen.“

    Es gibt/gab wohl mehrere verschiedene Enden mit teilweise sehr ungehaltenen Testvorführungsresultaten. Welcher Schluss nun tatsächlich der von Siodmak bevorzugte ist, lässt sich bis heute nicht abschließend beurteilen und bleibt somit der Spekulation überlassen.

    „Zum Thema des reuigen gutbürgerlichen Mörders, der gesteht, aber keiner glaubt ihm, finde ich auch Georges Lautners DER SIEBTE GESCHWORENE überaus gelungen.“

    Kenne ich noch nicht, vorgemerkt.

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