LAMMBOCK

„Du checkst es nicht.“

Lammbock ~ D 2001
Directed By: Christian Zübert

Die beiden ungleichen Freunde Kai (Moritz Bleibtreu) und Stefan (Lucas Gregorowicz) betreiben im beschaulichen Würzburg gemeinsam einen Pizza-Lieferservice nebst florierendem Marihuana-Handel. Den in Kenner- und Bekanntenkreisen überaus beliebten Stoff züchten und ernten sie selbst auf einer Plantage im Wald. Während Kai mit dieser einfachen, aber einträglichen Existenz höchst zufrieden ist, strebt Stefan, in einer biederen Beziehung steckend, Sohn eines wohlhabenden Amtsrichters (Elmar Wepper) und selbst kurz vorm Juraexamen stehend, insgeheim nach Höherem. Als der selbst dem Dope nicht abgeneigte Undercover-Polizist Achim (Julian Weigend) auf sie aufmerksam wird, beginnt die Lage allmählich ungemütlich zu werden…

Als „Lammbock“ vor ziemlich genau 17 Jahren im Kino lief, entwickelte er sich zumindest im rauschmittelaffinen Teil des Freundeskreises ziemlich flugs zum Liebhaberstück, das sogar das Zeug hatte, mit dem seinerzeit dauerrotierenden „Bang Boom Bang“ zu konkurrieren. Klar, warum: Der sehr intensiv mit Improvisation arbeitende Film ist primär für die juvenile Kiffergemeinde gemacht und die versteht sich untereinander bestens (zumindest war das zu jener Zeit so). Der gewohnheitsmäßige Kiffer an und für sich pflegt, unabhängig von der Subkultur, in der er sich sonst bewegen mag, eine universell verstehbare Sprache, die sich im spezifisch gepflegten und ausgebauten Vokabular und Phrasen sowie im sehr leicht identifizierbaren Gestus äußert. Man muss kein ausgemachter Soziologe sein, um zu wissen und zu erkennen, wie ähnlich sich Kiffer aus allen Teilen der Republik sind. „Lammbock“ verstand das und gab den Leuten einen Film, der, anders als die aus den USA stammende „Cheech & Chong“-Reihe oder der im Slapstick verwurzelte „Half Baked“ die Szene nicht als Satirefall benutzte oder grell überzeichnete, sondern ihr eine echte, kleine Liebeserklärung angedeihen ließ. Die Leute im Film rauchen wirklich Gras und sind (zumindest stellenweise) wirklich bekifft. Das spürt man als Bruder im Mentalen und dafür mag man den Film. Man mag ihn auch für Gregorowicz‘ todwitzige Schwarzweißabfahrten, für Elmar Weppers hochsympathische Mitwirkung, ganz besonders für die wunderbar sympathische Marie Zielcke und vielleicht sogar für die geschmacklose Dreistigkeit, mit der ein eigentlich ungeheuerlicher, im (filmischen) Vollrausch absolvierter Inzestgag quasi im Vorbeigehen abgeliefert wird. Das hat schon was gehörig Subversives. So ganz makellos ist „Lammbock“ aber dann doch nicht. Wenn nämlich Bleibtreu und Gregorowicz von der Dramaturgie dazu angehalten sind, sich über eindeutig als solche intendierte, „tarantinoeske“ Nonsens-Themen wie die Flugsicherheit von Erika Eleniaks Silikonbrüsten oder das heimliche Bedürfnis, mit Mehmet Scholl eine Fellatio-Nummer durchzuziehen, auszutauschen, dann erhält der Film eine unangenehme Subnote. Hier nämlich begnügte sich Zübert nicht mehr damit, eine schöne Schmunzelgroteske um zwei Kumpels, die high on their on supply sind und ihre komischen Abenteuerchen zu stricken – hier wollte er eine Form von coolness, die dem Gesamtresultat einfach nicht gut zu Gesicht steht. Früher hat mich das weniger gestört, jetzt jedoch, da ich den Film nach bestimmt 15 Jahren zum ersten Mal wieder in voller Länge geschaut habe, fand ich diese Szenen ziemlich schlimm penetrant und keineswegs förderlich. Wie ich mich überhaupt im Nachhinein ziemlich alt und stark zielgruppenvernachlässigt fühlte, was nun wiederum mein ganz persönliches Problem ist. Immerhin bleibt eins, wofür man „Lammbock“ auf ewig liebhaben muss – er spendierte Wotan Wilke Möhring die bis dato einzige Rolle, in der er wirklich reüssieren kann.

7/10

FALLEN

„Everything is personal – if you’re a person.“

Fallen (Dämon – Trau keiner Seele) ~ USA 1998
Directed By: Gregory Hoblit

Detective John Hobbes (Denzel Washington) vom Philadelphia P.D. muss sich schwer wundern. Obwohl er den Serienkiller Edgar Reese (Elias Koteas) dingfest machen und sogar dessen Hinrichtung beiwohnen konnte, geschehen weitere Morde, die genau Reeses Handschrift entsprechen. Die Trittbrett-Verbrecher scheinen sich darüberhinaus sogar gegenseitig umzubringen. Über einen kurz vor seinem Tod gemachten Hinweis von Reese stößt Hobbes schließlich auf Gretta Milano (Embeth Davidtz), die Tochter eines Kollegen, der vor Jahren, nachdem er des Mordes verdächtig wurde, Suizid begangen hat, sowie dessen okkulte Privatbibliothek. Gretta erklärt ihm, dass nicht Reese oder die anderen als solche vermuteten Killer, sondern der Dämon Azazel, der gestaltlos ist und in jeden beliebigen Körper springen kann, sein Unwesen in der Stadt treibt. Azazel hat sich Hobbes zum Privatgegner auserkoren und will ihn, wie einst Milano, öffentlich diskreditieren und in die Verzweiflung treiben. Doch Hobbes hat einen Plan, denn auch Dämonen kann man töten…

Manch einer von uns wird sich noch wohlfeil erinnern: Als Y2K sich näherte, war neben der massenmedial gehypten Euphorie auch die allgemeine, latente Besorgnis en vogue, dass mit dem Millenienwechsel auch die Erde ihrem Untergang geweiht sei. Biblische Endzeitszenarien, Johannes‘ Buch der Offenbarung, die vier Reiter und Luzifer mit seinen höllischen Horden wähnten die für derlei Spuk etwas anfälligeren Zeitgenossen allesamt schon um die nächste Hausecke, was selbstverständlich auch die Hollywood-Studios veranlasste, den Zeichen der Zeit Rechnung zu tragen. Nach (oftmals vorgeblich) hochkomplexen Schemata operierende, fanatische Serienkiller, infernalische Dämonen, Doomsday-Sekten und schließlich Mephistopheles selbst bevölkerten das apokalyptische Timbre etliche Filme jener Ära, so dass selbst hochrespektable Qualitätsakteure wie Denzel Washington als Vorsteher eines entsprechend erlesenen Ensembles sich plötzlich mit übernatürlichen Gegnern an der Schwelle zur Machtübernahme herumzuärgern hatten. Der Dämon Azazel, der auf eine lange, religiöse wie literarische Vorgeschichte und Tradition zurückblickt, ist einer der prominenteren Vertreter der „Gefallenen“, also jener Wesen, die wegen ihrer Verderbtheit von Gott des Himmels verwiesen wurden und seither ihr Dasein in der Unterwelt fristen müssen. Hoblits Film verzichtet (leider?) darauf, dem bocksbeinigen Gesellen eine konkrete Form zu verleihen. Stattdessen trittt er als unsichtbare, ätherische Kreatur an, die, soviel physikalische Erdung leistet sich das Werk dann doch, wenn nicht gleich durch direkte Berührung, so doch binnen einer bestimmten Frist in einem bestimmten Umkreis den Wirt wechseln kann. Nachdem er jenen dann wieder verlässt, kann der seelisch Missbrauchte sich, einem Blackout gleich, an nichts mehr erinnern. Um diese breit bepflügte Prämisse sowie um einen Stones-Klassiker herum baut das von Elia-Filius Nicholas Kazan ersonnene Script eine reichlich hanebüchene wie um den good will des Publikums buhlende Story zusammen, die, und darin liegt das ziemlich gewaltige Problem des Films, sich bei aller Stoffeligkeit bierernst nimmt. Der Regisseur macht einen sauberen Job, die Qualitätsdarsteller stehen in keinem Verhältnis zu dem eigentliche einer sehr viel unauffälligeren Genrearbeit gebührenden Plot. Aber auch darin stellt sich „Fallen“ sich den vielen erwähnten zeitgenössischen Gattungsproduktionen gleich – er zeigt, obschon auf rückblickend interessante Art und Weise, gewissermaßen exemplarisch auf, in welcher Sackgasse das Mainstream-Kino der späten Neunziger sich befand und, vor allem, wieviel besser das alles noch rund zwei Jahrzehnte zuvor funktioniert hatte.

5/10

SEQUESTRO DI PERSONA

Zitat entfällt.

Sequestro Di Persona (Die Mafia-Story) ~ I 1968
Directed By: Gianfranco Mingozzi

Francesco Marras (Pierluigi Aprà), dessen Vater (Ennio Balbo) auf seiner Heimatinsel Sardinien große Ländereien besitzt, wird eines Tages im Beisein seiner Freundin Christina (Charlotte Rampling) von einer Gruppe Briganten entführt. Während Christina, die von außerhalb kommt und mit den Verhältnissen auf Sardinien nicht vertraut ist, sich an die Polizei wenden will, halten der alte Marras und Francescos bester Freund Gavino Surgiu (Franco Nero), ebenfalls Sohn eines Großgrundbesitzers, sie an, die Füße stillzuhalten. Dennoch reagiert sie überstürzt, natürlich, ohne ein entscheidendes Ergebnis zu erzielen. Bevor Marras das geforderte Lösegeld zahlen kann, stirbt Francesco schließlich bei einem Unfall. Für Gavino, der längst an einen mächtigen Drahtzieher im Hintergrund glaubt, gibt es nurmehr einen Weg, diesen zu entlarven – er muss sich selbst kidnappen lassen…

Ausnahmsweise nicht in Neapel oder Sizilien angesiedelt, wird in „Sequestro Di Persona“, einem recht früh entstandenen Vertreter des italienischen Politthrillers auch keine der gängigen Bezeichnung für die diversen Mafia-Clans erwähnt. Deren Arbeitsweise und das Machtgefüge nebst wohlfeil orchestrierter Hierarchie jedoch verdeutlicht Mingozzis Film von der Pike auf. Als Marionettenspieler gibt sich relativ rasch der saubere Bankier Osilo (Frank Wolff) zu erkennen; ein ehrenwerter Herr, der sich weder durch seinen Habitus noch durch undurchdachte Bemerkungen verrät, obwohl jeder um seine Praktiken weiß. Osilo arbeitet mit den Briganten zusammen, die sich naiverweise wiederum selbst als Klassenkämpfer und moderne Robin Hoods wähnen: Während diese für ihren Auftraggeber, organisierte Verbrecher, die Drecksarbeit übernehmen, die Kidnapping-Aktionen durchführen, als Sündenböcke fungieren und anschließend einen Bruchteil der eigentlich überantworteten Werte erhalten (die eben wesentlich in den für Dumpingpreise an Osilo verschleuderten Ländereien bestehen), macht der feine Geschäftsmann, der das große Geschäft in der Tourismusbranche wittert, den wesentlichen Reibach. Allerdings geht „Sequestro Di Persona“, der noch ein wenig dem Duktus des Italowestern huldigt, die realistischere, resignante Perspektive der späteren, linken Systemkritiker von Damiano bis Rosi ab: Hier holen sich die Betrogenen und Geschändeten am Ende ihr Recht zurück, verbünden sich gegen den Feind und servieren diesen im Zuge einer ganz puristisch geplanten Lynchjustizaktion ab. Dass oder ob Osilo Teil einer weiterreichenden Befehlskette war, der Krieg also weitergehen wird, erfahren wir nicht mehr.
Charlotte Rampling, damals gerade süße 22 und schön wie der junge Morgen, hat derweil als unbedarfte Christina den Auftrag, gemeinsam mit uns, dem Publikum, als Außenstehende die regionalen Strukturen zu erforschen und zu begreifen, nebst der ernüchternden Erkenntnis, dass diese in ihrer archaischen Kausalität bereits seit Jahrhunderten Bestand und Wirksamkeit haben. Dass sie damit nicht besonders gut zurechtkommt, sei ihr zugestanden.

7/10