SCARLET STREET

„I never knew paint could grow.“

Scarlet Street (Straße der Versuchung) ~ USA 1945
Directed By: Fritz Lang

Für den treuherzigen, kleinen New Yorker Kassierer Christopher Cross (Edward G. Robinson) könnte das Leben rosiger sein: Seine garstige Frau Adele (Rosalind Ivan) hat ihn völlig unter der Knute und seine Gemälde, die er als Ausgleichshobby im stillen Kämmerlein malt, versteht niemand, dem er sie zeigt. Als er eines Nachts per Zufall die wesentlich jüngere Kitty (Joan Bennett) kennenlernt, ist es um Christopher geschehen. Hals über Kopf verliebt er sich in die Unbekannte, ohne zu wissen, was für ein verderbter Mensch sie wirklich ist: Kitty lebt von Tag zu Tag, ist dem losen Herumtreiber Johnny Prince (Dan Duryea) gewissermaßen hörig und beginnt auf dessen Geheiß, Christopher gnadenlos auszunehmen. Dieser weiß sich derweil nicht anders zu helfen, als Gattin und Boss (Russell Hicks) zu bestehlen. Als Prince versucht, Christophers Bilder abzustoßen, schlagen sie in der Kunstkennerszene ein wie eine Bombe. Allerdings gibt Kitty sich als Urheberin aus…

Als Komplementärstück zu dem kurz zuvor entstandenen „The Woman In The Window“ inszenierte Fritz Lang dieses Remake des französischen Dramas „La Chienne“ von Jean Renoir. Teile von Stab und Besetzung, darunter seine drei Stars Edward G. Robinson, Joan Bennett und Dan Duryea nahm Lang der Einfachheit halber gleich mit von der RKO zur Universal und besetzte sie alle in nahezu analogen Rollen: Robinson ist abermals als eigentlich liebenswerter, moralisch strauchelnder Herr in mittleren Jahren zu sehen, dem die von ihm begehrte Joan Bennett das Leben verkompliziert. Duryea schließlich kommt wiederum als öliger Hundsfott daher, dessen Aktionismen das unweigerliche große Verderben heraufbeschwören. Auch „Scarlett Street“ lässt sich relativ umweglos dem klassischen film noir zurechnen, wenngleich Polizisten, Gangster oder Detektive völlig absent sind. Die Geschichte repräsentiert sehr viel mehr das klassische Literaturmotiv des lächerlichen, alten Mannes, der über Lust und Verliebtheit, Gefühle, die ihm jahrzehntelang, wenn nicht gar zeitlebens fremd waren, jedwede Vernunft sausen und sich infolge dessen benutzen und instrumentalisieren lässt. Als er dann erkennt, wie ihm mitgespielt wurde, wird er zum affektbedingten Gewaltverbrecher und zerbricht schließlich an seiner Schuld. Eigentlich eine tieftraurige Moralreflexion, denn Helden kennt „Scarlet Street“ nicht. Man könnte beinahe behaupten, dass Cross in einer von grundauf lebensfeindlichen Umwelt, repräsentiert durch die ewig zwielichtige Großstadt und ihre Auswüchse, zu leben hat. Seine Gattin, eine schreckliche, alte Chimäre, ist die Boshaftigkeit in Person. Immerhin hat Cross später im Film die Chance, sie wieder mit ihrem vormaligen, totgeglaubten, in Wahrheit jedoch untergetauchten, ersten Mann (Charles Kemper) zusammenzuführen – der einzige Moment des Films, der für den Protagonisten einen wirklichen Triumph bereithält. Doch selbst Adele kann dem verruchten Pärchen Kitty/Johnny in punkto Verworfenheit nicht das Wasser reichen. Dass Johnny Kittys Zuhälter ist, formuliert der Film zumindest implizit. Wenn sie ihm dumm kommt, setzt es prompt ein paar Ohrfeigen, was sie dennoch nicht veranlasst, ihn deswegen geringer zu schätzen; eher im Gegenteil. Dass ausgerechnet dieses seltsam sadomasochistisch veranlagte Konglomerat den armen Christopher in die Finger bekommt, schmerzt den Betrachter gleich doppelt. Und obwohl dessen doppelte Rache zum Ende hin zumindest kurzzeitige Befriedigung verschafft, hätte man ihm den Verstand und die Geduld gewünscht, auf legale Weise zu seinem Recht zu kommen, was ja beinahe problemlos möglich gewesen wäre. So kann und darf der Film, gebunden an seine moralischen Statuten, Cross keinen seligen Abschluss verschaffen, vielmehr muss er im ganz privaten Höllenfeuer schmoren.

9/10

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