HOLD THE DARK

„We’ll take care of this, I promise.“

Hold The Dark (Wolfsnächte) ~ USA 2018
Directed By: Jeremy Saulnier

Alaska, 2004. Der Wolfsexperte und Buchautor Russell Core (Jeffrey Wright) kommt auf briefliches Bitten einer jungen Frau namens Medora Slone (Riley Keough) in die verschneite Ödnis des Dörfchens Keelut. Während Medoras Mann Vernon (Alexander Skarsgård) im Irak stationiert ist, hat offenbar ein Wolf ihren kleinen Sohn (Beckam Crawford) verschleppt und getötet. Core soll das Tier finden und töten. Er spürt ein Wolfsrudel auf, verschont die Tiere jedoch. Als derweil Vernon Slone im Gefecht schwer verwundet wird, bedeutet dies seine Heimreise. Vor Ort angekommen erfährt er vom Tod seines Sohnes und den wahren Umständen dessen Ablebens, von denen mittlerweile auch Core weiß: Tatsächlich hat Melora den Jungen stranguliert und die Leiche im Keller ihres Hauses versteckt. Sie selbst ist mittlerweile geflohen. Vernon begibt sich an die amokartige Verfolgung seiner Frau, flankiert von seinem alten Freund, dem Indianer Cheeon (Julian Black Antelope), dessen Sohn ebenfalls getötet wurde und der es allein mit einer polizeilichen Übermacht aufnimmt. Gemeinsam mit Sheriff  Marium (James Badge Dale) folgt Core wiederum der Spur Vernons.

Dass Jeremy Saulnier ein Guter ist, daran gibt es für mich spätestens jetzt keinerlei Zweifel mehr. Seinen ersten Film habe ich noch nicht gesehen, der zweite, „Blue Ruin“, ist eine nahezu brillante Studie um eine sich emporschwingende Gewaltspirale – ein Thema, dass auch sein komplexitätsreduzierter und insofern geflissentlich nachlassender, dritter Film „Green Room“ aufgreift, der nebenbei recht erfolgreich mit der Gattung des Terrorfilms liebäugelt. Die Literaturverfilmung „Hold The Dark“ entstand nun als Netflix-Produktion, ein Umstand, der die internationale Cinephilie grundsätzlich etwas scheel dreinblicken lässt. Netflix bedeutet nämlich in aller Regel die absatzbedingte Vorenthaltung eines Leinwandeinsatzes und stattdessen die ungleich breitere, faktisch allgemeine Verfügbarkeit für ein grundsätzlich zu misstrauendem Massenpublikum. So oder ähnlich dürften etliche der Ressentiments gegen den Netzriesen verwurzelt sein und ich muss zugeben, dass sie auch aus meiner Sicht eine gewisse immanente Berechtigung in sich tragen. Auch ich genieße Netflix weiterhin grundsätzlich mit Vorsicht, wenngleich ich darin weniger einen medialen Beelzebub noch die allgemeine Negation des Kinos vermuten möchte. Was „Hold The Dark“ anbelangt, so glaube ich sogar, dass Saulnier und seinem treuen Autoren Macon Blair die künstlerische Freiheit, die ihnen für ihren Film zuteil wurde, einem kreativen Freischwimmer gleichkommt. Sein jüngstes, bislang faszinierendstes Werk erinnerte mich, wohl nicht ganz von ungefähr, in mehrerlei Beziehung an Taylor Sheridans ebenfalls noch recht frische Regiearbeit „Wind River“, die ich mit wachsendem Abstand als – wenngleich kleine – Enttäuschung empfinde. Analoges Motiv wäre allen voran der nordwestliche Schauplatz Alaska als final frontier, der die Pseudozivilisation des weißen Mannes noch immer nicht Herr werden kann, parallel dazu der sich unter größter Verzweiflung auch hier fortsetzende Identitätsverlust der natives. Hier wie dort geht es um einsame Jäger und deren persönlichen Moralkodex, um Verschwundene und furchtbare Wahrheiten. „Hold The Dark“ jedoch macht es sich nicht leicht. Er folgt keinerlei probaten, antizipatorischen Schemata und zieht es stattdessen vor, sich vorsätzlich enigmatisch zu geben. Etliche Fragen werden gestellt, ohne je eine eindeutige oder auch befriedigende Antwort zu erhalten; die Motivation und sogar der Weg fast aller Protagonisten gestaltet sich größenteils rätselhaft. Dabei enthält er sich der Gefahr, seine stets präsente, innere Flamme wie auch immer gearteter Vorhersehbarkeit zu opfern und zieht es vor, Stimmungen um der reinen Atmosphäre Willen zu erzeugen. Selbst die immer wieder hervortretenden Gewaltspitzen wirken noch entschleunigend und bestenfalls für Sekundenbruchteile aufregend, bevor der Film sich wieder seinen strikt kontemplativen, sperrigen Innenwelten zuwendet. Auch an Michael Wadleighs wunderbaren „Wolfen“ fühlte ich mich immer wieder erinnert: Was sich im Vordergrund und somit unmittelbar ersichtlich abspielt, ist lediglich das ferne Echo eines rational nicht fassbaren, sich jeder physikalischen Analyse verweigernden Mystizismus‘. Und so wie einst Albert Finney ist hierin auch Jeffrey Wright (wiederum gemeinsam mit dem Publikum), dessen wesentlichste dramaturgische Funktion letztlich im „Bezeugen“ besteht, allerhöchstens ein winziger Eindruck dessen vergönnt, was sich als unfassbare Wahrheit jenseits der Oberfläche jedweder konkreten Manifestation verweigert. Zurück bleiben lediglich körperliche Versehrtheit, eine Ahnung von Unendlichkeit – und ein Eindruck tiefer Ehrfurcht.
Meisterwerk.

9/10

THE TAKE

„I’ll be takin‘ care o’things from now on.“

The Take ~ UK 2009
Directed By: David Drury

Der Londoner Kleingangster Freddie Jackson (Tom Hardy) gilt als unberechenbarer, cholerischer Unsicherheitsfaktor – ein Renommee, das er sogleich mit seiner Entlassung aus dem Gefängnis zementiert. Während Oberboss Ozzy (Brian Cox) weiterhin vom Knast aus die Fäden zieht, prügelt und mordet sich Freddie weiter nach oben – bis es Ozzy zu bunt wird. Er zieht Freddies Cousin, Adlatus und besten Freund, den eher besonnenen und sensiblen Jimmy (Shaun Evans) ins Vertrauen, während er Freddie insgeheim fallen lässt. Diese Entwicklung setzt sich über Jahre hinweg fort und zieht auch die Familien der beiden früheren Freunde schwer in Mitleidenschaft.

Diese in den achtziger und neunziger Jahren angesiedelte, vierteilige Miniserie aus britischer Fertigung bietet wenig anderes denn die altbekannte Rise-&-Fall-Story des für seine Profession letztlich zu unbeherrschten, zu großkotzigen, zu süchtigen und zu prolligen Gangsters. Freddie Jackson verwechselt, genau so wie seine zahlreichen Genre-Ahnherren, Gernegroßtum mit echter Macht. Nicht genug damit, dass er in intellektueller Hinsicht stets etwas im Hintertreffen bleibt, säuft und kokst er wie ein bodenloses Loch, verrät, neidet, vergewaltigt, tötet am falschen Ende und macht auch sonst alles falsch, was man als Kettenglied des organisierten Verbrechens nur falsch machen kann. Dass er damit sämtlichen vormals Alliierten zum roten Tuch wird, ist dem narzisstischen Unhold kaum bewusst. Umso vorhersehbarer sein sich früh abzeichnender Niedergang, der im Umkehrschluss den Weg für den Aufstieg seines ihm vormals treu ergebenen Helfershelfers Jimmy bedeutet. Am Ende ist er derjenige, der die tiutuläre „Übernahme“ vollzieht, der neue Pate, der neue Don, wenn diese ethnische Begriffstransponierung erlaubt sein darf.
„The Take“ macht keinen Hehl aus seiner produktiven Herkunft. Regisseur Drury bemüht sich erst gar nicht, seinem viergeteilten TV-Serial den Anstrich eines Kinostücks zu verabreichen, es vielleicht gar im traditionellen Sinne filmisch zu gestalten. Das kann man ihm in gewisser Hinsicht zugute halten; immerhin gibt „The Take“ nicht vor, etwas zu sein, was er letzten Endes ohnehin nicht einlösen könnte. Inszenatorisch bleibt er somit überraschungslos, blass und relativ ordinär. Interessant gestaltet sich der auf einem Roman von Martina Cole baierende Mehrteiler somit lediglich auf narrativer Ebene. Es gibt die eine oder andere emotional involvierende Szene, insbesondere, wenn sich die innere Zerrissenheit Freddies auf seine Kinder überträgt und sich unter diesen dramatische Szenen abzeichnen, erreicht „The Take“ seine größtmögliche Kraft. Tom Hardys zwischen beeindruckend und hoffnungslos überzogen oszillierendes Spiel indes füttert gewissermaßen noch die Egozentrik seiner Figur. Als Milieufilm oder, etwas expliziter ausgedrückt, Gangsterfilm, bleibt „The Take“ ebenso unbedeutend wie „Legend“, des Hauptdarstellers jüngster (leinwandbasierter) Gehversuch auf diesem Sektor.

6/10