MADMAN

„May you always have more than you need.“

Madman ~ USA 1981
Directed By: Joe Giannone

Was als gruselige Lagefeuergeschichte beginnt, avanciert bald zu blutigem Ernst: Nachdem der freche Richie (Tom Candela) den Namen des psychopathischen Familienschlächters „Madman“ Marz (Paul Ehlers) trotz prophylaktischer Warnung lauthals in die Nacht posaunt, lässt dieser sich nicht lange bitten und schwingt bald aufs Neue die geschärfte Axt. Für die Kids und ihre jungen Aufseher beginnt eine grauenhafte Nacht im Sommercamp.

Nahezu parallel zu „The Burning“ und dem Vernehmen nach durchaus in steter Sorge entstanden, der doch sehr analog geratenen Konkurrenz zu unterliegen, machte neben dem arg verbrannten Cropsy also auch Madman Marz die Grindhouse-Leinwände jener frühen Tage zu einem ungemütlichen Ort der ruralen Vendetten, von dem längst in Serie gegangenen und studioflankierten Vorbild Jason Voorhees einmal ganz zu schweigen. Dem deutschen Publikum blieb „Madman“ bis zum jüngsten Erscheinen einer vorbildlichen Heimkino-Edition aus dem verdienten Hause Subkultur immerhin knappe 37 Jahre vorenthalten. Wie die meisten Slasher-Produktionen seiner Ära ist auch „Madman“ vor allem ein Film der und für Apologeten der Gattung. Eine konkrete Motivation für seine Taten geht dem slashenden Madman Marz ab – es geht ausnahmslos um seine unterschiedlichen Liquidationsmethoden respektive um die technische Finesse von deren jeweiliger Umsetzung.
Abgesehen von der aus „Dawn Of The Dead“ bekannten Gaylen Ross findet man keinerlei bekannte Gesichter vor und selbst die (wohl infolge ihrer Langhaarfrisur) hier kurioserweise sehr viel jünger als bei Romero aussehende Ross tritt wie zwei weitere Akteure unter Pseudonym („Alexis Dubin“) auf. Einige der Darsteller, so etwa die übertrieben weinerliche Jan Claire mit ihren seltsamen Gesichtszügen, wirken dabei ungemütlicher, um nicht zu sagen: gruseliger als die gar nicht mal sonderlich horrible, grunzende Titelfigur. Selbst das rudimentäre Skelett einer Story ermangelt der in all seiner erquicklichen Einfalt dann doch wieder durchaus charmante Film schließlich. Man muss sich das in seliger Unkenntnis etwa so vorstellen, dass sich im Zehn-Minuten-Takt jeweils ein weiteres Individuum allein auf den Weg in den nächtlichen Wald macht, um die bereits losgezogenen, nicht wiederkehrenden zu suchen und dann von Madman Marz dem Jenseits überantwortet wird. They should’ve known better… Selbst Gaylen Ross als final girl darf ausnahmsweise nicht am Leben bleiben und der Unhold entkommt in die Dunkelheit, sein in Flammen aufgegangenes Domizil gezwungenermaßen zurücklassend, in den Orkus abseitiger Filmhistorie. Dort ist er immerhin passend aufgehoben.

5/10

Werbeanzeigen

MISSION: IMPOSSIBLE – FALLOUT

„I’ll figure it out.“

Mission: Impossible – Fallout ~  USA/RC/F/NOR 2018
Directed By: Christopher McQuarrie

Die Terrororganisation „Syndikat“ nennt sich nach Solomon Lanes (Sean Harris) Festsetzung durch den IMF nunmehr „Die Apostel“. Nachdem Ethan Hunt (Tom Cruise), um seinen Freund und Kollegen Luther Stickell (Ving Rhames) zu retten, den Verlustiggang dreier Plutoniumeinheiten in Berlin in Kauf nimmt, muss er kurz darauf erkennen, dass die Apostel unter dem Vorsitz des unbekannten John Lark aus den Einheiten Nuklearsprengköpfe herstellen lassen konnten. Hunt soll in Paris zumindest den Rückerwerb der nunmehr fertigen Sprengköpfe verhindern, wobei er gezwungenermaßen mit dem CIA-Agenten August Walker (Henry Cavill) zusammenarbeiten muss. Den beiden gelingt es, sich als John Lark in die Organisation der Waffenschieberin Alanna Mitsopolis (Vanessa Kirby), genannt „White Widow“, einzuschleusen. Diese plant die Befreiung von Solomon Lane mithilfe von Hunt/Lark und Walker. Es gelingt Hunt, Lane zwischenzeitlich festzusetzen und zu beweise, dass Walker der echte John Lark ist. Dieser kann schließlich mit Lane nach Kashmir entkommen, wo die Apostel planen, durch die Detonation der Bomben den Siachengletscher zu verseuchen und infolge der abgeschnittenen Wasserversorgung eine humanitäre Katastrophe in Südasien auszulösen. Für Hunt wird die Angelegenheit nochmals pikanter dadurch, dass seine frühere Frau Julia (Michelle Monaghan) sich in einem Versorgungscamp vor Ort befindet…

Gewissermaßen als kleines Novum innerhalb der Reihe inhaltlich direkt an den Vorgänger anschließend, präserviert „M:I 6“ aufs Neue den Superheldennimbus des von Tom Cruise dargestellten Spitzenagenten Ethan Hunt. Wenn seine Ex-Frau ihm gegen Ende versichert, dass sie sich in der Welt sicher fühle, weil sie um Hunts unermüdlichen Kampf um deren Rettung wisse, dann sagt das gewiss auch ein wenig über Cruises Bedürfnis aus, sein mittlerweile zum Lebenswerk avancierten Franchise möglichst lange am Leben zu erhalten. Was diese sechste Spielfilm-Installation des einstigen TV-Serien-Reboots binnen immerhin 23 Jahren in spezifischer Hinsicht anbelangt, so kann man ihr zunächst weiterhin beruhigt attestieren, nach wie vor ein Nonplusultra auf dem internationalen Genresektor darzustellen. Als Agentenfilm-Reihe hat sich die Serie mittlerweile aus dem übermächtigen Schatten des großen Vorbilds „James Bond“ herauslösen und dieses übertrumpfen können. Dabei hilft ihr freilich auch die Tatsache, dass Ethan Hunt sich infolge der Gnade seiner vergleichsweise späten Kopfgeburt niemals als sexistischer Dinosaurier, arroganter Bonvivant oder Kalter-Kriegs-Relikt rechtzufertigen hatte und seine (überdies minimale) Persönlichkeitsentwicklung somit sehr viel umwegloser stattfinden konnte. Wiederkehrende, sympathische Gesichter wie die von Ving Rhames oder Simon Pegg, die „Mission: Impossible“ nunmehr seit langem die Treue halten (Rhames sogar seit Anbeginn), hinterlassen immer wieder ein wohltuendes Gefühl von familiärer Vertrautheit, was dem Stammpublikum der Serie wiederum seine Treue entlohnt. Zumindest auf Jeremy Renner heißt es diesmal leider verzichten zu müssen. Ethan Hunts Missionen erweisen sich dabei nicht erst seit „Fallout“ so beliebig wie austauschbar; identitätsstiftend für jeden Einzelbeitrag sind hingegen die sich auf ungebrochen spektakulärem Level entfaltenden Action-Sequenzen,von denen es diesmal mehrere urbane Verfolgungsjagden gibt und natürlich das waghalsige, zweigleisig fahrende Finale. Bis zum nächsten Mal dann.

8/10

SICARIO: DAY OF THE SOLDADO

„What do you need?“ – „Everything.“

Sicario: Day Of The Soldado (Sicario 2) ~ USA/I 2018
Directed By: Stefano Sollima

Als sich infolge eines Bombenattentats in Kansas City bei den US-Behörden der Eindruck einstellt, die mexikanischen Drogenkartelle schmuggelten gegen kräftiges Entgelt neuerdings auch ISIS-Terroristen über die Grenze, erhält CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) den Auftrag, sämtliche, auch unautorisierten Mittel gegen die Kokain-Mafia zum Einsatz zu bringen. Gravers rasch entwickelte Strategie sieht vor, zwischen dem mächtigen Unterweltboss Carlos Reyes und seiner schärfsten Konkurrenz, dem Matamoros-Kartell, einen Krieg zu entfesseln. Dafür benötigt Graver den früheren Anwalt und jetzigen Profikiller Alejandro Gillick (Bencio Del Toro), der wie gewohnt gnadenlos vorgeht. Als sich jedoch herausstellt, dass der Verdacht der CIA hinsichtlich des Terroristen-Traffickings als unzutreffend erweist, soll Graver sämtliche Verbindungen zu der bereits laufenden Aktion kappen. Dazu gehört auch, Gillick, der just versucht, gemeinsam mit Reyes‘ gekidnappter Tochter Isabel (Isabela Moner) über die US-Grenze zu gelangen, fallen zu lassen…

In seiner Funktion als Fortsetzung des meisterhaften Originals, das mir einer der liebsten Filme des Jahrzehnts ist, enttäuscht „Sicario: Day Of The Saldo“ auf ganzer Linie, was die Zusammenarbeit zwischen Regisseur Denis Villeneuve und Autor Taylor Sheridan im Nachhinein ein wenig wie einen eher zufällig okkurierenden Glücksfall erscheinen lässt – denn weder Villeneuve noch Sheridan haben sich mit annähernd ähnlichem Ruhm bekleckert, was ihre jüngeren solitären kreativen Ergüsse anbelangt. „Sicario“ bezog seine Faszination einerseits aus der Komplexität seiner Erzählung; der Zuschauer befand sich stets auf demselben Informationslevel wie seine Stellvertreterin Kate Macer (Emily Blunt), einer noch eher unbedarften Regierungsangestellten, die nach und nach die zutiefst unmoralische, nur selten legale Vorgehensweise „eingeweihterer“ Kollegen im Krieg gegen die Grenzkartelle kennenlernen muss. Graves und Gillick sind darin in ihrer kalten Abgeklärtheit noch beinahe enigmatische Figuren, wobei besonders der sich der Rache für seine Familie verschriebene „Sicario“, der selbst nicht davor zurückschreckt, Kinder zu ermorden, einen nahezu dämonischen Eindruck hinterließ. In Kombination mit Villeneuves nahezu analytischer und zugleich hochästhetischer Bildsprache ergab dies das bekannte Meisterwerk. Auf das Sequel, wiederum von Sheridan gescriptet und von dem überaus vielversprechenden Sergio-Filius Stefano Sollima inszeniert, hatte ich mich dementsprechend überschwänglich gefreut. Am Ende wartete jedoch nicht wesentlich mehr auf mich denn ein gehobener, in Tom-Clancy-Manier entwickelter Grenzthriller, der die zwei Hauptcharaktere eher ausbremst, als ihre zuvor gegossenen Rohlinge weiter mit Blut zu befüllen. Gut, Graver ist immer noch ein zutiefst dedizierter Regierungswachhund in allen Gassen der Welt, der vor keinem Übel zurückschreckt, wenn es um die Durchsetzung von US-Interessen geht und auch Gillick bleibt (zunächst) der Knüppel-aus-dem-Sack. Warum es ihm allerdings plötzlich so wichtig ist, Isabel Reyes zu beschützen, muss einer beinahe hilflosen Formelhaftigkeit zugeschrieben werden, der Story über die Runden zu helfen. Das Ende des Films, das eindeutig auf weitere Forsetzungen abzielt und auf ein kommendes Duell zwischen Graves und Gillick hindeutet, verstärkte den sich zuvor einstellenden, geflissentlich unbefriedigenden Eindruck nochmals.
„Sicario: Day Of The Soldado“ lässt es – dafür verantwortlich ist vor allem die Ermangelung eines Charakters wie Kate Macer – merklich an Involvierung und Emotionalität mangeln und schiebt seinen Betrachter sukzessive aus dem Zentrum des Geschehens zurück an den Rand. Am Ende steht ein singulär betrachtet gewiss ordentlicher Genrefilm, dem es durch äußere Härte und treffliches pacing stets gelingt, das Interesse für sich lebendig zu halten. Als spezifische Fortschreibung seines Vorgängers indes lässt er einen eher gedämpft zurück.

7/10

HALLOWEEN

„Say something!“

Halloween ~ USA 2018
Directed By: David Gordon Green

Exakt vierzig Jahre, nachdem der wahnsinnige Michael Myers (Nick Castle/James Jude Courtney) im Städtchen Haddonfield zu Halloween eine Mordserie zu verantworten hatte, soll er von seiner bisherigen Heimstatt Smith’s Grove in eine andere Psychiatrieklinik verlegt werden. Zwei Journalisten (Rhian Rees, Jefferson Hall), die den Fall nochmals aufrollen, konfrontieren kurz zuvor den inhaftierten Michael mit seiner damals identitätsstiftenden Maske, scheinbar ohne ersichtliche Reaktion. Die ebenfalls von den Reportern aufgesuchte Laurie Strode (Jamie Lee Curtis), einzige Überlebende des einstigen Massakers und mittlerweile zweifach geschiedene Mutter und Großmutter, hat sich in ein festungsähnliches Haus mitsamt diversen Waffen und booby traps zurückgezogen, wo sie seit Jahr und Tag auf Myers‘ unausweichliche Rückkehr wartet. Es kommt, wie es kommen muss: Michael kann bei der Überführung fliehen und sucht umgehend seine frühere Wirkungsstätte, auf um dort erneut ein Blutbad anzurichten.

Ein sehr zweischneidiges Schwert, dieser neuerliche, (Tommy Lee Wallaces abtrünniges Zweitsequel sowie Remake und Fortsetzung inbegriffene) elfte, diesmal unter Blumhouse-Ägide entstandene Aufguss der Myers-Mär, von der bisher jeder weitere Film einen logischen Schlusspunkt hätte abgeben mögen. Da die mittlerweile in Ehren ergraute Curtis allerdings bereits zum zwanzigsten Jahrestag in einem ziemlich schwachen Reboot zurückkehrte, ließ sie es sich nunmehr nicht nehmen, jene Rolle, der ihre Karriere den vermutlich wesentlichsten Aufschwung verdankt, heuer aufs Neue (und somit zum fünften Mal) ihre Ehrerbietung zu erweisen. Dass man spätestens in zwei Jahrzehnten wiederum mit ihr rechnen sollte, ist insofern keineswegs ausgeschlossen.
Während Steven Miners „H20“ auf der reinen Handlungsebene seinerzeit jede Fortsetzung bis auf Rick Rosenthals Erstsequel, in dem wir den wesentlichen Grund für Michael Myers‘ Mordmotivation erfahren (nämlich den, dass Laurie in Wahrheit seine Schwester ist und er danach trachtet, sämtliche Familienmitglieder zu beseitigen), für null und nichtig deklarierte, geht der jüngste Beitrag, der sich verwirrenderweise nurmehr „Halloween“ tituliert, noch einen Schritt weiter und setzt, ganz offensichtlich aus rein logistischen Gründen (am Ende von „Halloween II“ ist deutlich zu sehen, dass Michael verbrennt) direkt nach Carpenters seit jeher unangetastetem Original an: Michael, der damals ja urplötzlich verschwunden schien, war, so erfahren wir bald, von einem umtriebigen Polizisten (Will Patton) in Gewahrsam genommen und wieder dingfest gemacht worden. Seither ist er zurück in Smith’s Grove, wo er nach dem Ableben von Dr. Loomis unter der Obhut von Loomis‘ Schüler Dr. Sartain (!) (Haluk Bilginer) steht. Die nachhaltig traumatisierte Laurie rechnet indes permanent mit einem weiteren Ausbruch ihrer Nemesis und widmet ihr gesamtes Leben der Erprobung des unvermeidbaren Ernstfalls. So weit die Prämisse, die dann mit Michaels jubilarischer Flucht ihre notwendige Sollbruchstelle erhält. Der Mann mit der Maske bekommt dann auch allerlei Gelegenheit für einen blutigen Feldzug, der ihn wiederum nach Haddonfield und unbeirrbar auf die Spur von Laurie und ihrer Familie führt. Worin diesmal die Beweggründe für sein durchaus gezieltes Vorgehen liegen (das Script versichert uns einmal per Dialog, dass Michael und Laurie nicht miteinander verwandt sind), bleibt diffus; die beste Erklärung ist wohl die, dass Michael es schlichtweg nicht leiden mag, wenn ihm jemand entkommt. Jedenfalls holzt der Gute mit einer Qualität und Quantität, die schon deutlich derber daherkommt als bislang gewohnt und die bei einer Sechzehner-FSK die Tatsache, dass „Halloween II“ in seiner ungekürzten Fassung bei uns noch immer beschlagnahmt ist, umso stirnrunzliger erscheinen lässt. Die rohe Brachialität von Michaels Werksgang erinnert dann auch vielmehr an die beiden Zombie-Filme, wobei auch dies zur basalen Konzeption von „Halloween (2018)“ gehört: An nahezu sämtliche bisherigen Beiträge zum Franchise gibt es Reverenzen, die natürlich jede für sich fluides Balsam für den akribisch-aufmerksamen Fan bilden. Als von klassischen bzw. traditionsverpflichteten Versatzstücken strotzender Slasher ist Greens Film nicht nur insofern gewiss gelungen. Es gibt eine Menge Tote, und garantiert keiner von ihnen klopft hübsch herausgeputzt an die Himmelspforte.
„Halloween (2018)“ ist aber leider auch ein ausgesprochen dämlicher Film, dessen Script und inhärente Dramaturgie selbst bei oberflächlichster Betrachtung mitunter schreiend löchrig wirken. Die Faux-pas‘ strotzen. Ich sehe es nun nicht als meine Aufgabe an, ebenjene zu benennen oder aufzulisten, aber sie sind, soviel sei gesagt, mehr denn augenfällig. Ebendiese Nachlässigkeiten versagen dem immerhin bahnbrechend erfolgreich gestarteten Werk, dass man es als uneingeschränkt erfreuliches reinstallment des Klassikers bezeichnen könnte; er erweist sich stattdessen immer wieder als wie erwähnt von entwaffender Dummheit beseelt. Da gewissermaßen auch das – oder sagen wir besser – eine gewisse, hirnerweichende Naivität, eines der ubiquitären Merkmale des Slasher-Subgenres ist, mag man in diesem Fall ein Nachsehen haben. Diebische Freude macht Greens „Halloween“ zumindest, soviel kann und darf man sagen.

6/10

JUNGLE

„We’re nothing. We’re a joke. God fucked up.“

Jungle ~ AUS/COL 2017
Directed By: Greg McLean

Bolivien, 1981: Den jungen, israelischen Aussteiger Yossi Ghinsberg (Daniel Radcliffe) zieht es in die grüne Weite Südamerikas. Hier begegnet er neben zwei guten Freunden, Marcus Stamm (Joel Jackson) und Kevin Gale (Alex Russell), die wie Yossi selbst Alternativen zur westlich geprägten Alltagskultur suchen, bald auch dem Österreicher Karl Ruprechter (Thomas Kretschmann), der besonders Yossi mit Geschichten über unerforschte Pfade durch den Amazonas-Dschungel fasziniert. Dieser überredet Marcus und Gale, gemeinsam mit Karl eine mehrtägige Wanderung durch schlecht kartographiertes Urwaldgebiet zu unternehmen. Der anfänglich vergnügliche Trip endet bald in offenem Streit, als Marcus sich den physischen Herausforderungen der Reise nicht gewachsen zeigt, Yossi und Kevin jedoch nicht abbrechen wollen. Die beiden planen, per Floß auf dem Tuichi-Fluss weiterzureisen. Man trennt sich einvernehmlich, doch schon bald scheitern Yossi und Kevin an unpassierbaren Stromschnellen. Während Kevin zufällig von Einheimischen gefunden und zurückgebracht wird, verirrt sich Yossi immer tiefer im Dschungel. Sein Freund setzt jedoch alles daran, ihn zurückzubringen…

Der ansonsten eher für die eine oder andere deftige Gewalteruption bekannte Australier Greg McLean beschreitet mit dem ansehnlichen Abenteuerdrama „Jungle“ bislang von ihm unausgetretene Pfade. Film und Script nehmen sich einer authentischen Episode im Leben des umtriebigen Weltenbummlers Yossi Ghinsberg an, der seine Erlebnisse in einem Buch niedergeschrieben hat. Das Resultat ist eine involvierende Survival-Story mit einem unerwartet tollen Daniel Radcliffe, der die ungeheuren Erlebnisse und Entbehrungen des de facto zum Tode verurteilten Ghinsberg kongenial zu vermitteln versteht. Was der von seiner Arroganz besiegte Mann da auszuhalten hatte, bannt McLean andererseits vorzüglich in bewegte Bilder: Das sukzessive Versagen der Körperkraft, die Notwendigkeit, Dinge zu tun und zu essen, die nur ein gänzlich Verzweifelter in Betracht ziehen kann, der schleichende Verlust des Geistes und der Psyche, Halluzinationen, Todesangst und schließlich Todessehnsucht, das sichere Ende unentwegt vor Augen. Dass Kevin Gales unermüdliche Suche nach seinem Freund schließlich – und sozusagen auf den allerletzten Drücker – von Erfolg gekrönt ist, kommt einem Wunder gleich.
Für „Jungle“ wurden dem Vernehmen nach einige Details und Fakten verändert und geglättet, wohl, um die filmische Dramaturgie etwas kontinuierlicher gestalten zu können. Die wesentlichen Elemente von Ghinsbergs Überlebenskampf dürften jedoch unverändert belassen worden sein; umso nachvollziehbarer und vereinnahmender sein Martyrium. Ganz gut gefallen hat mir außerdem, dass der Film trotz diverser sich bietender Gelegenheiten zu keinem Zeitpunkt der an sich naheliegenden Versuchung stattgibt, den Dschungel als menschen- und zivilisationsfeindliche Hölle zu denunzieren, sondern vielmehr den von der Bequemlichkeit der Domestizierung ausgehenden Drang, sich auch die letzten Geheimnisse der Erde untertan machen zu wollen, in den Kritikfokus nimmt. Man fühlt und leidet zwar mit Yossi Ghinsberg, allerdings ohne jemals wirklich Mitleid mit ihm zu haben. Vielleicht das größte Verdienst dieses sehenswerten Films.

7/10

THE EQUALIZER 2

„Today, you get to choose.“

The Equalizer 2 ~ USA 2018
Directed By: Antoine Fuqua

Der retirierte Superagent Robert McCall (Denzel Washington) hat es sich mittlerweile endgültig zur Lebensaufgabe gemacht, hilfsbedürftigen Menschen auf höchst inofdfiziellen Wegen aus der Patsche zu helfen. Dabei ist ihm die Arbeit in seinem kleinen Privatchauffeursunternehmen behilflich, bei der er allerlei Leute kennenlernt. Als jedoch seine beste Freundin, die CIA-Beamte Susan Plummer (Melissa Leo), bei einem Einsatz in Brüssel verraten und getötet wird, muss McCall ausnahmsweise einer ganz privaten Agenda nachgehen.

Wenngleich nicht ganz so kraftvoll wie sein Vorgänger, kann das „Equalizer“-Sequel, das für seinen Hauptdarsteller insofern eine karrieristische Premiere darstellt, als dass er zum ersten Mal überhaupt einen bereits gespielten Charakter auf der Leinwand rekapituliert, wiederum mit den bereits bekannten Attributen überzeugen. Über den leicht mutistisch angehauchten McCall wissen wir seit 2014 bereits eine Menge; dass er ein unbeirrbares Helfersyndrom pflegt etwa, dass er Weltliteratur en gros verschlingt; vor allem aber, dass er unaufhaltsam ist, wenn er sich einmal in die Wade eines Unholds verbissen hat. Umso bedauernswerter seine Gegner, die ihn regelmäßig grob unterschätzen und so die furiose Gewalt von McCalls Privatfeldzügen zu schmecken bekommen. Diesmal handelt es sich dabei um McCalls früheren Schützling und Auszubildenden Dave York (Pedro Pascal), hinter dem der unaufhaltsame professional recht bald den Auslöser für Susan Plummers Ermordung ausfindig macht. York, selbst nach wie vor bei der CIA, hat sich gemeinsam mit seinem Team an die Gegenseite verkauft und über seinen Verrat hinaus Susans Liquidierung erst ermöglicht. Aus einem rasch eingefädelten Verdacht wird, nachdem der allseits totgeglaubte McCall sich York zu erkennen gibt, bald tödliche Gewissheit. Der an den klassischen Western angelehnte Showdown führt die Widersacher schließlich in McCalls früheres Heimatstädtchen am Meer, das wegen eines aufziehenden Sturms evakuiert wurde und somit auch in metaphorischer Hinsicht die ideale Kulisse für eine großräumig inszenierte Abrechnung bildet. Dass diese wie üblich gnadenlos und buchstäblich ohne Gefangene zu machen abläuft, muss kaum gesondert erwähnt werden.
Fuqua ist es somit gelungen, einem seiner bislang besten Filme einen auf qualitativer Ebene zumindest annähernd ebenbürtigen Nachfolger nachzusetzen, der wiederum das Versprechen einer ganzen Film-Serie um die Figur McCalls schürt. Besonders Washingtons gewohnt charismatische Form der Darstellung dieses ebenso herzlichen wie eiskalten Killermoralisten lässt darauf hoffen, ihm noch mehrere Male begegnen zu dürfen.

7/10

PRIMAL RAGE

„There’s something in these woods…“

Primal Rage ~ USA 2018
Directed By: Patrick Magee

Ashley Carr (Casey Gagliardi) holt ihren Gatten Max (Andrew Joseph Montgomery) ab, nachdem jener eine Gefängnisstrafe abgesessen hat. Der Weg zurück führt das emotional angegriffene Paar durch bergiges Waldgebiet und schließlich zum Fund einer mitten auf der Straße liegenden, verunstalteten Leiche. Eine Steinattacke sorgt dafür, dass Max in einen Fluss stürzt und von Ashley gerettet werden muss. Die beiden verirren sich und treffen auf ein Paar unberechenbarer, jagender Hillbillys, die ihnen ihre Hilfe anbieten. Im Hintergrund lauert allerdings noch etwas ganz anderes, Monströses auf die Natureindringlinge…

Die Bigfootploitation lebt und findet mit ihrem jüngsten Vertreter „Primal Rage“ einen neuerlichen, wenn auch kleinen Höhepunkt. Nicht nur das creature design, auch die atmosphärische Grundierung und der basale Plot eines seiner Beute immens überlegenen, bestialisch zu Werke gehenden Jägers erinnern stark an John McTiernans „Predator“, aus dem der vielversprechende Regiedebütant und vormalige S-F/X-und Make-Up-Wiz Patrick Magee (der mit dem britischen Darsteller selben Namens erwartungsgemäß nichts weiter zu tun hat) unübersehbar und ohne Zweifel seine wesentliche Inspiration bezogen haben wird. Der legendäre, was seine jüngeren Filmauftritte anbelangt, vor allem zunehmend berüchtigte Waldmensch zeigt sich bei Magee einmal mehr von seiner blutrünstigen Seite und tritt zur späteren Entscheidungsschlacht gar in Gruppenstärke an: Die mit gewaltigen Pranken und Hauern ausgestatten, haarigen Kerle können diesmal sogar mit (archaischen) Präzisionswaffen wie Pfeil und Bogen umgehen und mögen es verständlicherweise überhaupt nicht, in ihrer ruralen, idyllischen Abgeschiedenheit gestört zu werden. Entsprechend hoch, so erfahren wir bald, gestaltet sich die den hiesigen Sheriff (Eloy Casados) vor einige Erklärungsnot stellende Vermisstenzahl in der Gegend. Am Ende bleibt es der tapferen Ashley überlassen, sich den ungehaltenen Biestern zu stellen.
Magee geht seinen dünnen Plot erfreulich anschaulich, brutal und mit für das geringe Budget einer Kleinproduktion ordentlichen production values an. Das Handwerk hat er sich bei den erfahreneren Kollegen, für die er zuvor seine prosthetics und Masken angefertigt hat, offenbar erfolgreich abgeschaut, denn billig oder lotterhaft wirkt „Primal Rage“ eigentlich nie. Möge Magee beim nächsten Mal noch zündendere Ideen und ein ausgewogeners Script zur Verfügung stehen und er wird möglicherweise richtig ordentlich liefern können.

6/10