DIE ERBEN

„Wir gehören nicht zu den Leuten, die Bomben werfen.“

Die Erben ~ A 1983
Directed By: Walter Bannert

Thomas (Nikolas Vogel), österreichischer Teenager und eher widerwilliger Privatgymnasiast, leidet unter seiner spießig-herrischen Mutter (Anneliese Stöckl-Eberhard), die es sich mit nichts Recht machen lässt. Auch der Vater (Jaromír Borek) bringt es nicht fertig, gegen sie aufzustehen. Als Thomas den etwa gleichaltrigen Charly (Roger Schauer) kennenlernt, der aus völlig zerrütteten Familienverhältnissen stammt, folgt er diesem zu seinem im rechtsradikalen Spektrum beheimateten Freundeskreis. Die jungen Leute huldigen der Nachwuchsbewegung der neonazistischen „Nationalen Einheitspartei“ (NEP), deren Vorsitzender, der promovierte Bonze Fürst (Wolfgang Gasser), jedoch stets darum bemüht ist, seiner Gefolgschaft ein respektables Öffentlichkeitsbild zu verschaffen. Für Thomas bedeutet das neue Umfeld Zugehörigkeit, Selbstbewusstsein, Sex, Stärke und – Hass. Als die Parteispitze die mitunter offen gewalttätigen Aktionen von Thomas und Charly nicht mehr tolerieren will, werden sie Teil der noch extremistischeren Wehrsportgruppe „Jugendschutz“, die sich in Italien militärisch drillen lässt.

Immerhin ein kleiner Skandalfilm, ist Walter Bannerts eigenbrötlerisches und nicht immer umweglos konsumierbares, als entschieden antirechtsnational einzustufendes Werk gewissermaßen schon apokryphes Pflichtprogramm. Von der neu erstarkenden Rechten, die zu Anfang der achtziger Jahre noch auf authentisches „Gefolgsmaterial“, sprich: tatsächliche, auf Zuruf wieder strammstehende Altnazis zurückgreifen konnte, die nur allzu gern von der „guten alten Zeit“ zu schwärmen verstanden, hatte man in dieser Form zumindest auf Spiel- bzw Kinofilmebene noch nichts Vergleichbares gesehen. Der spätere „Eis am Stiel“– und LISA- Regisseur Bannert jedoch setzte seinen linken Fuß in seinem zweiten Werk, das in Österreich spielt, jedoch auch ebensogut in der Bundesrepublik hätte angesiedelt sein mögen, wo die Holocausteugner, die Kriegsverklärer, die von der HJ erstaunlich nachhaltig oktroyierten Faschisten der mittleren Jahre und die Asseln von NPD und DVU sich bereits zu wieder zahlreicherem Wimmeln anschickten, in die entsprechende Tür. Dennoch war und ist „Die Erben“ kein Film für jedermann, dazu ist er phasenweise zu unzugänglich und zu elliptisch; seiner Zeit geschuldet vielleicht auch nicht immer konsequent genug. Er richtet sich als streitbares Kunstartefakt als ein Film für Zeitgenossen, die ihn grundsätzlich und per se goutieren könn(t)en, an eine intellektuell und sittlich gefestige Adressatenschaft, die seiner – zumindest in politisch-aufklärerischer Hinsicht – prinzipiell nicht bedarf. Es mangelt ihm hier und da an der notwendigen Didaktik und Pädagogik, derer ein dezidiert im rechten Milieu angesiedeltes Coming-Of-Age-Drama, zumindest, wenn es sich einen entscheidenden impact verspricht, zwingend Gebrauch machen muss. Stattdessen zeigt Bannert seine noch minderjährigen Darsteller zumeist orientierungslos im emotionalen Nirwana umheroszillierend und im Zuge zweier längerer sowie mehrerer kürzerer Szenen beim Beischlaf oder sexuellen Praktiken, ästhetisch manchmal ein wenig beeinflusst von Vorbildern wie Liliana Cavanis „Il Portiere De La Notte“ oder Pasolinis „Salò“. Ob gestellt oder nicht, lässt sich nicht eindeutig eruieren. Das wäre dann etwas, das bereits vor 35 Jahren nicht ganz kritikfrei über die Bühne gebracht werden konnte, in der diesbezüglich hypersensibilisierten Gegenwart allerdings (zu Recht?) kaum mehr rüstige Fürsprecher finden wird. Wenn es um direkte Gewaltausübung geht, etwa, wenn die in SA-Uniformen gewandeten Jungschläger einen linken Kneipentreff zusammenprügeln, wirkt „Die Erben“ indes seltsam gestelzt, beinahe gekünstelt harmlos. In der mit Abstand intensivsten, mitreißendsten Szene, einer rein dialogbasierten, stellt Thomas seine Mutter zur Rede, der er den Freitod des Bruders anlastet.
Nicht allein aus dieser merkwürdigen Diskrepanz rührt vermutlich seine schlechte Verfügbarkeit. Immerhin hat das das verdiente Label Mono Macabro diesen etwas sonderbaren Film seit jüngerer Zeit als codefreie Blu-ray im Portfolio. Der Erwerb lohnt sich, so oder so.

7/10

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