THX 1138

„Work hard, increase production, prevent accidents and be happy.“

THX 1138 ~ USA 1971
Directed By: George Lucas

In der Zukunft: Die Menschen leben in einem straff organisierten, unterirdischen Gesellschaftssystem. Durch den gänzlichen Verzicht auf Kunst, Literatur und selbst auf identitätsstiftende Merkmale oder Persönlichkeitsentfaltung (jeder Name besteht aus drei Buchstaben und vier Ziffern) ist höchste Effizienz gewährleistet: Man existiert nurmehr, um zu funktionieren. Die Vergabe von Psychopharmaka stellt jedermann ruhig. Als der Arbeiter THX 1138 (Robert Duvall) sich in seine Wohngenossin LUH 3417 (Maggie McOmie) verliebt, wird er zum Sicherheitsrisiko. Man sperrt ihn, nachdem seine „Entrückung“ immer akuter wird, zu anderen „Unangepassten“. Gemeinsam mit SEN 5241 (Donald Pleasence), zuvor THX‘ Vorgesetzter und letztlich sein Denunziant, der wegen illegaler Systemmanipulation ebenfalls weggesperrt wurde, versucht THX der Haft zu entfliehen. Ein lebendig gewordenes Hologramm namens SRT (Don Pedro Colley) weist ihnen schließlich den Weg zum Ausgang aus der Sicherheitsquarantäne. Nach einer halsbrecherischen Flucht, in deren Verlauf SEN gefasst wird und THX erfährt, dass LUH tot ist, derweil ihr gemeinsam gezeugter Fötus unter strenger Beobachtung steht, gelingt es dem Flüchtigen, trotz aller Warnungen an die Oberfläche zu gelangen.

George Lucas‘ albtraumhafte Dystopie, so anders als seine spätere Affination für kommerzträchtige Pulpstoffe, markiert gleichermaßen sein Langfilmdebüt wie auch die zweite Produktion von von ihm selbst und Francis Ford Coppola gegründeten Studios American Zoetrope, eines wesentlichen Eckpfeilers von New Hollywood. Der Flop des in mancherlei Hinsicht durchaus sperrigen Werks an den Kinokassen veranlasste den zuvor ohnehin nur unter größten Komplikationen und mancherlei Finten gewonnenen Produktionspartner und Verleiher Warner Bros. hernach umgehend, den zuvor eingestielten Vertrag über mehrere Filme mit Zoetrope aufzukündigen. Auch für Lucas bedeutete diese Adaption seines eigenen, noch zu USSC-Zeiten entstandenen Kurzfilms  „Electronic Labyrinth: THX 1138 4EB“ eine kreative Zäsur: Der spätere Mogul musste auf recht harsche Weise lernen, dass schöpferische Eigenwilligkeit und finanzieller Erfolg nicht a priori einhergehen. Dabei ist „THX 1138“ ein in vielerlei Hinsicht wegweisender Film für sein (Sub-)Genre, nämlich das des dystopischen Science-Fiction-Films, und dessen mannigfaltige Auswüchse im Folgejahrzehnt. Hatte die Idee des totalitären Überwachungsstaats und der systematischen Entindividualisierung als grauenerregende Schreckensvisionen aus den weltgeschichtlichen Erfahrungen zwischen Kommunismus, Faschismus und Diktaturen heraus in der Literatur, so bei Orwell, Bradbury oder Huxley, bereits eine längere Tradition, verhielt sich dies auf Filmebene noch anders. Wenn hier von Zukunft berichtet wurde, dann in der Regel wahlweise in Form von utopischer technologischer Reife in der Weltraumfahrt oder von nuklearem Holocaust und verwüsteter Erde nebst Monstern und Mutanten, auf traditioneller B-Film-Ebene also. Ausnahmen bildeten die frühen Verfilmungen der erwähnten Romane.
Der wabernde, stellenweise bewusst unübersichtlich gestaltete und bewusstseinsverschleierte Duktus von „THX 1138“ jedoch wählte zumindest medienspezifisch betrachtet einen weithin innovativen Ansatz: Ob die Gesellschaft infolge eines weiteren Weltkriegs so lokal und existenziell eingeschränkt leben muss wie im Film, wird ebensowenig expliziert wie ein allgemeines „Warum“; allgemein ersichtlich ist lediglich, dass die furchtbar reduzierte Welt dieses Films, die nurmehr das bloße Überleben unserer Spezies unter streng funktionalistischen Konditionen und Prinzipien kennt, keinen reellen Lebenswert mehr beinhaltet. Flugs nachgeschobene Werke wie Michael Campus‘ „Z.P.G.“ oder Michael Andersons „Logan’s Run“ griffen den von Lucas wesentlich entwickelten Denkansatz auf und raffinierten ihn weiter, wahlweise in Richtung Bevölkerungskontrolle oder weltweiter Altersbeschränkung, Themen, die in der von der Energie- und Ressourcenkrise der siebziger Jahre durchgeschüttelten Welt unter höchster Besorgnis eruiert wurden. Lucas‘ wüstem, wütendem und zweifelsohne von dem unbändigen Hunger des Jungregisseurs profitierenden Achtungsstück kommt somit vor allem eine ganz wesentliche filmhistorische Dimension zu.

8/10

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