A KISS BEFORE DYING

„It’s not right…“

A Kiss Before Dying (Kuss vor dem Tode) ~ USA 1956
Directed By: Gerd Oswald

Der noch bei seiner Mutter (Mary Astor) lebende Student Bud Corliss (Robert Wagner) schwängert unfällig seine Freundin Dorothy Kingship (Joanne Woodward). Diese versucht Bud zu nötigen, mit ihr durchzubrennen, sie eilends zu heiraten und das zu erwartende Kind aus eigener Kraft großzuziehen – Pläne, die denen von Bud leider völlig konträr gegenüberstehen. Dieser ist in Wahrheit nämlich nur auf eines scharf: Auf das Familienerbe von Dorothys Dad Leo (George Macready), eines Kupfermagnaten, das er nun vergessen müsste. Kurzerhand entscheidet sich Bud, Dorothy aus dem Weg zu schaffen und es wie einen Suizid aus Verzweiflung aussehen zu lassen. Der erste Mordversuch misslingt,  der zweite nicht. Doch Bud gibt nicht einfach auf und bendelt einige Monate später mit Dorothys älterer Schwester Ellen (Virginia Leith) an, die ebenso wie ihr Vater keine Ahnung hat, wer Bud wirklich ist. Doch Ellen glaubt trotz rosaroter Brille nach wie vor nicht an einen Selbstmord Dorothys und bohrt mithilfe des Tutors Gordon Grant (Jeffrey Hunter) weiter in der Vergangenheit – ganz zum Unbehagen Buds, dem bald neue Gewaltverbrechen bevorstehen…

Das Regiedebüt des 1938 nach Hollywood emigrierten (und 1959 vorübergehend zurückgekehrten) Berliner Filmschaffenden Gerd Oswald, dem für seinen Erstling große Namen wie Lionel Newman als Komponist oder Lucien Ballard als dp zur Seite standen, nimmt sich in vielerlei Hinsicht bemerkenswert aus: Trotz Scope-Formats und minutiös ausgearbeiteter Farbgestaltung ist der auf einer Vorlage von Ira Levin basierende „A Kiss Before Dying“ rein motivisch betrachtet ein waschechter film noir, dessen Figurenkonstellation rund um einen prototypischen Gestörten nicht erst beim zweiten Hinschauen gänzlich der Gattung entspricht. Vor allem Robert Wagner, mit damals gerade 26 Jahren und sorgsam frisiertem Seitenscheitel ein Stiefmutterliebling par excellence, bildet einen veritablen Besetzungscoup – als nahezu klinisch-exemplarisch silhouettierter Psychopath hat er es gar nicht nötig, sich schauspielerisch besonders zu exponieren. Sein süffisantes Lächeln und die vom Film immer wieder höchst geschickt aufgegriffene und dramaturgisch verplante „Gabe“ Bud Corliss‘, sich entgegen seines asozialen, mörderischen Naturells als respektables Gesellschaftsmitglied zu verkaufen, wirkt da sehr viel authentischer. Gut, auch Kitsch und Klischees verweigert sich Oswald nicht – zumindest nicht vordergründig. Den Showdown bildwirksam in einen Steinbruch mit tödlichen Höhenunterschieden zu verlegen, ist natürlich reinsten Kolportage-Bestrebungen geschuldet, dem Film in seiner Gesamtheit schadet dies jedoch keineswegs. Eine in ihrer eisigen Kaltblütigkeit erschreckender und scheinbar unbeteiligter inszenierte Sequenz als jene um die arme, von ihrem Mörder schwangere, vom Rathausdach gestoßene Joanne Woodward wird man im gesamten Kino der fünfziger Jahre nur schwerlich ausmachen…

8/10

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THE COBWEB

„Artist are better off dead.“

The Cobweb (Die Verlorenen) ~ USA 1955
Directed By: Vincente Minnelli

Dr. Stewart MacIver (Richard Widmark) ist der engagierte Chefarzt einer psychiatrischen Heilanstalt mit weithin gut betuchter Klientel. Schon seit Längerem hat er inoffiziell den Leitungsposten seines labilen, dem Alkohol zugetanen Vorgängers Dr. Devanal (Charles Boyer) übernommen, freilich ohne dass die PatientInnen oder die altjüngferliche Verwalterin Victoria Inch (Lillian Gish) davon Wind bekommen hätten. Unter MacIvers mehr als aufopferungsvollem Engagement leiden derweil seine vernachlässigte Gattin Karen (Gloria Grahame) und auch die beiden Kinder (Tommy Rettig, Sandy Descher), während sich MacIvers Beziehung zu der Kunsttherapeutin Meg Rinehart (Lauren Bacall) heftig romantisiert. Ausgerechnet an der Frage der neuen Fenstervorhänge für die Bibliothek kulminieren und entzünden sich schließlich die diversen hausinternen Konflikte, eine Situation, unter denen besonders der persönlichkeitsgestörte, sensible junge Maler Steven Holte (John Kerr) zu leiden hat…

Ein MGM-Prestigestück, geradezu typisch für diese Ära und von einigen der besten Kreativkräfte gesäumt, die Hollywood zu jener Zeit aufzubieten hatte. Auch für Regisseur Vincente Minnelli bot das Projekt um jene Zeit ebenfalls ein willkommenes Heimspiel in jedweder Hinsicht – gewohnt (melo-)dramatisch, mit einem bis in kleinste Nebenrollen renommierten Ensemble (darunter viele Stars des Golden Age), von dem andere höchstens hätten träumen mögen und unter Dreingabe eines stark psychologisch konnotierten Plots konnte der Filmemacher sich hier an Etlichem abarbeiten, was seinen künstlerischen Ambitionen die allseits beweihräucherte Stahlkraft verlieh. So lebt „The Cobweb“, ganz seinem Titel entsprechend, zuallererst von der Vielzahl der unterschiedlich geschalteten, reziproken Beziehungen der Figuren unter- und zueinander, die ein geballtes Konstrukt aus teils sehr widersprüchlichen Erwartungen und Ansprüchen verknüpfen, in deren Zentrum der sich unverwundbar  wähnende, in Wahrheit jedoch zusehends überforderte Dr. MacIver hockt.
Sein vom praxisfernen Aufsichtsrat kritisch beäugter Behandlungsansatz besteht darin, der Patientenschaft durch die Bildung eines zwar ärztlich moderierten, jedoch weitgehend autark gepflegten Kommitees das Gefühl zu vermitteln, selbst entscheidenden Anteil an der Therapierung zu nehmen, menschlich ernstgenommen zu werden, ohne sich bevormunden zu lassen; letzten Endes auch unter hospitalisierten Bedingungen ein Gefühl uneingeschränkter Demokratie zu erhalten. Was heute gängige psychiatrische Praxis ist, war seinerzeit revolutionär; als erprobender MacGuffin für die Stabilität von MacIvers Thesen nutzt das Script die scheinbar völlig banale, alltäglich anmutende Auswahl neuer Vorhänge für das Bibliothekszimmer. Während die Patienten sich dafür entscheiden, die Gestaltung der Vorhänge den künstlerisch begabten Steven übernehmen zu lassen, überwerfen sich MacIvers geltungssüchtige Frau Karen und die rechthaberische Miss Inch über jeweils eigenmächtig ausgewählte Stoffe. Die höchst divers gelagerten Interessen aller Beteiligten finden somit ihren symbolischen Ausbruch im Streit um ein paar Vorhänge – eine ebenso merkwürdige wie auf den zweiten Blick umso brillantere Metaphorik, deren explosives Potential immerhin dazu ausreicht, einen versuchten Suizid nach sich zu ziehen.
Von besonderem formalen Interesse ist die zu jener Zeit noch relativ ungebräuchliche Verwendung des von Minnelli bevorzugten Farbkameraverfahrens Eastmancolor, das aufgrund des „single strip process“ eine einfachere technische Handhabung ebenso ermöglichte wie eine im Vergleich zu Technicolor wesentlich exaltierter wirkende Farbdramaturgie. Die Kolorierung wirkt leuchtender, erdiger und auf eine durchaus schöne Weise „unnatürlicher“. Minnelli trieb deren Einsatz ein Jahr später in der Van Gogh-Bio „Lust For Life“ (hier allerdings unter dem gebräuchlicheren, studiosignierten Begriff „Metrocolor“) zur endgültigen Perfektion.

8/10