FRANKFURT KAISERSTRASSE

„Unter Freiheit hab‘ ich mir was anderes vorgestellt.“

Frankfurt Kaiserstraße ~ BRD 1981
Directed By: Roger Fritz

Um seinem dörflichen Provinzmief zu entgehen, haut das junge Paar Rolf (Dave Balko) und Susanne (Michaela Karger) ab in Richtung Großstadt, Destination Frankfurt. Während Rolf sowieso zum Bund muss und in Höchst kaserniert wird, kommt Susanne bei ihrem Onkel Ossi (Kurt Raab), Florist, schwul und Transvestit, unter. Onkel Ossi wohnt mit seinem Lebensgefährten Tonino (Gene Reed) an der Kaiserstraße, wo das Rotlichtmilieu schönste Blüten treibt. Die beiden Zuhälter Johnny Klewer (Hanno Pöschl) und Aldo (Michael Lewy) tragen hier ihre Revierstreitigkeiten aus, aus den Schatten gelenkt freilich von den großen Fischen aus dem hochhausgesäumten Bankenviertel.
Rolf hat täglich mit den disziplinatorischen Unertragbarkeiten beim Kommiss zu kämpfen, während Susanne kleine Kellnerinnenjobs annimmt. Als Rolf in all seinem Frust mit der Wirtin Molly (Nicole Dörfler) fremdgeht und Susanne davon Wind bekommt, ist fast Schluss und, schlimmer noch, droht Susanne in die öligen Fänge Johnny Klewers zu geraten…

Ganze elf Jahre nach seinem ziemlich umerfenden „Mädchen mit Gewalt“ bildete „Frankfurt Kaiserstraße“, von Karl Spiehs‘ Lisa-Film produziert, Roger Fritz‘ bis dato letzte Kinoregie. Wie bei der Lisa üblich hatte man keinerlei Scheu, die beiden tragenden Rollen mit zwei unausgebildeten Laien zu besetzen und den Film dann später in München nachsynchronisieren zu lassen. Dave Balko, ein hübscher junger Mann, der der Berliner NDW-Combo Tempo als Sänger vorstand und über den ansonsten wenig bekannt ist, spielte 1981 noch die Hauptrolle in Carl Schenkels ungleich besserem „Kalt wie Eis“ und war dann auch schon wieder von der Bildfläche verschwunden. Die Aufrichtigkeit muss ihm lassen, dass die Schauspielerei Balkos Metier ganz offensichtlich nicht war; seine stoische, überfordert wirkende Mimik passte zwar zu der anonymisierten Atmosphäre jener beiden Frühachtziger-Großstadtporträts, gab jedoch ansonsten nicht viel her. Gleiches gilt für die wohlgeformte Michaela Karger, ebenfalls eine Lisa-„Entdeckung“, deren sonstige Meriten wohl noch eine Fotostrecke im Playboy vorschützen. Interessanter gestaltet sich da schon der Blick in die Nebenrollen, die mit Kurt Raab und Revue-Choreograph Gene Reed als schwulem Pärchen, Roy-Black-Lookalike Hanno Pöschl als Zuhälter samt Wiener Schmier, Verzeihung, Schmäh oder Martin Semmelrogges just vom „Boot“ kommenden, jüngeren Bruder Joachim Bernhard ein wenig schillernd besetzt sind. Fritz‘ zurückhaltender Inszenierung kann man nichts Schlechtes nachsagen; das wie üblich heftigst vor sich hin kolportierende, garantiert kein Milieuklischee auslassende Drehbuch indes ist Lisa-typisches Zweckmittel: Nicht selten, wenn Kalli Spiehs sich mühte, Ernsthaftigkeit und/oder Sozialkritik walten zu lassen, wurde es haarsträubend. Davor ist auch „Frankfurt Kaiserstraße“ nicht gefeit. Vor allem die letzten Minuten der buchstäblichen Auflösung, in denen die überfahrene Susanne als unfreiwillige Mordzeugin beinahe selbst ermordet wird, die Kiezkarten kurzerhand neu gemischt werden und sich eine Versöhnung der Liebenden allein dadurch ergibt, dass ad hoc ihre (natürlich stets gern gesehenen) Brüste ausgepackt und betatscht werden (was sie mittels hysterischem Kichern honoriert), haben es in sich. Das Leben, es liefert unablässig seine Lektionen, komme, was wolle. Lisa-Filme tun das auch.

6/10

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