THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS

„How high can a bird count anyway?“

The Ballad Of Buster Scruggs ~ USA 2018
Directed By: Ethan Coen/Joel Coen

Sechs frontier tales berichten von den manchmal widersprüchlichen Lebenswendungen und Weisen, die der alte Westen für seine Teilhaber bereithielt:
Der Poker spielend, fein herausgeputzte, singende und stets gut aufgelegte Gunman Buster Scruggs (Tim Blake Nelson) wird mit jedem fertig – bis eines schönen Tages ein Besserer (Willie Watson) seine Pfade kreuzt und ihn zum Engel macht;
Einem Nachwuchsgangster (James Franco) kommt immer wieder der Zufall dabei zur Hilfe, dem dräuenden Sensenmann zu entweichen, bis er irgendwann unschuldig, aber dafür umso gelassener aufgeknöpft wird;
Ein abgewetzter, alter fahrender Schausteller (Liam Neeson) stellt allabendlich einen jungen Mann (Harry Melling) ohne Gliedmaßen aus und lässt ihn Bibelweisen und Verse englischer Dichter von Shakespeare bis Shelley aufsagen, bis er, in Erwartung besserer Einnahmen, seinen alten durch einen neuen, vielversprechenderen „Star“ austauscht: Ein zählendes Huhn;
Ein alter Prospektor (Tom Waits) findet ein unentdecktes, idyllisches Gebirgstal nebst Goldader und verteidigt seinen wertvollen Fund tapfer und zäh gegen einen brutalen Strolch (Sam Dillon);
Eine alleinstehende, junge und mittellose Dame (Zoe Kazan) lernt auf einem Siedlertreck nach Oregon den Treckführer (Bill Heck) kennen, der ihr einen unerwarteten Heiratsantrag macht. Während schon das familiäre Glück auf sie wartet, meint das Schicksal es jedoch anders mit ihr;
Fünf höchst unterschiedliche Reisende (Tyne Daly, Saul Rubinek, Chelcie Ross, Brendan Gleeson, Jonjo O’Neill) fahren, einige Grundsatzdiskussionen führend und mit einer Leiche auf dem Dach in einer Postkutsche durch die Abenddämmerung Richtung Fort Morgan, Colorado, wo sie schließlich in einem finsteren Hotel absteigen, derweil der Kutscher umdreht und ihr Gepäck wieder mitnimmt.

Eine – veritable – Sensation: „The Ballad Of Buster Scruggs“, ein ebenso lyrischer wie quertreiberischer Post-Postwestern und einer der wenigen Episodenfilme der Gattung (spontan fallen mir ansonsten lediglich das Cinerama-Vorzeigestück „How The West Was Won“ und Sam Pillburys noch etwas seltsamerer TV-Anthologie „Into The Badlands“ ein) ist nicht nur das veritable Meisterwerk der Coens, mit dem zumindest ich nicht mehr gerechnet hätte, sondern stellt den letzten mir noch fehlenden Beweis da, dass die welt- und zukunftsoffene Cinephilie mit von Netflix produzierten Filmen rechnen muss – unabhängig eben auch davon, welches Bildschirmformat sie nun letzten Endes ausfüllen. Ähnliche Hochgefühle hatte ich vor nicht allzu langer Zeit bereits angesichts Saulniers „Hold The Dark“, doch die Coen-Brüder liefern nochmals hochpromillierter ab. Umso schöner war meine beflügelnd-stimulierende, kleine Reise durch die sechs recht unterschiedlich gefassten, aber doch allesamt um das wesenhaft morbide Allthema „Tod“ kreisenden, eine wie die andere wunderbaren Vignetten (von denen sich eine, die mit Tom Waits, sogar auf Jack London beruft), weil ich mir von „The Ballad Of Buster Scruggs“ wenig bis gar nichts erwartet hatte.
Mit den Coens ist es bei mir so: Ihr (vierteiliges) Frühwerk bis einschließlich 1991 halte ich für ausnahmslos epochal, makellos und tief prägend für alles Weitere, dann erfolgen erste, immerhin noch völlig respektable Durchwüchse, aber auch weiterhin Bravouröses bis hin zu einer sich gemächlich ankündigen Talsohle nebst brutalem Tiefpunkt, nach dem es eigentlich nur mehr wieder aufwärts gehen konnte, über eine insgesamt ordentliche Dekade mit mal ordentlichen, mal guten, in jedem Falle aber zumindest stets interessanten Filmen. Eine andauernde qualitative Hochfrequenz erreichen die ja nun mal nicht jünger werdenden Herren vermutlich nicht mehr, so lange jedoch noch alle paar Jahre frequentiert ein formvollendetes Panoptikum wie dieses den einstmaligen Enthusiasten zu befrieden daherschwebt, ist mir aller Rest lieb.
Die Coens rekultivieren in „The Ballad Of Buster Scruggs“ ihre alten Stärken, indem sie es wie eben schon lang nicht mehr schaffen, Form und Inhalt zu gleichberechtigten Prallelen zu erheben, zutiefst abgründig zu sein ohne je zynisch zu werden, inmitten aller bärbeißigen Gewalttätigkeit immer wieder stille, berückende Momente der Poesie und aufrichtigen Philanthropie einzulassen und für den Helden oder die Heldin jedes Segments echte, schöpferische Liebe aufzubringen. Dass dabei nicht selten verquere Gestalten den Weg des Zuschauers kreuzen, kennt man, weiß man. Sehr liebevoll entwickelt findet sich außerdem die fein ziselierte Dialogsprache, die, wie schon in „True Grit“, überaus pittoresk und höchst berückend mit dem barocken Timbre der Vergangenheit kokettiert.
Endlich einmal wieder ein aktuelles Werk, das mich restlos begeistern konnte – dass es ausgerechnet bei Netflix debütierte, dafür kann ich nichts; dass die Namen der Coens darüberstehen, freut mich indes umso mehr. So oder so.

10/10

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