THREADS

„They’ve done it… They’ve done it.“

Threads ~ UK/AU/USA 1984
Directed By: Mick Jackson

Während die ungeplant schwanger gewordene Ruth Beckett (Karen Meagher) und Jimmy Kemp (Reece Dinsdale), ein junges Paar aus Sheffield, mit ihrer – aus naheliegenden Gründen sanft erzwungenen – Familienplanung befasst sind, kommt es im Iran zu mehreren offenen Auseinandersetzungen zwischen den USA und der UdSSR. Während die Nachrichten täglich dringlicher werden und beginnen, vom Vorhalten im potenziellen „Ernstfall“ zu sprechen, richten Ruth und Jimmy ihre Wohnung an. Ein von den Amerikanern gestelltes Ultimatum an die Russen, sich aus der Risikoregion zurückzuziehen, verstreicht. Dann fallen die Atombomben. Eine erste explodiert über der Nordsee und vernichtet die gesamte örtliche Telekommunikation. Dann werden militärische und wirtschaftliche Ziele unter Beschuss genommen, unter anderem eine NATO-Basis in der Nähe Sheffields. Die Stadt ist dem Erdboden gleich. Den prompt ausgelöschten Millionen von Toten folgen kurz darauf die ersten Opfer von Verstrahlung und Fallout. Humanitäre Hilfestellung kann nicht geleistet werden, da weder Verpflegung noch Ressourcen vorhanden sind. Das für den Notfall eingerichtete Hilfsteam verendet selbst in seinem Schutzbunker. Vieh und Ernten sterben oder sind unbrauchbar, auf Jahre hinaus. Es folgt der Nukleare Winter. Die Atmosphäre verdunkelt sich durch die Legionen von Tonnen aufgewirbelten Staubs auf Jahre hinaus. Jimmy ist bereits bei der ersten Angriffswelle zu Tode gekommen. Ruth schleppt sich durch die verstrahlte Ödnis, ist jedoch noch zäh genug, ein gesundes Mädchen namens Jane zur Welt zu bringen und aller Widernisse zum Trotz die ersten Jahre lang großzuziehen, bis auch sie an den Folgen der Verseuchung stirbt. Die Welt ist zurück in die Steinzeit gefallen; es zählt nunmehr das nackte Überleben. Mit 13 wird Jane ( Victoria O’Keefe) selbst schwanger. Ihr eigenes Baby kommt als Missgeburt zur Welt.

Während die Amerikaner bereits 1983 Nicholas Meyers „The Day After“ als TV-Event lancierten (dem seinerzeit eine gewaltige globale Aufmerksamkeit zuteil und der vielerorts, so auch bei uns, im Kino gezeigt wurde), entließ die BBC ein knappes Jahr später ihren dramatisierten Beitrag zum Dritten Weltkrieg. „Threads“ von Mick Jackson kam in Deutschland leider nie zur Aufführung und dürfte auch sonst den Bekanntheitsgrad des starbesetzten „The Day After“ weit unterbieten. Dabei ist er der sehr viel nachhaltigere Film.
Ich bin einerseits froh, ihn überhaupt gesehen zu haben dürfen (auf der im letzten Jahr erschienen Blu-ray von Simple Media, leider nur als Import erhältlich), bin andererseits jedoch ebenso erleichtert, dass ich ihn nicht in zeitgenössischer Nähe zur Uraufführung habe durchleiden müssen. Als 76-er Jahrgang gehöre ich ja zu den Kindern der Friedensbewegung, mit den letzten wahrscheinlich, die den Kalten Krieg in den Achtzigern noch bewusst miterlebten. Ich erinnere mich noch daran, welche Wellen „The Day After“, der in aller Munde war und dessen Kinoplakat mit dem Atompilz am Ende eines langen Highways allgegenwärtig schien, schlug, weiß noch, dass wir als Grundschulkinder gegen „First Blood, Part II“ in seiner zersetzenden Funktion als imperialistisches, kriegstreiberisches Machwerk auf die Straße gingen und erinnere mich an meine alte Klassenlehrerin Frau Meyer, eine sehr liebenswerte Dame von altem Schrot und Korn, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte, angesichts der soeben bekant gewordenen Tschernobyl-Katastrophe in Tränen ausbrach. Damals zählte Gudrun Pausewang zum verbindlichen Kanon der Kinder- und Jugendliteratur, „Die Wolke“ und vor allem „Die letzten Kinder von Schewenborn“ (dessen Ende, wohl eher zufällig, starke Parallelen zu dem von „Threads“ aufweist) wurden entweder in der Schule oder sonst bereitwillig privat gelesen. „Die letzten Kinder“ zählte bei uns zum Unterrichtsinhalt im Fach Deutsch der 7. Klasse und ich hatte noch Wochen später Albträume davon. Überhaupt war (und ist, vermutlich) eine meiner größten Existenzängste der Ausbruch und die Folgen eines Atomkriegs, weshalb ich für den emotionalen Impact einen Film wie „Threads“ auch überaus empfänglich bin. Filme über den Fall und das Zerstörungsausmaß der Atombombe gab es auch abseits der genannten damals einige, man denke an „Testament“, „Malevil“, „Pisma Myortvogo Cheloveka“ oder den ebenfalls englischen „When The Wind Blows“, allesamt, zumindest soweit bekannt, überaus respektable Schreckensvisionen vom Ende der Zivilisation. Ganz zu schweigen von den vielen Genrefilmen, von der „Mad Max“-Reihe über „The Terminator“ und all ihren mal mehr, mal weniger gelungenen Epigonen, die das nukleare Finale der Menschheit als motivarischen Hauptanlass für vortreffliche Science Fiction und Action nutzten.
Im Hinblick auf ihre zerstörerische Wirkung beim Zuschauer kommt keiner der genannten Titel „Threads“ auch nur ansatzweise gleich. Man wird, wenn man nur ein wenig sucht, beispielsweise auf Seiten wie „Taste of Cinema“, immer wieder Listen von Filmen ansichtig, die so schrecklich sind, dass man sie sich freiwillig nur einmal anschauen würde. Etliche selbsternannte Popanze lassen dort und anderswo ihren diesbezüglichen Senf ab. In der Regel sind stets dieselben fünf, sechs transgressiven Filme darunter, denen seit ihrem Erscheinen der skandalöse Ruch des „Unmöglichen“ anhaftet, des ästhetisch aufgebrachten „Pfui!“ und des skandalösen Sensationalismus. Von „Threads“ habe ich vor einigen Jahren erstmals über eine dieser Listen etwas mitbekommen, eine Schande eigentlich. Nun ist „Threads“ kein Leinwand, sondern ein Fernsehfilm und dazu ein nicht sonderlich kostspielig produzierter. Und doch stellt Mick Jacksons Film in Bezug auf seine pure Wirkmacht (die natürlich stets ein reines Subjektivum ist) das Allermeiste an filmischem Schaffen in den Schatten. Ich habe mittlerweile von Menschen gelesen, die nach seiner Betrachtung in vorübergehende Angstzustände und depressive Episoden verfallen sind und von diversen, die ihn gar nicht bis zum Ende seiner eigentlich übersichtlichen 112 Minuten Laufzeit durchhalten konnten oder mochten. Für jeden von ihnen habe ich vollstes Verständnis. Sich „Threads“ in vollem Umfang auszuliefern kommt einem Anschlag auf sein Inneres, einer kulturmedialen Mutprobe gleich.
Warum ist „Threads“ kaum auszuhalten? Er verschwendet nur die notwendigste Zeit auf die Einführung seiner Protagonistin Ruth Beckett, die für den Rezipienten zum notwendigen, identifikatorischen Dreh- und Angelpunkt und narrativen Stellvertreter wird. Nach einem bereits kaum erträglichen Druckaufbau hinsichtlich der sich verschärfenden globalen Lage folgt dann der nukleare Holocaust. Von jetzt an gibt es nur noch Zerstörung, Leid, Schmerz und Tod, allumfassend, endgültig, in all ihren zerstörerischen Ausmaßen stets mittels sachlich fundierter Textafeln und ergänzender Off-Kommentare erläutert. „Threads“ veranschaulicht in diesem Zusammenhang auch trefflich die humane (und humanitäre) Vernetzung, die notwendig ist, um unsere Wohlstandexistenzen aufrecht zu erhalten. Sämtliche dieser buchstäblichen Fäden werden mit dem Fall der Bomben gekappt. Es gibt nichts mehr, kein soziales Gefüge, keine Nahrung, keinen Trost, keine Liebe, nurmehr den unbändigen, triebhaft reduzierten Willen des Individuums, die nächsten drei Stunden hinter sich zu bringen. Am allerwenigsten jedoch, und das ist vielleicht das Niederschmetterndste am Film, gibt es Hoffnung. Die Lage verschlimmert sich Stunde um Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche. Die Erde wird dunkel, es wird kalt, alles fault, verwest, löst sich auf, zerfällt. Seuchen, Krankheiten, Schmutz und Hunger dezimieren die Menschheit weiter und weiter, ohne Unterlass. Es gibt kein Lächeln mehr, keine (emotionale) Wärme, nurmehr kurze funktionale Hilfsbeziehungen. Man kann nirgendwohin flüchten, denn überall auf der Welt ist es gleich. Und auch nach Jahren bessert sich nichts. Die ersten, kärglichen Geteideernten nachdem sie Sonne ihre UV-Strahlen wieder ungefiltert (die Ozonschicht ist irreparabel geschädigt) durchlässt, sind kaum zu gebrauchen. Die Nachgeborenen, so sie physisch gesund sind (wie – das einzige Wunder im allseitigen Nihilismus – Ruths Tochter Jane) erfahren keine tragfähige Bildung mehr und verständigen sich untereinander nurmehr in rudimentär gebabbelten Ein- bis Dreiwortsätzen. Und es wird nicht besser. Das Bild des in den Trümmern bei einem kurzen, spielerischen Akt mit einem Gleichaltrigen gezeugten Babys der dreizehnjährigen Jane enthält der Film uns vor. Es gibt keinen Laut von sich, vielleicht, hoffentlich, hat es die Gnade des Todes bereits ereilt. Janes entsetztes, zum horrifizierten Schreien ansetzendes Gesicht, als sie ihr Neugeborenes zum ersten Mal sieht, ist die letzte von vielen unvergesslichen Einstellungen.
Ich weiß nicht, warum „Threads“ so wenig bekannt ist. Was ich weiß, ist das sich das nicht nur ändern sollte, sondern muss. Jedem Regierungsbeamten weltweit sollte mit dem Tage der Gelobung seines Amtseides die Pflicht zuteil werden, sich diesen Film mindestens einmal pro Jahr anschauen zu müssen. Auch wenn sich dies für den Moment sehr blauäugig lesen mag: es würde unsere Welt, in der präsidiale Kraftmeierei en vogue ist wie seit 35 Jahren nicht mehr, vielleicht ein klein wenig sicherer machen.

10/10

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LORDS OF CHAOS

„Fuck.“

Lords Of Chaos ~ UK/SE/NO 2018
Directed By: Jonas Åkerlund

Øystein Aarseth (Rory Culkin) ist ein norwegischer Jungtwen, der der spießig-puritanischen Attitüde seines Elternhauses im Oslo der späten achtziger Jahre mit harter Metalmusik begegnet. „Black Metal“, basierend auf dem gleichnamigen Album der Band Venom, nennt er den von seiner eigenen Combo Mayhem gespielten Stil, „Euronymous“ ist sein Kampfname als Gitarrist und Kopf der Band. Aarseth liebt es, mit satanistischen Symbolen zu spielen und gibt sich gern den Anstrich als am kommerziellen Establishment desinteressierter Rebell. Mit dem emotional und psychisch hochgradig gestörten Pelle Ohlin (Jack Kilmer) alias „Dead“ aus dem benachbarten Schweden erhält Mayhem einen Sänger, der die Popularität der Combo rasch nach oben schnellen lässt. Dennoch wählt Ohlin bald den Freitod. Eines Tages taucht dann in Aarseths In-Plattenladen „Helvete“ der aus Bergen stammende Kristian „Varg“ Vikernes (Emory Cohen) auf und hinterlässt ein Demo-Tape seines Solo-Projejts Burzum. Als „Count Grishnackh“ spielt Vikernes, von dessen Talent Aarseth schwer begeistert ist, bald kurzzeitig Bass bei Mayhem. Mit Vikernes‘ Erscheinen ändert sich jedoch zugleich das gesamte Wesen der Szene. Der junge, aus wohlhabendem Hause stammende Charismatiker verehrt ein seltsames Konglomerat aus Diktaturen, Paganismus und Satanismus und sieht in der Kirche die Wurzel allen Übels. Die Helvete-Szene ist von ihm und seinen Hasstiraden begeistert. Bald brennen überall in der Region altehrwürdige Gotteshäuser nieder, ein homosexueller Mann (Jon Øigarden) wird grausam ermordet und Vikernes sucht den selbstherrlichen Kontakt zu den Medien. Ein Streit zwischen ihm und Aarseth endet schließlich in der Katastrophe.

Der Titel des Films „Lords Of Chaos“ stammt von einem gleichnamigen, 1998 veröffentlich Buch über die Black-Metal-Szene Norwegens. Deren skandalöse Kerngeschehnisse, Ohlins Selbstmord, die diversen Kirchenverbrennungen, der Mord an Magne Andreassen durch Bård Guldvik „Faust“ Eithun (Valter Skarsgård) und schließlich die Ermordung Øystein Aarseths durch Varg Vikernes wurden mittlerweile recht häufig zum Thema dokumentarischer Abhandlungen in Schrift und Bild. Erwähnenswert insbesondere der um Gylve „Fenriz“ Nagell kreisende „Until The Light Takes Us“, der einen ernüchternden Einblick in die nach und nach verwehenden Spuren des einstigen norwegischen Kulturexports Black Metal und seiner katstrophalen Auswüchse gewährt. Ein Wunder insofern, dass die Ereignisse um Øystein Aarseth bislang nie in dramaturgisierter Form aufgearbeitet wurden. Dem schafft der schwedische Filmemacher Jonas Åkerlund, in den frühen Achtzigern selbst kurzzeitig Mitglied der Band Bathory und populär vor allem als Regisseur etlicher Musikvideoclips, letztjährig Abhilfe. Erste Kreise zog „Lords Of Chaos“ durch seine betont naturalistische Gewaltdarstellung, die sich, soviel sei gleich vorweggenommen, jedoch keinesfalls als voyeuristisch, sondern als im Gegensatz dazu dem Film als eminenter auhentischer Bestandteil überaus zuträglich erweist. Weder Ohlins Selbstverstümmelungen oder sein Kopfschusssuizid noch die beiden geradezu ausgiebig zelebrierten Messermorde an Andreassen und später Aarseth hätten in beschönigter Weise dargestellt werden sollen, sondern eben gerade so ekelhaft und widerwärtig, wie sie die damalige Realität hat miterleben müssen. Es ist gut, dass Åkerlund keinerlei Scheu hatte, sie, weniger als spekulative Zäsur, sondern eben als traurige Bestandteile des Geschehens in seinen Erzählduktus unumwunden einzupflegen. Doch auch als grundsätzliches, beschämend endendes Coming-of-Age-Piece im Genre des Musikfilms überzeugt „Lords Of Chaos“ auf ganzer Linie. Euronymous wird gleich zu Beginn als launiger Off-Erzähler etabliert, der das bedauernswerte Fatum seiner letzten Lebensjahre (und somit im Prinzip als Toter) unter Verwendung eines verdient sarkastischen Untertons kommentiert. So wurde über Åkerlunds bitter-schwarzhumorigen Aufbereitungsansatz verständlicherweise ebenfalls nicht wenig diskutiert; der Film schildert seine Protagonisten als fehlgeleitete, unreife Kinder, deren zuweilen entgleisende Motivation, Gewaltverbrechen zu verüben, zumeist eher auf tragische Koinzidenzverkettungen denn auf den rückhaltlosen Willen zum Bösen zurückzuführen ist – für die einen (Aarseth) sind das Schwingen großer Reden und ihre Corpsepainting-Masche reines Mittel zum Zweck der sozialen Rebellion, für die anderen, psychisch instabileren Teilhaber desselben Schicksals, avanciert jener Gestus zum ernsten Aktionismus und somit zur (inneren) Legitimation extremer Ausbrüche von Gewalt. Am Ende, kurz bevor Øystein von Vikernes hingeschlachtet wird (er ist zu jenem Zeitpunkt 25 Jahre alt), zeigt Åkerlund ihn just auf dem Weg zum bourgeoisen Erwachsenwerden. Die Beziehung zu seiner Freundin Ann-Marit (Sky Ferreira) ist stabil und zukunftsträchtig, er lässt sich die Haare abschneiden, hat schon seit längerem eine bürgerliche Wohnung und will sich vor allem von Vikernes lösen, den er mittlerweile als negativen Einfluss auf seine eigene Existenz wertet. Doch es ist zu spät, der Dämon ist enfesselt und es verlagt ihn nach Blut.
Aarseth ist nunmehr seit knapp 26 Jahren tot. Vikernes hat eine Frau und sieben Kinder, gibt sich weiterhin öffentlich als ideologietreuer Antisemit und Rassist zu erkennen und lebt unter den Namen Louis Cachet im Limousin in Frankreich.

9/10