HIGH SCHOOL CONFIDENTIAL!

„Tomorrow is a king-sized drag.“

High School Confidential! (Mit Siebzehn am Abgrund) ~ USA 1958
Directed By: Jack Arnold

Tony Baker (Russ Tamblyn) ist der Neue an der städtischen High School und er macht sogleich keinen Hehl daraus, was für ein Zahn er ist: Der Obermotz will er werden, der heißeste Typ der Schule und vor allem neuer Chef der hiesigen Gang „Wheelers & Dealers“, die mit allerlei krummen Aktionen wie etwa Drogenhandel ihr Taschengeld aufbessert. Tony kennt sich aus in der Szene. Wenn von „Gesundheitstee“, „Mary Jane“, einer „Fahrt ins Grüne“ oder „Erfischungsstäbchen“ die Rede ist, dann weiß er als Insider genau, wovon er spricht. Tatsächlich gelingt es Tony, der bei seiner ebenso üppig ausgestatteten wie nymphomanen Cousine Gwen (Mamie Van Doren) eingezogen ist, bald, Fuß in der Szene zu fassen. Er macht sich bei den Lehrern der Schule unmöglich und gewinnt damit den Respekt der anderen Kids, arrangiert sich mit seinem „Vorgänger“ J.I. (John Drew Barrymore), bendelt mit der marihuanasüchtigen Joan (Diane Jergens) an und knüpft bald Kontakt zum heimlichen Oberdealer Mr. A (Jackie Coogan) und dessen florierendem Heroingeschäft. Dass Tony in Wahrheit der Undercover-Cop Mike Wilson ist, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand…

Beware the Reckless Youth! Noch vor seinem letzten phantastischen Universal-Film „Monster On The Campus“ inszenierte Akkordfilmer Jack Arnold dieses weniger bekannte Kleinod für Albert Zugsmith und die MGM. Darin greift er mit Unterstützung einer exemplarischen Besetzung den in jenen Tagen vor allem dem B-Film vorbehaltenen Themenkomplex der lotterlebigen juvenile delinquents auf, der zuvor vor allem von den notorischen Klassikern des Subgenres wie „Rebel Without A Cause“ oder „The Blackboard Jungle“ aus der Kinotaufe gehoben und bravourös kultiviert worden war. Jenes Filmsegment, zu dem entsprechend seiner Topoi unweigerlich auch der Schau- bzw. Kampfplatz „High School“ obligatorisch zählte, bot sich an, um einerseits die Kids in den Drive-In-Kinos jubeln und knutschen zu lassen und andererseits die Elterngeneration darüber aufzuklären, wie weit es mit ihren suf das Furchtbarste gefährdeten Sprösslingen bereits gekommen war. Dieser Zielpublikums-Maxime entsprechend bedient „High Schoolm Confidential!“ jeden einzelnen erforderlichen Stereotypen mit laut kolportierender Grandezza. Wir erleben sie alle: das noch nicht zur Gänze verlorene, Marihuana-Zigaretten rauchende Mädchen (Sterling) aus bourgeoisem Hause nebst ihrem verblendeten, gleichgültigen Vater (James Todd), den greisen, überforderten Schulrektor, die erziehungsberechtigte Sexbombe ohne Übersicht (Van Doren), den Schuldealer (Barrymore), den Möchtegern-Mitläufer (Michael Landon), den diffusen Boss (Coogan) und sogar die Vertreter der existenzialistischen Gegenkultur (u.a. Philippa Fallon), die moralisch entrückten Vorboten von sozialer Zersetzung und Gammlertum! Jerry Lee Lewis kommt persönlich mitsamt Piano vorbei, um das Titelstück zu schmettern und Russ Tamblyn überrascht im weiteren Verlauf als unvermuteter verdeckter Ermittler, der das ganze Wespennest von innen aushebt.
Es muss kaum extra erwähnt werden, dass ein schmissiges Camp-Spektakel das wohlschmeckende Resultat aus all dieser biederen Kleingeistigkeit ist, die die porträtierten Rauschmittel kaum besser denn vom Hörensagen kennt und in all den Klischees badet, denen man sechzig Jahre später nurmehr mit herzhaftem Gelächter zu begegnen angetan ist. Unbedingt hörenswert auch die (authentische) deutsche Kino-Synchronisation, die mit den Starsprechern der damaligen Zeit aufwartet und verkrampft versucht, alles Mögliche zu teutonisieren, um das Dargestellte mit bundesdeutschen Verhältnissen zu analogisieren. Da wird aus Tony Baker ein „Tony Becker“ und aus „Mr. A“ – natürlich – ein „Herr X“. Wirklich formidabelst, das alles.

7/10

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RIOT IN CELL BLOCK 11

„We’ll figure out what we want and if they don’t give it us, we’ll make ‚em a present of one dead guard!“ – „Or maybe four!“

Riot In Cell Block 11 (Terror in Block 11) ~ USA 1954
Directed By: Don Siegel

Die Insassen des Hochsicherheitstrakts 11 in einem der vielen, hoffnungslos überlaufenen US-Gefängnisse entschließen sich eines Tages, dem Beispiel vieler ihrer Leidensgenossen zu folgen und eine Revolte anzuzetteln, die klar umrissene Reformen zum Ziel haben soll. Unter der Führung der beiden Schwerverbrecher Dunn (Neville Brand) und Carnie (Leo Gordon) nehmen die Männer vier Wachen als Geiseln und kapern den gesamten Block. Während der sozialbewusste Gefängnischef Reynolds (Emile Meyer) sich verhandlungsoffen zeigt, beißen die Männer bei dem vom Gouverneur (Thomas Browne Henry) abgestellten Commissioner Haskell (Frank Faylen) auf Granit: Dieser soll die Unerpressbarkeit des Staates garantieren und nimmt notfalls auch den gewaltsamen Tod sämtlicher Beteiligter in Kauf. Nicht zuletzt infolge der von Dunn erwirkten Einbeziehung der Medien gelingt es Reynolds schließlich, dass der Aufstand glimpflich endet, doch der herbeigepresste Reformvertrag erweist sich als rein strategische Finte; mittelfristig wird sich nichts für die Gefangenen ändern.

Don Siegels ersten Gefängnisfilm umweht der Hauch des Dokumentarischen; tatsächlich waren zu dessen Entstehungszeit Knastrevolten infolge des überforderten Justizvollzugs in den Staaten alles andere als eine Seltenheit und somit der zu Beginn von „Riot In Cell Block 11“ umrissene, authentische Hintergrund somit keineswegs bloße Behauptung.
Siegel, der hier für das günstig arbeitende Studio Allied Artists arbeitete, lässt dabei diverse der zu seinen späteren Markenzeichen avancierten, inszenatorischen Signaturen zu ihrem Recht kommen. Über dem gesamten Werk schwebt vor allem die für Siegel typische, ungeheure Präzision und Konzentration, die kein überflüssiges Gramm Fett gestattet und eine beinahe atemlos-unentwegte Dichte am Geschehen gewährleistet. Für Melancholie oder dramaturgische Kompromisse gibt es keinerlei Raum; die aufsässigen Männer werden gerade soweit charakterisiert und psychologisiert wie es gerade eben notwendig erscheint. Siegel gestattet weder sich noch dem Publikum jedwede romantische Illusion: Jeder der Insassen büßt seine Strafe zu Recht ab. Dennoch gebührt ebenso jedem von ihnen die rechtstaatliche Garantie auf eine humane Behandlung, die, und darauf fokussiert sich der Film recht regelmäßig, vor allem die Trennung (und adäquate Behandlung) von psychisch kranken und diesbezüglich gesunden Kriminellen vorsehen und den Gefangenen gezielte Resozialisierungsmaßnahmen anstelle der sich häufig gewalttätig äußernden Willkür ihrer Aufseher zuteil werden lassen sollte. Dem hinter dem Aufstand stehenden Dunn geht es insbesondere um eine Änderung der Verhältnisse und es langt daher für ihn zumindest gegen Ende hin zum „tragischen Helden“, derweil sein cholerischer Adlatus Carnie nie die Aura des gewalttätigen Psychotikers einbüßt. Den Konflikt zwischen den revoltierenden Knackis und der Staatsgewalt gestaltet Siegel wie ein an Schlagabtäuschen reiches Tennisspiel, an dessen Ende der Verlierer von vornherein feststehen muss. Dennoch bietet „Riot In Cell Block 11“, wie es sich ohnehin für die besten Knastfilme gehört, ausreichend Diskursivität, um exploitative Elemente nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Ein ausgezeichnetes companion piece nebenbei zu Jules Dassins brillantem, sieben Jahre älteren „Brute Force“.

9/10

THE BOUNTY

„It’s not a threat, it’s a warning.“

The Bounty ~ UK/USA/NZ 1984
Directed By: Roger Donaldson

London im Oktober 1790: Lieutenant Captain William Bligh (Anthony Hopkins) von der Royal Navy soll vor Gericht die Umstände um die Meuterei auf dem zuvor von ihm befehligten Kreuzers Bounty darlegen und infolgedessen die Frage seiner persönlichen Schuld an den Verkommnissen geklärt werden.
Drei Jahre zuvor bricht die Bounty von Portsmouth nach Tahiti auf, um von dort Brotfruchtschößlinge als billige Nahrungsmittelquelle für jamaikanische Sklaven mitzunehmen. Mit Ausnahme einer misslungen Umsegelung von Kap Hoorn und einigen wenigen Konflikten innerhalb der Besatzung und unter den Offizieren verläuft die Hinreise weitgehend unkompliziert. Vor Ort jedoch ändern sich bald die Verhältnisse. Diverse Mitglieder der Mannschaft gewöhnen sich rasch an das müßige Südseeleben und verfallen dem Charme der paradiesischen Insel und ihrer überaus freundlich gesonnenen Einwohner. Einige, darunter der von Bligh zum Ersten Offizier beförderte Fletcher Christian (Mel Gibson), heiraten sogar und träumen von einer Familiengründung. Der erste Versuch einer Desertation dreier Männer scheitert kläglich und das Trio wird hart bestraft. Bligh zieht schließlich die disziplinäre Reißleine und lässt Segel für die Rückkehr setzen. Die Fronten an Bord beginnen sich nunmehr rasch zu verhärten: Blighs Versuche, die Besatzung mit straffer, manchmal überharter Autorität auf andere Gedanken zu bringen, beantwortet diese nur mit noch mehr Aggression. Als Bligh eine erneute Umsegelung der südamerikanischen Spitze plant, lässt sich Christian zur Meuterei überreden. Er übernimmt das Kommando, setzt Bligh und seine verbliebenen Gefolgsleute auf hoher See aus und segelt zurück nach Tahiti, um die Frauen der Männer und einige freiwillige Begleiter an Bord zu nehmen. Gemeinsam erreicht man die Pitcairn-Inseln, versenkt die Bounty und versteckt sich dort vor möglichen Verfolgern.

Roger Donaldsons fünfte und bis dato letzte Verfilmung der Ereignisse um die berühmteste Meuterei der Seefahrtsgeschichte rühmt sich des nicht unbeträchtlichen Vorteils, die historisch vermutlich akkurateste Adaption der Geschehnisse zu liefern. Anders als in beiden, filmgeschichtlich wiederum wesentlich anerkannteren und berühmteren Versionen von 1935 und 1962 werden hier vor allem die Beziehung der beiden Antagonisten Bligh und Christian zueinander, sowie deren jeweilige psychologische Disposition und Handlungsmotivation wesentlich nachvollziehbarer und unaufgeregter dargelegt. Vor allem die Person Blighs, die hier zum narrativen Dreh- und Angelpunkt erhoben wird, erfährt eine im Vergleich zu den früheren Interpretationen deutliche Erdung. Stellten Trevor Howard und vor allem Charles Laughton ihren Bligh noch als einen zum Diabolischen tendierenden, unerbittlichen Despoten dar, dessen permanter Hang zur Ahndung und Bestrafung oftmals nicht auf genuines Seerecht, sondern lediglich seinen Hang zum Sadismus und/oder seinen profilneurotisches Wesen zurückzuführen ist, liefert Hopkins ein differenzierteres Bild. Sein Bligh, ein pflichtbewusster Offizier, macht gar keinen Hehl daraus, mit dem Ruhm und der gesellöschaftlichen Anziehungskraft zu liebäöugeln, den sein Freund, der aus aristokratischen Verhältnissen stammende Dandy und Salonlöwe Fletcher Christian längst genießt. Bligh räumt ein, dass gleich sein erster versuchter nautischer Heldenakt, die Umrundung Kap Hoorns, zu einem selbstgerechten Fehlschlag wird und besitzt später sogar noch soviel personellen Weitblick, seinen ursprünglichen Ersten Offizier Fryer (Daniel Day-Lewis), einen kriecherischen Schinder, zu Christians Gunsten zu degradieren. Später sind es dann weniger Blighs verzweifelte Versuche, seine dem der Krone so diametral gegenüberstehenden Südeseeflair verfallenen Männer zur Räson zu bringen, denn deren persönliche Gelüste, die das Fass zum Überlaufen bringen – das Resultat eines sich beidseitig gleichermaßen hochschaukelnden und schließlich dramatisch eskalierenden Gesinnungskonflikts. Obgleich Mel Gibson den romantischen Helden eine sehr passable und authentische Gestalt verleiht, ist er vermutlich der im rein figuralen Sinne blasseste Fletcher Christian von allen. Ohne den moralisch gerechten, rebellischen Gestus Clark Gables und ohne die hochmütige Arroganz Marlon Brandos, die dieser ja bekanntlich am (historisch verfälschten) Ende mit dem Flammentod zu bezahlen hat, ist sein Heros ein allzu emotionaler, verliebter Mann, dessen innerer Widerstreit um berufliche Pflichterfüllung und persönliches Gut schließlich zu letzterem him ausschlägt. Eine eindeutigen Trennung in „Gut und Böse“ enthält sich „The Bounty“ somit ganz bewusst bezieht daraus seine klare Zielsetzung.
Andererseits mangelt es ihm im Gegenzug an der filmischen Flamboyanz seiner Vorgänger, dem aufgeheizten Abenteuerduktus Frank Lloyds und der epischen, bunten Breite Lewis Milestones. Donaldsons Fassung ist daher sehr viel weniger ein klassischer Hollywood-Film denn ein primär um realistische Akkuratesse bemühter Abriss, wie er eben auch sehr viel treffender seiner Entstehungszeit reflektiert; ein nichtsdestotrotz schöner, reicher Film, der das Können aller an ihm Beteiligten erschöpfend präserviert.

8/10

SEVERANCE

„Are you still tripping?“

Severance ~ UK/D/HU 2006
Directed By: Christopher Smith

Eine siebenköpfige Gruppe der englischen Rüstungsfirma „Palisade Defence“ befindet sich auf dem Weg zu einer Teambildungsmaßnahme im ruralen Osteuropa. Statt in der als „luxuriös ausgestattet“ angekündigten Jagdhütte landet das Septett jedoch, nachdem der unwirsche Busfahrer (Sándor Boros) es mitten im Wald aussetzt, in einem abbruchreifen Gebäude unbekannter Provenienz. Bald wird auch dem letzten der Angestellten klar, dass sie nicht allein in der Gegend sind; vielmehr scheinen ein paar durchgedrehte, vetsteckt in der Gegend hausende Bürgerkriegsverbrecher größtes Interesse daran zu haben, dass ihr Überleben weiterhin geheim bleibt und knöpfen sich daher die überrumpelten Damen und Herren vor.

Christopher Smiths angenehm satirisch aufgezogene Splattergroteske tanzt gleich auf mehreren thematischen Hochzeiten und dies glücklicherweise weitgehend behende. Dabei muss man allerdings anmerken, dass das erste Drittel des Films, in dem die Firmenmitarbeiter mit all ihren bewusst einschlägige Klischees echoenden Charakteristika vorgestellt werden, zugleich den gelungensten Part des Films darstellt: Abteilungsleiter Richard (Tim McInnerny) hätte gern ein wesentliches autoritäreres Auftreten, wird von den Übrigen jedoch insgeheim bloß belächelt. Seine Nemesis ist der smarte Harris (Toby Stephens), ein kerniger Zyniker, der Richard allzeit spüren lässt, für was für ein Weichei er ihn hält. Auf die hübsche, anorexische Maggie (Laura Harris) sind sämtliche Männer der Gruppe scharf, obschon keiner von ihnen bei ihr landet. Die andere Dame der lustigen Equipe, die alternativ angehauchte, tierliebende Jill (Claudie Blakeley), könnte gar nichts Falscheres machen als für einen Waffenproduzenten zu arbeiten. Der etwas nervöse Gordon (Andy Nyman) ist Richards einziger echter Untergebener und tappt von einem Fettnäpfchen ins nächste, derweil der rauschaffine Steve (Danny Dyer) sich zuallererst einmal folgenreich an einer Portion halluzinogener Pilze delektiert. Billy (Babou Ceesay), der Quotenfarbige, ist zugleich der Sympathischste und Vernünftigste im Team, der als Einziger den Überblick wahrt. Hinreichend Kanonenfutter also für die zahlreich vertretenen, blutrünstigen Veteranen, die sich über alles und jeden freuen, an denen sie ihre Kriegstraumata abreagieren können. Unnötig zu erwähnen, dass lediglich zwei der TeilnehmerInnen am Ende halbwegs ungeschoren davon kommen, zusammen mit zwei einheimischen Callgirls (Julianna Drajkó, Judit Viktor), die noch eher zufällig ins Geschehen gemischt werden.
Dass man sich besser nicht unbedarft hinter den nunmehr unsichtbaren, aber doch noch kopfpräsenten Eisernen Vorhang begeben sollte, weiß zumindest der Freund deftigerer Genrediät nicht erst seit Eli Roths „Hostel“-Filmen, „Ils“ oder dem später entstandenen „The Seasoning House“. Seien es machtvolle Verbrechersyndikate, pervertierte Oligarchen oder einfach nur desaströse humane Relikte der krisengeschüttelten, letzten Jahrzehnte: Mit der im Schatten florierenden Blutrunst der (Süd-)Ost(block)europäer ist, jene Erkenntnis lässt sich aus obigen medialsozialen Erfahrungen destillieren, garantiert nicht gut Kirschenessen. Auch „Severance“ greift dieses bärbeißig-lustige Westklischee abermals auf und spielt es mit einem genüsslichen Augenzwinkern aus.
Als weniger treffend empfand ich die auf die Waffenindustrie anspielende Satiredimension – dass ausgerechnet die Repräsentanten eines moralisch ohnehin letztklassigen Rüstungsunternehmens zu Opfern der eigenen Produkte werden, erscheint dann doch als eine etwas allzu offensichtlich gezogene Äquivalenz. Ebenso wäre zu bemäkeln, dass der erfrischend komische Tonus vom Beginn von „Severance“ zum Ende hin zugunsten hinlänglich bekannter Slasher- und Manhunt-Strukturen bis auf wenige Blitzlichter nahezu völlig mit Füßen getreten wird. Hier wäre gewiss mehr drin gewesen. Dennoch ein alles in allem überaus spaßiges Unterfangen.

7/10

SLAUGHTER HIGH

„We’ll take my car. It starts every time.“

Slaughter High (Die Todesparty) ~ UK/USA 1986
Directed By: George Dugdale/Mark Ezra/Peter Mackenzie Litten

Ein böse endender „Aprilscherz“ der üblichen Bullies sorgt dafür, dass der belächelte High-School-Nerd und Naturwissenschaftsgenius Marty Rantzen (Simon Scuddamore) durch Säure schwer entstellt wird. Jahre später erhalten die mittlerweile im Berufsleben stehenden Täterinnen und Täter von einst eine anonyme Einladung zu einem Jahrestreffen im mittlerweile leerstehenden Schulgebäude. Hinter dem Event steckt jedoch niemand Geringerer als der rachedurstige Marty, der, mit einer Narrenmaske verkleidet und unter Zuhilfenahme seiner technischen Kenntnisse, den damaligen Übeltätern das volle Pfund nebst Zinseszins zurückzahlt.

Dieser ziemlich ruppige und nicht minder witzige Slasher der zweiten Generation lebt neben seinen exzessiv (und deutlich übertrieben) ausgespielten Mordsequenzen und seinem ungewöhnlich hohen bodycount vor allem von den vielen, kleinen Anekdötchen, die seine Entstehungsgeschichte umwabern – so starb der den genazten Marty spielende Simon Scuddamore unmittelbar nach dem Shooting an einer Drogen-Überdosis, spielte Genrequeen Caroline Munro mit 36 Jahren einen Schülerin und heiratete später einen der drei Regisseure (George Dugdale), eine ausnahmsweise sehr stabile Businessehe, die noch immer anhält. Gedreht wurde vornehmlich in England, wo sich damals, zur Zeit der berüchtigten Video Nasties, eine kleine Slasher-Parallelkultur entwickelte, sich jedoch bald ebenso rasch wieder in Wohlgefallen auflöste. Der motivspendende „April Fool’s Day“ entsprach der damals beliebten Praxis, Genrebeiträge nach Feiertagen zu benennen und an selbigen spielen zu lassen. Tatsächlich sollte der Titel entsprechend lauten, musste jedoch zugunsten einer fast zeitgleich von Fred Walton inszenierten Konkurrenzproduktion der Paramount an selbige abgegeben werden. Eine Menge an gattungsinternen Referenzbekundungen und an Hommage stecken besonders im ersten Viertel von „Slaughter High“, das in Weichzeichneroptik ausführlich die origin story um Marty Rantzens forciertes Abgleiten in den Irrsinn und seinen späteren, ausgeklügelten Vergeltungsfeldzug erzählt. Besonders De Palmas „Carrie“, Tony Maylams „The Burning“ und Eric Westons „Evilspeak“ scheinen intensive Eindrücke hinterlassen zu haben, deren Nachhall sich hier teils überdeutlich widerspiegelt. An einen weiteren spirituellen Wegweiser, nämlich die damals noch florierende „Friday The 13th“-Reihe, gemahnt Harry Manfredinis unverkennbarer, nur wenig variierter Score.
Richtig zur Sache geht es dann im Zuge der eigentlichen, vom vergrätzten Marty inszenierten „Todesparty“: Unter anderem sorgen ein mit auflösenden Zusätzen versetztes Dosenbier, ein unfreiwilliges Säurevollbad, ein unter Strom gesetztes Bett, auf dem just koitale Ekstasen stattfinden oder ein herabfallendes Auto für all jene spektakulären Augenblicke, die die geneigten Rezipientenschaft frohlocken lassen. Der Schlussgag, in dessen Zuge sich das zuvor Bezeugte quasi als erst noch stattzufindende Traumvision des tatsächlich noch immer in chirurgischer Behandlung befindlichen Marty herausstellt, ist genau von jener redundanten, hinlänglich bekannten Tonart, die viele Horrorfilmer als etwas hilflosen, wenngleich lauten Abschluss ihrer doch längst auserzählten Story wählten und damit im Prinzip so verzichtbar wie unnötig. Den zuvor erlebten Spaß schmälert dieses Vorgehen glücklicherweise überhaupt nicht.

6/10

CLIMAX

Zitat entfällt.

Climax ~ F/BE 2018
Directed By: Gaspar Noé

Um die Mitte der neunziger Jahre bereitet sich ein rund zwanzigköpfiges, vornehmlich aus jungen Französinnen und Franzosen bestehendes Tanzensemble unter der Choreographin Selva (Sofia Boutella) und dem auf Elektronisches spezialisierten DJ Daddy (Kiddy Smile) auf eine erfolgversprechende Tournee in den Staaten vor. Eine finale Probe findet in einem winterlichen, entlegenen Schullandheim statt, gefolgt von einer kleinen After-Party. Während die TänzerInnen noch im Bewegungsrausch sind, bemerken einige von ihnen, dass etwas nicht stimmt und ihre psychischen Aktionen und Reaktionen kollektiv beeinträchtigt. Die Ursache dafür ist bald gefunden: Jemand hat die Sangria mit LSD versetzt. Da nahezu jede/r der Anwesenden mehr oder weniger davon getrunken hat, verfallen bald alle in sich auf unterschiedlichste Arten kanalisierende Trips. Irrationalität, Paranoia, Aggressionen, Hemmungslosigkeiten brechen sich Bahn, bloße Instinktbedürfnisse übernehmen die Handlungsmotivation und es kommt inmitten des zusehends unübersichtlichen Chaos bald zu katastrophalen Ereignissen.

Für seinen jüngsten Film nahm Gaspar Noé sich ein über zwanzig Jahre zurückliegendes, authentisches Ereignis zur inhaltlichen Prämisse, bei dem sich tatsächlich eine Tanzgruppe unversehens unter LSD gesetzt fand, ohne dass die prekäre Situation der Anwesenden jedoch zu einem derart klaustrophobischen Schreckensszenario eskalierte, wie Noé es darstellt. Wie man es von dem Filmemacher erwarten darf, interessieren ihn stattdessen sehr viel mehr die (hypothetisch denkbaren) Auswirkungen einer entsprechenden „Versuchsanordnung“. Die Beteiligten mitsamt ihrer psychischen Grundkonstellationen, ihr soziales Netzwerk, die lokalen Bedingungen sowie der Raum selbst nebst seiner audiovisuellen Konstruktion, der spärlichen Beleuchtung und der unablässigen,  treibenden Musik werden zu unwägbaren Bestandteilen einer soziopsychologischen Experiments unter teils markerschütternden individuellen Auswirkungen. Diffuse Antipathien bis hin zu offenem Hass brechen sich Bahn, Verdachtsmomente, wer von den Beteiligten für den üblen Drogenscherz verantwortlich sein könnte, führen zu massenhysterischen, jedweder Logik entbehrenden Schlussfolgerungen. Einer der Tänzer (Adrien Sissoko) wird kurzerhand in die nächtliche Kälte ausgesperrt und dort vergessen; eine Mutter (Claude Gajan Maull) schließt ihren kleinen Sohn (Vince Galliot Cuman) zu dessen „Sicherheit“ in den Stromverteilerraum ein, verliert jedoch den Schlüssel und dreht vollends durch, als der zunächst panische Junge kein Lebenszeichen mehr von sich gibt; eine sich als schwanger outende Frau (Souheila Yacoub) wird misshandelt und verstümmelt sich dann selbst; die Haare einer anderen (Sarah Belala) fangen Feuer; ein eifersüchtiger Entfesselter (Taylor Kastle) vergewaltigt die eigene Schwester (Giselle Palmer).
Im Interview gab Noé zu Protokoll, er habe sich ein paar der megalomanischen Katastrophenfilme der siebziger Jahre angesehen, um sich von der atavistischen Anarchie der den Extremsituationen ausgesetzten Charaktere inspirieren zu lassen. Die Wahl seiner Form gestaltet sich wie üblich kongenial zum transgressiven Geschehen; zu Beginn etwa rollen die Endcredits in umgekehrter Folge durchs Bild, lange, durch ein Mindestmaß an Schnitten durchbrochene Einstellungen zeigen zunächst die ekstatische Tanzchoreographie und später dann die zunehmend infernalischen, immer irrealer anmutenden Wendungen innerhalb der bizarren Hermetik des Gebäudes als einen unablässigen Strom befremdlicher Eindrücke und Momentaufnahmen. Hier und da leistet sich Noé sogar (offenbar ironisierte) Godardismen, wenn er etwa urplötzliche, seltsame Titeleinblendungen liefert wie „un film français et fier de l’être“.
Als kultisch verehrtes und bemühtes trip movie etwa im Sinne von „Fear And Loathing In Las Vegas“ wird „Climax“ vermutlich nicht in die Annalen halluzinogener Kinokultur einziehen, dafür ist er schlicht zu unbequem und vermutlich auch allzu inkommensurabel; es gibt – im Sinne drogenaffiner Filmrezeption zumindest – gewiss zu wenig her, sich dem durchaus als „Horrortrip“ empfindbaren Werk zu widmen. Andererseits nimmt sich „Climax“ in seiner Gesamtgestaltung glücklicherweise als allzu komplex aus, um als stiefmütterliche Warnung vor freiwilligem und unfreiwilligem Rauschmittelmissbrauch durchzugehen – wenngleich niemand im direkten Anschluss an ihn den Drang verspüren wird, sich auf hofmannsche Reisen zu begeben.

8/10

HER MIT DEN KLEINEN SCHWEINCHEN

„Früher hatte er einen Porschefimmel – jetzt hat er einen forschen Pimmel.“

Her mit den kleinen Schweinchen ~ BRD 1984
Directed By: Otto W. Retzer

Die Flucht von einem prekären Tête-à-Tête führt den splitternackten Freddy (Alexander Gittinger) geradewegs in die Villa eines betuchten Ehepaars, dessen weibliche Hälfte (Bea Fiedler) just dabei ist, ihrem Gatten Waldemar (Alexander Grill) Hörner aufzusetzen. Gemeinsam mit dem wiederum gestörten Galan (Franco Schick) muss Freddy schließlich die abrupte, feierliche Heimkehr Waldemars unter dem Bett harrend ertragen. Der irreversible Schock eines späteren Verhörs bei der Gendarmerie (Freddy ist immer noch komplett klamottenlos) sorgt dafür, dass der Gebeutelte nunmehr unaufhörlich stottert. Abhilfe dafür weiß Dr. Wiesinger (Franz Marischka), der eine Methode entwickelt hat, ebenjene logopädische Unebenheit durch eine chirurgische Verkürzung der Penislänge beim betroffenen Patienten einzugrenzen. Das von Freddy amputierte, gute Stück näht sich der Doktor kurzum selbst an – und erlangt somit die ersehnte, stotternde Omnipotenz. Seine Suche nach begattungswilligen Damen führt ihn zum Au-pair-Mädchen Evi (Susanne Bonneik), die mit ihren Verführungskünsten soeben die gesamte Familie Harting aus den trauten Angeln gehoben hat und sich jetzt als Callgirl selbstständig machen will. Einer ihrer ersten Jobs sorgt prompt für Verwirrung in der Nachbarschaft: Anstelle des angekündigten, um Beischlaf buhlenden Muttersöhnchens (Wolfgang Jansen) landet ein Laienschauspieler (n.n.) in ihrem Haus und der jungfräuliche Schwerenöter an dessen Statt in der gegenüber liegenden Immobilie der Heuers. Eva (Julia Kent), die Dame des Hauses, plant nämlich, ihre Rolle für ein neues Stück zu proben.
Wolfgang (Wolfgang Fierek) und sein bester Freund Egon (Günther Mayer) schließlich genießen den durch Egons neue, aber nicht eben hübsche Gattin Olga (Ellen Umlauf) in ihr Lotterleben Einzug haltenden Luxus. Eine ausgedehnte Faschingsfeier der beiden Stelzböcke sorgt jedoch für allerlei Verwirrung und Irrung, wobei besonders Evas gehörnter Mann (Peter Settgast) ziemlich ins Schwitzen gerät.

Otto W. Retzers dritte Regiearbeit für die Lisa ist als Episodenfilm mit vier inhaltlich lose verknüpften Kurzgeschichten angelegt, aus denen jeweils eine oder zwei Figuren stets ins nächste Segment überleiten. Erhellend-kommentierende Off-Erläuterungen im Stil des spitzfindigen, oben angeführten Zitats liefert allenthalben der Schauspieler und Synchronsprecher Reinhard Glemnitz. Ansonsten lässt sich „Her mit den kleinen Schweinchen“, der auf Video auch (und einmal mehr völlig unpassend) als „Dirndljagd am Wörthersee“ veröffentlicht wurde, wohl am Treffendsten als ein kleines „Worst Of…“ der jüngeren Lisa-Geschichte bezeichnen; dass Retzer, der hier selbst zwei kleine Auftritte als versoffener Pennbruder absolviert, durchaus mal etwas sleaziger zur Sache zu gehen wusste als seine Kollegen F.J. Gottlieb oder Sigi Rothemund, dürfte hinlänglich bekannt sein. Dementsprechend deftiger denn dorten seine Liebäugeleien mit zumeist nichtsdestotrotz klamaukig konnotierter Softsex-Erotik, sprich, der Spielzeitanteil nackter Tatsachen. Typen wie Bea Fiedler (bereits etwas moppeliger als gewohnt), die beiden Alexander(s) Gittinger und Grill, Wolfgang Fierek oder Peter Settgast und nicht zu vergessen der unvergessliche Werner Röglin, hier in seinem letzten Filmauftritt überhaupt in üblichem Parademaß als erzschwuler Streifenpolizist zu bewundern, den natürlich jede sich bietende Gelegenheit gleich zum Diebe macht, bieten in diesem Zusammenhang zudem den unverzichtbaren, personellen Kitt vor der Kamera, dem Retzer und sein Coautor Erich Tomek durch ein gewohnt letztklassiges Konsortium an lustvoll dargebotenen Scheißwitzen das obligatorische Finish verabreichen. Retzer machte dann erstmal vier Jahre Pause als Regisseur, bevor er mit dem sehr ähnlich konzipierten (aber familienkompatibleren) „Starke Zeiten“, der gewissermaßen den Schwanengesang der Lisa-Kino-Periode einläutete, zugleich auch sein eigenes Leinwandengagement abschloss. Mit „Ein Schloss am Wörthersee“ folgte dann der beinahe kongeniale Sprung ins TV. 

4/10