BLACK ’47

„Beauty would be held in much higher regard, Sir, if it could be eaten.“

Black ’47 ~ IE/LU 2018
Directed By: Lance Daly

Irland, 1847. Während der großen Hungersnot kehrt der Militärveteran und Deserteur Martin Feeney (James Frecheville) nach Hause zurück und findet Mutter und Bruder tot vor. Nur seine Schwägerin Ellie (Sarah Greene) trotzt mit ihren Kindern noch verzweifelt dem Hungertod. Feeney, der plant, mit dem Rest seiner Familie nach Amerika zu emigrieren, bringt Ellie und deren Sprösslinge in eine der noch stehenden Hausbaracken unter, doch einige Lakaien des hiesigen Großgrundbesitzers Kilmichael (Jim Broadbent) verweigern ihnen unter Berufung auf die geltende Rechtslage den dortigen Aufenthalt. Beim anschließenden Scharmützel gerät die Ruine in Brand, Feeney wird gefangen genommen und weggebracht und sein Neffe getötet. Nachdem es ihm gelingt, sich zu befreien, hat Feeney auch Ellie und seine kleine Nichte zu beklagen, die unterdessen vor Kälte und Erschöpfung gestorben sind. Feeney begibt sich auf einen beispiellosen Rachefeldzug gegen sämtliche Verantwortlichen, derweil die Polizei ihm nachstellt: Eine kleine Abordnung um den arroganten Karrieristen Pope (Freddie Fox), den jungen Hobson (Barry Keoghan), Feeneys früheren Soldatenfreund Hannah (Hugo Weaving), der durch seine Bezeiligung an der Jagd der Aussetzung der eigenen Todesstrafe entgegensieht sowie dem gewitzten Tagedieb Conneely (Stephen Rea) begibt sich auf Feeneys blutige Spur, bekommt ihn jedoch nicht zu fassen, bis dieser schließlich Kilmichaels persönlich habhaft werden kann.

Es gibt australische, japanische, sogar einen österreichischen Western. Warum also nicht auch einmal einen irischen? Just einen solchen legt der landeseigene Filmemacher Lance Daly mit „Black ’47“ vor, dessen Titel sich auf das schlimmste Jahr der infolge von Kartoffel-Missernten grassierenden Hungersnot bezieht. Inmitten dieses historischen Katastrophen-Zustands versetzen Daly und sein Coautor P.J. Dillon ihre gleichermaßen reduzierte wie verschärfte „Michael- Kohlhaas“-Variation: Am persönlichen Verderben des Titelhelden, den den gesamten Film über ein nahezu gespenstisch-mystischer Hauch des biblischen Racheengels umweht, tragen einmal mehr der fette Geldadel und seine übervorteilende Gier Schuld, die das kleine Gemeinvolk unter ihren hochglänzenden Stiefeln zertreten. Dass es sich dabei in diesem Falle zudem um die verhassten Besatzer von der englischen Nachbarinsel und deren einheimische Abschöpfer handelt, überträgt dem wütenden Martin Feeney noch eine weitere Dimension des gerechtfertigten Hasses, die ihn als eine Art frühen IRA-Partisanen agieren lässt. Daly verleiht dem grausamen Zustand der Hungersnot mitsamt all ihren fürchterlichen humanitären Folgen die gräuliche Visualisierung postapokalyptischer Desolation: Das spätherbstliche Wetter ist grau und dürr und lässt die zerklüftete, karge und zeitweise unfruchtbare Landschaft nur noch lebensfeindlicher erscheinen. In diesen Zeiten heißt es nurmehr „Flucht oder Tod“, vermutlich auch der Grund, warum Feeney, über den wir später erfahren werden, dass er ein brillanter Soldat ist, der Hannah sogar einst das Leben gerettet hatte, seinen Einsatz für die Krone im fernen Afghanistan aufgegeben hat und zu seiner darbenden Familie zurückgekehrt ist. Doch in der Heimat begegnen ihm nurmehr Tod und noch mehr Verzweiflung, denen er mit dem Zorn des Guerillakämpfers begegnet.
„Black ’47“ hat dabei etwas Mühe, sich eindeutig zu einem Genre zu bekennen und setzt sich geflissentlich unsicher zwischen die Stühle. Für einen harten Veteranen- und Selbstjustiz-Actionfilm mit Vergeltungsthematik vor historischem Setting, der charakterliche Züge der „Rambo“-Filme oder der diversen „Punisher“-Inkarnationen trägt, ist er allzu gemächlich und zurückhaltend inszeniert; für ein intimes Ensemble-Drama indes sind seine Grundstimmung zu ruppig und seine Aggressionsfurchen zu tief.
Dennoch lohnt der Blick, schon allein im Hinblick auf die interessante, ungewöhnliche Melange des Films aus zeit- und kinohistorischem Abriss.

7/10

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