THE NIGHT DIGGER

„I need help!“

The Night Digger (Das Haus der Schatten) ~ UK 1971
Directed By: Alastair Reid

Die altjüngferliche Krankenschwester Maura (Patricia Neal) lebt gemeinsam mit ihrer blinden Adoptivmutter Edith Prince (Pamela Brown) in deren marodem Herrenhaus in der englischen Provinz nahe Coventry. Die einsame Maura ist es gewohnt, sich tagtäglich von der herrischen Alten drangsalieren zu lassen und trägt ihr Los mit leicht deprimierter Fassung. Dies ändert sich, als der Tagelöhner und Herumtreiber Billy Jarvis (Nicholas Clay) bei den beiden Frauen auftaucht: Während Maura zunächst widerwillig auf seine Anwesenheit reagiert, bietet Edith ihm sogleich eine Stellung als Hausmeister nebst Kost und Logis an. Nach und nach entdeckt Maura Sympathien für den geheimnisvollen, offenbar nicht ganz ehrlichen jungen Mann, die sich bald in aufrichtige Zuneigung verwandeln und sogar von Billy erwidert werden. Doch dieser hat ein furchtbares Geheimnis: Er ist ein schizoider Serienmörder, der bereits sieben Frauen auf dem Gewissen hat. Dennoch wittert Maura in Bezug auf Billy die letzte Chance, sich von Edith zu emanzipieren…

Angereichert mit einer feisten Portion finsteren, englischen Humors serviert dieser von Roald Dahl co-gescriptete Drama-/Thriller-Hybrid seine markige Drei-Personen-Geschichte, in deren Zentrum Patricia Neal als pflichtbewusste Frau steht, die sich in ein verhängnisvolles Abhängigkeitsverhältnis gebracht hat: Ihre Adoptivmutter Edith weiß um die devote Persönlichkeit der nicht mehr ganz taufrischen Maura, die bereits vor Jahren den Quasi-Frondienst in jenem riesigen, verlotterten Haus ihrem persönlichen Glück vorgezogen hat und seither mehr und mehr dahinwelkt. Ausgerechnet in der Person des geisteskranken Frauenmörders Billy offeriert sich Maura der letzte Ausweg, den übermächtigen Fängen der alten Edith zu entkommen und doch noch ein selbstbestimmtes Leben anzufangen – zwei gebrochene Seelen, die sich möglicherweise heilen können. „The Night Digger“ macht sich dabei den Kunstgriff zunutze, Billy trotz seiner mörderischen Persönlichkeitsspaltung zum Sympathieträger avancieren zu lassen. Wenn er nicht gerade in verantwortungslosem Zustand junge Frauen meuchelt, ist er ein netter, patenter, obschon nicht sonderlich gebildeter junger Mann, den man durchaus gern haben kann und dessen unglückliche Biographie seinen Hass auf gleichaltrige Damen immerhin erklärt. Selbst als Maura von Billys obsessiver Schattenseite erfährt, ist sie noch bereit, mit ihm fortzugehen – hier präsentiert sich ihr ein Mensch, der eine sogar noch vernarbtere Persönlichkeit beinhaltet als sie selbst und der im Gegensatz zu der undankbaren, bigotten Edith sogar wirklich ihrer Zuneigung und Unterstützung bedarf.
Alastair Reid fängt dieses psychologisch grandios untermauerte Kammerspiel in den typisch bleichen Farben des britischen Frühsiebzigerkinos ein, lässt aber trotz dieser Kargheit häufig an Hitchcock denken, von dessen bevorzugten Topoi sich in „The Night Digger“ einige wiederfinden, seien es die matriarchalische Bevormundung durch eine entsetzliche Mutterfigur, die dysfunktionale, sehnsuchtsvolle Liebesgeschichte zweier Verlorener oder eben das Gewaltverbrechen als Zwangshandlung. Passend dazu kredenzt Bernard Herrmann eine Musik, die seinem Chef D‘Œuvre sicher nur allzu gut gemundet hätte.

8/10

SHAZAM!

„Hey, what’s up? I’m a superhero.“

Shazam! ~ USA 2019
Directed By: David F. Sandberg

Billy Batson (Asher Angel) ist ein in Philadelphia lebender Teenager, ohne Eltern in diversen Pflegefamilien aufwachsend stets auf der Suche nach seiner Mutter (Caroline Palmer), die er im Alter von drei Jahren auf einem Rummelplatz verloren hat. Infolge seines renitenten, bisweilen grenzkriminellen Verhaltens landet Billy schließlich bei dem Ehepaar Vasquez (Marta Milans, Cooper Andrews), das sich aufopferungsvoll um eine kleine Gruppe im Stich gelassender Kinder kümmert, darunter auch um Freddy Freeman (Jack Dylan Grazer), mit dem sich Billy zaghaft anfreundet.
Auf der Flucht vor ein paar Schulbullys landet Billy eines Tages in der U-Bahn und von dort aus in der magischen Höhle des altehrwürdigen Zauberers Shazam (Djimon Hounsou), der die inkarnierten Sieben Todsünden bewacht und Billy als jüngsten, würdigen Adepten für die Gestalt eines Helden (Zachary Levi) mit gottgleichen Kräften ausersehen hat. Von nun an muss Billy nur das Wort „Shazam!“ aussprechen und verwandelt sich in einen muskelbepackten, erwachsenen Superhelden in roter Gewandung, dessen Fähigkeiten denen von Superman kaum nachstehen. Natürlich hat allerdings auch dieser Held seine Nemesis in der Person des wahnsinnigen Dr. Thaddeus Sivana (Mark Strong), der einst beinahe selbst Billys Rolle eingenommen hätte und sich aus Rachsucht für seine damalige Verschmähung mit den Sieben Todsünden einlässt. Billy muss bald feststellen, dass er soviel geballter Bösartigkeit alleine nicht gewachsen ist…

Der jüngste Leinwandeintrag in das Extended Universe des Comicriesen DC befasst sich mit einer weiteren ikonischen Figut des Verlags, der in seinem Film allerdings noch keinen wirklichen Namen erhält. Eingeweihte wissen natürlich, warum: Der bereits achtzig Jahre alte Superheld heißt nämlich eigentlich „Captain Marvel“, was bereits in der Printwelt für diverse Kollisionen mit DCs Konkurrent Marvel sorgte, der seit den sechziger Jahren selbst mehrere Figuren mit ebendieser Bezeichnung vorstellte und sich das Namensrecht stets vorbehielt, was im Medium Comic dann immer doch irgendwie gelöst werden könnte, den gemeinen Kinogänger, zumal nach Marvels erst letzthin lancierten Film dieses Titels, in allzu verständliche Verwirrung gestoßen hätte. Ursprünglich für den Verlag Fawcett Comics ersonnen und in den USA von gewaltiger Popularität, verschwand Captain Marvel zusammen mit seinem Herausgeber zwischen 1953 und 1972 komplett von der Bildfläche, bis sich DC die Rechte an der Figur sicherte und sie in ihren Geschichtenkosmos integrierte, wo sie fortan zunächst ein eher stiefmütterliches Dasein fristete. Später wurde Captain Marvel, dessen Genese und damit verbundene, identitäre Besonderheit, nämlich die, eigentlich ein kleiner Junge zu sein, der bei Bedarf im Körper eines Superhelden agiert, dann ein zunehmend ironisierter Charakter, der immer mal wieder einzelne Höhepunkte spendiert bekam, den Status der „Big Three“ (also Superman, Batman und Wonder Woman) jedoch nie ankratzte.
Seine jüngste, von Allrounder Geoff Johns geschriebene Inkarnation nahm schließlich Abstand von den früheren Storys, in denen Billy Batson als tugendhafter, braver Teenager und Nachwuchsreporter auftrat, der wegen seines kindlichen Gemüts selbst in seiner Gestalt als Captain Marvel von dem einen oder anderen Superkollegen  betechtigterweise belächelt wurde. Nunmehr ist er ein waschechter, pubertierender Teenager ohne Eltern und mit entsprechenden Sorgen und Nöten. Diese Version liegt auch Sandbergs Film zugrunde, der sich halbwegs kongenial an Johns‘ Vorlage hält, wenngleich mit Marvels Erzfeind Black Adam ein wichtiger Charakter außen vor bleiben musste. Stattdessen muss sich Billy mit einem durch die Allianz mit den Sieben Todsünden deutlich mächtiger gewordenen Thaddeus Sivana herumplagen, der im Film gewissermaßen und wohl aus Gründen der üblichen  Komplexitätsreduktion kurzerhand mit Black Adam fusioniert wurde.
„Shazam!“ macht sich die neue Erfolgsformel des DCEU zur Regel, derzufolge Humor sich besser verkauft als die existenzialistische Düsternis der Snyder-Werke und geht diesbezüglich sogleich in die Vollen: Daraus, dass der Film auch und insbesondere eine Art verklausuliertes Remake von Penny Marshalls „Big“ im Superheldengewand ist, macht er erst gar keinen Hehl, sondern verdeutlicht dies durch eine offensichtliche Reminiszenz. Überhaupt strotzt „Shazam!“ vor Referenzen und Seitenhieben nicht nur bezüglich der langen Historie der Vorlage, die für deren Kenner und Popkulturdetektive ganz allgemein in ein halbwegs vergnügliches Suchspiel münden. Die allermeisten situativen Gags indes dürften unzweideutig für eine Zielgruppe im Alter des Protagonisten sein, der recht infantil gehaltene sense of wonder des Ganzen schützt dann gemeinhin doch eher die Typologie eines modischen Fantasy-Trash-Märchens vor. Leider hat es nicht mehr für einen Gastauftritt von Henry Cavill gelangt.

7/10