E TANTA PAURA

Zitat entfällt.

E Tanta Paura (Magnum 45) ~ I 1976
Directed By: Paolo Cavara

Gleich zwei Personen der höheren Mailänder Gesellschaft werden in kurzem Zeitabstand brutal ermordet aufgefunden, wobei an beiden Tatorten Illustrationen aus Heinrich Hoffmanns Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ hinterlassen sind. Für den ermittelnden Inspettore Lomenzo (Michele Placido) gilt es, dem Täter möglichst rasch auf die Spur zu kommen, bevor dieser wieder zuschlägt. Doch es geschehen bald weitere Verbrechen nach demselben Profil. Lomenzo findet mithilfe seiner leichtlebigen Nachbarin Jeanne (Corinne Cléry) heraus, dass sämtliche Opfer Mitglieder des Exklusivklubs „Freunde der Natur“ waren und einst im Hause des mittlerweile verstorbenen Gesellschaftslöwen Hoffmann (John Steiner) verkehrten, wo man nicht nur der gemeinsamen Liebe zu exotischen Tieren frönte, sondern auch der zu ausgefallenen Exzessen. Auch die in großem Stil zu Werke gehende Detektei des alternden Pietro Riccio (Eli Wallach) ist in die Ereignisse verwickelt…

Mit „E Tanta Paura“ reichte der vormalige „Mondo“-Urheber Paolo Cavara eine genreübergreifende Italo-Sleaze-Granate ersten Ranges, die Elemente des splattrigen Giallo, des Poliziottesco und sogar der Commedia Sexy vereinte und hernach zu einer ebenso wahnwitzigen wie lustvoll aufbereiteten Kinobreitseite melangierte. Die ProtagonistInnen des Films, selbst der von Michele Placido gespielte Inspektor, sind durch die Bank dem libertären Zeitgeist der Mittsiebziger verbunden, der einen nahezu rücksichtslosen Hedonismus präservierte. Man raucht, trinkt, nascht Konfekt und promiskuiert, was das Zeug hält, jede freie Minute dient sozusagen der reuelosen Lust zwischen Disco und Heia. Schöne Damen sind zumeist willige Fortomodels und grundsätzlich bisexuell, garantiert nichts brennt an. In einem derart aufzeizenden Makrokosmos muss es sogar Spaß machen, einen Serienmörder zu jagen, daran lässt „E Tanta Paura“ keinerlei Zweifel. Auch sonst hält Cavara sein Publikum bei der Stange, die etwas willkürlich eingeflochtenen Wendungen bis hin zu einem sich in seinen diversen twists selbst nicht mehr zurecht findenden Finale werden flankiert von regelmäßigen Nuditäten und einer vorbildlichen Verfolgungssequenz mit anschließender Prügelei. Hinzu kommt die großartig-eklektische Besetzung, in deren Reihen sich neben den Erwähnten auch Jacques Herlin sowie der damals kurzzeitig in Bella Italia befindliche Tom Skerritt (als Placidos Vorgesetzter) verirrten.
Sonderlich spannend, zumindest im Sinne klassischer Thrillerstrukturen, nimmt sich „E Tanta Paura“ dabei zugegebenermaßen nicht aus; er lebt vielmehr von der perlenartigen Aneinanderreihung all seiner vielen, kleinen Unfassbarkeiten (wie einer merkwürdigen Orgienszene in der Villa Hoffmann nebst Schimpanse und Tiger, in deren Zuge unter anderem auch eine bizarre Trickporno-Sequenz von Gibba prominiert), die dann am Ende doch noch eine erstaunlich funktionales Homogenitätsbild hinterlassen. Die deutsche (Video-) Vermarktung in den Achtzigern gab derweil ein hübsches Beispiel für die oftmalige Hilflosigkeit der diversen Kleinstlabel ab, ihre Medien an den Mann zu bringen: Weder „Ein Mann jagt das Gesetz!“ noch „Die letzte Chance eines Bullen“, wie das nach billigem Actionfach müffelnde VHS-Cover mit dem gänzlich unpassenden Titel „Magnum 45“ zuzusichern versuchte, markieren Versprechen, die der Film zu halten im Stande war. Im Gegenzug erhielt man dann aber eine ganz anders gepackte Wundertüte.
Obskur, bizarr, schön!

8/10

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