DOMINO

„Here, you insensitive asshole!“

Domino ~ DK/F/I/BE/NL 2019
Directed By: Brian De Palma

Ein Jahr in der Zukunft: Nicht zuletzt seiner eigenen Unaufmerksamkeit ist es geschuldet, dass Christians (Nikolaj Coster-Waldau) Partner und bester Freund Lars (Søren Malling) jetzt im Koma liegt. Der Kopenhagener Polizist hat im Zuge eines vermeintlichen Routinenotrufs in den frühen Morgenstunden nämlich einige höchst unprofessionelle Faux-pas begangen, die im Endeffekt zusätzlich dafür sorgen, dass der flüchtige Verdächtige, ein libyscher Migrant namens Ezra Tarzi (Eriq Ebouaney), in die Hände einer mysteriösen Drittgruppe fällt. Bei dieser handelt es sich um ein paar CIA-Leute, die dem IS-Terroristen Al Din (Mohammed Azaay) auf der Spur sind, mit dem wiederum auch Tarzi eine private Rechnung offen hat. Er wird daher erpresst, für die Amerikaner zu arbeiten. Christian und seine Kollegin Alex (Carice van Houten) verfolgen derweil Tarzis Fährte und somit auch die von Al Din über Brüssel bis nach Almería…

Es gibt wohl nur zwei grundsätzliche Alternativen, Brian De Palmas jüngsten Film für sich ausklingen zu lassen: berechtigte Ratlosigkeit oder maßlose Enttäuschung. Dass der mittlerweile ohnehin nur noch in sehr spärlicher Frequenz neue Werke in die Welt entsendende 79-jährige seinen kreativen Zenit weit hinter sich gelassen hat, lässt sich schon seit längerem nicht mehr stehenden Fußes leugnen; „Domino“ jedoch, der sich herstellungsbedingt nach „Femme Fatale“ und „Passion“  wiederum auf ausschließlich europäische Schauplätze kapriziert, wirkt über weite Strecken erstmals regelrecht unbeteiligt, müde und glanzlos, was nach De Palmas eigenem Bekunden primär mit den katastrophalen Produktionsbedingungen zu tun habe. So seien etwa das Budget allzu minimal ausgefallen und er selbst komplett von Script und Post-Produktion ausgeschlossen worden. Ferner schuldeten die dänischen Geldgeber noch etlichen Crew-Mitgliedern ihre Gagen. Und tatsächlich, De Palma, sonst ein längst vollendeter, unverwechselbarer Stilist, schimmert trotz Pino Donaggios Vertrauen erweckendem Score nurmehr noch an wenigen Stellen durch. So lässt etwa die Inszenierung von Tarzis vermasselter Verhaftung noch die alte Meisterschaft erkennen oder wartet das Finale in der Stierkampfarena von Almería mit ein paar hübschen Finessen auf. Dazwischen allerdings finden sich trotz der ohnehin kurzen Erzählzeit merkwürdige, für De-Palma-Verhältnisse geradezu grotesk ordinär anmutende Füllsel um die Rekrutierung Tarzis durch die CIA oder um die Aufdeckung, dass Alex eine heimliche Affäre mit Lars pflegte und nunmehr von ihm schwanger ist. Tatsächlich mutet das ganz offensichtlich mit heißer Nadel gestrickte Drehbuch häufig an wie für einen x-beliebigen, seriellen Fernsehkrimi kreiert, entbehrt weitgehend psychologischer Glaubwürdigkeit oder Tiefe und verhindert insbesondere, und selbiges macht sich besonders fatal bemerkbar, jedweden aufrichtigen Interesses des Regisseurs an seinen Figuren. Zudem wirft es gewisse, ideologiekritische Fragen auf, die man für ihre konkretere Beantwortung weiter analysieren müsste und die sich mit der zum überhastet angesetzten Abspann wiederholt prononcierten Perspektive nochmals manifestieren. Ob das (warum eigentlich?) ein Jahr in die Zukunft vorversetzt spielende Script rechtsreaktionäre Islamophobie präserviert oder bloß gerechte Angstgefühle vor terroristischen Fanatikern äußert, wäre demnach noch abschließend zu erörtern.
Nun will ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen; weder entpuppte sich „Domino“ als die zu antizipierende Vollkatastrophe, noch empfand ich ihn in allen Belangen als Totalausfall. Bei aller Verflachung und inszenatorischer Apathie (die sich, wohlgemerkt, speziell in der Erwartung eines De-Palma-Werks bemerkbar macht) gelingt es dem Film doch, das Interesse am Fortgang seiner Story aufrecht zu erhalten und im Finale nochmal etwas Fahrt aufzunehmen. (Selbst) für ein Alterswerk dieses unikalen Genies sind derlei apologetische Zugeständnisse jedoch schlichtweg zu wenig.

5/10

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THE BEACH BUM

„You know what I like the most about being rich? You can just be horrible to people and they just have to take it.“

The Beach Bum ~ USA/F/UK/F/CH 2019
Directed By: Harmony Korine

Moondog (Matthew McConaughey) hat seine große Zeit als anerkannter Lyriker längst hinter sich. Nunmehr zitiert er gern eigene Werke oder die seiner literarischen Vorbilder. Ansonsten verbringt er seine Tage vornehmlich damit, das angenehme Klima der Florida Keys zu genießen, sich den lieben langen Tag dem Vollrausch infolge seiner ausgiebigen Multitoxikomanie hinzugeben und seiner reichen Frau Minnie (Isla Fisher), die Moondogs libertinen Lebensstil nicht nur toleriert, sondern in luxuriösem Umfang gewissermaßen selbst praktiziert, auf der Tasche zu liegen. Auch der dauerbekiffte Musiker Lingerie (Snoop Dogg) zählt zu Moondogs „Förderern“.
In der Nacht nach dem von Lingerie betreuten Hochzeitstag ihrer gemeinsamen Tochter Heather (Stefanie LaVie Owen) endet eine bedröhnte Autofahrt in Minnies Unfalltod. Für Moondog, der dieses Ereignis in seiner ihm ungetrübten Art überaus gefasst aufnimmt, bedeutet selbiges, dass er vorläufig von seiner Geldquelle abgeschnitten ist. Minnies Testament sieht nämlich vor, dass er zunächst seinen seit langem in Arbeit befindlichen Roman fertigstellen muss, bevor er über die Hälfte ihres beträchtlichen Vermögens verfügen darf. Dummerweise muss er sich zugleich der gerichtlichen Auflage stellen, ein Jahr in einer Entziehungsklinik zu verbringen. Den dortigen Aufenthalt bricht Moondog gemeinsam mit dem vor Ort kennengelernten Pothead Flicker (Zac Efron) jedoch umgehend wieder ab und entschließt sich, halbherzig als Frau getarnt, seine Ergüsse lieber wieder im altvertrauten Sozialumfeld zu Papier zu bringen.

Einige Jahre nach seinem vielgeliebten „Spring Breakers“ zelebriert Harmony Korine aufs Neue die Farbenvielfalt und Sonnenverwöhntheit Floridas, reduziert allerdings um die Crime-Elemente des Quasi-Vorgängers und damit auch um das letzte Quäntchen dort noch praktizierter, existentieller Beschwernis. „The Beach Bum“ um den fiktiven – ich nenne ihn mal sunshine poet – slackenden Autor Moondog transponiert gewissermaßen vielmehr den Habitus von Barbet Schroeders epochalem Bukowski-Film „Barfly“ weg von der West- an die Ostküste und heraus aus dem schummrigen Kneipenmilieu geradewegs an die gleißende Helle des Golfstroms. Auch, wenn Bukowski gewiss Vieles war, bloß kein hippieesker Dauergrinser, verbinden seine ehedem von Mickey Rourke interpretierte Filmpersona Henry Chinaski und McConaugheys Moondog doch eine Menge. Da wäre zum einen die grenzenlose Zufriedenheit mit sich selbst und natürlich dem gewählten Lebensweg, der sich aus unentwegtem Rausch, Sex, Hedonismus, schmutziger Poesie und einer tief verwurzelten Abneigung gegen das Establishment rekrutiert. Zudem gestattet ihr jeweiliger literarischer Bekanntheitsgrad ihnen eine durchaus zugewandte Öffentlichkeit.
Trotz der permanenten Zuführung vermeintlich ungesunder Rauschmittel ist der Neo-Bohèmien Moondog darüber hinaus so psychisch gesund, wie es sich viele einen angepassten Lebenswandel anheim gefallene Zeitgenossen bestenfalls wünschen würden; im höhnischen Wissen um die Tristesse der buckelnden Leistungsgesellschaft, aber ebenso auch darum, dass sie gewissermaßen erst seinen eigenen Müßiggang möglich macht, genießt der niemals auch nur in einen Anflug von Deprimiertheit verfallende Moondog lachend jede ihm vergönnte Minute zwischen Drogen, Drinks, Frauen und leicht von der Spur abgekommenen Gesinnungsgenossen.
Korine wählt zur Schilderung seiner „Abenteuer“ somit ein naheliegendes, vornehmlich episodisches Narrativ, das sich vor allem an Moondogs Freunden und Bekannten abarbeitet; eben seiner Frau Minnie, dem R’n’B- und Gras-König Lingerie, dem Nachwuchsslacker Flicker und später dem kriegsversehrten Delfinfreak Captain Wack (Martin Lawrence), der seine geliebten Meeressäuger allerdings nicht von Haien unterscheiden kann, oder einem von Lingeries Seniorpartnern (Domovan Williams), der ausschließlich Joints in Ofenrohrformat raucht und dabei Wasserflugzeuge fliegt.
Der Humor des Films ist dabei angenehm unbrachial und eher grotesken Situationen oder Moondogs oftmals unerhörten Frechheiten geschuldet. Zudem macht Korine aus Scriptwendungen, die erst dazu geschaffen sind, moralisierende Werke komplett zu tragen (wie eben Minnies Tod nebst testamentarischer Verfügung oder Moondogs Einweisung in den Drogenentzug), reine erzählerische Fußnoten, die bestenfalls als Stichwortgeber für den nächsten Exzess fungieren. Dieses dicke, fette, feist adressierte „Fuck it!“ an jedwede Moralinsäure, das wiederum den Kreis zu „Barfly“ schließt und zu Chinaskis damaliger, strikter Weigerung, Tresen und Hinterhof gegen den Goldenen Käfig einzutauschen, macht „The Beach Bum“ zu einer wohltuenden Ausnahmeerscheinung abseits der üblichen, pubertären stoner comedies.

8/10