HELLBOY

„I’d appreciate a prophecy with more relatable stakes.“

Hellboy (Hellboy – Call Of Darkness) ~ UK/USA/BG 2019
Directed By: Neil Marshall

Nachdem Hellboy (David Harbour) für das B.P.R.D. seinen Kollegen Esteban Ruiz (Mario de la Rosa) in Tijuana ausfindig  macht und dessen überraschend erneuerte Existenz als Vampir eher versehentlich beendet, schickt sein Vormund Professor Bruttenholm (Ian McShane) ihn nach England, um den lokalen Dämonenjäger-Club Osiris dabei zu unterstützen, ein paar menschenfressenden Riesen den Garaus zu machen. Doch erweist sich Hellboy als Hauptziel von Osiris, die ihn für den Vorboten des Weltuntergangs halten. Zeitgleich hilft nämlich ein alter Gegner des Höllenknaben, der Gruagach, der Superhexe Nimue (Milla Jovovich) bei ihrer Wiederauferstehung. Nimue plant bereits, sich mit Hellboy zu vermählen, um die Menschheit in Blut und Chaos zu stoßen. Von Nimue beeinflusst gerät dieser tatsächlich in Gewissenskonflikte ob seines infernalischen Erbes und findet zudem die Wahrheit über seine Herkunft heraus. In seinen zwei neuen Partnern, der mächtigen Hellseherin Alice Monaghan (Sasha Lane) und dem M11-Agenten Ben Daimio (Daniel Dae Kim), findet Hellboy tatkräftige Unterstützung auf seinem jüngsten Feldzug gegen das Böse.

Das „Hellboy“-Reboot von Neil Marshall erwies sich nicht nur als ein gnadenloser Box-Office-Flop, auch das Feuilleton und eingefleische Fans zeigen ihm beständig großflächig die Rote Karte. Vor allem im Vergleich zu Guillermo del Toros vormaliger, sehr beliebter Dilogie mit Ron Perlman äußert sich ein Höchstmaß an Verächtlichkeiten. Diese sind zumindest teilweise auch gewiss berechtigt. Waren „Hellboy“ und sein Sequel „The Golden Army“ nämlich noch hochbudgetierte, visuell reiche Comicfantasy-Märchen mit weitgehend familienfreundlicher Agenda, die vor allem dank der reichaltigen und lustvollen Kreativität del Toros ihr ganz eigenes Kinouniversum schufen, kann der 19er-„Hellboy“ nichts von alledem mehr einlösen. Die Neuauflage bietet stattdessen flottes, lautes Konsumkino für Videospieler und Splatterkids, ist vulgär, blutig und manchmal widerlich, genreverbunden und leider nur überaus mäßig getrickst. Die oftmals unfertig und wie vor zwanzig Jahren entstanden wirkenden CGI finden sich ergo nicht unberechtigterweise ebenso im Fadenkreuz der scharfen Kritik.
Von der vormaligen, eigenwilligen Poesie, von inszenatorischer Eleganz oder Charme finden sich bei Marshall nunmehr tatsächlich kaum mehr Spuren; nach einer neunjährigen Kinounterbrechung (mit Ausnahme eines Episodenfilm-Beitrags) geht der Engländer viel lieber in die Vollen und macht aus David Harbours Hellboy ein prolliges, Sprüche klopfendes Großmaul ohne die meisten der melancholischen Zwischentöne, die Ron Perlman noch seiner sehr viel nuancierteren Charakterisierung angedeihen ließ. Der neuere Film-Hellboy wirkt im Gegenzug sehr viel leichter, unbedarfter und kinetischer und holzt sich mit sehr viel mehr aktionistischer Chuzpe durch die Reihen seiner dämonischen Gegner.
Mit etwaiger feingeistiger Erwartungshaltung sollte man, so überhaupt das Bedürfnis aufkeimt, sich Marshalls zudem noch dramaturgisch brüchig wirkendem (auf vier jüngeren Hellboy-Comic-Storys basierendem) Höllenritt nicht gegenübertreten. Wer indes allerdings das poppigere Tongue-in-cheek-Potenzial der Figur basal zu schätzen weiß und sich vielleicht auch sonst in bestimmten Fällen (sprich: schludrigen Comic-Adaptionen wie etwa David Ayers atmosphärisch nicht allzu unähnlichem „Suicide Squad“) genügsam wähnt, der mag es einmal mit „Hellboy“ 19 probieren. Allen anderen bleibt ja der große Bogen.
Ich selbst darf fazitär immerhin freigemut zugeben, dass ich trotz mancher Kopfschüttelei insgesamt recht viel – obschon gewiss flüchtigen – Spaß mit ihm hatte und sogar gern eine Fortsetzung gesehen hätte. Von dieser kann man sich ja aber nun wohl bis auf Weiteres verabschieden.

6/10

HOLIDAY

Zitat entfällt.

Holiday ~ DK/NL/S 2018
Directed By: Isabella Eklöf

Sascha (Victoria Carmen Sonne) begeht mit ihrem Galan Michael (Lai Yde) und dessen Freundestross einen mondänen Sommerurlaub im türkischen Bodrum. Für Michael, der sein beträchtliches Vermögen mit Drogenhandel und Rücksichtslosigkeit erworben hat, ist die junge Frau nicht mehr als ein Vorzeigeobjekt, das mit kostbaren Geschenken bei Laune gehalten wird, sich ansonsten jedoch zur allzeitigen, sexuellen Verfügbarkeit zu halten hat. Entsprechend harsch beschnitten nimmt Saschas individuelle Freiheit aus; weder darf sie selbst über Geld verfügen, noch den Mund zu weit auftun und sich schon gar nicht zu weit aus Michaels Beobachtungsradius entfernen. Als sie den Holländer Thomas (Thijs Römer) kennenlernt, fühlt sie sich zu dem sanften Aussteiger hingezogen. Michael bekommt bald Wind  davon und schiebt der drohenden Liaison mit den ihm eigenen Druckmitteln einen beiderseitigen Riegel vor.

Sommer, Sonne, Strand, und Helligkeit markieren in Isabella Eklöfs „Holiday“ zwar einen allgegenwärtigen visuellen Geleitdienst, erweisen sich jedoch als bloße, vergängliche Konsumgüter und reflektieren vielmehr das diametrale Gegenteil der psychischen Befindlichkeit der Protagonistin. Die Welt, die ihr Michael offeriert, ist zugleich barbarischer Albtraum und chiques Gefängnis. Hinter Michaels sonnenbebrillter Fassade des charmanten Bonvivant verbirgt sich nämlich nichts anderes als ein ordinärer Gangster der unangenehmsten Sorte. Statt Freunden besitzt er einen devoten Hofstaat, in dem, wer nicht vernünftig spurt, härteste Konsequenzen zu spüren bekommt. Anstelle einer ihn aufrichtig liebenden Frau hält sich Michael mit Sascha eine hilflose Mätresse, die irgendwann in der Vergangenheit naiv genug gewesen muss, auf Michaels Geldscheinwedeleien hereingefallen zu sein und heuer immer wieder aufs Neue zu lernen hat, dass jedes weitere Bestreben des Aufbegehrens in nur noch schlimmeren Erniedrigungen mündet.
Die schwedische Regiedebütantin Isabella Eklöf präsentiert mit „Holiday“ einen starken feministischen Film , der im Rahmen seiner eindeutigen ideologischen Gesinnung gewissermaßen eine ganz private Apokalypse zeigt, ein psychologisches Armageddon, vielleicht auch, reduziert auf seinen dramaturgischgen Mikrokosmos, ein minimiertes Abbild des ewig gestrigen, nordwestlichen Zivilisationspatriarchats. In Michaels misogyner Welt aus despotischer Gewalt lernen bereits Kinder alles über Hierarchien und angemessene Folgsamkeit, während Sascha in einer der einprägsamsten und unbequemsten Szenen des Films (aus der mittleren Distanz gefilmt, aber erschreckend unsimuliert und von Sonne und Yde extrem mutig gespielt) mittels einer sexuellen Attacke von Michael auf die denkbar schlimmste Weise erniedrigt wird.
Zärtlichkeit, Aufrichtigkeit, Liebe und vor allem Wertschätzung erweisen sich für die materiell so verwöhnte Sascha als die wirklichen, wahrhaft unerreichbaren Luxusgüter. Als ihr (augenscheinlich) letzter Versuch des Ausbruchs aus Michaels Tretmühle von selbigem mit dem vielleicht höhnischsten aller möglichen Paukenschläge schal grinsend und sozusagen im Keim erstickt wird, entlädt sich all ihre Verzweiflung in einem kurzen Akt der Aggression, einem unerwarteten, finalen blutigen Aufschrei, dem nurmehr die endgültige Resignation zu folgen scheint.
Sommer, Sonne, Strand und Helligkeit sind bloße Lügen. Die Hölle ist genau hier. Und vielleicht in uns allen.

8/10