RAMBO: LAST BLOOD

„This is what it feels like.“

Rambo: Last Blood ~ USA/E/BG 2019
Directed By: Adrian Grunberg

Rund zehn Jahre, nachdem John Rambo (Sylvester Stallone) zurück auf seine elterliche Farm in Arizona zurückgekehrt ist, sieht er sich abermals gezwungen, zu den Waffen zu greifen: Gabrielle (Yvette Monreal), die Tochter seiner mexikanischstämmigen Haushälterin Maria (Adriana Barraza) und im Grunde Rambos Ziehkind, fährt entgegen aller Vernunft allein über die Grenze, um Kontakt zu ihrem Vater (Marco de la O) aufzunehmen. Frustriert über dessen kalte Abfuhr lässt sich Gabrielle von ihrer Bekannten Gizelle (Fenessa Pineda) in einen lokalen Nachtclub abschleppen und gerät dort an die Mädchenhändler- und Zuhältermafia um die Brüder Hugo (Sergio Peris-Mencheta) und Victor Martínez (Óscar Jaenada). Ein überstürzter, erster Befreiungsversuch Rambos versagt kläglich – er selbst wird halbtot geprügelt und Gabrielle unter Heroin gesetzt und im nächsten Puff abgeladen. Dank der engagierten Journalistin Carmen Delgado (Paz Vega), deren Schwester die Martínez-Brüder auf dem Gewissen haben, gelingt es Rambo, doch noch, Gabrielle habhaft zu werden, doch das Mädchen stirbt auf dem Heimweg. Rambos Rache ist fürchterlich.

Nachdem der ungeheuer kraftvolle, vorletzte Leinwandauftritt von Sylvester Stallones zweiter hymnischer Figur und in Eigenregie mit seinem versöhnlichen Abschluss eigentlich den denkbar schönsten, logischen Finalpunkt unter die „Rambo“-Saga gesetzt hatte, konnte der nunmehr 73-jährige doch nicht die Finger stillhalten und ließ den inkarnierten, personifizierten Krieg erneut von der Leine.
Dabei differiert diese zweite Hauptinszenierung Adrian Grunbergs nach dem ebenfalls jenseits der mexikanischen Grenze (tatsächlich wurde in Bulgarien und auf Teneriffa gefilmt) angesiedelten Knastthriller „Get The Gringo“ doch recht signifikant von der bislang kultivierten Leinwand-Ikonographie rund um den Charakter John Rambo, und nicht immer unbedingt zum Positiven.
Zum zweiten Mal nach seinem nunmehr 37 ereignisreiche Jahre zurückliegenden Debüt erleben wir den Titelhelden im Einsatz auf heimischem Areal, diesmal allerdings in überaus mittelbarer Verbindung mit einer bestenfalls vernachlässigbaren politischen Dunstwolke (die Vorwürfe in Richtung populistischer Trump-Grenzmauer-Propaganda erweisen sich ziemlich rasch als hilf- bis haltlos). In der Zwischenzeit brach Rambo bekanntlich zweimal in Südostasien und einmal am Hindukusch zu verlustreichen Missionen auf, mit zunehmend persönlicher werdender Agenda und jeweils undurchdringlicher werdender, obschon unsichtbarer Leibespanzerung, die ihn sich zumindest physisch relativ unbeschadet durch die zunehmend umfangreichen Reihen seiner Gegner pflügen ließ. Nicht jedoch psychisch, davon unterrichtet uns ein Döschen mit Psychopharmaka, das Rambo, nunmehr um den charakteristischen Schopf und das Stirnband erleichtert, stets mit sich führt (und später bedeutungsvoll wegwirft) – für den Fall, quasi. Trotz einer offenbar größenteils glücklich verlebten, letzten Dekade vermag Rambo nicht, die alten Traumata abzulegen. Einsam widmet er sich heuer der Pferdedressur und verbringt seine Nächte in den eigens angelegten Tunneln unter seiner Ranch. Das subterrane System verleiht ihm scheinbar jenes Gefühl von Sicherheit, das seit Vietnam fest zu seinen Grundbedürfnissen gehört. Einen „Ausgleich“ verschafft er sich nebenbei mittels halsbrecherischer Rettungsaktionen in den umliegenden Bergen und Wäldern.
Nachdem wir somit hinreichend auf den aktuellen Stand betreffs Rambos psychologischer Disposition gebracht wurden, folgt ein geflissentlich redundanter, narrativer Leerlauf, der sich dem aussichtslosen Kampf um die Retung Gabriellas widmet und den Rezipienten derweil etwas im Stich lässt. Nicht nur, dass sich Rambos erster Besuch in Mexiko, zumal in Anbetracht seiner unerschöpflichen Kriegs- und Kampfeskenntnisse, ebenso aussichtslos wie unlogisch ausnimmt, kostet just diese erhebliche Dummheit seitens des Protagonisten Gabriella eigentlich erst das Leben. Das letzte Drittel widmet sich dann in eher verpflichtender denn erschöpfender Manier Rambos wiederum professionell vorbereiteter und siegreich geführter Schlacht auf häuslichem Boden. Erst jetzt treten seine unschlagbaren Guerilla-Fertigkeiten zutage und offenbart das sich zuvor etwas ominös ausnehmende Tunnellabyrinth seine eigentliche dramaturgische Funktion. Diverse Fallen, Geschosse und Stichwerkzeuge wie man sie noch ausgiebig von Rambos früheren Aktionstagen her kennt, bescheren dem mexikanischen Gangstergesocks haufenweise schnelle, blutige Abgänge. Dennoch erreicht selbst dieser mit dem Splatterfilm liebäugelnde Showdown nie die audiovisuelle Wirkmacht und den emotionalem impact von Rambos zuletzt getätigten Besuch im Dschungel von Myanmar. Auf den militärischen Kombattanten folgt der private Selbstjustizler und damit gewissermaßen ein Schritt in beliebigere Sphären des Actiongenres: Rambos jüngstes Abenteuer hat eigentlich weniger mit ihm selbst und seiner bis 2008 ausformulierten Mythologie zu tun denn mit den geriatrischen Gattungsabstechern etwa eines Paul Kersey in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren. Insofern stellt sich die Frage, ob die Etikettierung als fünfter „Rambo“-Film überhaupt notwendig war, erleben wir hier doch nicht mehr und nicht weniger als einen vom völligen Ausbrennen bedrohten, altersgegerbten Vietnamveteranen auf privatem Vigilantenfeldzug, der mehr oder weniger zufällig von Sly Stallone gespielt wird.

7/10

THE HOLE IN THE GROUND

„You’re not my son.“

The Hole In The Ground ~ IE/UK/BE/FIN 2019
Directed By: Lee Cronin

Nach der – offenbar unschön verlaufenen –  Trennung von ihrem Mann zieht die junge Mutter Sarah O’Neill (Seána Kerslake) nebst Filius Chris (James Quinn Markey) in die irische Provinz. Während Sarah noch einiges an psychischer Unbill zu verarbeiten hat und emsig das alte Haus, das sie und Chris nun bewohnen, restauriert, registriert sie ein gigantisches, kraterähnliches Loch im angrenzenden Wald. Trotz (oder gerade wegen) ihrer Warnungen interessiert sich besonders der kleine Chris für den ominösen Fundort und scheint ihm heimliche Besuche abzustatten. Damit nicht genug reagiert die verwirrte Nachbarin Noreen Brady (Kati Outinen) aggressiv auf Chris und legt der Junge selbst gänzlich ungewohnte Verhaltensweisen an den Tag: Er entwickelt urplötzlich einen regen Appetit, mitunter auf Dinge, die er früher nie gegessen hätte, gibt sich offen und extrovertiert, wo er zuvor immer schüchtern und zurückhaltend war. Sarah beginnt zu zweifeln: ist das wirklich ihr Sohn, mit dem sie da zusammenlebt? Antworten, mehr und weniger rätselhafte, findet sie bei Noreens mittlerweile verwitweten Gatten Des (James Cosmo) und natürlich in jenem Loch im Boden…

Man darf nicht den Fehler begehen, von „The Hole In The Ground“ innovatives Geschichtenerzählen zu erwarten oder gar zu verlangen. Aus (bei solchermaßen gelagerter Antizipation verständlichem) Frust würde man sich einen durchaus schönen Genrebeitrag verderben. Denn, seien wir ehrlich, sind im Grunde doch ohnehin sämtliche Geschichten im Horrorfilm längst durchdekliniert, sämtliche psychologischen Motivlagen zigfach seziert und vermutlich jede denkbare Kreatur hinreichend visualisiert worden. Motive und Plots können sich demzufolge nurmehr via die Geschicklichkeit ihrer Präsentation und der Klugheit ihrer Ausformulierung bewähren. Dazu gehört selbstverständlich auch die Fähigkeit der Beteiligten, die korrekten Töne auf der atmosphärischen Klaviatur zu treffen.
„The Hole In The Ground“ behandelt nun nicht nur ein hinlänglich bekanntes, sondern sogar basales Urthema im Bereich des Phantastischen – das des Identitätsverlusts nächststehender Mitmenschen, hier: des eigenen Kindes. Die bereits mehrfach fürs Kino adaptierte „Body Snatchers“-Story nach Jack Finney bildet dafür das gewissermaßen umfänglichste Fundament; außerirdische Sporen bilden rein äußerlich exakte Kopien einer wachsenden Anzahl von Individuen mit dem Ziel einer totalen Invasion des Planeten. Bryan Forbes‘ „The Stepford Wives“ nach Ira Levin begrenzte jenes unheimliche Szenario auf ein artifiziell erschaffenes, „perfektes“ Kleinstadtmilieu. Der Verlust des (noch präpubertären und somit besonders von den Eltern abhängigen) Kindes schließlich und die daraus resultierende, psychologische Desolation schließlich keimt seit Roegs auf Daphne Du Maurier basierendem Meisterwerk „Don’t Look Now“ immer wieder auf, während die verhängnisvolle, sukzessiv fortschreitende Entfremdung zwischen Kind und solitärem Elternteil noch in relativ junger Zeit in Jennifer Kents vortrefflichem „The Babadook“ thematisiert wurde. „The Hole In The Ground“ bedient sich recht großzügig dieser erweiterten Motivgemengelage (wobei gewiss noch mehrere Inspirationsexempel zu nennen wären), versetzt sie in das rurale Milieu keltischer Mythen und spinnt daraus eine zunächst verunsichernde, sehr intime Mutter-Sohn-Geschichte, deren versöhnliches Ende sich immerhin eine beruhigende Lösung gestattet. Ob jenes dem zuvor geschürten, unheilvollen Gestus des Films schadet, wäre allerdings zu diskutieren. Über weite Strecken zehrt Lee Cronin bewusst von der Unsicherheit der sich zusehends verschärfenden Relation zwischen Sarah und Chris‘ vermeintlicher Kopie. Einerseits werden wir selbst Zeugen von Chris‘ unleugbaren Veränderungen, andererseits gewährt man uns zugleich Einblicke in Sarahs labilen Seelenstatus – Zweifel machen sich breit, zerstreuen sich vorübergehend, und wieder von vorn. Irgendwann ist dann Schluss mit dem Versteckspiel; eine Sequenz, die nicht nur unwillkürliche, spontane Assoziationen an den jüngst noch geschauten „Brightburn“ generiert, gibt schließlich die dringendst ersehnte Sicherheit und bereitet einem vergleichsweise straighten Showdown den Weg. Was nun mit dem Loch passiert und welche der zuvor kennengelernten Personen ihm möglicherweise noch zu nahe gekommen sind, das bleibt dann das einzige (und letzte) Geheimnis des Films.

7/10

GODZILLA: KING OF THE MONSTERS

„Goodbye, old friend“

Godzilla: King Of The Monsters ~ USA/J/CAN 2019
Directed By: Michael Dougherty

Fünf Jahre, nachdem Godzilla die MUTOs geplättet hat, hat die Welt von den „Titanen“ nichts mehr gesehen. Doch die Organisation „Monarch“ ist deswegen keineswegs weniger umtriebig – Dr. Emma Russell (Vera Farmiga) zum Beispiel kümmert sich in den Urwäldern Chinas emsig um die riesige Schmetterlingslarve Mothra. Dafür benutzt sie die von ihr selbst erfundene Maschine „Orca“, die Frequenzen ausstrahlt, mittels derer man mit den Titanen auf emotionaler Ebene kommunizieren kann. Als sie und ihre Tochter Madison (Millie Bobby Brown) nebst der „Orca“ von dem Ökoterroristen Alan Jonah (Charles Dance) und dessen Leuten entführt werden, tritt Emmas geschiedener Gatte und Maddies Dad Mark (Kyle Chandler) auf den Plan, der ihrer Fährte gemeinsam mit Dr. Serizawa (Ken Watanabe) und einigen Soldaten verfolgt. Die Spur führt in die Antarktis, wo „Monster Zero“ alias King Ghidorah, im Kälteschlaf liegt. Emma, die sich Jonah gegenüber als erstaunlich kollegial erweist, erweckt das dreiköpfige Biest und flugs sind der Flugdrache Rodan und Godzilla zur Stelle, um sich mit ihm zu balgen. Eine von der Army gelaunchte Superwaffe namens „Oxygen-Zerstörer“ sorgt dann dummerweise lediglich dafür, dass Godzilla vorübergehend geplättet daniederliegt, derweil Ghidorah die anderen schlafenden Titanen fernsteuert und auf globalen Zerstörungskurs gehen lässt. Anders als von Jonah und Emma angenommen, scheint Ghidorah als sich entpuppendes Alien nämlich nicht die Wiederherstellung der terrestrischen Naturbalance im Sinn zu haben, sondern die Zerstörung allen Lebens auf der Erde. Nunmehr gilt es, Godzilla wieder flott zu machen, um Ghidorah doch noch aufzuhalten.

Das Sequel zu Gareth Edwards‘ immerhin ansehbarem „Godzilla“-Reboot von 2014 lässt nunmehr jedwede seinerzeit noch aufglimmende Diskursivität vermissen und gibt sich als dümmliches, zudem noch ziemlich schnöde abgelichtetes Monstergebalg. Den naiven Charme der alten Toho-Produktionen lässt es zugunsten teurer CGIs erwartungsgemäß vermissen und lässt stattdessen die biolumineszierenden Riesen vor düsteren, vernebelten Trümmerlandschaften gegeneinander antreten. Überhaupt scheint „Godzilla: King Of The Monsters“ genau das in allererster Instanz vermissen zu lassen: Licht. Beinahe alles spielt sich in diffuser Szenerie ab, ob im U-Boot unter Wasser oder in den maritimen und/oder urbanen Kampfesarenen der Kaiju. Hinzu kommt erschwerend, dass auch nicht das geringste Maß an Subtilität oder Cleverness in das banale Script geflossen ist. Vielmehr gibt man sich damit zufrieden, zertifizierte Wissenschaftler Dialoge auf Grundschulniveau absondern zu lassen, denen garantiert kein Klischee zu abgegriffen und keine Mottenkiste zu miefig ist. Schöne Szenen und gelungene Momente muss man mit der Lupe suchen und findet sie abzählbar an einer Hand, etwa, wenn sich Ken Watanabe mittels manuell ausgelöster Atombombenexplosion (in Atlantis?) opfert, um Godzillas dringend bedurfte Rekonvalszenz zu beschleunigen und ihm dabei nochmal kurz über die Schnauze streichelt. Ansonsten setzt uns der Film ein durchweg unsympathisches Figureninventar mit jeweils dürftigster Motivationslage vor. In der Majorität der Spielzeit fühlt man sich an die (als solche hübsch doppeldeutig zu betitelnden) Katastrophenepen von Michael Bay bis Roland Emmerich erinnert, wobei die wenigstens nicht mit knalliger Leuchtfarbe geizten.
Doughertys Film und seine erste Großproduktion stinkt als nunmehr dritter Beitrag zu Legendarys „MonsterVerse“-Franchise, der gleich mehrfach (darunter am Vehementesten in einer – man staune bass – Mid-Endtitel-Sequenz) auf den kommenden Titanen-Clash zwischen Godzilla und Kong rekurriert, im Vergleich zu den beiden Vorgängern deutlich ab. Eine ausgesprochen blöde Geld- und Talent-Verschwendungsmaschine, dessen 200-Millionen-Dollar-Budget Warner lieber in einen neuen Superman-Film hätte investieren sollen.

4/10

SPIDER-MAN: FAR FROM HOME

„I’m in love with Spider-Man’s aunt!“

Spider-Man: Far From Home ~ USA 2019
Directed By: Jon Watts

Wie ein paar anderen Milliarden Erdbewohnern macht auch Peter Parker (Tom Holland) und einigen seiner Schulfreunde der „Blip“ (der durch im Zuge von „Avengers: Endgame“ durch Bruce Banner ausgelöste Umkehreffekt von Thanos‘ „Snap“) nachhaltig zu schaffen: Während die Physis der Betroffenen normal weitergealtert ist, befindet sich die Persönlichkeit noch auf dem Stand von fünf Jahren zuvor. Besonders bei Teenagern wirkt sich dieser Zustand mitunter verstörend aus. Eine Europareise mit der gesamten Klasse als High-School-Abschluss kommt Peter da gerade Recht, um mit sich und dem Abschied von seinem Mentor Tony Stark ins Reine zu kommen. Doch ist da auch noch die angehimmelte MJ (Zendaya), zu der der junge Mann sich zunehmend hingezogen fühlt.
In der Alten Welt angekommen, muss Peter dann rasch erkennen, dass er vor Spider-Man nicht davonlaufen kann. Eine Gruppe monströser Elementarwesen, der angeblich von einer Parallelerde stammende Superheld Quentin Beck (Jake Gyllenhaal), genannt „Mysterio“ und der unverwüstliche Nick Fury (Samuel L. Jackson) kreuzen bald seinen Weg. Und eine gewaltige Dummheit beim Umgang mit Starks Erbteil für Peter, der mächtigen Kontrolleinheit „E.D.I.T.H.“, gilt es, unter Aufbietung aller Superspinnenkräfte versteht sich, wieder geradezurücken.

Der Nachhall des immens erfolgreichen Kassenklingelns dieses zweiten, wiederum von Jon Watts inszenierten Spider-Man-Solo-Abenteuers im Rahmen des MCU, erwies sich als alles andere denn erfreulich – Sony, nach wie vor primärer Rechteinhaber für die Figur nebst ihrem Comicanhang, vermeldete wieder gesteigertes Interesse an deren eigener Vermarktung und, damit einhergehend, bei Nichterfüllung vertraglicher Neubedingungen durch Disney und Kevin Feige, eine Rückkehr unter das hauseigene Dach. Für kommende Filme würde dies bedeuten, dass Spider-Man aus dem MCU wieder extegriert und beiderseits sämtliche charakterliche Entwicklungen seit „Captain America: Civil War“ wieder getilgt werden müssten. Eine besonders für Freunde geschlossener Kontinuität im Hinblick auf verfilmte Marvel-Geschichten immens bittere Pille, die seit 2002 praktisch einem rekordverdächtigen vierten Reboot entspräche. Immerhin bleibt Tom Holland, der seine Auftritte als Spidey sehr zu lieben scheint,  seinem alter ego als Gesichtsstifter wohl vorerst erhalten.
„Far From Home“ nun führt zunächst einmal den publikumsverwöhnten Habitus des Vorgängers weiter. Wiederum ist Peter Parker noch Schüler mit (post-)pubertären Alltagsproblemen, dessen Fähigkeiten ihm innerhalb der übrigen Superheldengemeinde einen durchaus problematischen Exklusivstatus anheim stellen. Mit vielleicht 17, 18 Jahren bereits mehrfach an der Weltrettung beteiligt gewesen, Göttern und außerirdischen Despoten begegnet und im Weltall herumgejagt zu sein, geht an einem eher schüchternen Waisenknaben aus der Bronx gewiss nicht spurlos vorüber. Hinzu kommt in erschwerender Weise der schmerzliche Verlust des zwischenzeitlichen Ersatzvaters und die von ihm hinterlassene Märtyrerlücke, die darüber hinaus die gesamte Welt trauern lässt. Dem in dieser Weise angeschlagenen und geforderten jungen Mann erscheint der schulische Eurotrip mit zwei schrulligen Lehrern (Martin Starr, J.B. Smoove) als denkbar beste Ablenkung zur Stunde, zumal endlich einmal Platz für die persönlichen, altersadäquaten, sprich: romantischen Bedürfnisse gelassen scheint. Doch die nächste Bedrohung naht schon – Comickenner wissen schon bei dessen erstem Auftritt, dass der Mann mit dem nebulösen Glasglockenhelm namens „Mysterio“ natürlich kein Held, sondern vielmehr ein machthungriger Illusionist ist, der ganz eigene, sinistre Pläne hegt. Hier stammt jener Quentin Beck allerdings nicht aus den S-F/X-Schmieden Hollywoods – vielmehr entpuppt er sich als vormaliger Bestandteil der Stark-Factory und, wie bereits Adrian Toomes alias „Vulture“ (und andere bedauernswerte Zeitgenossen) als ein durch Tony Starks Umtriebe Geschmähter, der nach postumer Vergeltung sucht. Becks opportunistisches Streben sieht nichts Geringeres vor, als die Nachfolge von Iron-Man als globaler Premiumheld anzutreten und nimmt dafür die Zerstörung ganzer Städte und etlicher Existenzen in Kauf, die seine Illusionen, die „Elementals“, als Kollateralschäden hinterlassen. Dass Peter ihm kurzsichtig in die Hände spielt, indem er Beck naiverweise die ihm persönlich von Stark hinterlassene „E.D.I.T.H.“-Brille, die ihrem Träger die Kontrolle über Abertausende von Kampfdrohnen ermöglicht, verehrt, gilt es schließlich wieder gut zu machen. Doch einen Mann, der die Realität selbst zum Trugbild werden lassen kann, zu bekämpfen, wird erwartungsgemäß zu einer der schwierigsten Herausforderungen für den Heldennachwuchs. Flankiert werden die erstklassig visualisierten Kämpfe zwischen Spider-Man und Mysterio von nett arrangierten, häufig komischen Situationen, in die Peter und sein Tross zwischen den pittoresken Schauplätzen Venedig, Prag, Berlin und London immer wieder geraten. In Screwball-Manier muss sich Peter zwischen seinem frischverliebten Kumpel Ned (Jacob Batalon), der umschwärmten MJ (die sich jetzt plötzlich wie Mary-Jane abkürzt, wo sie in „Homecoming“ noch „Michelle“ hieß), den überforderten Lehrern sowie den immer wieder auftauchenden Fury und Maria Hill (Cobie Smulders) seinen Weg bahnen und dazu noch seine Heldenidentität schützen. Allerlei Optionen für Rasanz und Tohuwabohu, die Watts souverän, amüsant und teenagergerecht zu stemmen weiß. Damit empfiehlt er sich zugleich als Regisseur für kommende Spidey-Abenteuer, deren Zukunft nun ja trotz der aufregenden Mid- und der noch aufregenderen Post-Endtitel-Sequenzen leider keineswegs in Stein gemeißelt ist. Immerhin empfiehlt sich nunmehr bereits Phase 4: Die formwandelnden Skrulls sind offenbar doch nicht so freundlich, wie uns „Captain Marvel“ erst im Frühjahr 2019 weiszumachen trachtete…

8/10

THE LIGHTSHIP

„Freedom is the greatest prize of all. Why shouldn’t the cost be high?“

The Lightship (Das Feuerschiff) ~ USA 1985
Directed By: Jerzy Skolimowski

Der Weltkriegsveteran Miller (Klaus Maria Brandauer) ist ein paar Jahre später Captain eines vor der Küste Virginias vor Anker liegenden Feuerschiffs, einer Art „mobilen Leuchtturms“, das die Verkehrsseefahrt im Nebel vor Riffen warnt. Miller befehligt eine kleine Besatzung von fünf Männern. Eines Tages muss er seinen delinquenten Sohn Alex (Michal Skolimowski) unter seine Fittiche nehmen. Nur kurz nach dessen Ankunft landen zudem drei Gangster, die nach einem Banküberfall auf See geflüchtet sind, auf dem Feuerschiff: Der exaltierte Caspary (Robert Duvall) und die beiden soziopathischen Brüder Gene (William Forsythe) und Eddie (Arliss Howard). Das ziellose Trio setzt die Mannschaft unter Druck und spielt zusehends genüsslich mit den ungleich verteilten Machtverhältnissen. Vor allem Caspary versucht unentwegt, den durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Utilitaristen Miller aus der Reserve zu locken. Die übrige Besatzung, darunter auch Alex, fasst derweil den Plan, gewaltsam gegen die drei Kriminellen vorzugehen…

„The Lightship“ ist die zweite Verfilmung der gleichnamigen Novelle von Siegfried Lenz nach Ladislao Vajdas Erstadaption von 1963. Auch „Das Feuerschiff“ zählt, wie „Deutschstunde“ und „Heimatmuseum“, bereits seit Jahrzehnten zum Kanon nationaler Schulliteratur. Skolimowskis Ansatz, respektive der des vom Script gezielt modifizierten Scripts, konzentriert sich allerdings nahezu gänzlich auf das psychologische Duell zwischen Miller (im Buch Freytag) und dem zu dessen Nemesis avancierenden Caspary. Zwei höchst unterschiedliche Männer von ganz ähnlicher Intelligenz, die sonst jedoch nichts verbindet, finden sich dabei antagonisiert: Dem durch seine Kriegserlebnisse geläuterten, Ruhe und Frieden im Pflichtbewusstsein suchenden Miller, einem stets abwägenden, in sich ruhenden Menschen, setzt die Geschichte den zutiefst amoralischen, sozial entkernten Caspary entgegen, dessen Hauptbestreben bald darin liegt, Miller zu blindem Aktionismus anzustacheln. Freilich forciert sich jener Widerstreit der beiden Patriarchen zugleich auch zum unweigerlichen Schaulaufen der zwei Hauptdarsteller und ihrer jeweils gewiss genialischen Talente. Brandauer und Duvall stacheln sich wechselseitig zu spezifischer Höchstform an und bilden – natürlich – den Hauptgrund für den Genuss dieses sich oftmals zwischen Stühle setzenden Werkes. Den symbolischen, um nicht zu sagen, literarischen Charakter der Vorlage kann „The Lightship“ allerdings nie ganz abschütteln; die sich hauptsächlich durch die Vertiefung von Miller und Caspary via Dialog schürende Spannung wird allenthalben unterbrochen durch Szenen, die wiederum dem klassischen Terror- und Thrillerkino abgeschaut sind; so etwa eine Sequenz, in der der psychotische Gene die geliebte Krähe des Smutjes Nate (Badja Djola) massakriert und im Anschluss auch noch eine verbale rassistische Attacke gegen diesen fährt – hier wirkt der gezielte, zäsurische Einsatz urplötzlich stattfindender Affektion unpassend und sogar ein enig vulgär.
Nichtsdestotrotz bleibt „The Lightship“ ein spannendes, wohltuend unzeitgemäß wirkendes Werk seiner sonst doch so bereitwillig auf Oberflächen setzenden Ära.

8/10

MANHATTAN BABY

Zitat entfällt.

Manhattan Baby (Amulett des Bösen) ~ I 1982
Directed By: Lucio Fulci

Der Altertumsforscher George Hacker (Christopher Connelly) befindet sich mit Gattin Emily (Laura Lenzi) und Tochter Susie (Brigitta Boccoli) in Ägypten, um die letzte Ruhestätte des Pharaos Habnubenor zu examinieren. Just während Hacker die finstere Grabkammer betritt, erhält die kilometerweit entfernte Susie von einer blinden Alten ein Amulett mit dem Horusauge, von dem sich auch ein größeres Abbild in der Gruft befindet. Jenes verschießt einen Strahl, der Hacker erblinden lässt. Zurück in Manhattan häufen sich die seltsamen Ereignisse: Sowohl Susie als auch ihr kleiner Bruder Tommy (Giovanni Frezza) legen sonderbare Verhaltensweisen an den Tag; enge Bekannte der Hackers, darunter Emilys Reporterkollege Luke (Carlo De Mejo) verschwinden spurlos oder sterben eines mysteriösen Todes. Zwar erhält George sein Augenlicht zurück, doch Susie erkrankt schwer. Der hellseherisch begabte Trödler Arian Mercato (Cosimo Cinieri) klärt die Hackers auf: Habnubenors böser Geist fordert seinen Tribut…

In direkter Folge zu seinem berüchtigten, harten Serienkiller-Klopper „Lo Squartatore Di New York“ nahm sich Fulci dieser wiederum höchst übersinnlich konnotierten Geschichte an, in der Co-Autor Dardano Sacchetti sein vortreffliches Talent als Wursteinkäufer trefflich zu präsentieren wusste: Inhaltlich verwebt „Manhattan Baby“ Elemente diverser kommerziell erfolgreicher US-Vorbilder seiner Zeit und Vorjahre, darunter besonders auffällig „The Exorcist“ und „Poltergeist“, eingebunden freilich in einen ebenfalls entstehungsperiodisch angesagten Überbau aus ägyptischem Fluchgewese, Geistesübertragung und Mumienschanz. Wie beim Maestro üblich lohnt jedoch weniger der schlussendlich gewiss frustrierende Blick auf schlüssiges storytelling oder potente Dramaturgie denn vielmehr jener auf die mise en scène und, in Verbindung damit, Fulcis sich einmal mehr überdeutlich herauskristallisierenden auteurism. Auch in „Manhattan Baby“ perfektioniert der Regisseur abermals seinen grandiosen Blick für set pieces, Architekturen und natürlich seine berüchtigten eye pair shots, die besonders in dieser Arbeit geradezu inflationär vorkommen. Inszenatorisch erweist sich der Film dann auch als tadellose Darbietung eines bravourösen Formalisten, die einem das Eintauchen in seine metaperzeptiven Ebenen nicht eben leicht macht, jenes aber im Gelingensfalle umso reicher entlohnt. Da verzeiht man sogar, dass Komponist Fabio Frizzi große Teile seines „L’Aldilà“-Scores einfach bloß recycelt und um ein paar eklektische Jazz-Einlagen ergänzt. Zugleich markierte „Mahattan Baby“ nach „Gatto Nero“ einen weiteren, deutlichen Schritt fort vom schillernden grand guignol seiner über alle Stränge schlagenden Gore-Epen. Es gibt de facto lediglich eine, für Fulci-Verhältnisse zudem sehr moderate Splatter-Sequenz ganz am Schluss, in deren Zuge der arme, sich an Kindesstatt dem Bösen opfernde Cosmio Cinieri von ausgestopften (!) Vögeln zerhackt wird.
Für den in der Hauptrolle zu sehenden, primär als TV-Serien-Darsteller umtriebigen US-Akteur Christopher Connelly – eigentlich eine fast schon tragische Nebenfigur der Kinogeschichtsschreibung – läutete dieser sein Einsatz bei Fulci einen kleinen, zweiten Frühling als Star italienischer Genre- und Plagiatsfilme (unter Castellari, Deodato, Margheriti und Mattei konnte er immerhin mit einigen der besten arbeiten) ein, bevor er als starker Kettenraucher dann nur sechs Jahre später im Alter von 47 an Lungenkrebs starb.
Festzhalten bleibt, und das ist mir wichtig, dass „Manhattan Baby“ sehr viel besser ist als seine dünne Reputation und für wahre Liebhaber Fulcis eine Augenweide darstellen sollte.

7/10

LA FOLIE DES GRANDEURS

Zitat entfällt.

La Folie Des Grandeurs (Die dummen Streiche der Reichen) ~ F/I/E/BRD 1971
Directed By: Gérard Oury

Spanien zur Zeit Karls II. (Alberto de Mendoza): Der überaus gierige und opportunistische Finanzminister Don Salluste (Louis De Funès) lebt bei Hofe in Saus und Braus. Nur sein wesentlich gerechtigkeitssensiblerer Diener Blasius (Yves Montand) sorgt allenthalben dafür, dass Sallustes Steuereintreibereien nicht allzu sehr über die Strenge schlagen. Hab, Gut und Titel gehen Salluste dennoch über alles, weswegen ihn eine ihn seines Amtes enthebende Intrige, derzufolge er ein uneheliches Kind gezeugt haben soll, umso mehr schmerzt. Doch im Ränkeschmieden ist auch Salluste ein Meister und so sprießen rasch Ideen, wie er sich zurück in des Königs Gunst schmeicheln könnte. Während Blasius als Don Cesar, angeblicher Neffe Sallustes, dessen Amt annimmt und anstelle der Armen lieber die Reichen schröpft, sieht Sallustes Plan sieht vor, die Infantin Dona Maria (Karin Schubert) in ein heimliches Tête-à-Tête zu verwickeln und sich selbst dann als großen Enthüller des Ganzen darzustellen…

Vergleichsweise selten setzte man Louis De Funès, der zur Entstehungszeit von „La Folie Des Grandeurs“ bereits seinen bis heute populären Rollentypus des hyperaktiven,  selbstherrlichen, aber gewitzten Cholerikers in die Perfektion überführt hatte, vor historischer Kulisse ein. Insofern bildet Ourys im 17. Jahrhundert in Spanien spielende Satire, zudem als internationale Coproduktion, durchaus eine Ausnahme im De Funèsschen Œuvre. Doch können weder die reichhaltig zelebrierte Kostümierung und Ausstattung noch einige Abenteuerelemente verhindern, dass der Akteur einmal mehr gänzlich in seinem Charakter aufgeht, ja, dass dieser ihm sogar wie gewohnt auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Als Don Salluste, eine Art „spanischer Sheriff von Nottingham“, ist De Funès ganz in seinem Element: Außer dem wohligen Geräusch klimpernder Golddukaten reizt ihn lediglich die Vermehrung seines persönlichen Luxus, freilich in Verbindung mit entsprechenden Maßnahmen, zu deren Durchsetzung Salluste keine Moral zu unantastbar und kein Mittel zu schäbig sind. Als er dann eines Tages selbst zum Opfer einer höfischen Intrige wird, ist damit gewissermaßen sein wahres Können als umtriebiger Strippenzieher gefragt – doch letzten Endes führen ihn, wie andere Granden aus dem Dunstkreise Karls II. ebenfalls, am Ende doch bloß in eine marokkanische Strafkolonie. Der größte Widerling, jener von Gottes Gnaden quasi, ist und bleibt schließlich doch wieder das Staatsoberhaupt.
Hinter dem oftmals lauten, nicht selten über Gebühr strapazierten Slapstickhumor, der unter anderem Ingredienzien wie eine notgeile Kammerzofe (Alice Sapritch), einen vertrottelten Bloodhound, oder einen sprechenden Papagei bemüht und der natürlich auch den grimassierenden Protagonisten häufig in Fettnäpfchen treten lässt, verbirgt sich, man ahnt es bald, ein klassisches Literaturstück: Victor Hugos „Ruy Blas“ von 1838, ursprünglich keineswegs als Komödie, sondern als romantisches Drama angelegt, lieferte die inhaltlichen Grundzüge für eine im Grunde zutiefst bittere Satire, deren trüber, existenzialistischer Konsequenz man infolge der zuweilen grellen Oberfläche man nicht zwingend gewahr wird. Ourys Inszenierung nimmt sich, aus welchen Gründen auch immer, deutlich weniger elegant aus als von dem Regisseur aus vormaligen Arbeiten wie „La Grande Vadrouille“ oder „Le Cerveau“ gewohnt. Vielmehr müht sich „La Folie Des Grandeurs“ beinahe vergebens, einen ungehinderten Fluss zu entwickeln. Seltsam wirkt auch Yves Montand in seinem eigentlich für den kurz vorm Dreh verstorbenen Bourvil avisierten Part als Blasius/Don Cesar: In einem raren komödiantischen Auftritt gibt Montand zwar sein Bestes, es fällt aber dennoch außerordentlich schwer, seinem bereits fünfzigjährigen, lebensgegerbten Antliz, das man üblicherweise mit existenzieller Verzweiflung und Melancholie assoziiert, die hier bedurften, eher juvenilen Facetten der Verliebtheit und basalen Charaktergüte abzuringen.
Witzig, selbst für gelegenheitsmäßige De-Funès-Chronologen sehenswert und von diesbezüglichen Connaisseurs sogar hoch geschätzt ist „La Folie Des Grandeurs“ nun gewiss; ich selbst jedoch vermochte mich nie ganz des latenten Eindrucks entledigen, dass hier eine bzw. die eigentlich notwendige Homogenität für das wahre Finish nicht erreicht wurde.

6/10

THE PROUD ONES

„Pride can kill a man faster than a bullet.“

The Proud Ones (Die Furchtlosen) ~ USA 1956
Directed By: Robert D. Webb

Mit den ruhigen Tagen ist es vorerst vorbei in der Kansas frontier town, in der Cass Silver (Robert Ryan) als Marshal tätig ist. Die ersten Viehtriebe erreichen die Stadt und auch die Eisenbahn wird nicht mehr lang auf sich warten lassen. Für die Stadtverwaltung und die kleinen Geschäftsleute verspricht diese Entwicklung eine Menge Geriebenes, Silver aber weiß aus Erfahrung, dass viele Menschen immer auch viel Ärger bedeuten. Unter anderem taucht mit dem jungen Cowboy Thad Anderson (Jeffrey Hunter) ein Bursche auf, der Silver für die Ermordung seines Vaters verantwortlich macht. Silver betont dem aufgebrachten, aber grundsympathischen Jungspund gegenüber jedoch mehrfach, dass dessen alter Herr, anders als die Leute behaupten, bei dem fraglichen Ereignis sehr wohl bewaffnet gewesen war und Silver somit in Notwehr habe handeln müssen. Und es naht noch weitaus größerer Ärger – mit dem Spielbankier John Barrett (Robert Middleton) eröffnet ein alter Intimfeind Silvers ein Casino in der Stadt. Es dauert nicht lang, bis sich darin der erste betrügerische Croupier (I. Stanford Jolley) hervortut. Als dann die ersten von Barretts Männer in Silvers Gefängnis landen, holt dieser sich zwei gunslinger (Rodolfo Acosta, Ken Clark) zur Unterstützung. Thad lässt sich derweil als Hilfssheriff einstellen. Doch kann Silver ihm wirklich vertrauen…?

Aus dem Super-Westernjahr 1956 stammt diese Fox-Produktion, die der hauseigene Vertragsregisseur und Handwerker Robert D. Webb ferigte und vom großen Lucien Ballard in schickem CinemaScope ablichten ließ. „The Proud Ones“ feierte im Mai des Jahres und damit in etwa zeitgleich mit John Fords „The Searchers“ Premiere, was dem Kinopublikum die Gelegenheit offerierte, Jeffey Hunter abermals in der tragenden Coming-of-Age-Rolle eines rebellischen, aber umso aufrechteren Nachwüchslers zu sehen, der seinem alternden, langsam aus der Zeit fallenden Mentor die im Grunde längst überfällige Nachfolge abnimmt. Nun entbehrt andererseits Cass Silver gewiss der psychologischen Komplexität eines Ethan Edwards, wenngleich Webb mit Robert Ryan zwar nicht der ikonischere Star, aber doch der bessere Schauspieler in der Hauptrolle zur Verfügung stand. Silver repräsentiert zwar ebenfalls ein tradiertes Männerbild, jedoch (noch) kein überkommenes. Einen gewissen beruflichen Fanatismus, einen Hang zur Selbsträson, auch einen sich bisweilen im Übermaß äußernden, dem originalen Filmtitel zupass kommenden Stolz und wiederum in Verbindung damit vielleicht auch eine Tendenz zur emotionalen Abschottung mag man ihm nicht absprechen, dafür ist er kein Rassist und seine prinzipielle Agenda, die Wahrung von Recht und Ordnung im Angesicht sich verändernder Zeiten nämlich, eine durchweg ehrenvolle. Dass Silver auch ein sehr moralischer Zeitgenosse ist, wird spätestens anhand eines hübschen kleinen Monologs deutlich, den das Script Ryan gegen Ende gestattet und in dem er die Gier und Bigotterie der first citizens, die ihn, von Barrett beeinflusst, zu schassen versuchen, mit deutlichem Vokabular aufs Korn nimmt. Immerhin fungiert diese Ansprache auch als unbewusstes, letztes notwendiges Mittel Silvers, um den unschlüssigen Thad Anderson von seiner Integrität zu überzeugen. Der Film findet dann einen ziemlich gelungenen Abschluss, wenn er den jungen Anderson zunächst zur unverzichtbaren, strategischen und kombattanten Flanke des sehbehinderten Silver erwachsen lässt, um ihn dann endgültig Silvers „Erbe“ als Gesetzeshüter antreten zu lassen. Dabei wird Anderson gewissermaßen noch zusätzlich in jener neuen Funktion defloriert, indem er sich just derselben Situation gewachsen zeigen muss, die einst zum Tode seines Vaters geführt hat. Nun ist „The Proud Ones“ nicht ganz frei von Unebenheiten. Das gepfiffene Titelthema (Lionel Newman) etwa wirkt, zumal infolge seiner manchmal albernen dramaturgischen Einsätze, etwas dick aufgetragen, tolle Nebenfiguren wie der von Walter Brennan gespielte Hilfssheriff Jake werden beinahe leichtfertig verschenkt und auch Virginia Mayo als Verlobte des Helden bietet wenig mehr denn Staffage. Hier wäre etwas Mut zum erzählerischen Ausschmücken und zur Profilschärfe, kurzum: etwas mehr, ausnahmsweise tatsächlich einmal auch mehr gewesen.

7/10

MR. SARDONICUS

„I’m not a man who’s affectionate in the morning hours.“

Mr. Sardonicus (Der unheimliche Mr. Sardonicus) ~ USA 1961
Directed By: William Castle

London, 1880. Der renommierte Arzt Sir Robert Cargrave (Ronald Lewis) erhält einen Brief seiner früheren Geliebten Maude (Audrey Dalton), die mittlerweile verheiratet ist und im fernen Rumänien lebt. Darin bittet sie Robert, möglichst bald zu ihr zu reisen. Robert tut umgehend, wie ihm geheißen und trifft vor Ort auf Maudes Gatten, den mysteriösen Baron Sardonicus (Guy Rolfe). Dieser trägt eine Wachsmaske, weil sein Gesicht schwer entstellt ist und pflegt, wie Robert bald feststellt, mithilfe seines ihm treu ergebenen Faktotums Krull (Oskar Homolka) auch sonst höchst sonderbare Praktiken. So werden dem Hausmädchen (Lorna Hanson) allenthalben zu Sanktionszwecken Blutegel angesetzt oder hübsche junge Damen gegen Entgelt auf das Schloss des Barons eingeladen, um unter Todesängsten und Geschrei dessen Fratze präsentiert zu bekommen. Als Roberts homöopathische Heilmethode beim Baron keinen Erfolg zeigt, droht jener, Maude zu seinem grausligen Ebenbild zu machen, wenn Robert nicht eine neue, wesentlich risikoreichere Kur bei ihm probiere…

In „Mr. Sardonicus“, Castles bereits sechstem Horrorthriller binnen drei Jahren, geht der godfather of gimmicks mit willfähriger Unterstützung seines erstmals für ihn schreibenden Autoren Ray Russell (dessen ganz spezielles Steckenpferd physisch und/oder psychisch entstellte Wahnsinnige auf dem Weg ins Verderben bildeten) abermals in die campigen Vollen. Castles besondere Überraschung fürs Kinopublikum bestand diesmal darin, selbiges eine beim Einlass erhaltene Karte („punishment poll“) nutzen zu lassen, die dann kurz vorm Finale benutzt werden sollte, um über das Schicksal des Barons Sardonicus entscheiden zu lassen. Die beiden Alternativen standen dabei ganz in der Tradition antiker römischer Zirkusspiele und bestanden aus „thumb up“ für die Rettung des Barons und „thumb down“ für dessen Bestrafung. Castle, der bereits zu Beginn (auch das kennt man von ihm) höchstpersönlich ein etwas wirres Entrée liefert, in dem er etwas von leichenfleddernden Ghouls erzählt, erscheint also kurz vorm Showdown nochmals auf der Leinwand, um die Publikumsabstimmung anzuleiten. Natürlich fällt diese – a priori alternativlos – zu Ungunsten des Barons aus.
Abseits von diesem lustigen Varietéspaß erweist sich „Mr. Sardonicus“ als ein Konglomerat diverser klassischer respektive viktorianischer Schauermotive. Allen voran wäre das gewiss Bram Stokers „Dracula“, dessen Reise Jonathan Harkers zu einem diabolischen transsylvanischen Gastgeber auch hier die narrative Ausgangslage bildet. Doch auch Victor Hugos, dessen entstellter Protagonist Gwynplaine aus „L’Homme Qui Rit“ sich zumindest physiognomisch in der Person des Barons widerspiegelt und gewiss der Marquis De Sade bilden mehr oder minder eindeutige Vorbilder für den Titelcharakter. Obgleich dieser, wie sich herausstellen wird, eine halbwegs tragische origin vorweisen kann, die auf die monetäre Gier seiner unentwegt nörgelnden, ersten Ehefrau (Erika Peters) zurückzuführen ist und in der Folge zum Opfer seiner eigenen Psychopathologie wurde, gönnt man ihm sein abschließendes, stummes Schicksal. Er ist nämlich, das lernt der Rezipient mit einiger, konsequenter Gewissheit, im Laufe der Jahre zu einem dermaßenen Hundsfott avanciert, dass selbst die via Schocktherapie forcierte Begradigung seiner Gesichtsmuskulatur keinen Philanthropen mehr aus ihm machen wird. Ein paar erzählerische Unsinnigkeiten, nachlässige Charakterzeichnung (vor allem in Bezug auf die Person des einäugigen Hausdieners) sieht man dem Film gutherzig nach – denn man befindet sich ja bei Castle und der legte es bekanntermaßen selten darauf an, mit intellektueller Perfektion oder gar eherner Logik zu glänzen, sondern hatte ganz anders gelagerte Intentionen auf seiner künstlerischen Agenda.

7/10

MURDEROCK – UCCIDE A PASSO DI DANZA

Zitat entfällt.

Murderock – Uccide A Passo Di Danza ~ I 1984
Directed By: Lucio Fulci

Unter den Elevinnen einer Manhattaner Tanzschule geht die blanke Angst um: Nicht nur, dass sie sich mit enormem Leistungsdruck konfrontiert sehen, weil nur drei von ihnen für eine in Kürze geplante geplante Show in Frage kommen, wird zudem auch noch eines der Mädchen (Angela Lemerman) nach dem Untericht chloroformiert und dann mittels einer Hutnadel ermordet. Bei der einen Untat bleibt es nicht und so sieht sich der ermittelnde Lieutenant Borges (Cosimo Cinieri) mit einem Serienkiller konfrontiert. Die Spuren führen in alle möglichen Richtungen, während die Lehrerin Candice Norman (Olga Karlatos) ihrer ganz persönlichen Intuition nachgeht…

Nach seinem berühmten Splatterzyklus linste Lucio Fulci in alle möglichen Richtungen, die das multipel orientierte italienische Plagiats- und Genrekino jener Jahre so vorgab, bis er mit „Murderock – Uccide A Passo Di Danza“ wieder bei einem bewährten Leisten landete – beim Giallo nämlich. Dennoch nimmt sich der Film nicht allein seines New Yorker Settings wegen eher untypisch für diese in den Mittachtzigern zunehmend unprägnant werdende Thrillergattung aus; es fehlen ferner die breite, ehedem auch von Fulci selbst stark umschmeichelten Stilisierungstendenzen sowie ganz allgemein die oftmals in halluzinogene Sphären abdriftende Ästhetik der an Gialli reichen spätsechziger und siebziger Jahre. Stattdessen auch hier die Ausrichtung an amerikanischen Erfolgsformeln – Alan Parkers „Fame“ und Adrian Lynes „Flashdance“ als Repräsentanten der damals besonders bei Teenagern beliebten Popmusicals und Tanzfilme boten die sphärische Basis für das unter anderem von Gianfranco Clerici und Fulci ersonnene Script . Berühmte Szenen aus beiden Vorbildern finden sich jeweils mehr oder weniger sinnstiftend in den wild mäandernden Plot kopiert und eingeflochten. Cosimo Cinieri, der zuvor bereits dreimal mit Fulci gearbeitet hatte, ist als überaus cooler, durch nichts aus der Ruhe zu bringender Bulle zu sehen, der sich, ebenso wie das bewusst im Vagen belassene Publikum, zunächst mit diversen Verdächtigen herumzuplagen hat, wobei selbstverständlich sämtliche offensichtliche Fährten im Sande verlaufen, um am Ende einen (zumindest für halbwegs aufmerksame ZuschauerInnen nicht ganz unerwarteten) Twist präsentieren zu können. Dieser sich nach einiger Zeit etwas etwas ermüdend gestaltende Whodunit-Spießrutenlauf – und darin nähert sich „Murderock“ zumindest auf struktureller Ebene dann doch wieder dem klassischen Giallo an – besitzt wenig mehr Funktion denn die des Schindens von Erzählzeit, die freilich in keinem qualitativen Verhältnis zu der Arbeit des Regisseurs und dessen Mise-en-scène steht. Selbige offeriert sich nämlich wie bei Fulci gewohnt von weitgehend tadelloser Könnerschaft und Tiefenschärfe geprägt und sorgt neben den guten Darstellern dafür, dass der Film innerhalb seines selbstgesteckten Rahmens trotz der bisweilen dull erscheinenden Oberfläche stets interessant und involvierend bleibt.

7/10