DARK PHOENIX

„I’ve seen evil… and I’m looking at it now.“

Dark Phoenix (X-Men: Dark Phoenix) ~ USA/CAN 2019
Directed By: Simon Kinberg

Die „neue Vergangenheit“, 1992: Ein Rettungseinsatz im All konfrontiert die X-Men mit einer gewaltigen außrirdischen Macht, die sich mit der Telepathin Jean Grey (Sophie Turner) verbindet. Zurück auf der Erde ergreift jene Entität mehr und mehr Besitz von der ohnehin mächtigen Mutantin, derweil Charles Xavier (James McAvoy) alles dafür tut, sie zu retten und das zuletzt durch sein Insistieren hart erarbeitete, positive Renommee des homo superior zu wahren. Als durch Jeans Verschulden jedoch die Gestaltwandlerin Mystique (Jennifer Lawrence) zu Tode kommt, geht ein Riss durch die X-Men – Hank McCoy (Nicholas Hoult) verbündet sich mit Erik Lehnsherr (Michael Fassbender), die die immer wütendere Jean geneinsam aufhalten wollen. Doch sind da noch die D’Bari – Aliens, die der Jean inhärenten „Dark Phoenix“-Macht den Verlust ihres Heimatplaneten anlasten und sich nun mit dessen Hilfe auf der Erde ein neues Zuhause schaffen wollen. Dafür müssten Menschen und Mutanten jedoch aus dem Weg geräumt werden…

Um es kurz zu machen – „Dark Phoenix“, sowohl Sequel als auch Reboot, ist alles in allem der enttäuschendste aller bislang erschienen „X-Men“-Filme und unterbietet damit sogar noch Gavin Hoods erstes „Wolverine“-Solo. Bereits die Wahl des Regisseurs sät a priori berechtigte Zweifel am Gelingen des Projekts – mit Simon Kinberg entschied man sich für jemanden, der seit Brett Ratners „X-Men: The Last Stand“, also dem ursprünglich im Film erzählten Niedergang der damals noch von Famke Janssen gespielten Jean Grey, als Scriptautor und/oder Produzent an den meisten der seither erschienen Mutanten-Abenteuer beteiligt war, bis dato jedoch keinerlei inszenatorische Erfahrung aufwies. A posteriori zeigt sich bestätigend, dass ausgerechnet die von Kinberg geschriebenen X-Storys stets die schwächeren waren, was seiner Verpflichtung als Vorarbeiter ein nachgestelltes Stirnrunzeln abverlangt.
Ala Adaption der Comic-Original-Strecke von Chris Claremont und John Byrne, die zuerst 1980 in den Ausgaben 129 bis 138 der Serie „Uncanny X-Men“ erschien und seither als ewiger Klassiker zigmal neu ediert wurde, scheitert Kinberg jedenfalls nochmals genauso pompös wie bei seinem ersten Versuch mit „The Last Stand“. Auf wesentliche Elemente wie die Shi’ar und deren (mit Xavier nicht nur romantisch verbundenen) Herrscherin Lilandra Neramani oder das außerirdische Tribunal, dem sich Jean Grey und ihre Freunde stellen müssen, wurden aus Gründen der Komplexitätsreduktion verzichtet. Stattdessen bietet der Film vor allem seinen Stars Jennifer Lawrence, die (aus naheliegenden Gründen) offenbar keinen Bock mehr auf ihre „X-Men“-Beteiligung hatte und sich somit kurzerhand aus dem Franchise pfählen ließ sowie „Game-Of-Thrones“-Entdeckung Sophie Turner (die der charismatischen Janssen in keinster Weise das Wasser reichen kann) hinreichend Onscreen-Plattform und flicht außerdem noch den anscheinend zwingend zu beteiligenden Fassbender alias Magneto mit ein. Als wild fightender Wolverine-Ersatz muss im Showdown ausgerechnet der als höflich und liebenswert bekannte Kurt „Nightcrawler“ Wagner (Kodi Smit-McPhee) herhalten – eine wenig akzeptable Wendung für diese doch so konträr gelagerte Figur. Und die schöne Jessica Chastain? Die wird bloß unbekümmert verheizt.
Was ich mit alldem bereits zu verdeutlichen versuche, zeichnet sich anhand des gesamten Films ab – er wirkt von vorn bis hinten wie eine mühselige, für alle Beteiligten verpflichtende Plackerei, eine hochbudgetierte Pflichtübung, deren einziger Existenszweck ihre kommerzielle Spannweite zu sein scheint. Es gibt nur wenige schöne oder spannende Momente von der Art etwa, die Jean ihren (für sie überraschend überlebenden) Vater (Scott Shepherd) aufsuchen und zur Rede stellen lässt, sie bleiben Mangelware in diesem zwar professionell gefertigten, am Ende aber doch sich selbst und seinem Publikum gegenüber spürbar gleichgültig auftretenden, mediokrem Spektakel. Dass hier ein paasgetreuer Punkt erreicht wäre, um aufzuhören, wage ich in Anbetracht vieler schöner früherer Stunden mit den „X-Men“ nicht zu konstatieren; zudem ist „Dark Phoenix“ dafür doch noch nicht genug veritable Katastrophe. Ob die Super-Mutanten demnächst dann auch ihr eigenes „Homecoming“ in den Schoss des MCU erleben werden, mag sich ja ferner noch erweisen.

5/10

MIDSOMMAR

„Every Midsummer we have this dance competition and the winner gets crowned.“

Midsommar ~ USA/S/HU 2019
Directed By: Ari Aster

Infolge einer Familientragödie schwer traumatisiert, erscheint der Studentin Dani Ardor (Florence Pugh) der geplante Schweden-Trip ihres Freundes Christian (Jack Reynor) als eine zweckmäßige Ablenkung. Christians Kommilitone Pelle (Vilhelm Blomgren) lädt das Paar sowie die zwei Mitstudierenden Josh (William Jackson Harper) und Mark (Will Poulter) ein, mit ihm das Mittsommerfest im idyllischen Hälsingland zu feiern, wo Pelle in einer streng naturvebundenen Kommune namens Hårga aufgewachsen ist. Während Mark vor allem Kontakte zu hübschen Europäerinnen aufbauen möchte, interessiert sich der Anthropologe Josh im Zuge seiner geplanten Diplomarbeit vielmehr für alte, paganistische Glaubensgemeinschaften. Mit der Ankunft in Hårga erlebt das um die beiden Engländer Connie (Ellora Torchia) und Simon (Archie Madekwe) angewachsene Septett sogleich den Übergang in eine sonderbar entrückt scheinende Parallelwelt, unterstützt von halluzinogenen Pilzen, die nicht jedem von ihnen einen angenehmen Trip verschaffen. Besonders Dani erlebt den Rausch als psychische Belastungsprobe. Die durch die Mitternachtssonne hervorgerufene andauernde Helligkeit macht den BesucherInnen von außerhalb  noch zusätzlich zu schaffen. Als die quirligen Verschrobenheiten der Hårga-Bewohner dann mehr und mehr albtraumhafte Züge annehmen und zunächst Simon und Connie spurlos verschwinden, zeichnet sich ab, dass die Kultisten längst handfeste Pläne mit ihren Besuchern haben…

Ari Asters zweiter Langfilm „Midsommar“ übertrifft seinen bereits sehr sehenswerten Erstling „Hereditary“ nochmals. Mit seinem paradoxerweise zugleich lichtdurchfluteten und dabei von einer latenten, umfassenden Finsternis eskortierten Trip in die Alte Welt findet der Nachwuchs-Auteur nochmals tiefer in jene Topoi hinein, die bereits sein Debüt umtrieben, allem voran die (dezidiert psychologisch skizzierte) Dysfunktionalität zivilisierter sozialer Mikrokosmen im harten Kontrast zur diabolischen Funktionalität von im Abseits agierenden Parallelgruppierungen, die sich wiederum die psychische Fragilität dezentrierter Gesellschaftsmitglieder zunutze machen. In visueller Hinsicht bewusst konträr im Vergleich zu „Hereditary“ gestaltet (dessen düsterer Okkulthorror geradezu aufgeräumten Szenarien weicht, in denen gewiss trotzdem allerhand zu entdecken ist), bleibt beiden Filmen dennoch die finale Konsequenz einer unausweichlichen Determinierung ihrer jeweiligen ProtagonistInnen gemein.
In diesem Zusammenhang muss sich „Midsommar“ gleichfalls allerdings die (sanfte) Kritik gefallen lassen, auf inhaltlicher Ebene eine Variation von Robin Hardys „The Wicker Man“ vorzuschießen und somit doch Einiges an vermeintlicher Originalität zu verspielen. Hardys Film wurde 2006 ja bereits ein nominelles Remake von Neil LaBute beschert (das ich bisher noch nicht gesehen habe), fairerweise hätte man nun von Aster zumindest eine „inspired by…“ – Erwähnung oder Ähnliches erwarten dürfen. Denn dass die Plots beider Filme teils gar detaillierte Analogien aufweisen, das lässt sich nunmal nicht ignorieren. Dem gegenüber steht allerdings Asters bierernster Ansatz, dem scheinbar abjekten Auftreten seines paganistischen Kults zu begegnen – war bei Hardy noch ein bissig-ironischer Ansatz eklatanter Begleiter des Geschehens, ist derlei schelmisches Augenzwinkern in „Midsommar“ garantiert absent. So lässt sich auch dessen Genrezugehörigkeit eindeutiger umreißen, nicht zuletzt durch den Gebrauch zusätzlich irrealisierender Elemente (wie die immer wieder evozierten Rauschzustände oder das inzestuöse Orakel), heftiger Gewaltspitzen und sanft eingeflochtener Slasher-Elemente.
In jedem Fall liefert „Midsommar“ ungeachtet der oben umrissenen Dämpfer bezüglich seines aufgewärmten Narrativs einen neuerlichen, hervorragenden Beweis für die ungemein kreative Vitalität und Vielfalt, die der Horrorfilm derzeit genießt und zudem ein brauchbares Antidot für all jene, die durch die Flut an Franchises und seriellem Erzählen etwas die Lust an Kino verloren haben.

9/10