CRAWL

„Dad!“

Crawl ~ USA/RS/CA 2019
Directed By: Alexandre Aja

Um nach ihrem Vater Dave (Barry Pepper) zu sehen, der telefonisch nicht zu erreichen ist und in dessen Heimatregion ein Hurricane tobt, fährt die junge Leistungsschwimmerin Haley Keller (Kaya Scodelario) kurzentschlossen Richtung Südflorida. Nachdem Haley in der Wohnung ihres Dads nur Hündin Sugar findet, macht sie sich zum alten Haus der Familie auf, das ausgerechnet inmitten des Sturmzentrums liegt. Sie findet Dave verletzt und bewusstlos im überschwemmten Keller – nicht jedoch allein, denn ein paar Alligatoren, die gerade ihr Jagdrevier erweitern, haben sich ebenfalls häuslich dort eingerichtet…

Mit produzierender Unterstützung von Sam Raimi wendet sich Alexandre Aja, via „Haute Tension“ seines Zeichens einst Mitbegründer der französischen nouvelle vague d’horreur, in seinem jüngsten Werk erneut einem von ihm bereits erfolgreich beackerten Terrain zu – dem des Tierhorrors. In seinem „Piranha“-Remake von 2010 machte er aus Joe Dantes klassischem Original eine lustvoll-exploitative Hommage an das gesamte Genre, die nebst Nebenrollen-Einsatz von Porno-Sternchen in ein ordentliches, aber stets breit grinsendes Gematsche mündete. In „Crawl“ folgt er einer wesentlich differenten, ernsteren Prämisse, die mehr mit den bisweilen hermetischen Ausgangssituationen anderer Kroko- und Alligatoren-Horrorfilmen der letzten Jahre (etwa „Black Water“) gemein hat denn mit spaßigen Splatter-Breitseitenn wie oben erwähnter.
Kurzum geht es um zwei eingekesselte Personen – Vater und Tochter – die sich nur einer entfesselten Natur im Katastrophenzustand zu erwehren haben, sondern auch ihrer persönlichen, von Unausgesprochenem geschädigten Beziehung zueinander. Die Extremsituation, in der sie nun beide gekegelt wurden und die ihnen ausgiebig Gelegenheiten bietet, einander das Leben zu retten, entpuppt sich dafür natürlich als adäquater Katalysator.
Was die wahren Stars des Films – also die gefräßigen Echsen – anbelangt, hält „Crawl“ den Ball im Vergleich zu seinen vielen Vorgängern den Ball vergleichsweise flach und lässt die atmosphärische Spannung eher aus dem der Gesamtsituation geschuldeten, hermetischen Szenario erwachsen. Weder sind die bissigen Biester nämlich über Gebühr intelligent noch erreichen sie – obschon nicht eben winzig – die exorbitante Größe anderer Gattungsvertreter. Immerhin sind sie allerdings schnell – was dann wiederum Anlass gibt, die beiden ProtagonistInnen nicht zu den einzigen (potenziellen) Opfern der Amphibien zu machen, sondern ihnen zum blutrünstigen Amüsement des Zuschauers ein paar unerleuchtete Plünderer und Polizisten zum Fraß zu servieren. Ein bisschen schnabuliert werden muss dann ja doch, zumal am Ende Haley, Dad und Sugar – allesamt körperlich versehrt, aber doch situationsgestärkt – heil und versöhnt aus der Sache rausgeflogen werden. Immerhin geht’s hier um Alligatoren.

7/10

AVENGEMENT

„Maybe I don’t wanna come back.“

Avengement ~ UK 2019
Directed By: Jesse V. Johnson

Der Knastinsasse und MMA-Fighter Cain Burgess (Scott Adkins) nutzt den Krebstod seiner Mutter (Jane Thorne) zur Flucht und zu einem längst überfälligen Rachefeldzug gegen seinen Bruder Lincoln (Craig Fairbrass) und dessen Gang. Lincoln, der seine schmutzigen Pfründe mit Kreditwucherei und Immobilenraub macht, sorgte einst mittels einer geschickt eingefädelten Intrige dafür, dass Cain, nachdem dieser einen getürkten Kampf doch für sich entschieden hatte, zunächst einwandern musste und dann im Gefängnis tagtäglich um sein Leben zu kämpfen hatte. Der kurze Freigang bietet Cain nun die Chance, sich für das Erlittene zu revanchieren. Er nistet sich in in Lincolns Stammkneipe ein, nimmt seine Leute als Geiseln und wartet auf den großen Boss…

Wenn (der von mir leider noch längst nicht hinreichend gewürdigte, was ich aber zu ändern gedenke) DTV-Auteur Jesse V. Johnson und Prügelgott Scott Adkins kollaborieren, kann es mitunter deftig zugehen – so auch in ihrem aktuellen Action-, Knast- und Gangsterdrama, das das allerbeste aus sich herausholt. Häufig musste ich während der Betrachtung von „Avengement“ an das berühmte, auch Milius‘ „Conan The Barbarian“ vorangestellte Nietzsche-Zitat aus „Ecce Homo“ denken: ‚Was ihn nicht umbringt, macht ihn stärker“, passt jenes hier doch wie die buchstäbliche Faust aufs Auge: Mit Cain Burgess‘ Überweisung in die Staatsobhut beginnt nämlich zugleich eine entbehrungsreiche Passionsgeschichte. Nach dem schmerzlichen Verlust der allermeisten Zähne, einer Napalmattacke, unzähligen Schlägen und Stichverletzungen, hinter denen durch die Bank Cains Bruder Lincoln steckt, der sich des unliebsamen Quertreibers „von draußen“ her entledigen will, ist Cain an Leib und Seele stahlgepanzert und lebt nurmehr für den Tag der Abrechnung. Dieser wird ausgerechnet greifbar, als das arme Mütterlein stirbt – im irrigen Glauben, Lincoln wäre ein guter Samariter und Cain das schwarze Schaf. Hernach gilt es für Cain, seinem biblischen Namen die Entsprechung zu weisen.
Johnson lässt Vieles an Inspiration durchscheinen – sein musikalisches Hauptthema ist Morricone entlehnt und dass er sowohl das klassische und jüngere britische Gangsterkino wie auch die großen Knastfilme emsig studiert hat, daran braucht kein Zweifel zu bestehen. Seine signifikante Meisterschaft entwickelt er dann allerdings darin, aus jenen Elementen etwas ganz eigenes, Neues zu machen, einen furztrockenen, harten Rachethriller, der mit verschiedenen Zeitebenen und achronologisch gemixten Rückblenden geradezu virtuos zu spielen versteht und seinem Hauptdarsteller eine Bühne für dessen grandioses, wie gewohnt höchst energetisches Können zu bieten. Dass Adkins‘ Spiel seinen körperlichen Fertigkeiten nunmehr kaum nachsteht, lässt sich anhand seiner grandiosen Leistung in „Avengement“ auf das Erfreulichste ablesen. Wie er seinem Bruder und dessen Handlangern mit amalgamiertem Oberkiefer all seine Wut und seinen Hass entgegenrotzt, das hat große, rohe Klasse.
Im Nachhinein bin ich, kurze Randnotiz, zudem froh, in Ermangelung einer ungekürzten, deutschen Blu-ray gewissermaßen gezwungen gewesen zu sein, „Avengement“ importiert und somit im Original sehen zu müssen. Adkins‘ Cockney-Slang ist unersetzlich.

8/10

IT CHAPTER TWO

„Time to sink.“

It Chapter Two (Es – Kapitel 2) ~ USA 2019
Directed By: Andy Muschietti

Aus Kindern werden Leute und auch der einstige „Club der Verlierer“ hat seine horrible Vergangenheit in Derry, Maine lange hinter sich gelassen. 27 Jahre nachdem die Kids seinerzeit „Es“ in Gestalt des Clowns Pennywise (Bill Skarsgård) den Garaus gemacht haben, fängt das Morden wieder an. Für Mike Hanlon (Isaiah Mustafa), der als einziger der damaligen Clique in Derry geblieben ist und sich als Bibliothekar und Chronist seither eingehend mit jenem namenlosen Schrecken befasst hat, der Anlass, seine früheren Freunde zu mobilisieren und zurückzubeordern, um das Grauen diesmal ein für allemal zu beenden.

Als designiertes Sequel setzt „It Chapter Two“ Andy Muschiettis Initialschuss der Zweitadaption von Stephen Kings 1986 erschienenem Wälzer fort. Darin widmet man sich den mittlerweile erwachsen gewordenen Kindern von einst, die, über die USA verstreut, als Frühvierziger nunmehr allesamt erfolgreiche Karrieren als Drehbuchautor, Entertainer, Manager oder Modedesignerin eingeschlagen haben, sich kaum mehr an die Geschehnisse von einst erinnern können, ihre jeweiligen Neurosen und Traumata jedoch nicht wirklich besiegt, sondern sie lediglich verdrängt und weggesperrt haben. Mit Mikes Anrufen brechen zugleich auch die alten, nur oberflächlich vernarbten Wunden wieder auf – für Stanley Uris (Andy Bean) in besonders markanter Weise: er wählt den umgehenden Suizid anstatt sich abermals dem inkarnierten Schrecken stellen zu müssen. Die übrigen Fünf kehren indes zurück nach Derry, wo Pennywise ihnen ohne großes Federlesens verdeutlicht, dass er diesmal nicht so klein beigeben wird wie noch vor 27 Jahren.
Muschietti nimmt sich alle Zeit der Welt für seine Fortsetzung, die es für sich auf stattliche 169 Minuten und damit fast allein auf die komplette Erzählzeit von Tommy Lee Wallaces TV-Fassung bringt. Das gesamte, neuverfilmte Opus, das insgesamt betrachtet dann auch Wallaces Version locker in den Sack steckt, erstreckt sich somit summa summarum auf runde fünf Stunden, wie man meinen möchte also hinreichend Zeit, um Kings Roman selbst in Details weithin gerecht werden zu können. Tatsächlich wächst der zweite Teil gegenüber dem ersten, da er die Bürde des Achtziger-Kids-Retro-Abenteuers nunmehr getrost ad acta legen und klassisches Genrekino präservieren darf. Dieses wahrt nunmehr noch immer den liebenswerten, manchmal etwas campigen Charme früherer King-Adaptionen, scheut sich nicht, hier und da zur Auflockerung kleine Humorsprenkler zu setzen und begreift sich ganz als lustvoller Ausflug in eine gewaltige Geisterbahn mit allen nur möglichen Registern. Zwischendurch scheint „It Chapter Two“ zwar ein wenig an Geschlossenheit einzubüßen, wenn er seine Protagonisten sich in aller narrativen Ruhe nacheinander ihren inneren Dämonen stellen lässt, die Pennywise natürlich allerbestens kennt und sie entsprechend lustvoll drangsaliert, andererseits verzeiht man Muschietti die entsprechend genommenen Freiheiten gern – man muss einfach honorieren, dass einem Filmemacher hier offensichtlich die Chance eingeräumt wurde, dem Publikum seine Vision halbwegs unberührt darbieten zu dürfen und sich im Gegenzug nicht hat mäßigen oder einschränken müssen. Sowas stellt ja, zumal im Vergleich zu früher, nunmehr eine Rarität im Kino dar.

7/10