WHEN THE WIND BLOWS

„You see, the decisions made by the powers-that-be will get to us in the end.“

When The Wind Blows (Wenn der Wind weht) ~ UK 1986
Directed By: Jimmy T. Murakami

Das alte Ehepaar Jim und Hilda Bloggs lebt in der Provinz, ein paar Meilen von London entfernt. Als die politische Weltsituation eskaliert und sich ein Atomkrieg anbahnt, baut Jim eilends eine aus Holztüren und Kissenpolstern bestehende Schutzanlage im heimischen Wohnzimmer. Den nur wenig später erfolgenden Fall der Bombe überleben Jim und Hilda zwar, doch Haus und Land sind verwüstet und grau. Nach ein paar Tagen vergessen die Senioren, dass es eigentlich besser wäre, sich im Schutz des Verschlags aufzuhalten und gehen ins Freie. Nachdem sie mit dem Fallout niedergegangenes Regenwasser getrunken haben, kommt das Ende auch für sie rasch und unglamourös.

In meinem Eintrag zu dem höchst ungemütlichen „Threads“ vor ein paar Monaten habe ich meine persönlichen Ängste vor dem nuklearen Holocaust, die mir als gewissermaßenem „Kind der Friedensbewegung“ unwiderruflich eingepflanzt sind, bereits zur Genüge auseinandergesetzt. Eine nicht unwesentliche Mitverantwortung für dieses „Trauma“ trägt auch Jimmy T. Murakamis Zeichentrickfilm „When The Wind Blows“, den die ARD nicht allzu lange nach seinem Kinoeinsatz im November 86 in ihrem Nachmittagsprogramm ausstrahlte. Der Film zeigt in oft hochpoetischen Bildern und Dialogen die Folgen der totalen Vernichtung, heruntergebrochen allerdings auf ein intimes Zwei-Personen-Szenario. Jim und Hilda Bloggs, im Original gesprochen von John Mills und Peggy Ashcroft (in der deutschen Synchronfassung von den nicht minder erwähnenswerten Peter Schiff und Brigitte Mira) sind das, was man landläufig als „einfache Menschen“ bezeichnen mag; ein rüstiges Ehepaar, das weder mit Kosmopolitik noch mit der Komplexität des nach wie vor allgegenwärtigen Kalten Krieges etwas am Hut hat. Ihr kleines Glück leben die Bloggs wie viele Senioren zwischen Erinnerungen und dem, was das Leben ihnen hinterlassen hat – ein nettes, gepflegtes Häuschen in Sussex und das, was der zu bewältigende Alltag so mit sich bringt. Vielleicht werden sie langsam ein klein wenig senil, aber sie meistern ihren Existenzherbst mit Bravour und Erfahrung. Zudem haben sie sich, was viel mehr ist als andere von sich behaupten können. Der letzte, über vierzig Jahre zurückliegende Krieg ist ihnen noch lebhaft, vielleicht ein wenig verklärt in Erinnerung: der „Blitz“, Hitler, Churchill, Truman, die Luftschutzbunker, die eindeutige Trennung zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch, schließlich der Sieg. Wer heute „am Drücker“ ist, wissen sie nicht so recht, außer, dass da irgendwo im kalten Russland ein ominöser „Chruschtschow“ den nervösen Finger auf dem Roten Knopf hat. Aber die Amis sind ja schon einmal zur Hilfe gekommen und sie werden gewiss auch nochmal den Weg über den Atlantik meistern. Dass nach dem Fall der Bombe nichts mehr da ist, nichts mehr funktioniert, nur noch Asche und Tod allgegenwärtig sind, begreifen die Bloggs im Grunde bis zu ihrem letzten Atemzug nicht zur Gänze – anders als der Zuschauer, der gequält das irrlichternde Sterben dieser beiden repräsentativen Normbürger bezeugen muss. Im formalen Gewand eines charmanten, zuweilen spartanisch anmutenden Animationsfilms, der von der oberflächlichen Perfektion einer Disney- oder Bluth-Produktion weit entfernt, aber dafür umso zweckdienlicher auftritt, erlebt er mit Jim und Hilda die Apokalypse und ihren impact im zeitraffernden Kleinformat: Lichtblitz, Feuersturm, megadeath, Staubwolke, Verdunkelung, Fallout, Strahlenkrankheit, Tod, und auch: der tragische Verlust, die fachgerechte Ausradierung jeden einzelnen Lebens im Angesicht der Vernichtung von Milliarden – alles in schlanken 85 Minuten und mit der feinen, britischen Galgenironie eines Sargnagels kredenzt. Mehr muss, mehr kann ein Film mit einer solch luziden, bedingungslos humanistischen Agenda nicht leisten.

10/10

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