THE IRISHMAN

„Back then, there wasn’t nobody in this country who didn’t know who Jimmy Hoffa was.“

The Irishman ~ USA 2019
Directed By: Martin Scorsese

Pennsylvania in den Fünfzigern. Per Zufall lernt der irischstämmige Truckfahrer Frank Sheeran (Robert De Niro) den Mobster Russell Bufalino (Joe Pesci) kennen. Bald begegnet man sich abermals und es erwächst allmählich eine Freundschaft zwischen den beiden Männern. Sheeran übernimmt erste Aufträge für Bufalino und die Mafia, die bald auch Morde an unliebsamen „Familienmitgliedern“ beinhalten. Der „Irishman“ steigt in der Gangsterhierarchie nach und nach soweit auf, wie es einem Nichtitaliener möglich ist; unter anderem macht Bufalino ihn mit dem Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa (Al Pacino) bekannt, mit dem und dessen Familie sich Sheeran nebst seiner eigenen Frau und deren Kinder sich wiederum innig befreunden. Als die Kennedys Hoffa wegen seiner zwielichtigen Aktivitäten und Kontakte ins Visier nehmen, unterstützen Sheeran und die Mafia ihn soweit als möglich; eine sich während Hoffas Gefängnisaufenthalt in den Sechzigern entzündende Intimfeindschaft mit dem ebenfalls einsitzenden Gangster „Tony Pro“ Provenzano (Stephen Graham) jedoch bringt den Teamsterchef selbst auf die langfristige Abschlussliste des Mob. Mehrfach versuchen Bufalino und Sheeran zu intervenieren und Hoffa zum Rücktritt zu bewegen – zwecklos. Als Hoffa im Juli 1975 spurlos verschwindet, ahnt Sheerans Tochter Peggy (Anna Paquin), die mit dem Freund ihres Dads stets eine innigere Beziehung verband als mit ihrem eigenen Vater, dass dieser in direktem Zusammenhang mit jenem Ereignis steht. Sie wechselt nie wieder ein Wort mit ihm.

Viel wurde bereits im Vorhinein um und über Scorseses jüngstes Epos, sein bisher erzählzeitintensivstes Werk und seinen dritten großen Mafiafilm, diskutiert und beiden in jenen Zügen diverse Vorhaltungen gemacht. Zunächst bildete die Tatsache, dass binnen der langwierigen Produktionsgeschichte von „The Irishman“ der Maestro schließlich von Paramount zu Netflix wechselte, die die Veröffentlichungsrechte für eine immens hohe Summe erworben hatten und sich zudem bereit zeigten, die eingeforderten Budgeterhöhungen zu übernehmen, für mancherorts barsche Kritik. Ausgerechnet Scorsese, großer Liebhaber des Kinos und seiner Geschichte, Preservateur des Mediums und erst zuletzt wegen seiner abfälligen Äußerungen zu einer jüngeren Mainstreamspielart der Leinwand, nämlich den Superhelden-Adaptionen wie denen des MCU, umfassend zitiert, verkaufte sich, sein Talent und gewissermaßen auch seine künstlerische Integrität an einen der großen Streaming-Dienste. Wie als flüchtige Apologie gab es kurzbefristete, internationale Kinoaufführungen, was Scorsese damit kommentierte, dass doch auch frühere seiner Filme wie „The King Of Comedy“ wegen allgemeiner Publikumsmissachtung schon nach zwei Wochen wieder aus den Lichtspielsälen flogen. Ferner strafte man den besonders teuren visual effect um das sogenannte „De-Aging“ der Darsteller ab, der tasächlich große Teile der Nachproduktionskosten verschlang. Statt per Make-Up wurden De Niro, Pesci und die anderen aufwendig via CGI kunstverjüngt, eine Maßnahme, von der häufig zu lesen ist, sie wirke allzu artifiziell, sichtlich misslungen und kaschiere bei aller Liebe dann doch nicht die Motorik der tatsächlich in ihren Siebzigern befindlichen Akteure. Einmal habe ich sogar gelesen, „The Irishman“ funktioniere als Hoffa-Biographie überhaupt nicht, von diversen anderen mehr oder minder relevanten Makulaturen erinmal ganz abgesehen.
Die stillere, weitaus größere Majorität jedoch scheint „The Irishman“ zu mögen, teils gar aufrichtig zu lieben, und in ihm ein starkes Alterswerk des großen Regiekünstlers auszumachen.
Zunächst einmal halte auch ich den Film für ein spätes Monument im Schaffen Scorseses und für seinen vielleicht gelungensten und geschlossensten seit der Jahtausendwende („Hugo“ bin ich mir allerdings immer noch schuldig). Vieles an ihm ist Zeugnis abgeklärter Perfektion und der Gewissheit, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen. Anders als „Goodfellas“ und „Casino“, die sich darin gefielen, die glamouröse Seite des Wise-Guy-Lebens auszustellen, mit ihrem wahnwitzigen Tempo, ausgestellter Brutalität, Musik, Schnitt und rauschhaften Farbpaletten vor allem audiovisuelle Meisterschaft erreichten, ist „The Irishman“ exakt das, womit er sich selbst einführt: Ein geriatrischer, ein Senioren-Gangsterfilm. Das einstmals von Scorsese gewohnte, flotte pacing, das etwa der koksbeseelte „The Wolf Of Wall Street“ noch vorschützte, weicht einem nachgerade melancholischen Biopic, das es sich zudem leistet, seine großen Topoi von zwischenmenschlichem Verrat im Gegenzug zu stoischem Pflichtbewusstsein, von Schuld und Sühne, gänzlich entgrellt und auf einer rein introvertierten Ebene zu verhandeln. Dass es in „The Irishman“ trotz Pacinos (tollem!) exaltierten Spiel keinesfalls um Jimmy Hoffa geht, sondern um den titelgebenden Frank Sheeran, scheint dabei mancherorts vergessen zu werden. Für De Niro ist Sheeran vielleicht die letzte, große Rolle seines Lebens nachdem er sich in den vielen Jahren zuvor meist vornehmlich als kauziger Komödiant oder in anderweitig lauen Parts hat verheizen lassen, die von der frühen Grandezza seines fesselnden method acting kaum mehr etwas erkennen ließen. Weder Scorsese noch er selbst begehen in ihrer achten Zusammenarbeit (und der ersten seit rund dreiundzwanzig Jahren) dabei jedoch den naheliegenden Fehler, Frank Sheeran den spaßigen, Szenenapplaus evozierenden Nimbus des ovationsträchtigen Antihelden-Mafioso zu verehren, wie ihn ehedem vielleicht der paranoide Ray Liotta oder der flirrende Joe Pesci (der hier als ungewohnt selbstkontrollierter Pate in einem bewussten Gegenentwurf zu seinen früheren, cholerischen personae zu sehen ist) ausfüllten. Frank Sheeran ist, nicht nur wegen De Niros tatsächlichem Alter, bereits in jüngeren Jahren gewissermaßen frühvergreist. Er lässt sich widerstandslos zum willfährigen Instrument machen, dessen „Fähigkeit“, moralische und gesetzliche Grenzen zu übertreten, neben seiner hündischen Obrigkeitsergebenheit seine einzige, große Qualität darstellt. Weder ist Sheeran sonderlich intelligent, noch in der Lage, über ein eng begrenztes Maß hinaus Empathie entwickeln. Als es darum geht, seinen besten Freund zu ermorden, befolgt er auch diesen Auftrag ohne große Gegenwehr – er wollte es ja nicht anders. Doch zahlt auch Sheeran seinen Preis. Im hohen Alter steht er allein da, die anderen seiner Generation längst weggestorben, von der eigenen Familie, der aus Fleisch und Blut, wohlweislich abgestraft und ignoriert. Die finale Erlösung, den (Film-) Tod, enthält Scorsese ihm und uns vor. Frank Sheeran muss mit der Hölle seines Gewissens, dem Rückblick auf eine erbärmliche Existenz als affirmativer Sklave, weiterleben.

9/10

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