ONCE UPON A TIME… IN HOLLYWOOD

„You are real, right?“

Once Upon A Time… In Hollywood ~ USA/UK/CN 2019
Directed By: Quentin Tarantino

Hollywood, 1969. Während das Studiosystem langsam vor sich hin zerbricht, steht es auch für den darbenden Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), Nachbar von Roman Polanski (Rafal Zawierucha) und Sharon Tate (Margot Robbie), sowie seinen Kumpel, Stuntman und Faktotum Cliff Booth (Brad Pitt), nicht eben zum Besten: Klassische Rollen in Genrefilmen und -Serien, wie Dalton sie zu spielen gewohnt ist, werden zusehends rarer, analog dazu steigt sein Alkoholkonsum. In der Ferne winkt bereits Cinecittà mit seinen Discounter-Angeboten für abgehalfterte US-Stars. Während Dalton sich vor allem mit sich selbst und seinem sinkenden Stern herumschlägt, lernt Booth durch einen bloßen Zufall die auf der Spahn-Ranch hausende Hippieclique um Charles Manson (Damon Herriman) kennen. Nachdem Dalton für ein halbes Jahr und vier Filme nach Rom verschwunden ist, teilt er, mittlerweile verheiratet, Booth bei seiner Rückkehr mit, dass er ihrer beider Geschäftsbeziehung aus finanziellen Gründen beenden müsse. Ihre letzte gemeinsame Sause fällt just auf die Nacht der geplanten Tate-LaBianca-Morde. Die marodierenden Manson-Jünger erleben ihr bluttriefendes Wunder.

Q.T.s jüngste Leinwandscharade versteht sich gleichermaßen als Hommage und Reminiszenz an die Götterdämmerung des alten Studiosystems, bevor New Hollywood mit seinen jungen, vollbärtigen Wilden, Studenten und Intellektuellen die noch verbliebenen Mogule und executives endgültig das kreative Fürchten lehrt. Während sich bereits die letzten beiden Sommer der Liebe durch schwelende Infektionen infolge von Drogenpsychosen, Vietnam und Rassenunruhen nach und nach in ihre gesellschaftspolitischen Antipoden wandeln, plant die Manson Family ihren willkürlich ausgeführten Mordzüge in der Nacht zum 9. August 1969, die insgesamt sieben Menschen das Leben kosten werden, darunter die hochschwangere Sharon Tate.
Tarantino inszeniert vor dieser Kulisse ein episodisch angelegtes Kaleidoskop von dem, was war und hätte sein können, wäre nur das Leben selbst ein raubeiniger Exploitationfilm. Wie er bereits in „Inglourious Basterds“ den Verlauf der Geschichte umschrieb, um Hitler von einer jüdischen Partisanin in einem Pariser Kino zum Teufel jagen zu lassen, formuliert er hier eine Liebeserklärung an eine von Margot Robbie als grenzätherisches Himmelswesen mit schmutzigen Füßen  interpretierte Tate, die im Rahmen dieser Phantasie dann auch von den Manson-Jüngern unbehelligt bleiben und weiterleben darf – dank Rick Dalton und Cliff Booth, die, beseelt von Acid und Booze und unter der unschätzbaren Mithilfe von Pitbull Brandy, den Manson-Jüngern ihre höchstpersönlichen Höllentickets verehren. Jener lose Plot legt sich einer dünnen Transparentfolie gleich auf eine Kette amüsanter Anekdoten aus Tarantinos fabulierfreudigem Hinterkopf, flankiert von teils verblüffenden Doppelgänger-Appearances tatsächlicher Ikonen wie Steve McQueen (Damian Lewis) oder Bruce Lee (Mike Moh), dessen großmäulig-affige Porträtierung dem Regisseur ja bekanntermaßen einige Kritik eintrug. Doch damit längst nicht genug der Ideenvielfalt; im Zuge eines herrlich arrangierten Tagtraums findet sich Rick Dalton anstelle von McQueen in Sturges‘ „The Great Escape“ wieder, es versichert sich Cliff Booth, dass sein alter Kumpel George Spahn (Bruce Dern) sein Domizil den Hippies auch wirklich aus freien Stücken zur Verfügung stellt und die vor Glück strahlende Sharon Tate bewundert sich selbst in Phil Karlsons finalem Matt-Helm-Abenteuer „The Wrecking Crew“ auf der Großleinwand. Seine Liebe und Kenntnis von und zu jener Ära gießt der persönlich gewiss nicht immer unanstrengende Märchenonkel Tarantino binnen schöner, lichtdurchfluteter Bilder in sein essayistisches Werk und macht daraus seinen konziliantesten Film mindestens seit „Inglourious Basterds“, vielleicht sogar seit „Jackie Brown“. Ich persönlich muss sagen, dass der Mann sich, und sei es bloß hinsichtlich seines Könnens, mit „Once Upon A Time… In Hollywood“ eine ganze Masse Sympathiepunkte meinerseits zurückerobern konnte. Nach dem teils unangenehm selbstberauschten „The Hateful Eight“ waren meine Erwartungen an Kommendes entsprechend mäßig, umso erfreulicher, dass Tarantino sich nicht weiter in Richtung schöpferischer Nulllinie bewegt.
Schön!

9/10

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