SYSTEMSPRENGER

„Nö!“

Systemsprenger ~ D 2019
Directed By: Nora Fingerscheidt

Benni, eigentlich Bernadette Klaaß (Helena Zengel), ist ein neunjähriges, aufgewecktes Mädchen. Außerdem ist Benni das, was die Behörden landläufig als einen „Systemsprenger“ bezeichnen. Das heißt, sie durchläuft als „Problemkind“ par exellence, bei dem jedwede Hilsmaßnahmen von offizieller Seite zielgerade ins Leere laufen, sämtliche für sich insubordinierende Kinder und Jugendliche zuständigen Institutionen. Sie bindet einen ganzen Haufen von ErzieherInnen, Pflegeeltern, SozialarbeiterInnen, IntegrationshelferInnen, ÄrztInnen und TherapeutInnen, ohne, dass auch nur minimalste Erfolge sichtbar wären. Benni pfeift auf Regeln. Sie verweigert sich allen Angeboten, ist unberechenbar, renitent, nähe-/distanz-entfremdet, in höchstem Maße andere und sich selbst gefährdend, kennt keine Frustrationstoleranz. Mit Gleichaltrigen kommt sie überhaupt nicht zurecht. Das Regelschulsystem hat sie längst aufgegeben und die Förderschule besucht sie höchstens mal für ein paar Stunden als Gast, bis sie wieder einmal explodiert. Benni ist aber auch hochsensibel, tief traumatisiert, extrem verletzlich, voller Bindungsängste und sehnt sich nach Liebe, Nähe sowie einer einzelnen Bezugsperson statt der zehn, zwölf ratlosen Erwachsenen, die sich allenthalben von Berufswegen mit ihr auseinandersetzen müssen. Als der Anti-Aggressions-Trainer Micha Heller (Albrecht Schuch), der Benni eigentlich als Schulbegleiter zugeteilt ist, sie für drei Wochen zu einem Waldprojekt aus ihrem sozialen Tageskontext herausholt, scheint sich Besserung einzustellen. Doch es kommt alles anders.

„Systemsprenger“ ist einer der Filme, die vor allem Leute meines Berufstandes und anverwandter Professionen magnetisch attrahiert. Es dürfte bundesweit kaum ein Lehrerzimmer geben, in denen Nora Fingerscheidts zweiter Spielfilm in den letzten Monaten nicht zumindest einmal kurz Thema war. Und ebenso sicher scheint, dass er niemanden kalt lassen wird. Kinder wie Benni gibt es nämlich, und das häufiger als man denkt. Kinder wie Benni sind quasi das diametrale Gegenteil der wohlbehüteter Helikoptersprösslinge; statt im Zentrum aller Aufmerksamkeit rücken sie bewusst oder unbewusst an die Wahrnehmungsperipherie. Benni ist als ältestes von drei Kindern ihrer sträflich überforderten Mutter (Lisa Hagemeister) frühtraumatisiert. Was genau ihr als Baby oder Kleinkind widerfahren ist, erfahren wir lediglich in Form diffuser Echos. Offenbar wurde die verhuschte, zutiefst inkonsequent agierende Mutter schon damals nicht mit ihr fertig, während sie von männlicher Seite (dysfunktionale Beziehungen scheinen familiärer Alltag zu sein) psychische und körperliche Gewalt erfahren musste. Grenzen hat Benni nie kennengelernt. Als Neunjährige ist Benni kaputt. Sie hat längst begonnen, zu verstehen, was sie von „normalen“ Kindern ihes Alters unterscheidet und begegnet den Bemühungen von institutionalisierter Seite mit Hohn, Hass und Rebellion statt mit Kooperationsbereitschaft. Dass hinter Bennis rotziger Fassade trotz allem ein liebenswertes, nettes Mädchen steckt, macht die Situation nicht leichter, vielmehr verkompliziert es sie noch. Denn Menschen wie Micha oder Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide) vom Jugendamt, die sich seit jeher um Benni kümmert, liegt was an ihr, sie verlieben sich sogar gewissermaßen in das schutzbedürftige Kind, das de facto niemanden hat und wissen darüber hinaus als Experten, welche Wege eine Biographie wie die von Benni meist einschlägt. Besonders für Micha, den Benni nach erster, erboster Ablehnung bald gern als Papa hätte, gestaltet sich die Situation als herzzerreißend. Professionelle Fehler schleichen sich ein, die einen nahezu katastrophalen Ausgang nehmen.
Obschon „Systemsprenger“ unschwer identifizierbar von typisch deutscher Provenienz ist und damit auch einiges an entsprechendem formalen Ballast mit sich herumträgt („Das kleine ZDF-Fernsehspiel“ taucht etwa als Mitproduzent auf), ist er höchst sehenswert. Die Regisseurin und Autorin betont, dass sie von offensichtlichen Klischees Abstand halten wollte. Benni durfte demnach kein Junge und kein Jugendlicher sein und keinen Migrationshintergrund haben – obschon mindestens zwei dieser Eigenschaften auf viele, wenn nicht die meisten echten Kinder mit Bennis Dispositionen zutreffen. Darüber, ob diese Entscheidung wirklich die richtige war, bin ich mir selbst noch immer unschlüssig. Denn so schlimm Bennis Verhaltensauswüchse manchmal werden, so großartig Helena Zengels Leistung auch ist, macht sie es uns doch nie ganz unmöglich, zu übersehen, dass da am Ende bloß ein schwaches, kleines, schutzbedürftiges Mädchen ist, dem Mitleid statt Angst und Liebe statt Hass gebühren. Andernfalls wäre der emotionale Zugang und das zu evozierende Verständnis gewiss sehr viel diffiziler zu erwerben, der Weg ein noch sehr viel steinigerer und der Film in seinem Ansinnen somit sehr viel komplizierter geworden.
Abseits dieser Konjunktivismen nimmt „Systemsprenger“ natürlich auch so wie er ist tief gefangen und für sich ein, bindet sein Publikum immens, verzichtet dankenswerterweise darauf, Lösunge, Patentrezepte oder gar faule Antworten feilzubieten und bleibt auch infolge des klug gewählten, offenen Endes noch lange im Kopf.

9/10

2 Gedanken zu “SYSTEMSPRENGER

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