GISAENGCHUNG

Zitat entfällt.

Gisaengchung (Parasite) ~ KR 2019
Directed By: Joon-ho Bong

Die vierköpfige Familie Kim wurschtelt sich wie selbstverständlich mit kleinen Neppereien durch ihren Alltag und fährt damit trotz stinkwanzenverseuchter Kellerwohnung immer noch geflissentlich besser als manche ihrer zurückhaltenderen Sozialgenossen. Als Sohn Ki-woo (Woo-sik Choi) von einem Freund zugleich einen Glücksstein und eine Stelle als Nachhilfelehrer für Englisch im Hause der superreichen Familie Park zugeschanzt bekommt, wendet sich das Blatt allmählich. Nach und nach schleusen sich auch Ki-woos Vater Ki-taek (Kang-ho Song) als Chauffeur, Schwester Ki-jung (So-dam Park) als Kunsttherapeutin und Mutter Chung-sook (Hye-jin Jang) als Hausverwalterin bei den neurotischen Parks ein, indem sie ihre VorgängerInnen zuvor jeweils durch hochstaplerische, gemeine Intrigen ausbooten, ohne die Parks allerdings wissen zu lassen, dass sie zueinander in familiären Verhältnissen stehen. Wie die Maden im Speck machen sich die Kims im luxuriösen Vorstadthaus der Parks breit, bis ihnen die vormalige Haushälterin Moon-gwang (Jeong-eun Lee) einen unvorhersehbaren Strich durch die Rechnung macht: Ohne dass die Parks davon wussten, hat Moon-gwang über Jahre hinweg ihren Gatten Geun-se (Myeong-hoon Park) in einem bunkerartigen Kellerrraum versteckt gehalten und auf Kosten der Parks versorgt. Als eines Abends in deren Abwesenheit sämtliche Karten auf den Tisch gelegt werden, kommt es zum handgreiflichen Konflikt zwischen den beiden parasitären Parteien, der damit endet, dass die Kims das Ehepaar in den Bunker zurückdrängen können, wobei Moon-gwang jedoch eine tödliche Kopfverletzung erleidet. Eine am Folgetag anberaumte Geburtstags-Überraschungsparty für Da-song (Hyeon-jun Jung), den Sohn der Parks, endet in einer Katastrophe.

Wer meine nunmehr fünfzehn Jahre währende Filmtagebuch- bzw. Blog-Tätigkeit ein wenig verfolgt, weiß vermutlich, dass Filme aus dem ostasiatischen Raum relativ selten den Weg in mein Rezeptionsreservoir finden. Dies liegt nicht an der Qualität der entsprechenden Werke, sondern an einer rein persönlichen Schwäche, der leidlichen Unfähigkeit meinerseits nämlich, mich in die Lebensweisen der dort ansässigen Kulturen und Künste hinreichend hineinversetzen zu können, um den dortigen Filmschaffenden den gebührenden Respekt zu zollen. Ein zugegebenermaßen dummer Stolperstein, über den ich mich zumindest in unregelmäßig großen Abständen dann doch immer mal hinwegwage. Man möchte sich ja nicht nachsagen lassen, bei mangelnder interkultureller Empathie auch noch Ignorant zu sein. Nun kann „Gisaengchung“, die siebte Regiearbeit des immens anerkannten koreanischen Filmemachers Joon-ho Bong, sich noch des bislang einmaligen Renommees erfreuen, die erste nicht-anglophone Produktion zu sein, die die Academy mit einem Oscar für den besten Film des Jahres prämiert hat. Nicht, dass dieser Preis irgendetwas über den tatsächlichen Wert seines Trägerwerks aussagt, aber sein kommerzieller und filmhistorischer impact sind zumindest befristet und in oberflächlicher Art und Weise erstmal durchaus beachtlich, das kann niemand leugnen. Ich muss da auch zu mir selbst ganz ehrlich sein – ob ich mir „Gisaengchung“ ohne dieses Aufsehen zeitnah angeschaut hätte, weiß ich nicht. Bongs „Gwoemul“ hat mir damals eher nicht gefallen, eine retrospektive Betrachtung ziehe ich nunmehr jedoch durchaus in Betracht, ebenso wie ich mir seinen „Salinui Chueok“ wohl bald einmal zu Gemüte führen werde. Wenn es nichts hilft, so wird es zumindest nichts schaden, soviel ist sicher.
Der erlesen photographierte „Gisaengchung“ beginnt als Sozialsatire, die das brutale Gefälle zwischen wachsendem Prekariat und den paar verschwindenden Prozenten globalen Superreichtums mittels galligen Humors und multipler Symbolik auslotet und schlägt damit zunächst in eine ähnliche Kerbe wie der brillante „Borgman“ von Alex van Warmerdam. Dessen Lektion, dass immenser Reichtum zugleich immer auch abgehobene Weltentfremdung, Arroganz und Neurosen gebiert, beinhaltet auch Bongs Film, ebenso wie die sozialistische Grundannahme, dass die wenigen Kuchenkrumen für die vom (westlich vorgeprägten) Kapitalismus Abgehängten zwangsläufig deren Unzufriedenheit und Aggressionen schüren. Nun sind die Kims weder politisch aktive Anarchisten noch auf entsprechende Lektionserteilungen aus – sie wollen zunächst lediglich freies W-Lan und sich mit gutem Whiskey betrinken und werden zu diesem Zwecke, zumal in moralischen Bahnen, sanft kriminell. Die Parks verlangen gewissermaßen sogar nach den frechen Übervorteilungen, die die Kims sich zunutze machen. Dass sie bei ihrem Manöver allerdings einen entscheidenden Faktor übersehen – den nämlich, dass sie nicht die Einzigen sind, die sich am bornierten Euter der Oberklasse satttrinken wollen, führt schließlich geradewegs zu Mord und Totschlag. Die metahumane Gerechtigkeit macht am Ende vor niemandem Halt, das kündigt ein sintflutartiges Unwetter an, das die Kims nach ihrer Konfrontation mit der Parasitenkonkurrenz vorübergehend obdachlos werden lässt. Der nächste, sonnendurchflutete Tag, eigentlich als Kindergeburtstagsevent geplant, endet dann in einem blutigen, rachebeseelten Kleinkrieg der armen und des reichen Patriarchen mit mehreren Todesopfern. Gewinner gibt es keine. Die Villa der Parks geht in den Besitz einer reichen abendländischen (deutschen) Familie über, die über deren Vergangenheit nichts weiß. Der nach wie vor unbefriedigende status quo hat sich nicht geändert, lediglich leicht verschoben. Die Revolution hat kurz aufgeschnarcht und sich auf die Seite gedreht, schläft jedoch behaglich weiter. Nur: wie lange noch?

8/10

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