UNCUT GEMS

„You gamble and it’s about to pay off.“

Uncut Gems (Der schwarze Diamant) ~ USA 2019
Directed By: Benny Safdie/Josh Safdie

Zu konstatieren, Howard Ratner (Adam Sandler) sei ein Mann mit Problemen, wäre in etwa so untertrieben wie den Olympus Mons als Kieselsteinchen zu bezeichnen. Der jüdischstämmige New Yorker hat gewissermaßen ein Händchen dafür, potenzielles Gold in Scheiße zu verwandeln. Ratner lebt im wahrsten Sinne des Wortes „auf Pump“. Sein halbseidenes Juwelierlädchen geht gerade so mittelmäßig und bei Buchmachern und Pfandleihern geht er häufiger ein und aus als bei der eigenen Vorstadtvilla. Dort leben seine Frau (Idina Menzel), die sich nichts sehnlicher wünscht als den ihr mit seiner Angestellten Julia (Julia Fox) Hörner aufsetzenden Schwerenöter endlich loszusein und seine drei Kinder (Jacob Igielski, Jonathan Aranbayev, Noa Fisher), von denen sich Ratner systematisch entfremdet. Bei seinem Schwager Arno (Eric Bogosian) ist er hoch verschuldet, seinem Schwiegervater (Judd Hirsch) spielt er den Erfolgsmann mehr schlecht als recht vor. Das Schlimmste jedoch: Ratner ist ein hoffnungsloser Zocker. Als eines Tages der Basketball-Star Kevin Garnett (Kevin Garnett) und ein Paket mit einem unverschnittenen schwarzen Opal aus Äthiopien gleichzeitig in Ratners Büro auftauchen, beginnt der Anfang vom Rest seines Lebens.

Es wird mir langsam etwas unheimlich und auch unangenehm, aber die besten aktuellen Filme, die ich in den letzten Monaten gesehen habe, sind Netflix-Produktionen. Dazu gehört seit gestern auch das unfassbare Meisterwerk „Uncut Gems“ der mir dato zu meiner Schande noch fremden Safdie-Brüder Benny und Josh.
Einer der vielen Clous, die diesen exzellenten Film flankieren, besteht dabei in der Besetzung des Protagonisten Howard Ratner mit Adam Sandler, der ja mit seinem eigenen Comedy-Kosmos bereits eine wunderbare Nische als einer der denkwürdigsten Künstler der amerikanischen Gegenwartskultur auskleidet, sein eigentliches schauspielerisches Talent aber vor allem unregelmäßig dann zur Geltung bringt, wenn er unter Fremdägide Ernst macht. Seine stets melancholischen Typen sind dann zugleich allenthalben auch Vollneurotiker, deren psychische Untiefen sie an biographische Wegscheiden führen, hinter denen wahlweise tiefer Fall oder Erlösung warten.
Filme über Spieler können, wenn sie gut sind, beinahe körperliche Schmerzen bei mir auslösen, ich denke da spontan an Jewison, Reisz, Altman, Ferrara oder Dahl. Das höchste Risiko, der entscheidende Schritt über jedwede Vernunft hinaus, das Alles oder Nichts, obwohl bereits der Schwefelgestank des Fegefeuers in die Nase weht, das kann wahrhaft Angst und Bange machen. Ich selbst war und bin kein Spielertyp, da ich nicht an Glück glaube und mir der Reiz optionaler Gewinnmaximierung stets fremd blieb. Umso leid- und lustvoller beobachte ich seit jeher den Glücksspieler im Film, der mit leuchtenden Augen und fließendem Speichel sein Leben mit Füßen tritt. Howard Ratner ist so einer; einer, der vorsätzlich mit verbundenen Augen und breitem Grinsen die Einbahnstraße in entgegengesetzter Richtung hinabrast.
Das Finale von „Uncut Gems“ in Ratners Büro fügte mir allein unter diesem Gesichtspunkt diverse Nadelstiche geradewegs in die inneren Organe zu – man ist phasenweise sogar gewillt, sich von Ratners euphorischem Gezappel vor dem Fernseher anstecken zu lassen, bis die Erde ihn dann doch unweigerlich zurückruft. Die Episoden davor, die manchmal bitterbös komische und manchmal bloß bitterböse Fallstudie eines Typen, den man gern unablässig ohrfeigen würde, führen mit ungeheurer inszenatorischer Präzision, bizarr besetzten Nebenparts und brillantem Spiel zielgerade darauf zu. Umso befremdlicher im Gegenzug Ratners Hang dazu, die doch immer größere Niederlagen ankündigenden Schatten schlicht zu ignorieren, einem Junkie gleich unverbesserlich weiterzumachen als sei nichts und die oberflächlichen Glücksmomente auszukosten, gerade so, als wären diese überhaupt noch irgendetwas wert.

10/10

4 Gedanken zu “UNCUT GEMS

  1. Für den unverbesserlichen Ratner war dies doch im Grunde eigentlich das glückseligste aller Happy Ends oder? Zunächst einmal ist die von ihm erwartete medizinische Hiobsbotschaft nicht eingetreten (lustigerweise ist das Ergebnis seiner proktologischen Untersuchung das Einzige im Film was ihm wirklich Sorgen bereitet und ihm den Angstschweiß auf die Stirn treibt – obwohl die harmloseste aller Handgranaten ist mit denen er hier herumjongliert) und ihm wird gewiss das er sich der wirklich aufrichtig bedingungslosen Liebe seiner Julia (Oh mein Gott, dieses Tattoo! Now they can´t be buried together!) sicher sein kann und dann holt er sich auch noch endlich den ultimativen Jackpot! Die Kugel hat er nie kommen sehen, denn sein finaler Rausch hat ihn ohnehin quasi gottgleich und unsterblich werden lassen.
    Die Ultraeuphorie ist ihm ja dann auch im Moment seines Todes unauslöschlich ins Gesicht gebrannt.
    Für mich also eines der wohl schönsten Happy Ends des Jahres (für seinen Schwager jedoch wohl eher nicht, obwohl sich auch in dessen Gesicht in dem Augenblick wo er sich Sandlers Gewinn bewusst wird ein geradezu ehrfurchtsvoller Respekt auszubreiten beginnt…)
    Streng genommen handelt es sich hierbei doch gar nicht um eine Netflix Produktion sondern eher um einen ihrer besseren Einkäufe für die sie manchmal eben den richtigen Riecher haben.
    Das Etikett des Netflix Originals wird dann einfach hinten raus draufgeklatscht.
    Solange sie den Film nicht von der Pike auf mit ihrem Geld produziert haben ist das doch kein echter Netflick oder? Ist im Grunde auch egal: UNCUT GEMS ist einfach ein toller Film und die Safdie Brüder sowieso aktuell die coolsten Säue im Stall. Schau dir auch unbedingt den Vorgänger GOOD TIMES an.
    Hier bewerkstelligt Robert Pattinson ähnliche Drahtseilakte während ihm das Schicksal am laufenden Band die wahrlich schlechtesten Karten in die Hand spielt.

    Gefällt 1 Person

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