MÄDCHEN MÄDCHEN

„Warum sagt’n ihr gar nichts?“

Mädchen Mädchen ~ BRD 1967
Directed By: Roger Fritz

Andrea (Helga Anders) wird aus einer Erziehungsanstalt für Mädchen entlassen, in der sie die letzten 17 Monate verbracht hat. Der Grund für ihren Aufenthalt dort war, dass sie mit ihrem wesentlich älteren Chef Ernst (Hellmut Lange), Besitzer einer Kiesfirma und Aristokrat, angebandelt hatte, der seinerseits aufgrund dieser Affäre wegen Unzucht mit Schutzbefohlenen ins Gefängnis musste. Der bloße Zufall führt Andrea statt wie geplant nach Hause zurück zu Ernsts wegen dessen Abwesenheit von seinem Sohn Junior (Jürgen Jung) geleiteten Firma. Junior ist ebenso alt wie Andrea. Die beiden jungen Leute lernen sich kennen (Ernst hatte Junior zuvor immer den Kontakt zu Andrea untersagt), finden schnell Gefallen aneinander und verlieben sich. Erste Pläne für eine gemeinsame Zukunft werden geschmiedet, da taucht Ernst, der just ebenfalls wieder freigekommen ist, zu Hause auf. Weder Andrea noch Junior finden den Mut, ihm die Wahrheit über sich zu sagen.

Roger Fritz‘ erstes Langwerk als Regisseur, nachdem er bereits einige Erfolge als Photograph und Erfahrungen beim Film mit Luchino Visconti in Italien sammeln konnte. An der Oberfläche zunächst einmal einer jener typisch wilden Aufbrauchsfilme, wie sie insbesondere die Schwabinger Clique als emotional basierten, antithetischen Entwurf zum Oberhausener Manifest mehrfach inszenierte, erweist die oben zu lesende, sich eher spekulativ ausnehmende Synopse bald als nachgerade unzureichend.
Vielmehr geht es um tieferliegende, dabei durchaus zeitgenössisch-immanente und -eminente Topoi; den schwelenden Generationenkonflikt im Widerstreit mit bourgeoiser Bequemlichkeit etwa oder die am Ende ziemlich frustrierende Erkenntnis, dass selbst die scheinbar entschlossenst wirkende Aufbruchsstimmung im Angesicht von Standesdünkel und der alten Weise vom Blut, das dann doch dicker ist als Wasser, mit Pauken und Trompeten scheitern mag.
Die im Mittelpunkt des Geschehens stehende, aus kleinbürgerlichem Hause stammende Andrea hat der zwischen Selbstverständnis und Bange oszillierenden, jeweiligen Willkür von Vater und Sohn nichts entgegenzusetzen. Während „Mädchen Mädchen“ uns, dem Publikum, im Zuge seiner nur von wenigen, eher von narzisstischen Kränkungen bestimmten Grübeleien Juniors durchbrochenen Verbalattacken gegen Andrea immer stärker des Eindrucks versichert, das junge Paar sei doch stark genug, sich passierbare Weichen für sein künftiges Zusammensein zu stellen, straft Ernsts Rückkehr diese schöne Utopie auf durchaus schmerzliche Weise Lügen. Mit der Rückkehr des Patriarchen, des „Barons“, nebst seinem freundlichen, aber bestimmten Wesen der Unantastbarkeit, verstummt Juniors verlässlich erscheinende Aufsässigkeit ebenso rasch wie sie zuvor noch aufgebrandet war. Analog dazu ebbt auch der romantische Sturm im Wasserglas wieder ab. Andrea, die jetzt weder den alten Filou mehr will, noch „seinen“ Junior, der enttäuschenderweise nicht die Chuzpe besitzt, offen zu ihr zu stehen, verschwindet sang- und klanglos aus beider Leben und stattdessen – vielleicht, die Möglichkeit besteht – zu dem virilen LKW-Fahrer Schorsch (Klaus Löwitsch). Eine optionale, befreiende Tragödie (man rechnet bereits, einer Spur Suspense hält Fritz hier bereit, damit, dass Junior seinem Vater einen tödlichen Unfall bescheren könnte) bleibt aus, gerade wie im richtigen Leben. Stattdessen fügt sich alles regressiv, zum überraschungsfreien Vorher. Papa und Sohnemann werden wieder abends gemeinsam Schach spielen, den Sekretärinnen hinterhergeifern, abwechselnd mit der desillusionierten, aber auf seltsame Weise zufriedenen Haushälterin Anna (Renate Grosser) in die Kiste hüpfen und weitere Geweihe toter Waldtiere an die Wände ihrer biederen Villa nageln.
Der Titel des Four-Tops-Song „Reach Out I’ll Be There“, dessen Rechte sich Fritz zuvor sichern konnte und der in zig, oftmals jazzig-entfesselten Variationen über den gesamten Film hinweg gespielt wird, erweist sich indes als denkbar bitter konnotiert in Anbetracht ehedem noch immer okulierter bundesdeutscher Realitäten.

8/10

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