DEAD CALM

„Don’t you believe me?“

Dead Calm (Todesstille) ~ AUS 1989
Directed By: Phillip Noyce

Nach dem Unfalltod seines kleinen Sohnes (Joshua Tilden) begibt sich das Ehepaar Rae (Nicole Kidman) und John Ingram (Sam Neill) zwecks selbsttherapeutischer Abstandsgewinnung auf einen Segeltörn im Pazifik. Weitab der nächsten Küste entdecken sie nach einiger Zeit einen Schoner, aus dessen Richtung sich ein Rettungsboot nähert. Darauf sitzt ein junger Mann namens Hughie Warriner (Billy Zane), der John und Rae nach einigem Zögern eröffnet, dass er der einzige Überlebende des Schiffs sei. Die übrigen Besatzungsmitglieder wären einer Lebensmittelvergiftung zum Opfer gefallen, das Schiff sei Leck geschlagen und sänke bereits. John will den Schaden selbst begutachten und lässt Rae mit Hughie allein zurück. Der Fremde erweist sich als psychopathischer Massenmörder, der den Rest seiner Mitreisenden getötet und zerstückelt hat. Hughie zwingt Rae, in entgegengesetzter Richtung zu fahren, um es John, der indessen die Beweise entdeckt hat, unmöglich zu machen, rechtzeitig zurückzukehren. Rae ist dem Wahnsinnigen hilflos ausgeliefert, doch John setzt trotz seiner begrenzten Möglichkeiten alles daran, zu überleben…

Inmitten der von Blockbustern gesäumten Kinosaison ’89 lief auch dieser vorbildhaft präzis gearbeitete Drei-Personen-Thriller, der in Anbetracht der gewaltigen, üppig budgetierten Konkurrenz förmlich als Abschreibungsobjekt gegolten haben dürfte. Dabei ist und bleibt „Dead Calm“ ein Lehrstück in Sachen Suspense, das sich trotz seiner wenig vielversprechenden Ausgangslage im Laufe der Jahre eine mehr denn respektable Position als veritabler Genreklassiker erarbeiten konnte.
Basierend auf einem zu diesem Zeitpunkt bereits 25 Jahre alten Roman inszenierte der Australier Phillip Noyce hiermit seinen fünften Spielfilm, der zugleich, ebenso wie für die just 20 gewordene Nicole Kidman, sein Sprungbrett nach Hollywood bedeutete. Gegen Ende der sechziger Jahre hatte Orson Welles bereits eine erste Version des Stoffes unter den Projekttiteln „Dead Reckoning“ bzw. „The Deep“ inszeniert, deren finites Schicksal bis heute nicht recht geklärt scheint. Während es einerseits hieß, das Welles unter anderem wegen seines verstorbenen Hauptdarstellers Laurence Harvey eminente Szenen nie habe drehen können, gibt es andererseits Stimmen, die besagen, dass das Material sehr wohl zur Genüge fertiggestellt sei und noch irgendwo seiner Veröffentlichung harre.
Wie dem auch sei, diese von Noyce erstellte Fassung bleibt in Ermangelung von Vergleichsoptionen ohnehin Maß der Dinge und das in mehr denn zufriedenstellender Weise. Besonders in psychologischer Hinsicht präsentiert sich der Film als gleichermaßen komplex und abgründig, indem er das sich entspinnende Dreiergeflecht als keineswegs so eindeutig einzingelt, wie es naheliegend wäre. Neben der Hermetik des Schauplatzes tragen dem vor allem der karge Dialog und das bravouröse Spiel der der drei Protagonisten Rechnung: Bereits die plotstiftende Prämisse, der (recht heftig dargestellte) Tod des kleinen Danny, scheint einen unauslöschlichen Keil zwischen Rae und John zu treiben, einem Ehepaar, das auch sonst nicht recht zusammen passen will – er ein eher schweigsamer, perfektionistischer RAN-Offizier, sie eine mit zwanzig jüngeren Jahren deutlich feurigere, möglicherweise sexuell ausgehungerte Frau: Über-Ich und Ich, um einmal mehr das freudsche Persönlichkeits-Instanzenmodell zu bemühen. Mit Hughie Warriner schleicht sich dann das Es in ihr Leben, der pure, lustgetriebene Instinkt, als Gewaltverbrecher und überaus attraktiver, (möglicherweiser nicht allein) rein körperlich wesentlich besser zu Rae passender, junger Mann Thanatos und Libido gleichermaßen. Es versucht, Über-Ich zu eliminieren und schubst jenes – vorübergehend – beiseite – für das dem Es hilflos ausgelieferte Ich eine gleichermaßen brenzlige wie auf normenkonform verbotene Weise verführerische Situation. Seine ganze Ambivalenz spielt das Szenario dann in der Beischlafszene zwischen Hughie und Rae aus, von der ich mir bis heute und trotz vielfacher Betrachtung nicht sicher bin, inwieweit Rae den Koitus tatsächlich situationsgeschuldet widerwillig zulässt oder ihm doch für ein paar lustvoll-selbstvergessene Minuten verfällt. Noyce setzt diesen von Nicole Kidman nicht minder brillant bespielten Moment jedenfalls so geschickt in Szene, dass eine eindeutige Antwort nicht gegeben werden kann. Am Ende obsiegen freilich Ratio und Pflichtbewusstsein, Rae verhilft John zur Rückkehr und setzt den Wüstling auf offener See aus. Dessen (ein als genremäßiges Zugeständnis von Produktionsseite nachgelegtes Finale) endgültigen, spektakulären Abgang besorgt dann doch noch ein flink agierender John. Das Über-Ich tilgt das unermüdliche Es endgültig aus der kurzzeitig wackelnden Beziehungsbalance, derweil Raes bourgeoise Zukunft gesichert ist. Wie, frage ich mich, hätte das Publikum reagiert, wenn Rae ihren inneren Dämonen stattgegeben und sich mit Hughie Warriner zusammengetan hätte? Aber das wäre die Art Erwaschsenenmärchen, wie es sie zumindest im Mainstreamkino ohnehin nicht geben darf…

8/10

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