DER SANDMANN

„Du kannst mich auch küssen, wenn du willst…“

Der Sandmann ~ D 1995
Directed By: Nico Hofmann

Ina Littmann (Karoline Eichhorn), eine aufstrebende junge TV-Redakteurin, soll den umstrittenen Autor Henry Kupfer (Götz George) als möglichen Gast für die Privatsender-Talkshow „Auge in Auge“ abklopfen. Kupfer ist just dabei, sein neues Buch „Der Kannibale“ herauszubringen, das sich mit dem authentischen Fall eines zu Beginn des 20. Jahrhunderts umtriebigen Kindermörders befasst. Ein privater Besuch bei Kupfer, der mittlerweile im Haus seines jüngsten Recherche-Sujets wohnt, macht Ina nach anfänglicher Skepsis neugierig auf den etwas schmierig erscheinenden, nicht mehr ganz taufrischen Dandy mit seiner ominösen Vergangenheit: Nicht nur, dass der Mann wegen Totschlags an einer Prostituierten einst mehrere Jahre im Gefängnis verbracht hat, scheint ferner der einstige Suizid seiner Schwester tiefe seelische Narben bei Kupfer hinterlassen zu haben. Als sich zudem herauskristallisiert, dass ein Serienkiller, den die Polizei inoffiziell bereits als „Sandmann“ getauft hat, über die gesamte Republik verteilt Prostituierte ermordet, zieht Ina sich mehr und mehr verdichtende Schlüsse. Schließlich plant sie, extrem euphorisiert von ihrer „Enthüllungsgeschichte“, Kupfer im Zuge der Live-Aufnahme von „Auge in Auge“ in aller Öffentlichkeit als den Sandmann zu überführen…

Man mag es im Nachhinein kaum mehr glauben, aber die TV-Produktion „Der Sandmann“, mit Fug und Recht als veritabler Klassiker des Fernseh-Spielfilms zu bezeichnen, wurde vor 25 Jahren vom für sein Schmuddelimage berüchtigt gewordenen Fernsehsender RTL 2 produziert. Hofmanns Film flankierte wechselseitig den ebenfalls von Götz George in der Hauptrolle bespielten Haarmann-Film „Der Totmacher“, der praktisch parallel entstanden war und mit Jürgen Hentsch und Matthias Fuchs noch zwei weitere prominente Darsteller gemeinsam mit dem „Sandmann“ aufweist. Im Gegensatz zu dem von Romuald Kamarkar allerdings höchst hermetisch und konzentriert inszenierten Dialogstück gibt sich Hoffmanns Film deutlich zugänglicher und von zeitgenössisch vorgegebenen Spannungselementen getragen, die damals das neue, postgotische Serienkiller-Genre rund um David Finchers „Se7en“ vorexerzierte. Man kann die beiden George-Filme somit nicht nur revisionistisch durchaus als companion pieces erachten, die darüberhinaus die klassisch geprägten Status von Kino-und Fernsehfilm gewissermaßen austauschten; im Kino lief das kleine Nachtspiel, während das Privat-TV den prinzipiell absolut „kinotauglichen“ Thriller ausstrahlte. Und noch mehr ist, respektive hinsichtlich der Produktionsgeschichte, am darüberhinaus blendend gespielten und zumindest professionell, wenngleich – im Gegensatz zum „Totmacher“ – nicht ganz mit dem bonifizierenden Verdacht der Meisterschaft gefertigten „Sandmann“ interessant: auf sarkastische, beinahe zynische Weise nimmt das einigermaßen clevere Buch von Matthias Seelig den Sensationalismus und die Investigativ-Geilheit des Privatfernsehens aufs Korn. Ältere LeserInnen werden sich erinnern, dass Krawallformate wie „Explosiv – Der heiße Stuhl“ (RTL) oder „Einspruch!“ (Sat 1), die a priori dergestalt konzipiert waren, dass die nicht immer vollbemittelten, jedoch auf ausgesucht diametralen Standpunkten fußenden Diskuttanten sich früher oder später rigoros anbrüllten, zu Millionenrennern wurden. In den Prähistorie von Internet und Social Media boten diese Sendungen, die dann von den noch primitiveren (Nach-)Mittags-Talks abgelöst wurden, eine der willkommensten Gelegenheiten für Lieschen Müller, sich aufgepeitschte Verbalgladiatoren zu Gemüte zu führen. Auch „Der Sandmann“ spielt mit dieser Anordnung, wenngleich auf etwas subtilere Art: Den Versuch, einen kontrovers beäugten Öffentlichkeitsmenschen massenmedial bloßzustellen, nutzt dieser auf dreierlei Weise geschickt aus, indem er sich reinwaschen, eine millionenschwere Verleumdungsklage lancieren und ganz nebenbei sein Buch pushen kann. Das naive Blondchen vom Fernsehen wird dabei zwangsläufig mit ruinierter Karriere untergehen und der nach wie vor un „Sandmann“ fürs Erste in Ruhe weitermorden können, während der gescheite Henry Kupfer, der sich am Ende auf eine ganz andere, doch sehr viel charmantere Weise als bösartig entpuppt, denn man es gemeinsam mit der bedauernswerten Ina Littman zunächst annehmen musste, es sich unter der italienischen Sonne bequem machen darf. So gut war das wahre Leben zu den Legionen von Talkgästen der neunziger Jahre garantiert nie.

8/10

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