DER FREIE WILLE

„Weg!“

Der freie Wille ~ D 2006
Directed By: Mathias Glasner

Theo Stoer (Jürgen Vogel) saß neun Jahre in der forensischen Psychiatrie, weil er mehrere Frauen vergewaltigt und brutal verprügelt hatte. Aufgrund einer positiven Prognose wird er heuer entlassen und kommt zunächst in einer WG in Mülheim unter, wo ihm sein Bewährungshelfer Sascha (André Hennicke) dabei hilft, den Rückweg in den sozialen Alltag und den Umgang mit seinem keineswegs versiegten Drang, sich an Frauen zu vergehen, zu meistern. Theo tritt einen Job in der Druckerei Engelbrecht an. Gerade als er bemerkt, dass seine abgründige Persönlichkeitsseite sich wieder Bahn zu brechen droht, lernt Theo Nettie (Sabine Timoteo) kennen, die sich ebenfalls in psychischer Mitleidenschaft befindliche Tochter seines Chefs (Manfred Zapatka). Aus sich anfänglich zögerlich entwickelnder Sympathie zwischen den beiden wird bald aufrichtige Liebe. Infolge einer eigentlich alltäglichen Eifersuchtsepisode verliert Theo schließlich doch wieder die Kontrolle über sich. Um Nettie vor möglichen Übergriffen zu schützen, trifft er eine folgenschwere Entscheidung.

Vor Matthias Glasners, ja, Meisterwerk, habe ich mich lange Jahre gedrückt, weil ich einerseits ahnte, dass seine Betrachtung sich als eine ebenso fordernde wie nachhallende Angelegenheit erweisen würde und andererseits wegen seiner beträchtlichen Laufzeit von guten 160 Minuten, die insbesondere den eben genannten Effekt nochmals potenzieren könnte. Beide Befürchtungen erwiesen sich als zutreffend, was den umfänglichen Reichtum, den „Der freie Wille“ mit sich bringt und den er dem offenherzigen Rezipienten erweisen kann, allerdings völlig unterzuordnen ist. Der unmittelbar zuvor gesehene „Tore tanzt“, bei dem Matthias Glasner der Regisseurin und Autorin Katrin Gebbe als Scriptberater zur Seite stand und der bereits ein ebenso eindrucksvolles wie hinreichend niederschmetterndes Echo bei mir hinterließ, veranlasste mich schließlich dazu, „Der freie Wille“ gewissermaßen „nachzulegen“ – eine gute, die beste Entscheidung.
Die größte Stärke von Glasners bravourös arrangiertem Drama liegt vielleicht darin, sein kontroverses Konzept nicht nur nicht zu scheuen, sondern es auf gnadenlose Weise zu einem offensiven Element zu machen. Aus seinem rigoros durchverhandelten Topos, den gewaltbereiten und -affinen Vergewaltiger und Kriminellen vor allem als Mensch darzustellen, ihn in denkbar mutigster Konsequenz gar zur Identifikationsfigur des Zuschauers zu machen, schöpft „Der freie Wille“ sein ungeheures Potenzial. Zu Beginn erleben wir Theo Stoer gleich in denkbar schlimmster Aktion; völlig entfesselt zerrt er ein erstes, rein zufällig seinen Weg kreuzendes Opfer (Anna Brass) zwischen die Stranddünen und vergewaltigt und prügelt sie aufs Fürchterlichste. Für den ihn anschließend jagenden und aufstöbernden, provinziellen Hetzmob mag man da beinahe sogar Verständnis aufbringen. Der neun Jahre später teilresozialisierte Protagonist präsentiert sich dann als Mensch, der die ihm innewohnenden Dämonen nunmehr zumindest rational einzuordnen imstand ist – ohne sie je wirklich bezwingen zu können. Mit seinem merkwürdig „beschnitten“ wirkenden Alltag in der mittelgroßen, tristen Ruhrgebietsstadt Mülheim lernen wir Theo dann allmählich besser kennen. Er scheint zur Einsamkeit verdammt, tingelt ziellos durch die spätabendlichen Straßen, das nächste, potenzielle Objekt zur Triebabfuhr stets im Augenwinkel. Seine zunächst unbemerkten Übergriffigkeiten intensivieren sich langsam wieder, als der Film uns Nettie Engelbrecht vorstellt, die gerade dabei ist, sich aus den depressiven Tentakeln ihres verwitweten Vaters zu befreien. Ein weiterer, gebrochener Mensch. In der folgenden Erzählstunde entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte, die selbst den Einsatz von Schuberts „Ave Maria“ zum Gegenteil jedweder Kitschigkeit zerfließen lässt. Doch alle Harmonie und Glückseligkeit enden einmal; Nettie lernt ihrerseits auf brutale Weise, sowohl Theo als auch den Schaden, den er angerichtet hat, zu begreifen, derweil Theo seinerseits eine letzte Konsequenz aus der eigenen, unheilbaren Zerrissenheit zieht. Wie bestürzend nahe uns schließlich Theos unbeirrt praktizierter Suizid geht, lässt letztmalig und in aller Denk- und Dankbarkeit begreifen, dass und inwieweit man Empathie und Verständnis für den doch via Moral, Sozietät und sich selbst längst verdammten Gewaltverbrecher aufzubringen vermochte. Ein unglaubliches, zutiefst humanistisches Verdienst dieses eminenten Stücks großer Filmkunst.

10/10

TORE TANZT

„Na, wo ist dein Jesus jetzt?“

Tore tanzt ~ D 2013
Directed By: Katrin Gebbe

Tore (Julius Feldmeier), ein junger Ausreißer, findet in Norddeutschland Unterschlupf bei einer Gruppe christlicher Punks, den „Jesus Freaks“. Bei den recht streng nach christlichen Dogmen lebenden Außenseitern fühlt sich Tore nicht nur gänzlich verstanden; seine wiederkehrenden epileptischen Anfälle interpretiert er bald sogar als intime Zwiegespräche mit Jesus selbst. Eines Tages wird der mit seiner Frau Astrid (Annika Kuhl) und deren beiden Kindern Sanny (Swantje Kohlhof) und Dennis (Til-Niklas Theinert) in einem Schrebergarten hausende Familienvater Benno (Sascha Alexander Gersak) auf Tore aufmerksam und nimmt ihn bei sich auf. Doch der sich anfangs so gönnerhaft gebende Benno entpuppt sich mehr und mehr als abgründiger Gewaltmensch und Sadist, der Astrid längst in die totale Hörigkeit getrieben hat und Sanny sexuell missbraucht. Tores Gewohnheit, jedwedem Problem mit Besonnenheit und stoischer physischer Passivität zu begegnen, treibt Benno zu noch weitaus schlimmeren, tyrannischen Ausbrüchen, die ihn dazu bringen, den stoisch friedfertigen Tore mittels zunehmend unsäglicher Methoden zu quälen und zu erniedrigen. Für den jungen Mann indes bildet Benno seine ganz persönliche, göttliche „Mission“, seinen speziellen Auftrag, auch das größte Leid in Gleichmut erdulden zu müssen.

Katrin Gebbes kraftvolles, hochemotionales Filmdebüt bildet in seiner transgressiven Ausprägung eine Form von Publikumsherausforderung, wie es sie im deutschen Film der vergangenen Dekade nicht allzu viele gab. „Tore tanzt“ attackiert seine Zuschauerschaft ohne Rücksicht auf Verluste, und hinterlässt einen ganz ähnlichen, lange nachhallenden Effekt wie Pascal Laugiers auch thematisch anverwandter (wenngleich deutlich graphischerer) „Martyrs“.
Basierend auf einem authentischen, stark abjekten Kriminalfall, der sich rund zehn Jahre zuvor in Hessen ereignet hatte und zu dem das Script von „Tore tanzt“ einige basale Parallelen aufweist, erweitert Gebbe die Geschichte von eines scheinbar lethargischen Opfers und seines Peinigers um eine hochphilosophische, ethisch-religiöse Komponente: aus dem geistig leicht behinderten Spättwen, dem realen Opfer von einst, wird ein junger, beinahe engelsgleicher Mann, der sozusagen auf sämtlichen denkbaren Ebenen gänzlich unschuldig und rein ist und der die letzten Wochen vor seinem Tod, ein jene Unschuld grausam zerfetzendes, unfassliches Martyrium, höchstselbst als spirituelle Prüfung im Sinne christlicher Werte begreift. Die Frage danach, was man, um eines mehr oder weniger im Diffusen liegenden Zieles Willen, ertragen muss, soll und darf, bildet insofern das sich mehr und mehr Raum brechende, mentale Zentrum der beklemmend inszenierten Geschichte. Tores spätes Schicksal, das ihn an seine eigene Grenzen und weit darüber hinaus trägt, darf insofern auch als moderne Passionsgeschichte begriffen werden, die in vielerlei Hinsicht auch symbolisch für unsere gesellschaftliche Entwicklung steht und insofern von brisanter Aktualität ist. Ob man Tores verächtlich herbeigeführten Tod auf einer Müllhalde nahe eines Autobahnrastplatzes tatsächlich als Erfüllung eines vorbestimmten, neutestamentarischen Leidensweges begreifen mag, stellt Katrin Gebbe dem Zuschauer glücklicherweise selbst anheim. Fest steht so oder so, dass seine konsequente Duldsamkeit nicht umsonst war; bedeutet sie für Swanny und Dennis doch den überfälligen Schritt heraus ihrer Kleingartenhölle und in die Selbstbestimmtheit. Eine ausnahmsweise sehr friedvoll herbeigeführte Katharsis.
Großes, kluges Kino.

9/10

STAR 80

„Together we could be somebody.“

Star 80 ~ USA 1983
Directed By: Bob Fosse

Vancouver, 1976. Dorothy Hoogstraten (Mariel Hemingway), sechzehnjährige Kellnerin in einem kleinen Diner, lernt während der Arbeit den narzisstischen Zuhälter Paul Snider (Eric Roberts) kennen. Snider ist überzeugt, Dorothy zu einem Star machen zu können. Nachdem er sich das naive Mädchen mehr oder wenig gefügig gemacht hat, lässt er erotische Fotos von ihr erstellen und sorgt mittels gefälschter Unterschriften für eine Bewerbung beim „Playboy“. Nachdem man gemeinsam nach Kalifornien gezogen ist und Dorothy zunächst ihren Nachnamen in „Stratten“ geändert hat, heiratet sie Paul und bringt es tatsächlich zum Centerfold. Sie wird zum gern gesehenen Gast in Hugh Hefners (Cliff Robertson) Mansion. Dorothy gelingt schließlich sogar der Sprung nach Hollywood, wo sie nach ein paar kleineren Auftritten in Film und Fernsehen schließlich den renommierten Regisseur Aram Nicholas (Roger Rees) kennenlernt und eine Affäre mit ihm beginnt. Analog zu Dorothys steigender Prominenz zieht es dem larmoyanten Paul, der eifersüchtig erkennen muss, dass er längst kaum mehr denn ein Klotz an Dorothys Bein ist, zusehends den Boden unter den Füßen weg. Er besorgt sich ein Gewehr und lädt Dorothy zu einer letzten Aussprache zu sich nach Hause ein.

Bob Fosses letzte von fünf Regiearbeiten, bevor er vier Jahre später mit nur 60 Jahren an seinem zweiten Herzinfarkt verstarb. Spätestens mit dem 1979 veröffentlichten Kronjuwel „All That Jazz“, in dem Roy Scheider Fosses semibiographisch konturiertes alter ego spielte, verdeutlichte sich bereits jene Besessenheitsfacette des Multitalents, sich vornehmlich mit Charakterstudien zu befassen, die seiner eigenen, selbstzerstörerisch-manischen Persönlichkeit besonders nahe kamen. In Paul Snider, dem „Erfinder“, Ehemann und Mörder des Playmates Dorothy Stratten, fand er eine gewissermaßen analoge Figur. So ist „Star 80“ mindestens zu gleichen Teilen ein Porträt beider Ehepartner, das Fosse mit der ihm eigenen Meisterschaft als collageartige Melange aus chronologisch arrangierten Spielszenen und pseudodokumentarischen Retrospektiv-Interviews Revue passieren lässt.
Dabei war Dorothy Strattens ebenso aufsehenerregende wie tragische Geschichte bereits zwei Jahre zuvor im Rahmen einer konventionellen TV-Inszenierung mit Jamie Lee Curtis in der Titelrolle verfilmt worden, ein veritabler kommerzieller Erfolg diesbezüglich also durchaus fragwürdig. Dennoch ist „Star 80“ als New-Hollywood-Spätausläufer, der sich eigentlich noch ganz in der Tradition jener anno 83 bereits kläglich versiegten Kreativexplosion lesen lässt, ein annähernd makelloses Kunstwerk. Ohne sich moralinsaurer Didaktik hinzugeben, zeichnet er den gleichermaßen vergänglichen wie buchstäblich gefährlichen Ruhm eines unversehens aus der unteren Mittelschicht ins Rampenlicht katapultierten Sternchens nach, das zudem nicht etwa durch ausgesprochenes Talent, sondern die bloße Beharrlichkeit seines „Entdeckers“ reüssiert, selbigen selbst damit jedoch paradoxerweise zu bloßer Redundanz degradiert. Streitbare Figuren wie der Titten-Hearst Hugh Hefner (nominell) oder der stets wesentlich jüngeren Damen zugeneigte Regisseur Peter Bogdanovich (nicht nominell) haben in diesem konzentriert arrangierten, auf das obligatorisch angekündigte, tragische Ende hinauslaufende Psychogramm ebenso ihren Platz wie der schmierige Photograph (Hugh-Bruder Keith Hefner), der nicht minder schmierige Privatdetektiv (Josh Mostel) oder Dorothys mit der Siuation hoffnungslos überforderte Mutter (Carroll Baker). Ernest-Enkelin Mariel Hemingway hatte sich kurz vor dem Film Brustimplantate einsetzen lassen, was nach eigenem Bekunden jedoch nichts mit ihrer Rolle zu tun gehabt haben soll. Nachdem die Dinger ein paar Jahre später Leck schlugen, ließ sie sie dann wieder entfernen. C’est la vie.
Eric Roberts indes, der in seiner strapaziösen Darstellung glänzt wie in kaum einer seiner anderen und mich nicht selten unwillkürlich an Joe Spinnells Frank Zito in „Maniac“ erinnerte, hätte danach eigentlich aller Ruhm der Welt, zumindest aber ein Oscar gebührt. Tatsächlich war nichtmal eine Nominierung drin, für den gesamten Film im Übrigen nicht. Hollywood hofiert seine schärfsten Kritiker eben nur selten. Was dann am Ende aus Roberts‘ Karriere wurde, ist ja wiederum nur allzu bekannt. Immerhin, er ist noch da. Im Gegensatz zu Bob Fosse, Dorothy Stratten und Paul Snider.

9/10

LA TUA PRESENZA NUDA!

„He’s not an infant!“

La Tua Presenza Nuda! (Diabolisch) ~ UK/E/I/BRD 1972
Directed By: James Kelley/Andrea Bianchi

Elise (Britt Ekland), die junge, frischverheiratete, zweite Gattin des verwitweten Autors Paul Bezant (Hardy Krüger), wartet in der andalusischen Finca ihres Angetrauten auf dessen Rückkehr. Überraschend stößt zuvor noch Pauls zwölfjähriger Sohn Marcus (Mark Lester) zu ihr, der angeblich wegen eines Windpockenausbruchs eine Woche früher aus seinem Internat in die Sommerferien entlassen wurde. Marcus benimmt sich für einen Jungen seines Alters überaus untypisch; er hat keine gleichaltrigen Freunde, interessiert sich vornehmlich für Naturwissenschaften und Philosophie und macht Elise zudem unangenehme Avancen. Während der bald zu ihnen stoßende Paul seinen Filius unentwegt in Schutz nimmt und dessen Verhalten auf ein durch den Tod seiner Mutter (Colette Jack) hervorgerufenes Trauma schiebt, fügt sich für die eigenmächtig recherchierende Elise nach und nach ein gänzlich anderes Bild von Marcus zusammen: Das eines teuflisch durchtriebenen Psychopathen…

James Kelleys zweite und leider schon letzte Regiearbeit nach dem erst noch vor einigen Monaten von mir genossenen „The Beast In The Cellar“ entstand wie viele vornehmlich kommerziell ausgerichtete Werke der Ära unter internationaler europäischer Produktionsägide. Je nach Veröffentlichungsland fand sich Co-Regisseur Andrea Bianchi wahlweise gar nicht oder unter dem naheliegenden Pseudonym „Andrew White“ kreditiert; seinem künstlerischen Einfluss allerdings, der sich bereits zeitgenössisch in Grundzügen des Plots sowie ein paar semiskandalösen Nuancen in der Beziehung zwischen Elise und Marcus abzeichnete, lässt sich recht eindeutig nachspüren.
Ein (oder mehrere) Kind(er) und somit die zumindest qua Gesellschaftsvertrag unantastbar scheinendste Manifestation von moralischer und natürlich auch sexueller Unschuld als treibende, diabolische Kraft in einem psychologischen Vexierspiel einzusetzen, bildete 1972 noch eine relative Rarität, die in den Folgejahren jedoch immer mal wieder zum motivischen Hauptgegenstand innerhalb der Horror-/Thriller-Gattung erhoben wurde. Als wesentliche Pionierarbeit auf dem Sektor jenes Subgenres darf man wohl Mervyn LeRoys „The Bad Seed“ betrachten, wobei auch Henry James‘ damals bereits mehrfach filmisch adaptierte Novelle „The Turn Of The Screw“ entsprechende Avancen andeutete. Ibáñez-Serradors „¿Quién Puede Matar A Un Niño?“ war dann einer der Filme, die diesen Topos konkretisierten, ohne die zum Sinistren tendierende Persönlichkeit der minderjährigen Protagonisten direkt durch einen parapsychologischen oder sonstwie widernatürlichen Einfluss zu erklären. Doch auch „La Tua Presenza Nuda!“ darf in dieser Hinsicht als Schlüsselstück gelten. Das Engagement von Hauptdarsteller Mark Lester, der als Titelheld in Carol Reeds Dickens-Musical „Oliver!“ für Furore gesorgt und damit zum Kinderstar (mit wie üblich rasch in Drogenschwaden verpuffendem Ruhm) geworden war, bildete nicht zuletzt insofern einen kleinen Besetzungscoup. Wie sich sein Marcus Bezant im Verlaufe des Films als durch und durch boshafter Charakter erweist, der am Ende, nachdem er als ebenso durchtriebener wie pathologischer Lügner, Dieb, Spanner, Tierfolterer und -Mörder entlarvt wurde, den Mord an seiner zuvor fremdgegangenen Mutter gestanden hat, eine Therapeutin (Lili Palmer) genarrt und seine Stiefmutter in die Psychiatrie gebracht hat, schließlich auch noch die Ermordung seines Vaters plant um dessen (mittlerweile offiziell gesundete) Frau für sich zu gewinnen, das ist schon eine diskutable Breitseite, die, so möchte ich meinen, zumindest in der gebotenen Form heutzutage kaum mehr durchginge. So dürften ein paar besonders deftige Sequenzen, speziell jene, in denen sich die verbotene sexuelle Spannkraft zwischen Marcus und Elise bebildert findet, in ihrem dezidiert grenzgängerischen Impetus vor allem Bianchi zuzuschreiben sein. In jedem Fall ein in mehrfacher Hinsicht spannender, diskursfreudiger Film von einigem Nachhall.

8/10

HE NEVER DIED

„How old are you?“ – „I have no idea. But I’m in the Bible if that means anything.“

He Never Died ~ CAN 2015
Directed By: Jason Krawczyk

Jack (Henry Rollins) ist auf den ersten Blick ein komischer Vogel. Er schläft die meiste Zeit einsam in seinem kargen Appartement, geht jedoch regelmäßig zum Bingo, in die Kirche und in ein Schnellrestaurant. Als seine jungerwachsene Tochter (Jordan Todosey) auftritt, gerät Jacks alltägliche Routine in Unordnung. Zwei für den Nachtclubbesitzer Alex (Steven Ogg) arbeitende Ganoven (David Richmond-Peck, James Cade) machen ihm das Leben schwer, schließlich wird Andrea entführt. Jack gibt seinem lange verdrängten Appetit auf menschliches Blut und Fleisch nach und macht sich daran, seine Tochter zu befreien. Die in Jack verliebte Kellnerin Cara (Kate Greenhouse) erfährt schließlich die Wahrheit über den mysteriösen Mann…

Ein in kleinem Maßstab produzierter Fantasy-/Horror-Film, der meine ursprüngliche Aufmerksamkeit eigentlich bloß wegen der Beteiligung Henry Rollins‘ auf sich gezogen hat. Seine popkulturellen Einflüsse bezieht er aus Geschichten der Comicautoren Neil Gaiman oder Garth Ennis, dessen „Constantine“-Strecke oder „Preacher“-Reihe unverkennbar eminente Teile der kreativen Schirmherrschaft stellten.
„He Never Died“ ist summa summarum bestimmt nicht gänzlich misslungen, verschenkt aber nach meinem Dafürhalten auch Manches seines basalen Potenzials, indem er beispielsweise häufig einer recht unzweideutig erkennbaren Lynchophilie stattgibt und folglich grundsätzlich interessante und/oder spannende Erklärungsansätze verschwommen lässt, respektive in seiner Mystery-Soße ertränkt.
Ich hätte ja gern mehr erfahren über die Figur des Jack, also jenseits der relativ spärlich dargelegten Anhaltspunkte. Die gelieferten Information zu ihm und über ihn nehmen sich nämlich etwas ungleichmäßig verquirlt bis diffus aus; offenbar ist Jack ein (gefallener?) Engel (dafür sprechen die beiden fraglos von Flügeln stammenden Narben auf seinem Rücken) jedoch nicht der erste Gefallene, also Luzifer Morgenstern selbst – für diesen scheint eher der Jack Angst einflößende, spitzbärtige Mann (Don Francks) aus seinen Visionen zu stehen. Jack ist zudem offenbar uralt, im wahrsten Wortsinne alttestamentarisch alt, denn er eröffnet der verdutzten Cara, dass er als „Kain“ (bzw „Cain“) in der Bibel auftauche. Vielleicht ist er somit der allererste Mordsünder. Zudem verspeist er mit Vorliebe Menschenfleisch und ist auf menschliches Blut angewiesen – zwei rauschhafte Gelüste, die er im Laufe der Äonen zu domestizieren gelernt hat und nur zu „speziellen“ Zwecken wieder entfesselt. Jack ist also auch ein Vampir – möglicherweise der Urvater aller Vampire gar, gestraft wegen seiner Ursünde? Nun findet sich dieser grundsätzlich gewiss hübsche, mythologische Ansatz auf oberflächliche Weise mit einer ziemlich ordinären Gangster- und Kidnapping-Geschichte vermengt, die ein paar zurückhaltende Splatter-Sequenzen vorschützt, sich ansonsten aber überschaubar gestaltet. Am Ende hatte ich das Gefühl, einem seltsam unfertigen Rohgerüst von Film beigewohnt zu haben, dem es eigentlich noch an der einen oder anderen entscheidenden Ingredienz mangelt. Ob sich jener Eindruck auf die preisgünstige Budgetierung oder das nachlässig ausgearbeitete Script zurückführen lässt, weiß ich allerdings nicht recht zu sagen.

5/10

CADILLAC MAN

„God, I love to sell!“

Cadillac Man ~ USA 1990
Directed By: Roger Donaldson

Auf den windigen Brooklyner Autoverkäufer Joey O’Brian (Robin Williams) wartet ein enervierendes Sommerwochenende – sein Chef Big Jack Turgeon (Bill Nelson) visiert einen neuen Verkaufsstandort an, der ihn dazu veranlasst, einige Stellen wegzurationalisieren – wer am verkaufsoffenen Sonntag einen schlechten Schnitt macht, ist raus. Hinzu kommen: eine unterhaltsintensive Ex-Frau (Pamela Reed), eine pubertierende, ihren eigenen Kopf durchzusetzen versuchende Tochter (Tristine Skyler), zwei parallel gehaltene (voneinander freilich nichts ahnende) Betthäschen (Fran Drescher, Lori Petty), die von Joey kostspielig bei Laune gehalten werden wollen, ein daraus resultierender Berg Schulden bei Gangsterboss Tony Dipino (Paul Herman) und, nicht zuletzt, die hohen Außentemperaturen. Der Gipfel jedoch wartet erst noch in Form von Larry (Tim Robbins), dem durchgeknallten Ehemann von Joeys Kollegin Donna (Annabella Sciorra), der aus pathologischer Eifersucht kurzerhand ein Geisel-„Drama“ bei Turgeon Auto entfesselt…

Warum „Cadillac Man“, eine der klugsten Komödien der ausgehenden Achtziger, ein ewiges Schattendasein führt, war und ist mir ein Rätsel. Wie sehr ich den Film eigentlich schon damals geliebt und wie oft ich ihn geschaut haben muss, wurde mir vor ein paar Tagen klar, als ich ihn anlässlich der just erfolgten BR-Veröffentlichung nach bestimmt 25 Jahren zum ersten Mal wieder gesehen habe und noch so ziemlich jede Dialogzeile hätte mitsprechen können. Die immer wieder berückende Erkentnis, dass alte Liebe zudem, zumindest, so sie denn wahr ist, nicht rostet, stellte sich fürderhin ein: „Cadillac Man“ dürfte einer der schönsten Filme des ansonsten im Comedy-Fach eher unbehauenen Australiers Roger Donaldson sein. Er zeigt einen Robin Williams auf dem Zenit seines komödiantischen Könnens, einen, der noch nicht als der liebenswürdige Kindskopf, der ihm im Folgejahrzehnt so unnachgiebig aufgestempelt wurde, anzutreten hat, sondern der seine Rolle als schmieriger, promisker Autoverkäufer, der im Verlauf einer Grenzsituation seine verloren geglaubte Philanthropie wiederentdeckt und immer wieder die vierte Wand durchbricht, indem er direkt zum Publikum spricht, nichts weniger als brilliert. Donaldson, respektive sein in Höchstform befindlicher Autor Ken Friedman, liebäugeln mit dem klassischen Screwball-Format der dreißiger und vierziger Jahre und legen daraus resultierend ein irrwitziges Tempo vor, indem sie ein kaum mehr überschaubares Figurenensemble, bestehend aus zig grell überzeichneten Nebencharakteren vorlegen; von einem alternden russischen Ehepaar (Boris Lyoskin, Elzbieta Czyzewska), über chinesische Restaurantbetreiber (u.a. Lauren Tom, Ben Lin) und einen lakonischen Police Captain (Anthony Powers) bis hin zu Fran Dreschers ewig keifendem Spitz Chester – um nur einige wenige zu nennen – und sie auf unnachahmliche Weise von Williams und dem kaum minder komischen Robbins orchestrieren lassen. Auch sonst steckt ganz viel an bunten Querverweisen in „Cadillac Man“, bzw. antizipiert er sogar Etliches an noch kommenden, filmischen Facetten, was populärere „Nachfolger“ in der Folge noch konkreter ausformulieren sollten – ein wenig „Falling Down“ steckt in ihm und sogar ein wenig „Glengarry Glen Ross“; er überzeichnet liebevoll das italoamerikanische Milieu und ist zudem einer der schönsten Brooklyn-Filme, die ich kenne. Chapeau!, aber sowas von.

9/10

NATTEVAGTEN

Zitat entfällt.

Nattevagten (Nightwatch – Nachtwache) ~ DK 1994
Directed By: Ole Bornedal

Die zwei besten Freunde Martin (Nikolaj Coster-Waldau) und Sven (Kim Bodnia) studieren Jura in Kopenhagen. Beide stecken zudem in festen Beziehungen und lieben es, sich gegenseitig zu dummen Streichen anzustacheln, wobei besonders Sven den Bogen häufig überspannt. Als Martin einen Job als Krankenhaus-Nachtwächter in der Pathologie annimmt, beginnt für ihn eine zunehmend grenzwertige Lebensphase, die sich besonders dadurch nachhaltig unangenehm gestaltet, dass ein nekrophiler Prostituiertenmörder die Stadt unsicher macht und Martin immer weiter ins Verdachtsvisier des ermittelnden Kommissars Wörmer (Ulf Pilgaard) gerät…

Wer wie ich seine vornehmliche Sturm- und Drang-Phase in den Mittneunzigern und möglicherweise noch dazu zu jener Zeit studiert hat, wird sich gewiss erinnern: Ole Bornedals „Nattevagten“ war eine der für die damalige Kinoära recht typischen, schwarzhumorigen (Indie-)Produktionen, auf die sich so ziemlich alle einigen konnten und deren Poster sich dementsprechend häufig unter anderem an WG-Wänden wiederfanden. Für die beiden Hauptdarsteller Coster-Waldau und Bodnia bedeutete der Film ein wesentliches Karriere-Sprungbrett, das ersteren wiederholt den Weg auf die Besetzungslisten von Hollywood-Blockbustern ebnete und zweiteren unter anderem die ersten, mitreißenden Regie-Engagements von Nicolas Winding Refn bevölkern ließ. Nicht die schlechtesten Abzweigungen, möchte man meinen. In Bornedals Film stellen die beiden ein grundsympathisches Buddy-Pärchen dar, deren unwiderstehlicher Hang zu abseitigen Mutproben ihnen oftmals höchst prekäre Situationen beschert, ihnen letzten Endes jedoch zugleich das Leben rettet. Besonders Sven/Bodnia genießt es, seine nicht selten überdimensionierten Einfälle auf die Spitze zu treiben, wobei er sich andererseits auch nicht lumpen lässt, wenn es an die Gegenleistung geht. Dennoch stehen der (deutlich braver und angepasster gezeichnete) Martin/Coster-Waldau und sein Engagement als Leichen-Bewacher im eigentlichen Zentrum des Geschehens. Bereits Martins Einführung in seinen neuen Job durch seinen greisen Vorgänger (Gyrd Løfqvist) lässt nicht nur ihn, sondern auch das Publikum erahnen, dass sich vor Ort massenhaft Potenzial für Angst- und Panikszenarien auftun lässt. Seine regelmäßigen Begehungen muss Martin jeweils mittels Schließvorgängen an unmöglichen Stellen dokumentieren und dass ein Alarmknopf, der sich in der abgeschlossenen Kühlhalle befindet, im Laufe des Films betätigt werden wird, daran besteht bereits mit der Einführung jenes schicken MacGuffin kein Zweifel mehr. Nicht zuletzt durch die Verquickung von Humor und Suspense verdeutlicht sich Bornedals eherbietige Hommage an sein Vorbild Hitchcock, dem er durch einen – insbesondere für ein Debüt – bravourös inszenierten Showdown nochmals dezidiert Tribut zollt. Vor allem Ulf Pilgaards sinistre Interpretation des psychotischen, narzisstischen Killers, der schließlich in die eigene Falle tappt und die uneingeschränkt zu den großen Leistungen ihrer Zunft gezählt werden muss, wäre ferner zu erwähnen.
Ein paar dem dann doch recht funktionalistisch gestalteten Script geschuldete Unebenheiten kann „Nattevagten“ zwar nicht verleugnen, die launige Gesamtheit dieses ungebrochen reizvollen Films verderben sie jedoch glücklicherweise auch retrospektiv nicht.

8/10

BACK TO SCHOOL

„Football is in fact a crypto-fascist metaphor for nuclear war.“

Back To School (Mach’s nochmal Dad) ~ USA 1986
Directed By: Alan Metter

Thornton Melon (Rodney Dangefield) ist als selfmade man zwar mit Übergrößen-Moden zu einem der erfolgreichsten Geschäftsmänner des Landes avanciert, seine Schulbildung bewegt sich jedoch maximal auf dem Niveau zwischen Laterne ganz unten und Heckspoiler. Nachdem nicht nur diese Tatsache zur Scheidung von seiner zweiten Frau (Adrienne Barbeau) geführt hat, beschließt Melon kurzerhand, Kommilitone seines geliebten Sohnemanns Jason (Keith Gordon) zu werden und den einst übersprungenen College-Abschluss nachzuholen. Mit seiner gewohnt großen Klappe und seiner noch größeren Geldbörse wird Melon Sr. schnell zum Campus-Star, der großformatige Partys schmeißt und sich jeden Schein kostenintensiv ergaunert. Dass er sich dadurch zeitgleich jedoch mehr und mehr von Jason distanziert und auch die frisch aufkeimende Beziehung zu Literaturprofessorin Diane (Sally Kellerman) in Gefahr bringt, bemerkt der freigiebige Krösus erst ziemlich spät.

Nachdem ich stand-up comedian Rodney Dangerfield erst kürzlich mal wieder bei seiner Jahrhundert-Performance als golfender Nervenzerrer Al Czervik in Harold Ramis‘ göttlichem „Caddyshack“ bewundern durfte, fand ich es an der Zeit mir endlich auch mal weitere Filmauftritte mit ihm zu gönnen. Der mir bis dato leider unbekannte „Back To School “ lag da nahe, zumal Dangerfields Anlage seines Protagonisten Thornton Melon gar nicht mal unweit von der als Al Czervik entfernt ist. Zwar sabbelt und beleidigt Melon nicht ganz so unablässig und hektisch wie sein offenbar unter Amphetamin-Dauerbeschuss stehendes jiddisches Pendant, er haut aber grundsätzlich in exakt dieselbe Kerbe. Auch Melon ist ein neureicher Mann der großstädtischen Straße, der seine Derbheit und Vulgarität eher als persönliches Markenzeichen kultiviert denn sie schamhaft zu verbergen und der sich die unmöglichsten Dinge einfallen lässt, um zum Erfolg zu kommen. Nun ist „Back To School“ zwar gleichfalls sehr komisch, präserviert aber doch nicht ganz den anarchischen Dada-Slapstick eines „Caddyshack“ und genehmigt sich stattdessen, abseits von seiner grenzphantastischen bis märchenhaften Abwicklung freilich, die Zeit für ein paar differenzierende Zwischentöne. So stellt Dangerfield Thornton Melons Liebe zu seinem Filius (der zudem von seiner ersten, verstorbenen Frau stammt) geradezu rührend dar und verleiht selbst den romantischen Sequenzen um Sally Kellerman, in denen er zuweilen versonnen ihren Yeats-Rezitationen lauscht und schließlich selbst zum Lyrik-Versteher wird, einen unerwartet aufrichtigen Touch.
Unterstützt von einem rückblickend betrachtet formidablen Ensemble und unter Aussparung allzu derben Klamauks (der sich hier als vermutlich wirklich fehl am Platze erwiesen hätte) wird „Back To School“ somit zu einer durchaus herzerfrischenden Spielwiese für Rodney Dangerfields merklich aufgefächerte Talentspanne. Schicke Bonmots wie zwei Auftritte von Danny Elfmans ska-affiner Combo Oingo Boingo und vor allem Kurt Vonnegut in einem besonders gelungenen Cameo machen dieses kleine, etwas in Vegessenheit geratene Schmuckstück der Achtziger-US-Komödie nochmals zusätzlich geschmeidig.

8/10

CUTTING CLASS

„I’m the custodian of your fucking lives!“

Cutting Class (Todesparty II) ~ USA 1989
Directed By: Rospo Pallenberg

Als der Teenager Brian Woods (Donovan Leitch) nach einem längeren Psychiatrie-Aufenthalt – er stand im Verdacht, etwas mit dem Unfalltod seines Vaters zu tun zu haben – wieder auf freiem Fuß und zurück in der Schule ist, verhält sich sein ehemals bester Kumpel Dwight (Brad Pitt) vornehmlich distanziert, zumal Brian ein Auge auf Dwights Gspusi Paula (Jill Schoelen) wirft. Deren Dad (Martin Mull), zugleich der Staatsanwalt, der Brians therapeutische Verwahrung verfügte, befindet sich derweil beim Angeln und wird von einem Bogenschützen attackiert. Weitere Gewalttaten geschehen und sowohl Brian als auch Dwight erweisen sich als jeweils höchst hauptverdächtig…

Es verwundert doch etwas, das für diesen ehedem als DTV-Premiere veröffentlichen, sich nicht recht zwischen Post-Slasher und Slasher-Spoof entscheiden könnenden, künstlerischen Klogriff eine durchaus ansehnliche Darstellerriege verheizt wurde. Sogar Brad Pitt ist in einer seiner ersten Hauptrollen zu sehen, was aber bitteschön nicht als Schauanreiz fungieren sollte – selbst bei der ihm noch so sehr hinterherschmachtenden Dame nicht. „Cutting Class“ ist nämlich am schräg gegenüberliegenden Qualitätsspektrum von „gut“ anzusiedeln; ein hoffnungslos verbauter und missgestalteter Film, der seine eigene Unfähigkeit, sich für einen konsequenten Weg zu entscheiden, auch noch stolz vor sich herzutragen scheint. Während die blödsinnig dargebrachte, kausalitätsentledigte Story mit Dialogen auf Pixibuch-Niveau ihre nicht nachvollziehbaren Volten vollführt, weiß Pallenberg (der vormals mehrfach als Scriptautor für John Boorman gearbeitet hatte und dessen einzige Regiearbeit „Cutting Class“ blieb) wie erwähnt nicht, ob er seinem Sujet nun ernsthaft und gattungsgemäß begegnen oder alberne (und dazu wirklich unwitzige) Komödieneinfälle aus dem ZAZ-Fundus bevorzugen soll – die unausgegorene Mixtur jedenfalls macht ratlos. Splattrige F/X, sonst ja zumindest das eine potenzielle, obschon matte Kronjuwel auf jedem noch so missratenen (High-School-)Slasher-Reichsapfel, werden komplett ausgespart. Eines der Opfer stirbt beispielsweise daran, dass man ihr Gesicht auf einen Lichtkopierer drückt. Da mag man sich doch rundheraus Spektakuläreres vorstellen.
Jill Schoelen und Roddy McDowall als hebephiler Schlüpferschieler schienen sich der geringen Glorie ihrer jeweiligen Engagements derweil völlig im Klaren zu sein und spielen entsprechend übertrieben bis halbgar. Immerhin signalisieren die ansonsten ja doch stets sehr sympathischen beiden damit via augenzwinkernder Ironie, dass sie ziemlich genau wussten, wesentliche Bestandteile einer ziemlich stark nach Fisch riechenden Veranstaltung geworden zu sein. Kann man wegtun.

3/10

THE NIGHTINGALE

„Welcome to the world – full of misery from top to bottom.“

The Nightingale ~ AUS 2018
Directed By: Jennifer Kent

Van Diemen’s Land, 1825. Die irischstämmige Strafgefangene Clare (Aisling Franciosi) kann sich nur durch Frondienste für den britischen Offizier Hawkins (Sam Claflin) eine halbfreie Existenz mit Ehemann Aidan (Michael Sheasby) und ihrem kleinen Töchterchen sichern. Hawkins jedoch reagiert regelmäßig seinen beruflichen und persönlichen Frust an Clare ab, indem er sie unerbittlich ihre Machtlosigkeit spüren lässt und allenthalben vergewaltigt. Als Aidan davon Wind bekommt und sich zur Wehr setzt, töten Hawkins und seine Leute ihn und das Baby und lassen die abermals vergewaltigte Clare ohnmächtig zurück.
Am nächsten Tag entschließt sich die geschändete junge Frau zur Blutrache, engagiert den buschkundigen Aborigine Billy (Baykali Ganambarr) und verfolgt mit dessen Hilfe den mittlerweile in Richtung Norden abgereisten Hawkins und seine Männer.

In ihrem „Babadook“-Nachfolger „The Nightingale“ wendet sich die engagierte australische Regisseurin Jennifer Kent abermals einem Horrorszenario mit feministischem Überbau zu, wählt dafür diesmal jedoch ein historisches Zeitkolorit und ergänzt ihre ohnehin schon sehr zornige Agenda noch um herbe Kolonialismuskritik. Angesiedelt im Tasmanien des frühen 19. Jahrhunderts, das damals vornehmlich als britische Strafkolonie fungierte, wird das Schicksal einer jungen Frau nachgezeichnet, die sich infolge der ihr widerfahrenen misogynen Willkür zur Vigilantin und zum Outlaw entwickelt. Wie die meisten weiblichen Gefangenen in Van Diemen’s Land, wie Tasmanien während jener Ära noch hieß, muss Clare als weitgehend entrechtete Dienerin arbeiten, in ihrem persönlichen Fall für das besonders widerwärtige Musterexemplar eines ebenso inkompetenten wie sadistischen Militäremporkömmlings. Als irische Frau, die zudem mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, zählt ihre Stimme faktisch nichts; sie ist Pöbeleien und Sexismen durch die versoffenen Soldaten ausgesetzt, wobei der umso widerlichere Hawkins das sexuelle „Exklusiv-Gebrauchsrecht“ über sie verfügt. Als Clare den Missbrauch vor ihrem Mann nicht länger verbergen kann, kommt es zur Katastrophe mit sich anschließendem Rachefeldzug.
Doch auch auf die blindwütige und dabei dennoch stets mit ihrem Gewissen hadernde Clare wartet ein humanistischer Lernprozess – wie die allermeisten Weißen ist auch sie eherne Rassistin, die den Ureinwohner Billy zunächst völlig abschätzig behandelt. Erst nach und nach begreift sie, dass viele Aborigines ein Schicksal zu durchleiden haben, das mitunter mindestens ebenso schlimm ist wie ihr eigenes. Ihre Reise lässt sie zur Zeugin von Genozid und ethnischen Säuberungen werden; am Ende steht dann das niederschmetternde Verständnis für ein vom Kolonialismus in die Knie gezwungenes Volk.
„The Nightingale“, den Jennifer Kent – wie ihre Kollegin /und Gesinnungsgenossin Kelly Reichardt deren Meisterwerk „Meek’s Cutoff“ – in heutzutage unüblicher 1,33:1-Kadrage photographiert hat, ist zumindest oberflächlich betrachtet, von wesentlich klarerer Agenda als „The Babadook“, der ja mit der psychischen Wirrnis seiner Protagonistin spielt. Seine eindeutig linken Themen erweisen sich auch für das Publikum als nicht zu unterschätzende emotionale Belastungsprobe in einer Welt, die dem menschlichen Abgrund deutlich näher steht als jedweder Zukunftsperspektive. Dass ein Film wie dieser in aktuellen Zeiten entsteht und vermutlich auch entstehen muss, lässt somit auch über gegenwärtige globale Zustände meditieren und darüber, dass diese, mit all ihren Missständen, Autokraten und Zweiflern traurigerweise keineswegs von rosigerer Tünchung sind denn anno 1825.

8/10