THIS IS LOVE

„Ich werde jetzt überhaupt nichts mehr sagen.“

This Is Love ~ D 2009
Directed By: Matthias Glasner

Die einst erfolgreiche Polizeikommissarin Maggie (Corinna Harfouch) ist nurmehr ein Schatten ihrer selbst, seit ihr Mann Dominik (Herbert Knaup) sie vor sechzehn Jahren verlassen hat. Längst pathologisch dem Alkohol verfallen, ist sie ferner nicht in der Lage, die seitdem ohnehin schwer belastete Beziehung zu ihrer Tochter Nina (Valerie Koch) auf einer stabilen Basis zu halten, wie auch eine notdürftige Liebesaffäre primär vom Suff zusammengeklebt wird. Als der Halbdäne Chris (Jens Albinus) zu ihr in Untersuchungshaft kommt, weil er seinen Hausmeister (Felix Vörtler) erschlagen hat, erinnert sich Maggie dunkel daran, ihn vor Kurzem bereits auf dem Revier gesehen zu haben. Es ging dabei wohl um eine Vermisstenanzeige. Chris ist zunächst nicht bereit, sich zu offenbaren und tritt in Hungerstreik. Maggie jedoch ahnt, dass das Brechen seines Schweigens auch für sie eine Form von Erlösung bedeuten könnte…

Von herausgerissenen Herzen, unmöglichen und brisanten Liebesbeziehungen berichtete Matthias Glasner bereits in dem unglaublich packenden Vergewaltiger-Drama „Der freie Wille“ mit einer solchen Intensität, dass eine nochmalige Steigerung kaum mehr möglich scheint. „This Is Love“ übertrifft dann auch zumindest die inhärente Dramatik des genannten opus magnum nicht, obschon seine verhandelten Themen sich gewiss nicht minder tragisch ausnehmen. Um eine rein missverständlich beendete Ehe geht es mit sich anschließenden sechzehn Jahren persönlichen Fegefeuers und um eine noch viel prekärere hebephile Liebe, deren katastrophaler Verlauf und detereminiertes Scheitern so obligatorisch ist wie Maggies allabendlicher Vollrausch. Glasner erzählt seine beiden, mit aller Macht aufeinander zustrebenden Handlungsstränge chronologisch verschachtelt und zunächst ohne auffällige Parallelisierungen, um sie dann umso heftiger kollidieren zu lassen.
„Down By Love“ wäre eine grundsätzlich ebenso passende, jedoch allzu alberne Titulierung jener ganzen, zermürbenden Konstruktion gewesen. Im jeweiligen Mittelpunkt stehen zwei mit völlig gegensätzlichen Vitae behafteten, bis in ihre Einzelteile zetrümmerte Individuen; auf der einen Seite die vormals starke und selbstbewusste Polizistin, die jedem TV-Krimi alle Ehre gemacht hätte, auf der anderen Seite der verschrobene, leicht autistisch wirkende Diplomatensohn mit dunklen Biographieflecken, der mit seinem Kumpel Holger (Jürgen Vogel) einer „altruistischen Variante des Menschenhandels“ nachgeht: Die beiden kaufen in Vietnam Kinderprostituierte deren lokalen Zuhältern ab, um sie dann in Deutschland wohlhabenden Paaren zur Adoption anzubieten. Bei ihrer jüngsten Klientin, der vielleicht zwölf Jahre alten Jenjira (Duyen Pham), sprengt sich ihr Wirtschaftskonzept jedoch selbst in die Luft, denn Chris verliebt sich in das kleine, gleichwohl schutzbedürftige wie aufgrund seiner schrecklichen Lebensumstände vorgereifte Mädchen. Was zunächst auf väterliche Gefühle hindeutet, ist in Wahrheit doch viel mehr. Chris mag Jenjira nicht mehr hergeben, schlägt ihre potenziellen Adoptiveltern in den Wind und bricht mit Holger, der ihn nicht begreifen kann und wie zum Beweis dafür eine schmerzliche Grenze übertritt. Die hernach angetretene Flucht nach vorn kennt man so ähnlich von Nabokov, ebenso wie ihren zwangsläufig eingeschlagenen Weg. Irgendwann heißt es dann sowohl für Maggie als auch Chris Farbe zu bekennen und das Richtige zu tun. Dafür brauchen sie sich gegenseitig.
Diese unmögliche Konstellation löst Glasner mit einem vergleichsweise versöhnlichen Abschluss, wo anderswo, auch bei Glasner selbst, vielleicht Gewalt und Tod finale Erfüllungsgehilfen gewesen wären. Wo die dazu gehörigen Figuren, mit denen man die letzten zwei Stunden durchrungen und durchlitten hat, nach dem Abspann enden werden, lässt sich indes sehr wohl mutmaßen. Ihr jeweiliges Schicksal jedenfalls dürfte noch lange nicht fertig sein mit ihnen.

9/10

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